{"id":20307,"date":"2016-12-29T00:01:08","date_gmt":"2016-12-28T23:01:08","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=20307"},"modified":"2016-12-29T07:41:22","modified_gmt":"2016-12-29T06:41:22","slug":"wie-koennen-wir-den-kollaps-in-europa-verhindern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=20307","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Gastbeitrag<\/font><br\/>Wie k\u00f6nnen wir den Kollaps in Europa verhindern?"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Die EZB kauft weiterhin Staatsanleihen auf, die Umverteilung von Nord nach S\u00fcd h\u00e4lt an. Die Folge: Zombie-Staaten, Zombie-Banken und Zombie-Unternehmen. Doch diese Politik ist nicht alternativlos.<\/em><\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>In Europa g\u00e4rt es gewaltig. Nahezu \u00fcberall gibt es schlechte Nachrichten \u2013 und das nicht nur in den Mitgliedsl\u00e4ndern, dort aber nat\u00fcrlich ganz besonders: In \u00d6sterreich wird ein nationalistischer Pr\u00e4sident nur knapp verhindert.<\/p>\n<p>In Italien verliert der Ministerpr\u00e4sident ein Referendum zur Frage der politischen Entscheidungsfindung ziemlich klar. In Gro\u00dfbritannien scheint das Management des Brexits sehr chaotisch zu verlaufen, und die anderen Mitgliedsl\u00e4nder drohen den Briten ganz unverhohlen \u2013 wer die Segnungen Europas nicht sch\u00e4tzt, wird bestraft, so die implizite Nachricht. Als ob man die Europ\u00e4ische Union (EU) so den Menschen schmackhaft machen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Aber auch die europ\u00e4ischen Institutionen wie die Europ\u00e4ische Kommission und die Europ\u00e4ische Zentralbank (EZB) wirken nicht sehr souver\u00e4n. Die Kommission zeigt sich ausgerechnet bei der Frage der Einhaltung der Abgaswerte unnachgiebig gegen die Bundesregierung und sechs andere Regierungen; w\u00fcrde sie doch bei der Frage der Einhaltung der Kriterien des Stabilit\u00e4tsmechanismus auch solche Strenge an den Tag legen!<\/p>\n<p>Die Unzufriedenheit mit Europa w\u00e4re wohl kleiner. Ein Musterbeispiel daf\u00fcr, wie man taktische Fehler machen kann. Obwohl es nat\u00fcrlich korrekt ist, die Mitglieder an ihre Pflichten zu erinnern, ist es ein Fehler, das im deutschen Fall gerade jetzt zu tun und die Verfehlung der Defizitgrenzen als eine Kleinigkeit zu betrachten.<\/p>\n<p>Das f\u00fchrt uns zur Geldpolitik. Die EZB hat ihr Ankaufsprogramm f\u00fcr Staatsanleihen bis Ende 2017 verl\u00e4ngert, aber daf\u00fcr die Summen ab April reduziert. Damit sie \u00fcberhaupt noch Staatsanleihen findet, die sie noch nicht besitzt, hat sich die minimale Laufzeit von drei auf zwei Jahre reduziert. Bei der Pressekonferenz sah sich Mario Draghi gen\u00f6tigt zu betonen, dass er nicht als Italiener handelt. Glaubt er das selber?<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.hanswernersinn.de\/de\/Handelsblatt_08122016\">Hans-Werner Sinn hat j\u00fcngst gezeigt<\/a>, dass dieses Ankaufprogramm nicht nur die Zentralbankbilanz, die Verm\u00f6genspreise und die Bargeldbest\u00e4nde der Banken aufbl\u00e4ht, sondern auch dazu gef\u00fchrt hat, dass die Target2-Salden der Zentralbanken s\u00fcdlichen Mitgliedsl\u00e4nder wieder auf rund -800 Milliarden (Stand Oktober) gestiegen sind; die Kreditgeber sind die niederl\u00e4ndische Zentralbank (mit 100 Mrd. Euro) und die Bundesbank (700 Mrd. Euro). Dieser Kredit hat weder ein F\u00e4lligkeitsdatum noch einen Kupon. Er birgt nur das Risiko einer nicht durch die europ\u00e4ischen Vertr\u00e4ge gedeckten Umverteilung vom Norden in den S\u00fcden.<\/p>\n<p>Insgesamt tr\u00e4gt dieseals Geldpolitik getarnte Fiskal- und Umverteilungspolitik einen zerst\u00f6rerischen Kern in sich, denn es werden sowohl die relativen Preise auf den Finanzm\u00e4rkten durcheinandergewirbelt (mit der Folge krasser Fehlallokationen auf den Verm\u00f6gensm\u00e4rkten) als auch die Wirtschaftsordnung insgesamt ausgeh\u00f6hlt. F\u00fcr das Budget brauchen die Staaten bald gar keinen parlamentarischen Prozess mehr, sie rufen blo\u00df noch in Frankfurt an. Das Ausgabeverhalten d\u00fcrfte derart noch etwas unberechenbarer werden. Banken verdienen bald kein Geld mehr und k\u00f6nnen deshalb keine riskanten Investitionen (zumeist) junger Unternehmen finanzieren \u2013 Zombie-Staaten, Zombie-Banken und Zombie-Unternehmen sind die Folge. Die Wirtschaft stagniert in einer solchen Welt dauerhaft, die Jugendarbeitslosigkeit bleibt im S\u00fcden hoch, und die Unzufriedenheit der Menschen w\u00e4chst.