{"id":20359,"date":"2017-04-21T00:01:24","date_gmt":"2017-04-20T23:01:24","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=20359"},"modified":"2017-04-21T09:33:28","modified_gmt":"2017-04-21T08:33:28","slug":"gastbeitragwie-muessen-wir-unser-bildungssystem-umbauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=20359","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Gastbeitrag<\/font><br\/>Wie m\u00fcssen wir unser Bildungssystem umbauen?"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Studenten sind gestresst, Hochschulen und Professoren frustriert. Das zeigt: Die deutsche Bildungspolitik steckt in der Krise und muss \u00fcberdacht werden. Was die Politik tun sollte \u2013 drei Punkte. <\/em><\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>In den letzten Wochen sind mehrere unscheinbare Nachrichten von der \u00d6ffentlichkeit weitgehend unbeachtet gemeldet worden. Sie betreffen das deutsche Ausbildungssystem.<\/p>\n<p>Zum einen zeigt eine von der AOK in Auftrag gegebene Befragung von etwa 18.000 Studenten in Deutschland, dass hiesige Studenten (damit sind alle an den Hochschulen eingeschriebenen jungen Frauen und M\u00e4nner gemeint) sich im Durchschnitt gestresster f\u00fchlen als die Arbeitnehmer in Deutschland. <a href=\"http:\/\/www.wiwo.de\/politik\/deutschland\/freytags-frage-wie-muessen-wir-unser-bildungssystem-umbauen\/%28http:\/www.faz.net\/aktuell\/beruf-chance\/aok-studie-enthuellt-stresslevel-von-studenten-14475973.html\">In dieser Umfrage gaben 53 Prozent der Studenten an, gestresst zu sein<\/a> \u2013 im Vergleich zu 50 Prozent der Arbeitnehmer. Dabei ist der gr\u00f6\u00dfte Stressfaktor die Pr\u00fcfungsvorbereitung. Studenten mit Nebenjob sind etwas weniger gestresst als der Durchschnitt; am h\u00f6chsten ist der gef\u00fchlte Druck in Nordrhein-Westfalen.<\/p>\n<p>Mehr oder weniger zeitgleich befragte das Allensbach-Institut etwa 1.150 deutschen Hochschullehrern \u00fcber deren Zufriedenheit mit den Bedingungen f\u00fcr die Lehre an deutschen Hochschulen; die Ergebnisse lassen sich in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Forschung und Lehre (1\/17, S. 974-6) nachlesen. Vor allem die Zunahme von administrativen Aufgaben wird als sehr belastend empfunden; es bliebe auch zu wenig Raum f\u00fcr Forschung, und die Drittmittelabh\u00e4ngigkeit sei zu hoch. Vernichtend f\u00e4llt das Urteil \u00fcber die Bologna-Reform der Hochschulen aus; vor allem wird bem\u00e4ngelt, dass durch den Bologna-Prozess die Studenten das selbst\u00e4ndige Denken nicht mehr ausbilden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Die dritte Meldung hat keine bundesweite Aufmerksamkeit erzielen k\u00f6nnen, erschien sie doch im Lokalteil der Th\u00fcringer Landeszeitung vom 4. Januar 2017. Dort wird \u00fcber ein erfolgreiches Jenaer Unternehmen berichtet, das die Ausbildung seiner Mitarbeiter selber sehr erfolgreich betreibt. Zwei Dinge fielen auf: Erstens sind viele Auszubildende Studienabbrecher, was f\u00fcr die Offenheit des Unternehmens, aber nicht f\u00fcr das Bildungssystem insgesamt spricht. Zweitens konnten im vergangenen Ausbildungsjahr nur etwas \u00fcber die H\u00e4lfte der m\u00f6glichen Ausbildungspl\u00e4tze besetzt werden, weil die Bewerber, d.h. Schulabg\u00e4nger nicht die ben\u00f6tigten Schl\u00fcsselqualifikationen aufwiesen.<\/p>\n<p>Wie h\u00e4ngen diese Meldungen, die keineswegs auf Einzelf\u00e4lle hinweisen, sondern recht repr\u00e4sentativ sind, zusammen? Sie zeigen ein schl\u00fcssiges Gesamtbild deutscher <a href=\"http:\/\/www.wiwo.de\/themen\/bildungspolitik\">Bildungspolitik<\/a> auf, das vor allem durch fehlende Schl\u00fcssigkeit und einen Mismatch gekennzeichnet zu sein scheint. Wenn \u00fcber die H\u00e4lfte der Studenten gestresst und die Hochschullehrer in ihrer \u00fcberwiegenden Mehrheit durch die Konsequenzen der Hochschulpolitik frustriert sind und wenn Ausbildungsbetriebe keine geeigneten Kandidaten f\u00fcr ihre Lehrstellen finden oder diese vor allem aus dem Kreis der Studienabbrecher rekrutieren, sollte man sich die Frage stellen, ob das Bildungssystem Angebot an und Nachfrage nach Bildung ad\u00e4quat zusammenbringt.