{"id":20416,"date":"2017-02-01T07:56:45","date_gmt":"2017-02-01T06:56:45","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=20416"},"modified":"2017-02-01T07:56:45","modified_gmt":"2017-02-01T06:56:45","slug":"gastbeitrageine-handelsverschwoerung-gegen-die-usa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=20416","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Gastbeitrag<\/font><br\/>Eine Handelsverschw\u00f6rung gegen die USA?"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Donald Trump will Leistungsbilanzdefizite nicht l\u00e4nger akzeptieren \u2013 und k\u00f6nnte hart gegen Deutschland vorgehen. Doch sind die \u00fcberhaupt ein Problem? Und was kann der Pr\u00e4sident wirklich dagegen tun? Vier Antworten. <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Der neue Pr\u00e4sident der Vereinigten Staaten zeigt sich in seiner ersten Amtswoche hyperaktiv. Die Medien werden zu Feinden erkl\u00e4rt, die Mauer muss her, den Klimawandel gibt es nicht, die transpazifische Partnerschaft (TPP) soll r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht und Chicago von kriminellen Elementen ges\u00e4ubert werden, die Gesundheitspolitik wird auf den Kopf gestellt. Noch nicht auf die Agenda hat es die Leistungsbilanz geschafft \u2013 irgendetwas muss ja noch f\u00fcr die zweite Arbeitswoche \u00fcbrigbleiben.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Dabei hat die Bundesbank doch eine ordentliche Vorlage f\u00fcr einen neuen kernigen Tweet (wie w\u00e4re es mit \u201eCrooked Europeans dump their bloody exports \u2013 will kill them all\u201c) geliefert. In <a href=\"https:\/\/www.bundesbank.de\/Redaktion\/DE\/Downloads\/Veroeffentlichungen\/Monatsberichte\/2017\/2017_01_monatsbericht.pdf?__blob=publicationFile\">ihrem j\u00fcngsten Monatsbericht<\/a> hat sie dargelegt, dass die Anleihek\u00e4ufe der Europ\u00e4ischen Zentralbank (EZB) zu einer Abwertung des Euros gegen\u00fcber dem US-Dollar beigetragen haben. Nun f\u00fcrchten viele Beobachter, dass die neue US-Administration die Europ\u00e4er und vor allem die Deutschen wegen ihres Leistungsbilanz\u00fcberschusses attackieren werden.<\/p>\n<p>Protektionistische Ma\u00dfnahmen drohten, so die Bef\u00fcrchtung. Der Pr\u00e4sident der Vereinigten Staaten hat ja bereits deutlich ge\u00e4u\u00dfert, dass er bilaterale Handelsbilanzdefizite nicht l\u00e4nger akzeptieren will. Damit zeigt er wiederum ein enormes Unverst\u00e4ndnis f\u00fcr gesamtwirtschaftliche Zusammenh\u00e4nge und gef\u00e4hrdet die amerikanische Volkswirtschaft.<\/p>\n<p>Die Begr\u00fcndung dieser These ist am einfachsten mittels der Beantwortung der folgenden vier Fragen zu leisten.<\/p>\n<p><strong>Erstens<\/strong>: Ist ein Leistungsbilanzdefizit im Grundsatz ein Problem?<br \/>\n<strong>Zweitens<\/strong>: Was sagen uns bilaterale Leistungsbilanz\u00fcbersch\u00fcsse?<br \/>\n<strong>Drittens<\/strong>: Sorgt eine Abwertung automatisch f\u00fcr Leistungsbilanz\u00fcbersch\u00fcsse?<br \/>\n<strong>Viertens<\/strong>: Kann man die Leistungsbilanz mit Hilfe von Z\u00f6llen oder Importverboten ausgleichen?