{"id":20657,"date":"2017-03-30T00:01:24","date_gmt":"2017-03-29T23:01:24","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=20657"},"modified":"2017-03-29T17:17:19","modified_gmt":"2017-03-29T16:17:19","slug":"wettbewerb-der-stadtstaatenfreiraeume-fuer-italienische-humanisten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=20657","title":{"rendered":"Wettbewerb der Stadtstaaten<br\/><font size=3; color=grey>Freir\u00e4ume f\u00fcr italienische Humanisten<\/font>"},"content":{"rendered":"<p>Im 15. Jahrhundert, lange vor der deutschen Reformation, wurden die Lehren, Institutionen und Amtstr\u00e4ger der Kirche bereits von verschiedenen italienischen Humanisten aufs K\u00fchnste kritisiert. Das war nicht ungef\u00e4hrlich, waren doch gerade Jan Hus und Hieronymus von Prag 1415 bzw. 1416 auf dem Konzil von Konstanz als Ketzer verbrannt worden. Man vermied es deshalb, die Autorit\u00e4t der Kirche grunds\u00e4tzlich in Frage zu stellen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Italien bestand zu dieser Zeit aus etwa einem Dutzend kleinerer Staaten \u2013 darunter auch der Kirchenstaat, der damals bis zur Adria reichte. Die meisten waren Stadtstaaten. Ein Humanist, der beim Papst oder seinen Verb\u00fcndeten in Ungnade fiel, konnte sich leicht in einem der anderen italienischen Staaten in Sicherheit bringen. Die Sicherheit war nat\u00fcrlich nicht unbegrenzt: der Vatikan konnte jederzeit seine H\u00e4scher aussenden, um den Gegner mundtot zu machen. Aber wie der gescheiterte Anschlag auf Lorenzo dei Medici, den Herrscher von Florenz, zeigte, konnten derartige Aktionen auch spektakul\u00e4r misslingen. Die \u201eExit Option\u201c ermutigte die Humanisten, sich freim\u00fctig \u00fcber Missst\u00e4nde zu beklagen. Wenn Italien unter der F\u00fchrung des Papstes oder eines ihm ergebenen weltlichen Herrschers geeint gewesen w\u00e4re, h\u00e4tten die Humanisten diese Freir\u00e4ume nicht gehabt.<\/p>\n<p>Dass der Wettbewerb der Stadtstaaten den Kritikern der Kirche Schutz bot, soll zun\u00e4chst am Beispiel der drei wohl bekanntesten Humanisten belegt werden.<\/p>\n<p>Der erste ist Lorenzo Valla (1407-57). Er erregte bereits 1431 Aufsehen, als er in seiner Schrift \u201e\u00dcber die Lust\u201c (De Voluptate) epikur\u00e4isches Gedankengut verbreitete. 1437 wurde er von Alphonso V., dem K\u00f6nig von Neapel, als Privatsekret\u00e4r eingestellt. 1440 hatte er die K\u00fchnheit zu bestreiten, dass Kaiser Konstantin dem Papst den Vatikan geschenkt habe. Valla zeigte, dass die angebliche Schenkungsurkunde lateinische Formulierungen enthielt, die zur Zeit Konstantins noch gar nicht gebr\u00e4uchlich waren. Sie sei eine F\u00e4lschung. Der nun einsetzende Konflikt mit dem Papst (Eugen IV.) wird in der Encyclopedia Britannica folgenderma\u00dfen beschrieben:<\/p>\n<p>\u201eHe was compelled to appear before an inquisitory tribunal composed of his ennemies, and he escaped only by the special intervention of Alphonso. He was not, however, silenced; he ridiculed the Latin of \u00c2\u00a0the Vulgate and accused St. Augustine of heresy. In 1446 he visited Rome, but in this city also his ennemies were numerous and powerful, and he saved his life only by flying in disguise to Barcelona, whence he returned to Naples.\u00c2\u00a0 \u2026\u00c2\u00a0 Alphonso \u2026 \u00c2\u00a0protected him.