<\/p>\n<p>Im Detail stellen sich vor allem folgende Fragen:<\/p>\n<ol>\n<li>Bereiten die Schulen die Schulabg\u00e4nger angemessen auf die Herausforderungen der terti\u00e4ren Ausbildung vor? Dies ist eine sehr generelle Frage, die nicht einfach mit \u201eJa\u201c oder \u201eNein\u201c beantwortet werden kann. Aber es macht Sorge, dass eine nicht-triviale Teilmenge der Sch\u00fcler die Schule ohne Abschluss beendet und dass andere mit Abschluss sowohl f\u00fcr Lehrstellen ungeeignet als auch an den Hochschulen \u00fcberfordert zu sein scheinen. Diese Frage ist eher eine Niveaufrage: K\u00f6nnen die Schulabg\u00e4nger genug?<\/li>\n<li>Sind s\u00e4mtliche Studenten wirklich geeignet f\u00fcr ein <a href=\"http:\/\/www.wiwo.de\/themen\/studium\">Studium<\/a>? Eigene subjektive Erfahrungen sowie der Befund der Umfrage deuten darauf hin, dass viele Studenten nicht die Ausbildung gew\u00e4hlt haben, die ihren F\u00e4higkeiten und Interessen gerecht wird. Dies ist eher ein Strukturproblem als ein Niveauproblem.<\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>Unzufriedenheit auf beiden Seiten<\/strong><\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li>Bieten die Hochschulen wirklich das an, was einerseits die Studenten und andererseits die zuk\u00fcnftigen Arbeitgeber oder Klienten ben\u00f6tigen? Um diese Frage zu beantworten, muss man zwei Dinge trennen, n\u00e4mlich die Struktur der deutschen terti\u00e4ren Ausbildung einerseits und die politischen Vorgaben andererseits.<\/li>\n<\/ol>\n<ul>\n<li>In der Vergangenheit hat sich eine Struktur der Hochschulen herausgebildet, die sich an der Grenze zwischen der praktischen Ausbildung und einer eher theoretisch akademischen Bildung bewegte: W\u00e4hrend die Fachhochschulen den theoretischen \u00dcberbau klein hielten und eine sehr gute und recht stark berufsbezogene Ausbildung anboten, verstanden sich Universit\u00e4ten eher als St\u00e4tten des gemeinsamen Lernens und Forschens von Studenten und den Lehrenden. Der praktische Bezug wurde weniger betont. Diese Arbeitsteilung hat sich bew\u00e4hrt, weil so verschiedene Talente gef\u00f6rdert werden konnten. Das war zwar nicht egalit\u00e4r, aber fair und effizient.<\/li>\n<li>Die dritte S\u00e4ule der terti\u00e4ren Ausbildung bildete schon damals (und noch bedeutsamer als heute) die duale Ausbildung, die vor allem praktisch orientiert ist und sehr gute berufliche Perspektiven bietet. Diese dritte S\u00e4ule scheint ein wenig unter die R\u00e4der gekommen zu sein.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>Dies muss als Ergebnis eines politischen Willens, der vor allem die Ausweitung der Studienm\u00f6glichkeiten f\u00fcr breite Teile der Bev\u00f6lkerung vorsah, betrachtet werden. Aufgeschreckt durch internationale Vergleiche und eine hysterische Reaktion auf eine \u201ezu niedrige\u201c Studentenquote durch die OECD beschloss die Politik, dass ein h\u00f6herer Anteil der Schulabg\u00e4nger studieren m\u00fcsste.<\/li>\n<li>Nahezu gleichzeitig hat man dann noch beschlossen, ein deutsches Alleinstellungsmerkmal, das Diplomstudium, zugunsten eines international scheinbar kompatibleren Bachelor- und Masterstudiums aufzugeben.<\/li>\n<li>Diese Pl\u00e4ne haben die Hochschulen doppelt gefordert. Man musste das Diplomstudium in ein zweigeteiltes Programm umwandeln, was nicht immer sachbezogen gelungen ist und zu einer andauernden und gleicherma\u00dfen \u00fcberfl\u00fcssigen Diskussion der Schuldfrage gef\u00fchrt hat. Au\u00dferdem m\u00fcssen die Hochschulen deutlich mehr Studenten betreuen als zuvor. Dies hat zu einer Verschulung gerade der Bachelorprogramme eigetragen; es d\u00fcrfte somit auch kein Zufall sein, dass gerade Bachelorstudenten den Stress als gro\u00df empfinden.