{"id":2081,"date":"2009-11-30T07:37:19","date_gmt":"2009-11-30T06:37:19","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=2081"},"modified":"2009-11-30T07:37:19","modified_gmt":"2009-11-30T06:37:19","slug":"ein-monopol-fuer-friedhoefe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=2081","title":{"rendered":"Ein Monopol f\u00fcr Friedh\u00f6fe?"},"content":{"rendered":"<p>Beisetzungen sind in Deutschland teuer: So kostet eine Erdbestattung einfachster Art knapp 5.000 EUR (Hildebrandt-Woeckel, 2008; o. V., 2008). Die gr\u00f6\u00dften Einzelposten des komplexen Produkts der Beisetzung entfallen auf den Bestatter, der u. a. f\u00fcr den Transport des Leichnams und das Einsargen verantwortlich ist, auf den Steinmetz (Grabstein, Einfassung) sowie auf den Friedhof. Neben der Grabnutzungsgeb\u00fchr (inkl. der anteiligen Kosten f\u00fcr die Friedhofsverwaltung) entstehen auf dem Friedhof Kosten f\u00fcr die Nutzung der Trauerhalle, die Annahme und Aufbewahrung, ggf. f\u00fcr die K\u00fchlung des Leichnams sowie das \u00d6ffnen und Schlie\u00dfen des Grabs (Bestattungsgeb\u00fchr) (Aeternitas, 2006). Bestattungsgeb\u00fchren werden von jedem Friedhof individuell berechnet. Die Grabnutzungsgeb\u00fchr ist von der Art des Grabes (Einzel- oder Doppelgrab, Urnengr\u00e4ber) und der Nutzungsdauer abh\u00e4ngig.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nIn Deutschland d\u00fcrfen Leichname nur auf \u00f6ffentlichen Friedh\u00f6fen beigesetzt werden; Ausnahmen \u2013 in einer vernachl\u00e4ssigbaren Gr\u00f6\u00dfenordnung \u2013 bestehen lediglich f\u00fcr kirchliche und weltliche W\u00fcrdentr\u00e4ger sowie Angeh\u00f6rige alter Adelsgeschlechter mit zugelassenen privaten Bestattungspl\u00e4tzen (Aeternitas, 2005) sowie Seebestattungen. In einigen Bundesl\u00e4ndern ist inzwischen die Beisetzung der Totenasche au\u00dferhalb eines Friedhofs, an einem dauerhaft zug\u00e4nglichen Gel\u00e4nde, m\u00f6glich, sofern der Verstorbene dies zu Lebzeiten verf\u00fcgt hat und der Beisetzungsort der Totenruhe nicht widerspricht (Aeternitas, 2005). Ein gesetzlicher Anspruch auf Beisetzung besteht nur auf Friedh\u00f6fen in der Heimatgemeinde, in der der Verstorbene zuletzt gemeldet war (Aeternitas, 2005). In der Regel ist aber auch die Auswahl ortsfremden Anbieters m\u00f6glich. Da viele Friedh\u00f6fe schon heute \u00fcber erhebliche Freifl\u00e4chen verf\u00fcgen, deren langfristige Belegung auf Grund sinkender Geburtenzahlen als fraglich gelten muss, wird Antr\u00e4gen auf eine Beisetzung \u201ein fremder Erde\u201c heute schneller zugestimmt als vor einigen Jahren (Hildebrandt, 2005).<\/p>\n<p>Friedh\u00f6fe in Deutschland k\u00f6nnen nach ihrer Tr\u00e4gerschaft in drei Gruppen unterteilt werden: st\u00e4dtische bzw. kommunale Friedh\u00f6fe, Anlagen, die von einer lokalen Glaubensgemeinschaft betrieben werden sowie Soldatenfriedh\u00f6fe. Letztere stehen unter der Tr\u00e4gerschaft des \u201eVolksbundes Deutsche Kriegsgr\u00e4berf\u00fcrsorge\u201c. Neben diesen drei Gruppen finden sich vereinzelt Stiftungen oder Vereine als Tr\u00e4ger von \u201cProminenten-Friedh\u00f6fen\u201c oder Anlagen, die als kulturelles Erbe und\/oder Baudenkmal bezeichnet werden k\u00f6nnen. Rein muslimische Friedh\u00f6fe existieren bislang nicht; einige kommunale Einrichtungen bieten jedoch Beisetzungen an, die den Glaubensgrunds\u00e4tzen entsprechen.