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Ein interessantes Paradoxon<\/strong><\/p>\n<p>Das kann nat\u00fcrlich langfristige Konsequenzen f\u00fcr die Demokratien haben, die dann auch den Charakter von Zombies annehmen k\u00f6nnen, wenn es den nationalistischen, rassistischen und protektionistischen Parteien am linken und rechten Rand gelingt, die Mehrheit zu \u00fcberzeugen und die Regierungen zu stellen. Dann w\u00e4re die EZB tats\u00e4chlich der Wegbereiter der Aufl\u00f6sung der EU \u2013 kaum vorstellbar, dass Draghi das nicht sieht! Ob sich dann der internationale Schulterschluss der Nationalisten (ein interessantes Paradoxon) noch aufrechterhalten l\u00e4sst, ist eine offene Frage. Vielleicht gibt es dann wieder Ressentiments innerhalb Europas, denn es ist politisch sehr attraktiv, ausl\u00e4ndische M\u00e4chte f\u00fcr die eigenen Probleme verantwortlich zu machen. Der Euro wirkt schon lange nicht mehr wie ein Friedensprojekt!<\/p>\n<p>Je schlechter Europa dasteht, desto wahrscheinlicher ist dieses Szenario. Ein Gegenmittel ist eine rationale Politik, die weiterhin auf Offenheit und fiskalische Stabilit\u00e4t setzt. Es ist n\u00e4mlich ein Trugschluss zu glauben, dass man mit Akkommodierung der Populisten (Quoten f\u00fcr Fl\u00fcchtende, Stopp der Globalisierung, neue mit der Druckerpresse bezahlte Staatsschulden) die wirtschaftliche Situation irgendwie verbessert. In der mittleren Frist geht es vielen eher schlechter. Ein Teufelskreis k\u00f6nnte beginnen \u2013 neue Schuldige werden gesucht und in Ausl\u00e4ndern gefunden; die Barrieren werden erh\u00f6ht, und es geht noch schlechter.<\/p>\n<p>Jetzt ist Augenma\u00df und Einsicht dringend gefordert. Der drohende Brexit sollte so gehandhabt werden, dass man den Briten so weit wie m\u00f6glich entgegenkommt. Wenn die Wanderung f\u00fcr die Menschen \u2013 den Produktionsfaktor Arbeit. beziehungsweise Humankapital \u2013 schwerer f\u00e4llt, sollte nicht noch der Au\u00dfenhandel zwischen der EU und den Briten eingeschr\u00e4nkt werden; die beiden sind in gewisser Weise Substitute. Die EU k\u00f6nnte mit Gro\u00dfz\u00fcgigkeit beim Handel so vielleicht daf\u00fcr sorgen, dass diejenigen Europ\u00e4er, die schon in Gro\u00dfbritannien sind, und die in Spanien lebenden Briten nicht in ihre Heimatl\u00e4nder geschickt werden.<\/p>\n<p>Die Geldpolitik muss zudem gr\u00fcndlich reformiert werden, denn wenn es erst einmal offenbar wird, dass die EZB eine gro\u00dfe Umverteilung organisiert, d\u00fcrfte die Zustimmung f\u00fcr Europa gerade in Deutschland drastisch sinken. M\u00f6glicherweise muss auch der Themenkomplex Austritt und Schuldenschnitt wieder auf die Tagesordnung.<\/p>\n<p>Andere Politikfelder k\u00f6nnten bei dieser Gelegenheit ebenfalls \u00fcberpr\u00fcft werden: Sozialunion, Agrarpolitik oder Regionalpolitik kommen dabei sofort in den Sinn.<\/p>\n<p>Der erw\u00e4hnte \u00d6konom Sinn schl\u00e4gt vor, die Austrittsverhandlungen f\u00fcr grunds\u00e4tzliche Neuverhandlungen der Regeln der EU zu nutzen. Dem kann nur zugestimmt werden, auch wenn es dann Gezerre geben wird. Das w\u00fcrde es ohne Neuverhandlungen auf jeden Fall auch geben \u2013 dann nur noch in einer erheblich feindseligeren Umgebung. Wahrscheinlich hat die EU nicht mehr viele Chancen. Diese wenigen sollte sie nutzen.<\/p>\n<p><strong>Hinweis<\/strong>: Der Beitrag erschien am 9. Dezember 2016 in der <a href=\"http:\/\/www.wiwo.de\/politik\/europa\/freytags-frage-wie-koennen-wir-den-kollaps-in-europa-verhindern-\/14956492.html\">Wirtschaftswoche<\/a>.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die EZB kauft weiterhin Staatsanleihen auf, die Umverteilung von Nord nach S\u00fcd h\u00e4lt an. Die Folge: Zombie-Staaten, Zombie-Banken und Zombie-Unternehmen. 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