<\/p>\n<p>Die Antworten auf diese Fragen h\u00e4ngen nat\u00fcrlich eng zusammen. Wenn es erstrebenswert ist, eine aktive Leistungsbilanz aufzuweisen, m\u00fcsste man in der Tat Ma\u00dfnahmen zu ihrer Aktivierung, also einem \u00dcberschuss, ergreifen. Die Merkantilisten haben dies geglaubt, ein Glaube, der auch heute noch viele Anh\u00e4nger, vor allem in der Politik, aber auch in den Medien und sogar in der Wissenschaft hat.<\/p>\n<p>Ganz oben auf Trumps To-Do-Liste stehen die Ungleichgewichte im internationalen Handel. Doch Vorsicht: Strafz\u00f6lle sind kein geeignetes Instrument, um Ungleichgewichte im internationalen Handel zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Um die <strong>erste Frage<\/strong> zu beantworten, muss man deshalb auf die Gr\u00fcnde f\u00fcr ein Leistungsbilanzdefizit eingehen. Wie kommt ein Leistungsbilanzdefizit zustande? Es hilft zur Beantwortung dieser Frage sehr, sich die Logik der Zahlungsbilanz n\u00e4her anzusehen. Die Leistungsbilanz h\u00e4ngt spiegelbildlich an der Kapitalbilanz, das ergibt sich aus der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Das Volkseinkommen kann entweder gespart oder konsumiert werden, so sagt es die Verwendungsrechnung. Die alternative Entstehungsrechnung addiert die Komponenten der Entstehung, das hei\u00dft Konsumnachfrage, Investitionsnachfrage und Exportnachfrage, und zieht die Importe davon ab. Dr\u00fcckt man diese simplen Rechnungen in Gleichungsform aus und zieht eine Gleichung von der anderen ab, so ergibt sich eine Identit\u00e4t:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Export \u2013 Importe = Ersparnis \u2013 Investition.<\/p>\n<p>Mit anderen Worten. Der Leistungsbilanz\u00fcberschuss entspricht einem Kapitalbilanzdefizit (zuz\u00fcglich der Ver\u00e4nderung der W\u00e4hrungsreserven) oder ein Defizit in der Leistungsbilanz entspricht einem \u00dcberschuss an Nettokapitalstr\u00f6men. Daran l\u00e4sst sich nichts \u00e4ndern.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>US-Sparquote traditionell sehr niedrig<\/strong><\/p>\n<p>Somit wird die Leistungsbilanz von vier Aggregaten beeinflusst: Exporten, Importen, Ersparnis und Investitionen. Diese sind nat\u00fcrlich ebenfalls voneinander abh\u00e4ngig. Wenn also die Bev\u00f6lkerung systematisch mehr investiert, als sie spart \u2013 beispielsweise, weil sie jung ist und viele Arbeitspl\u00e4tze (durch komplement\u00e4res Kapital) ben\u00f6tigt \u2013 wird das Land ein Leistungsbilanzdefizit aufweisen, und zwar zu seinem Vorteil.<\/p>\n<p>Der Mechanismus der Anpassung von den Kapitalstr\u00f6men zu den G\u00fcterstr\u00f6men findet \u00fcber den Wechselkurs statt: Kapitalzufl\u00fcsse werten die heimische W\u00e4hrung auf, wodurch heimische Exporte verteuert und Importe verbilligt werden; die Leistungsbilanz passiviert sich. Wenn dasselbe \u2013 junge \u2013 Land aber einen Leistungsbilanz\u00fcberschuss hat, hat dies im Regelfall die Ursache, dass zu wenige Investitionen vorgenommen werden und zu wenige Arbeitspl\u00e4tze entstehen. Ein Leistungsbilanz\u00fcberschuss ist abzulehnen.