<\/li>\n<li>Daraus ergeben sich wiederum zweierlei Konsequenzen, denn nun m\u00fcssen zum einen die Anforderungen nach unten angepasst werden, wozu vor allem die Universit\u00e4ten (die vor allem im internationalen Wettbewerb stehen) nicht bereit sind. Au\u00dferdem sorgt die Zweiteiligkeit mit ihrer gestiegenen Durchl\u00e4ssigkeit zwischen den Universit\u00e4ten und Fachhochschulen daf\u00fcr, dass letztere versuchen, den Universit\u00e4ten gleichgestellt zu werden, unabh\u00e4ngig davon, ob es der Sache dient oder nicht. Gleichzeitig m\u00fcssen sich die Universit\u00e4ten mit dem Anspruch auseinandersetzen, st\u00e4rker praxisorientiert zu werden. Die gut austarierte Arbeitsteilung der Pr\u00e4-Bologna-Zeit droht damit aufgel\u00f6st zu werden. Das hei\u00dft aber auch, dass Absolventen beider Hochschultypen sich ann\u00e4hern und dass die notwendige Unterscheidung von theoretischen und praktischen Kenntnissen nicht l\u00e4nger relevant ist.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Insgesamt scheint es mithin so zu sein, dass weder Nachfrager nach Bildung, also Sch\u00fcler und Studenten, noch die Anbieter, also Lehrbetriebe und Hochschulen zufrieden sind. Vielmehr sind offenbar beide Seiten \u00fcberfordert. Dieses Problem setzt sich in gewisser Weise auf dem Arbeitsmarkt fort, denn dort fehlen auf der einen Seite Facharbeiter, w\u00e4hrend es ein \u00dcberangebot an nur unzureichend Qualifizierten gibt. Indessen sind die Unternehmen mit den Hochschulabsolventen weiterhin recht zufrieden. Und dies liegt nicht daran, dass es ein \u00dcberangebot an Hochschulabsolventen gibt, denn Arbeitslosigkeit unter Akademikern ist laut Arbeitsagentur dauerhaft niedrig.<\/p>\n<p>Dennoch ist die Situation nicht befriedigend. Unter diesen Bedingungen sollte die Politik handeln, allerdings vorsichtig. Drei Richtungen erscheinen vielversprechend, die allerdings nicht billig sind; mithilfe des hier mehrfach eingeforderten Subventionsabbaus k\u00f6nnen aber Mittel geschaffen werden:<\/p>\n<ol>\n<li>Die Schulen m\u00fcssen so ausgestattet werden, dass s\u00e4mtliche Jugendliche im Prinzip ausbildungsf\u00e4hig sind. Alles andere ist schlichtweg ein Skandal.<\/li>\n<li>Die Hochschulen m\u00fcssen ebenfalls besser ausgestattet werden, so dass die Betreuung intensiver werden kann und der empfundene Stress durch bessere Studienchancen verringert wird. Die Hochschulen m\u00fcssen im Gegenzug ihre Programme entschlacken und wieder mehr selbst\u00e4ndiges Lernen verlangen und erm\u00f6glichen. Der Ausbau der psychologischen Dienste d\u00fcrfte nur Symptome kurieren.<\/li>\n<li>Drittens muss mehr daf\u00fcr getan werden, Ausbildungsberufe wieder attraktiver zu machen, um denjenigen, die sich mangels Alternativen zum <a href=\"http:\/\/www.wiwo.de\/themen\/studium\">Studium<\/a> gen\u00f6tigt sehen, gute Alternativen anzubieten. Wenn die \u00f6ffentliche Hand bereit ist, bessere Arbeitsbedingungen und Geh\u00e4lter in den Pflegeberufen zu bieten, d\u00fcrften gerade diese deutlich attraktiver werden. Vermutlich werden auch mehr gut qualifizierte Kr\u00e4fte bei der <a href=\"http:\/\/www.wiwo.de\/themen\/bundeswehr\">Bundeswehr<\/a> und der Polizei ben\u00f6tigt.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Die Lage am Bildungsmarkt ist nicht aussichtslos, aber auch nicht rosig. Die Politik hat zahlreiche Stellschrauben, hier Angebot und Nachfrage besser zusammenzubringen.<\/p>\n<p><strong>Hinweis<\/strong>: Der Beitrag erschien am 6. Januar 2017 in der <a href=\"http:\/\/www.wiwo.de\/politik\/deutschland\/freytags-frage-wie-muessen-wir-unser-bildungssystem-umbauen\/19217008.html\">Wirtschaftswoche<\/a>.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Studenten sind gestresst, Hochschulen und Professoren frustriert. Das zeigt: Die deutsche Bildungspolitik steckt in der Krise und muss \u00fcberdacht werden. 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