\u201c<\/p>\n<p>Alphonso war mit dem Papst verfeindet, weil dieser die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit seiner Thronfolge bestritt. Valla kritisierte auch das Ordensgel\u00fcbde und bek\u00e4mpfte das M\u00f6nchtum Er wetterte gegen die \u201egewaltsame, barbarische, tyrannische Priesterherrschaft\u201c, nannte die P\u00e4pste \u201eTyrannen, Diebe und R\u00e4uber\u201c und erkl\u00e4rte die F\u00fcrsten f\u00fcr berechtigt, dem Papst den Kirchenstaat wegzunehmen (Ludwig von Pastor, Geschichte der P\u00e4pste in sechzehn B\u00e4nden). Kurioserweise wurde Valla 1447 von dem n\u00e4chsten Papst, Nikolaus V., trotzdem als \u201eapostolischer Skriptor\u201c eingestellt. Von Pastor schreibt dazu: \u201eNikolaus V. suchte einflussreiche und gef\u00e4hrliche Leute dieser Art zu gewinnen und auf andere Wege zu leiten. Valla wurde \u201egekauft\u201c. Nur so weit reichte die Macht des Papstes.<\/p>\n<p>Mein zweites Beispiel ist Giovanni Pico della Mirandola (1463-94). 1483 folgte er dem Ruf Lorenzos\u00c2\u00a0 nach Florenz. Pico nahm die sp\u00e4ter von dem deutschen Theologen Rudolf Bultmann vertretene Auffassung vorweg, dass manche Aussagen der Bibel nicht w\u00f6rtlich zu nehmen, sondern nur \u201emetaphorisch\u201c zu deuten seien. Seine Begr\u00fcndung war, dass das Christentum und die antike Philosophie, vor allem Platons Schriften, miteinander kompatibel gemacht werden m\u00fcssten. Es gebe viele Quellen der Weisheit, jede enthalte ein K\u00f6rnchen Wahrheit. Das menschliche Erkenntnisstreben solle nicht beschr\u00e4nkt werden. Seine \u201eRede \u00fcber die W\u00fcrde des Menschen\u201c (1486) wurde von Jacob Burckhardt als \u201eeines der edelsten Verm\u00e4chtnisse der Kulturepoche\u201c gepriesen.<\/p>\n<p>Pico reiste 1486 nach Rom, um seine Thesen in einer \u00f6ffentlichen Disputation zu verteidigen. Dazu kam es jedoch nicht, denn der Papst (Innozenz VIII.) setzte ein Inquisitionstribunal ein, das die Rechtgl\u00e4ubigkeit Picos pr\u00fcfen sollte. Pico weigerte sich, vor dem Tribunal zu erscheinen. Die Richter erkl\u00e4rten dreizehn seiner Thesen f\u00fcr ketzerisch. Daraufhin verurteilte Innozenz in einer p\u00e4pstlichen Bulle die gesamte Schrift Picos als h\u00e4retisch und lie\u00df alle Exemplare verbrennen. Pico verlie\u00df Rom, was als Flucht gedeutet wurde. Der Papst forderte seine Festnahme. Pico wurde bei Lyon verhaftet und drei Wochen gefangen gehalten. \u201eInfolge der energischen Verwendung des Lorenzo de Medici\u201c, so von Pastor, \u201ekonnte sich Pico jedoch auf eine Villa in der N\u00e4he von Florenz zur\u00fcckziehen.\u201c Die Beziehungen zwischen Florenz und dem Kirchenstaat waren 1486 schlecht. 1478 war der Vatikan in den Mordanschlag auf Lorenzo verwickelt gewesen. In den Jahren 1478-80, 1482 und 1485-86 f\u00fchrte der Vatikan sogar Krieg gegen Florenz und seine Bundesgenossen.<\/p>\n<p>Als drittes Beispiel sei Marsilio Ficino (1433-99), der v\u00e4terliche Freund Picos genannt. Auch er lebte in Florenz, und auch er empfahl, die Bibel metaphorisch zu interpretieren. Ficino wurde 1490 von der Inquisition wegen H\u00e4resie und Magie angeklagt. Nur mit Hilfe Lorenzos und des florentinischen Erzbischofs konnte er sich vor der Anklage retten.