{"id":2098,"date":"2009-12-21T01:05:07","date_gmt":"2009-12-21T00:05:07","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=2098"},"modified":"2025-11-25T17:44:01","modified_gmt":"2025-11-25T16:44:01","slug":"gastbeitragsind-die-medien-in-der-krise-weil-der-markt-versagt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=2098","title":{"rendered":"<small>Gastbeitrag:<\/small><br\/>Sind die Medien in der Krise, weil der Markt versagt?"},"content":{"rendered":"<p>Er ist 78 Jahre alt und sieht in die Zukunft: \u201eDie Zeiten des freien Internets werden bald vorbei sein\u201c, hatte Rupert Murdoch im Fr\u00fchjahr <a href=\"http:\/\/www.guardian.co.uk\/media\/2009\/may\/07\/rupert-murdoch-charging-websites\" target=\"_blank\">prognostiziert<\/a>. Der m\u00e4chtigste Verleger der Welt (Murdoch geh\u00f6ren \u00fcber 100 Zeitungen) m\u00f6chte selbst zur Erf\u00fcllung der Prognose beitragen: Die ersten Zeitungen seiner News Corporation <a href=\"http:\/\/denver.bizjournals.com\/denver\/stories\/2009\/11\/02\/daily30.html\" target=\"_blank\">k\u00fcndigten<\/a> vor wenigen Tagen Bezahlinhalte ab kommenden Fr\u00fchjahr an. Dann sollen diese Inhalte auch nicht mehr \u00fcber Google erreichbar sein, wie Murdoch\u00c2\u00a0 <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/Rub475F682E3FC24868A8A5276D4FB916D7\/Doc~EED56791082C143529D8D6ED6F852E52F~ATpl~Ecommon~Scontent.html?rss_googlenews\" target=\"_blank\">betonte<\/a>.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>In Deutschland ist Springer der erste. Der Verlag <a href=\"http:\/\/www.macnotes.de\/2009\/11\/05\/kostenpflichtige-nachrichten-auf-dem-iphone-springer-verlag-macht-ernst\/\" target=\"_blank\">plant<\/a>, iPhone-Nutzern ab Ende des Jahres die Webseiten von \u201eWelt\u201c und \u201eBild\u201c zu sperren. Die Inhalte sollen auf dem Apple-Handy nur noch f\u00fcr den zu lesen sein, der eine Software aufspielt, f\u00fcr die entweder einmalig bezahlt werden muss oder eine Abo-Geb\u00fchr f\u00e4llig wird.<\/p>\n<p>Die Verlage sind auf der Suche nach neuen Gesch\u00e4ftsmodellen f\u00fcr ihr Wirtschaftsgut \u201eInformation\u201c. Schon in der Printwelt war dieses Gut ein besonderes. Denn normalerweise bewertet der Kunde vor einem m\u00f6glichen Kauf das Produkt. Er will pr\u00fcfen, ob sich der Erwerb lohnt. Daf\u00fcr aber muss er es begutachten. Bei der Betrachtung des Produkts \u201eInformation\u201c allerdings eignet man es sich bereits an. Der Kauf ist dann gar nicht mehr n\u00f6tig.<\/p>\n<p>Informationsanbieter versuchen dieses Dilemma (man nennt es auch das \u201eBewertungsparadox von Arrow\u201c) mit zwei Strategien zu umgehen: Sie pr\u00e4sentieren zum einen kostenlose Informationshappen, die zum Kauf des Produkts anregen sollen, und versuchen zum anderen Reputation aufzubauen. Bei wem dies gelingt, der greift am Kiosk zu seiner Lieblingszeitung, ohne einen Blick auf die Titelseite zu werfen, weil die Erfahrung lehrt, dass sich der Kauf lohnt.<\/p>\n<p>In der Printwelt lie\u00df sich das fl\u00fcchtige Gut \u201eInformation\u201c halbwegs einfangen. Vor allem tagesaktuelle Publikationen hatten sozusagen eine stoffliche Exklusivit\u00e4tstechnik fest eingebaut: Wer die ganze Story lesen wollte, musste in den Besitz der Zeitung kommen.