<\/p>\n<p>Die USA sind im Grundsatz ein solches Land. Die Bev\u00f6lkerung ist relativ jung, der Altersmedian, das hei\u00dft das Alter, das die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung in zwei gleich gro\u00dfe H\u00e4lften teilt, ist 38 Jahre (in Deutschland ist der Altersmedian 46,2 Jahre). Vor 10 Jahren waren die USA aber noch j\u00fcnger, so dass die Logik sich demn\u00e4chst umkehren d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus ist die US-Sparquote traditionell sehr niedrig. Um die Staatsschulde und Investitionen zu finanzieren, muss das Land Kapital importieren. Sollte die Mauer wirklich von Mexiko bezahlt werden, wird das Leistungsbilanzdefizit der USA um die Baukosten steigen, weil der Kapitalzufluss aus Mexiko den Peso abwertet und den Dollar aufwerten l\u00e4sst. Der Pr\u00e4sident w\u00fcrde darin vermutlich dann mexikanisches Dumping sehen! Auch ein schuldenfinanziertes Infrastrukturprogramm d\u00fcrfte \u2013 sofern mit Anleihen im Ausland finanziert \u2013 der US-Wirtschaft durch die damit verbundene Aufwertung schaden und das Leistungsbilanzdefizit erh\u00f6hen. Insofern ist das amerikanische Gejammer \u00fcber das Leistungsbilanzdefizit grunds\u00e4tzlich zu kurz gedacht.<\/p>\n<p>Es gibt aber auch eine (von zahlreichen) anderen Logiken: Wenn Exporte des Auslandes relativ zu heimischen G\u00fctern besser oder billiger werden, weil die B\u00fcrger eines Landes diese G\u00fcter kaufen wollen und sich daf\u00fcr im Ausland verschulden, ist die Bewertung eines Leistungsbilanzdefizits nicht so positiv, vor allem dann, wenn die relative Verbesserung der ausl\u00e4ndischen Waren einer absoluten Verschlechterung oder Verteuerung heimischer Produkte folgt (zum Beispiel nach Inflation). Andererseits bewirkt gerade Inflation h\u00e4ufig Kapitalflucht und damit einen Leistungsbilanz\u00fcberschuss, der aber ebenfalls nicht positiv zu bewerten ist. Insofern kann die Frage nach der normativen Bewertung eines Leistungsbilanzsaldos nicht eindeutig beantwortet werden: Es kommt eben darauf an.<\/p>\n<p>Wesentlich deutlicher ist die Antwort auf die <strong>zweite Frage<\/strong>. Bilaterale Salden sind irrelevant. Man stelle sich einmal zur Illustration vor, s\u00e4mtlich japanische Autos, die in Deutschland verkauft werden, werden \u00fcber Bremerhaven eingef\u00fchrt. Die Stadt weist ein starkes Handelsbilanzdefizit mit Japan auf; wohl kaum ein Problem. Die Autos werden weiterverkauft nach Baden-W\u00fcrttemberg und Bayern. Beide Bundesl\u00e4nder liefern vermutlich Waren f\u00fcr einen geringeren Wert nach Bremerhaven, als sie Autos von dort beziehen \u2013 sie weisen jeweils ein bilaterales Defizit mit Bremerhaven auf. Wie jeder sieht, ist auch dies kein Problem. Die Welt ist vernetzt, und bilaterale Defizite eines Industrielandes hier (z.B. mit \u00d6ll\u00e4ndern) werden durch bilaterale \u00dcbersch\u00fcsse dort (z.B. mit Schwellenl\u00e4ndern mit hoher Nachfrage nach Investitionsg\u00fctern) ausgeglichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Automatische Leistungsbilanz\u00fcbersch\u00fcsse?