<\/p>\n<p>Das Betreiben von Friedh\u00f6fen in privater Tr\u00e4gerschaft ist in Deutschland bislang nicht bekannt. In Nordrhein-Westfalen kam es 2006 in Bergisch-Gladbach durch einen ortsans\u00e4ssigen Bestatter zur Gr\u00fcndung und zum Betrieb eines Urnenfriedhofs auf einem privaten Grundst\u00fcck. In diesem Fall handelt es sich aus juristischer Sicht um einen speziellen Fall der (Teil-) Privatisierung, nicht jedoch um eine private Tr\u00e4gerschaft (Backhaus-Cysyk\/Spranger, 2006). In der Medienberichterstattung unterbleibt jedoch h\u00e4ufig die Unterscheidung zwischen Tr\u00e4gerschaft und Betrieb, und es wird pauschal von einem privaten Friedhof gesprochen. Trotz dieses Beispiels einer Liberalisierung ist die Angebotsseite bislang \u00e4hnlich einem staatlichen, in diesem Fall meist kommunalen Monopol organisiert (die Gemeinde als Tr\u00e4ger des Friedhofswesens entspricht der Tradition in Deutschland). Lediglich die Beteiligung Privater ist m\u00f6glich (Ritter, 2009). Die genauen Bestimmungen sind in den Bestattungsgesetzen der L\u00e4nder und Gemeindeverordnungen festgehalten.<\/p>\n<p>Aus ordnungs\u00f6konomischer Perspektive ist daher zu fragen, ob die hier skizzierte Marktzutrittsbeschr\u00e4nkung gerechtfertigt ist. Gemeinhin lassen sich drei Aspekte benennen, die ein Friedhof erf\u00fcllen sollte:<\/p>\n<ul>\n<li>\u00d6ffentlicher Zugang. Es muss sichergestellt sein, dass Freunde und Verwandte vom Verstorbenen Abschied nehmen k\u00f6nnen. Auf dieser Basis k\u00f6nnen Beisetzungen bspw. auf privaten Wohngrundst\u00fccken abgelehnt werden, da hier der ungehinderte Zugang nicht gew\u00e4hrleistet werden kann, sondern von der Zustimmung der Eigent\u00fcmer abh\u00e4ngt.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>Nachhaltige Bewirtschaftung. Die Ruhezeiten auf deutschen Friedh\u00f6fen sind abh\u00e4ngig von den geologischen Gegebenheiten, die ihrerseits starken Einfluss auf den Zersetzungsprozess des Leichnams haben. \u00dcblich sind Mindestnutzungsdauern von 20 bis 40 Jahren, so dass das Friedhofswesen per Definition als langfristiges Gesch\u00e4ft bezeichnet werden muss. Daher ist sicherzustellen, dass ein m\u00f6glicher Tr\u00e4ger eine nachhaltige Bewirtschaftung auch dann gew\u00e4hrleisten kann, wenn Neubelegungen und damit Kapitalzufl\u00fcsse ausbleiben.<\/li>\n<li>Angemessenheit des Ortes. In Deutschland ist es \u00fcblich, Friedh\u00f6fe entweder in direkter Umgebung zu Kirchen oder am Rand von Siedlungsfl\u00e4chen anzulegen. Auch wenn diese Praxis nicht unumstritten ist, muss sichergestellt sein, dass die Ruhest\u00e4tten in einer angemessenen, gesellschaftlich akzeptierten Umgebung betrieben werden.