<\/p>\n<p>Das Internet ver\u00e4ndert den Charakter des Gutes \u201eInformation\u201c: Der Zugriff auf Informationen ist einfacher und umfangreicher geworden; die Trennung zwischen Anbietern von Information und Nachfragern wird unscharf; Information l\u00e4sst sich leicht ver\u00e4ndern; der Aufwand der Vervielf\u00e4ltigung tendiert gegen Null; Informationen lassen sich fast ohne Kosten \u00fcber beliebige Entfernungen transportieren; und im Unterschied zu Papier nutzt sich digitale Information nicht ab.<\/p>\n<p>Die Folgen dieser Ver\u00e4nderungen sind vielf\u00e4ltig. Weil zum Beispiel alle Informationen f\u00fcr alle verf\u00fcgbar sind, kommt es zum Informations\u00fcberfluss. Anpassungsprozesse sind die Folge. Manche Angebote verschwinden, neue Ideen setzen sich durch. Schon immer war das Bessere der Feind des Guten.<\/p>\n<p>Die aktuelle Medien-Krise aber wirft die Frage auf, ob das Medium Internet dazu beitr\u00e4gt, dass das Informationsangebot st\u00e4rker als gewollt reduziert wird, wobei \u201est\u00e4rker als gewollt\u201c in einer Marktwirtschaft bedeutet, dass Umfang und Qualit\u00e4t des Angebots niedriger ist als die Zahlungsbereitschaft der Nachfrager. Es entst\u00fcnde dann ein Wohlfahrtsverlust: Obwohl ein besseres Angebot gew\u00fcnscht und auch bezahlt w\u00fcrde, wird es nicht geliefert.<\/p>\n<p>Ein solches potenzielles Marktversagen kann zwei Ursachen haben: Entweder wenn es sich bei dem Produkt \u201eInformation\u201c um ein so genanntes \u00f6ffentliches Gut handelt oder der Markt zum nat\u00fcrlichen Monopol tendiert. Ist Marktversagen der Grund f\u00fcr die aktuelle Medienkrise?<\/p>\n<p>Ein <strong>nat\u00fcrliches Monopol<\/strong> kann sich dann bilden, wenn hohe Fixkosten anfallen und die Kosten zus\u00e4tzlicher Produktion (Grenzkosten) gering sind. Da sich Fixkosten auf die gesamte Produktion verteilen, sinken die St\u00fcck-Kosten je mehr produziert wird. Am billigsten kann dann derjenige anbieten, der am meisten verkauft. Die Folge: Wer gro\u00df ist, wird noch gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n<p>Diese Entwicklung ist bei Informationsangeboten im Internet zu beobachten. Den Fixkosten der Informationserstellung (Personal f\u00fcr Redaktion, Computertechnik, Geb\u00e4ude, Marketing) stehen Grenzkosten gegen\u00fcber, die gegen Null tendieren. Denn ein zus\u00e4tzlicher User auf der Webseite des Informationsanbieters verursacht minimale Zusatzkosten (Serverkosten).<\/p>\n<p>Allerdings: Gibt es kaum H\u00fcrden, um in einen Markt einzusteigen, geht es Monopolisten meist schnell an den Kragen. Die Konkurrenz macht dann mit frischen Ideen die Kostennachteile wett.<\/p>\n<p>So scheint es auch gegenw\u00e4rtig zu sein: Das umfangreiche Informationsangebot im Internet ist ein Indiz daf\u00fcr, dass der Nachteil der Monopoltendenz durch die gefallenen Publikationsh\u00fcrden kompensiert wird.<\/p>\n<p>Ist die Information im Internet aber vielleicht ein <strong>\u00f6ffentliches Gut<\/strong>? \u00d6ffentliche G\u00fcter zeigen beim Konsum zwei Besonderheiten: Nicht-Rivalit\u00e4t und Nicht-Ausschlie\u00dfbarkeit.