<\/strong><\/p>\n<p>Kommen wir <strong>drittens<\/strong> zu einer unterbewerteten W\u00e4hrung. Kann diese automatisch Leistungsbilanz\u00fcbersch\u00fcsse erzeugen? Die Antwort darauf h\u00e4ngt von vielen Faktoren ab, zum einen von der Nachfrage nach heimischen Exportg\u00fctern im Ausland: Steigt diese nach einer Abwertung drastische, wird die eigene W\u00e4hrung sogleich wieder aufwerten. Der Effekt ist klein. Wenn die Abwertung durch die Notenpresse stimuliert ist (wie im europ\u00e4ischen Fall), wird es entweder Inflation geben mit der Folge, dass die Produkte im abwertenden Land teurer und damit auch im Ausland weniger wettbewerbsf\u00e4hig werden \u2013 der Effekt ist dahin.<\/p>\n<p>Oder aber die Sparer exportieren ihr Kapital wegen der sinkenden Realverzinsung. Dann kommt es tats\u00e4chlich zum Leistungsbilanz\u00fcberschuss im Abwertungsland. Sinn macht er nur, wenn dort Vollbesch\u00e4ftigung und herrscht und Neuinvestitionen unn\u00f6tig sind. Dann aber br\u00e4uchte man die Abwertung gar nicht, weil die Exportg\u00fcter sich dann ohnehin gut verkaufen. Vor diesem Hintergrund ist eine Stimulierung der Exporte durch Abwertung eine riskante Ma\u00dfnahme, die langfristig wesentlich mehr schadet als n\u00fctzt.<\/p>\n<p>Kann man eine Leistungsbilanzdefizit <strong>viertens<\/strong> mit Handelspolitik bek\u00e4mpfen? Beim bilateralen Defizit macht es gar keinen Sinn, man verteuert nur unsinnig die Importe, die ja vielfach \u2013 gerade im amerikanischen Fall \u2013 Vorprodukte sind. Die USA haben damit schon in den 1980er Jahren negative Erfahrungen gemacht, als japanische Halbleiter mit Quoten versehen wurden, um die US-Halbleiterindustrie zu sch\u00fctzen. Getroffen wurde damit vor allem die US-Computerindustrie, die wegen der verteuerten Vorprodukte an preislicher Wettbewerbsf\u00e4higkeit verlor. \u00dcberhaupt sorgen Importschranken bei unver\u00e4nderter Ersparnis und Investition im Inland \u00fcber eine Aufwertung der heimischen W\u00e4hrung nur daf\u00fcr, dass die Exporte in gleicher H\u00f6he zur\u00fcckgehen, der Saldo der Leistungsbilanz bleibt gleich!<\/p>\n<p>Man sieht, die Leistungsbilanz ist weder einfach zu interpretieren noch ihr Saldo leicht zu \u00e4ndern. Sicher richtig ist, dass das US-Leistungsbilanzdefizit kaum nachhaltig ist, solange sich der Staat weiter so stark verschuldet, ohne in die \u00f6ffentliche Infrastruktur zu investieren. Fest steht auch, dass das Defizit nicht in Mexico-City, Peking oder Berlin als eine Verschw\u00f6rung geplant wurde. Es liegt einzig in der Verantwortung der Amerikaner. Wenn sie mehr sparen, reduziert sich ihr Leistungsbilanzdefizit. Kaufen Sie weniger mexikanische Autos, bleibt es gleich. Gleiches gilt f\u00fcr den Umgang der US-Administration mit der deutschen Industrie. Protektionsma\u00dfnahmen reduzieren weder das US-Defizit noch den deutschen \u00dcberschuss, der durch mehr Investitionen hierzulande sicherlich gesenkt werden kann und sollte. Das aber ist nicht das Thema des US-Pr\u00e4sidenten.<\/p>\n<p><strong>Hinweis<\/strong>: Der Beitrag erschien am 27. Januar 2017 in der <a href=\"http:\/\/www.wiwo.de\/politik\/ausland\/freytags-frage-eine-handelsverschwoerung-gegen-die-usa\/19306732-all.html\">Wirtschaftswoche<\/a>.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Donald Trump will Leistungsbilanzdefizite nicht l\u00e4nger akzeptieren \u2013 und k\u00f6nnte hart gegen Deutschland vorgehen. Doch sind die \u00fcberhaupt ein Problem? 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