<\/p>\n<p>Schlechter erging es den neuplatonischen Humanisten, die in Rom lebten, zum Beispiel Bartolomeo Platina (1421-81). Als f\u00fchrendes Mitglied der R\u00f6mischen Akademie wurde er 1464-65 und erneut 1468 im Vatikan eingesperrt und gefoltert, weil er angeblich einen Anschlag auf den Papst (Paul II.) geplant habe. Der Leiter der Akademie, Julius Pomponius Laetus, (1428-98), befand sich 1468 gerade in Venedig und war dort wegen Homosexualit\u00e4t angeklagt. Venedig, zu dieser Zeit der engste Bundesgenosse des Papstes, lieferte Laetus an den Vatikan aus, wo er ebenfalls eingekerkert und gefoltert wurde. Auch die Humanisten Zanino de Solcia und Giovanni da Montecatini wurden vom Papst bestraft. Akademiemitglied Nicolo Lelio Cosmico (1420-1500) gelang zwar 1468 die Flucht aus Rom, er wurde aber 1489 von der Inquisition belangt und verdankte es nur der energischen Intervention seines Dienstherrn Ludovico Gonzaga (Mantua) dass er von der Anklage der H\u00e4resie frei gesprochen wurde.<\/p>\n<p>Im Vatikan geh\u00e4ngt wurde der Humanist Stefano Porcari (ca. 1400-53), der die r\u00f6mische Republik wiederherstellen und den Kirchenstaat abschaffen wollte. Auch ihm wurde \u2013 m\u00f6glicherweise zu Recht \u2013 vorgeworfen, einen Aufstand vorbereitet zu haben.<\/p>\n<p>Interessant ist schlie\u00dflich der Fall des bekannten Humanisten Francesco Filelfo (1398-1481). Nach dem Tod Pius II. 1453 erging er sich in \u00fcbler Nachrede \u00fcber den Verstorbenen, so dass das Kardinalskollegium seine Verhaftung forderte. Filelfo befand sich jedoch im sicheren Mailand am Hof der Sforzas. Der Herzog belie\u00df es bei einem kurzen Hausarrest.<\/p>\n<p>Nicht alle Humanisten kritisierten die Kirche. Der Kirche nahe stehende Historiker wie Ludwig von Pastor und James MacCaffrey unterscheiden deshalb ausdr\u00fccklich zwischen den kirchentreuen und den \u201eoffen heidnischen\u201c Humanisten. \u201eMehr und mehr erh\u00e4lt die Richtung, welche das formsch\u00f6ne Heidentum an die Stelle der christlichen Zentralsonne zu setzen bereit schien, das \u00dcbergewicht\u201c, klagt von Pastor. \u201eTrat aber ein Fall ein, bei welchem von unschuldiger klassischer Liebhaberei nicht mehr die Rede sein konnte, so beteuerten die Humanisten ihre Unterwerfung unter die Glaubenss\u00e4tze der Kirche in den st\u00e4rksten Ausdr\u00fccken, legten die beanstandeten Theorien anders aus und gaben sie auch ausdr\u00fccklich auf. \u2026 Mit der Kirche offen zu brechen, trugen \u2026 die antik-naturalistisch gesinnten Humanisten schon aus Klugheitsgr\u00fcnden Bedenken.\u201c<\/p>\n<p>Mehrere P\u00e4pste f\u00f6rderten Humanisten und stellten sie in ihren Kanzleien ein. Einer der P\u00e4pste (Pius II.) war sogar selbst ein ausgewiesener Humanist. \u00dcberall bewunderte man die Sch\u00f6nheit des klassischen Lateins. Das scholastische Latein konnte da nicht mithalten. Aber diejenigen Humanisten, die die Kirche kritisierten, mussten mit Verfolgung rechnen. Ihre Freiheit verdankten sie der politischen Fragmentierung Italiens. Wie schon im alten Sumer und im antiken Griechenland erm\u00f6glichte der Wettbewerb der Stadtstaaten auch in der italienischen Renaissance eine spektakul\u00e4re kulturelle und wirtschaftliche Bl\u00fcte.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im 15. 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