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Alle drei Anforderungen lassen sich auch bei einer marktlichen Steuerung umsetzen und k\u00f6nnen daher die Intervention in der gegenw\u00e4rtigen Form nicht rechtfertigen. Aus ordnungs\u00f6konomischer Sicht sinnvoll scheint daher die \u00d6ffnung des Marktes f\u00fcr private Anbieter in Kombination mit einem Lizenzierungsverfahren. Um eine Lizenz zum Betrieb eines Friedhofs zu erlangen, muss der Tr\u00e4ger den \u00f6ffentlichen Zugang versichern und einen angemessenen Ort bereitstellen. Zudem kann die Erteilung der Lizenz an Vorgaben im Bereich der Bilanzierung und der Gewinnaussch\u00fcttung gekn\u00fcpft werden, um auf diese Weise eine nachhaltige Bewirtschaftung zu garantieren und das Insolvenzrisiko zu minimieren.<\/p>\n<p>Im Falle einer derartigen Liberalisierung des Friedhofswesens d\u00fcrften sich die folgenden Effekte einstellen:<\/p>\n<ul>\n<li>Ein sinkendes Preisniveau in Folge einer gr\u00f6\u00dferen Rivalit\u00e4t zwischen den Anbietern.<\/li>\n<li>Mehr Wahlm\u00f6glichkeiten f\u00fcr den Kunden. Dies betrifft neben den Bestattungsfeierlichkeiten selbst vor allem Vorschriften hinsichtlich der Bepflanzung, der Gestaltung des Grabsteins etc.<\/li>\n<li>Die Etablierung von Friedh\u00f6fen, die sich auf spezielle Kundensegmente spezialisieren. Diese Differenzierung kann bspw. auf Basis des Preises erfolgen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Trotz der offensichtlich positiven Effekte einer Liberalisierung ist diese wenig wahrscheinlich. Dies liegt vor allem daran, dass das Thema \u201eTod und Sterben\u201c in der Gesellschaft wie in der Politik weitgehend tabuisiert ist. Dar\u00fcber hinaus bedeutet eine Liberalisierung den Bruch mit etablierten Gepflogenheiten; Widerst\u00e4nde sind daher insbesondere in den Kirchen und den Kommunen zu erwarten.<\/p>\n<p><strong>Literatur: <\/strong><br \/>\nAeternitas (2005): Sicherheit f\u00fcr die Bestattung durch Verf\u00fcgungen, K\u00f6nigswinter.<br \/>\nAeternitas (2006): Friedhofs- und Bestattungsgeb\u00fchren. Nordrhein-westf\u00e4lische St\u00e4dte im Vergleich, 3. Auflage, D\u00fcsseldorf\/K\u00f6nigswinter.<br \/>\nBackhaus-Cysyk, Therese; Spranger, Tade Matthias (2006): \u201cG\u00e4rten der Bestattung\u201c\u009d \u2013 Fritz Roth er\u00f6ffnet Friedhof in Bergisch-Gladbach sowie der zugeh\u00f6rige Kommentar ,Keine Privatfriedh\u00f6de in NRW\u2019, in: Friedhofskultur, Juni 2006, S. 8\u20139.<br \/>\nHildebrandt, Sabine (2005): Preisbewu\u00dftsein mit Piet\u00e4t, in: FASZ, Ausgabe vom 30.10.05, Nr. 43, S. 54.<br \/>\nHildebrandt-Woeckel, Sabine (2008): Beerdigungen sind oft \u00fcberteuert, in: FAZ, Ausgabe vom 26.01.08, Nr. 22, S. 25.<br \/>\no. V. (2008): Beerdigung kostet mehrere tausend Euro, in: FAZ, Ausgabe vom 15.10.08, Nr. 241, S. 14.<br \/>\nRitter, Falko (2009): Rechtliche Rahmenbedingungen der Privatisierung im Friedhofswesen, K\u00f6nigswinter.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beisetzungen sind in Deutschland teuer: So kostet eine Erdbestattung einfachster Art knapp 5.000 EUR (Hildebrandt-Woeckel, 2008; o. V., 2008). 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