<\/p>\n<p>Nicht-Rivalit\u00e4t meint, dass ein Gut zur gleichen Zeit von vielen Personen verwendet werden kann, ohne dass die Nutzung des einen die Nutzung des anderen beeintr\u00e4chtigt. W\u00e4hrend ein Auto zur gleichen Zeit nur von einem Fahrer gefahren werden kann (Rivalit\u00e4t), ist die Nutzung einer Webseite f\u00fcr viele gleichzeitig m\u00f6glich (Nicht-Rivalit\u00e4t).<\/p>\n<p>Nicht-Ausschlie\u00dfbarkeit hei\u00dft, dass es nicht m\u00f6glich ist, Personen vom Konsum eines Gutes auszuschlie\u00dfen. \u201eSaubere Luft\u201c zum Beispiel ist ein solches \u00f6ffentliches Gut, Informationen im Internet aber eben nicht.<\/p>\n<p>Es ist technisch kein gro\u00dfes Problem, Informationen nur jenen zukommen zu lassen, die daf\u00fcr bezahlen. Bei speziellen Fachinformationen wird das heute auch schon gemacht. Bei Nachrichten, die potenziell viele interessieren (Politik, Wirtschaft, Sport, Kultur), aber schreckten die Medienunternehmen vor Bezahlinhalten zur\u00fcck. Denn das Gesch\u00e4ftsmodell basiert bisher auf dem Verkauf von Werbepl\u00e4tzen in der N\u00e4he zu journalistischen Inhalten.<\/p>\n<p>Den potenziellen Zusatzeinnahmen durch Bezahlinhalte st\u00fcnden folglich Verluste durch Werbeeinnahmen gegen\u00fcber, weil durch die Zugangsbarriere weniger Nutzer auf die Seiten gelangen w\u00fcrden. Die beiden Einnahmequellen \u201eWerbung\u201c und \u201ePaid Content\u201c korrelieren also negativ. Die Medienunternehmen m\u00fcssen abw\u00e4gen, welche Strategie am gewinntr\u00e4chtigsten f\u00fcr sie ist. Das aber ist lediglich ein Problem des Unternehmens, nicht des Marktes.<\/p>\n<p>Der Umbruch des Medienmarktes ist folglich ein nat\u00fcrlicher, <strong>ein Marktversagen f\u00fcr das Gut \u201eInformation\u201c liegt nicht vor<\/strong>. Das allerdings bewahrt die Medienbranche nicht vor gravierenden Einschnitten. Wie in anderen Branchen auch, zerst\u00f6rt der technische Fortschritt alte Gesch\u00e4ftsmodelle. In der Medienbranche l\u00f6st aktuell das Internet die mehr als 150 Jahre w\u00e4hrende Dreiecksbeziehung von Verlegern, Werbetreibenden und Journalisten auf.<\/p>\n<p>Weil es f\u00fcr das Publizieren im Internet keine teuren Druckmaschinen braucht, wird die Rolle des Verlegers als Geldgeber obsolet. Und wer etwas verkaufen will, der ist nicht mehr auf die Platzierung seiner Angebote neben journalistischen Inhalten angewiesen. \u00dcber Ebay l\u00e4sst sich g\u00fcnstig ein Millionen-Publikum ansprechen und kleine Textanzeigen neben und \u00fcber Google-Suchtreffer-Listen erreichen zielgenau Interessenten.<\/p>\n<p>Die Medienbranche befindet sich also im Prozess der sch\u00f6pferischen Zerst\u00f6rung, wie es Joseph Schumpeter formuliert hatte. Allerdings zeigt die aktuelle Medienkrise, dass das Ende eines Gesch\u00e4ftsmodells nicht automatisch ein neues hervorbringt. Nicht immer wird das Gute durch das Bessere abgel\u00f6st. Oft muss das Bessere erst gesucht und gefunden werden.<\/p>\n<p>Der Medienexperte Clay Shirky zieht in seinem lesenswerten Aufsatz \u201e<a href=\"http:\/\/www.shirky.com\/weblog\/2009\/03\/newspapers-and-thinking-the-unthinkable\/\" target=\"_blank\">Thinking the unthinkable<\/a>\u201c einen Vergleich zur Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert, welche die\u00c2\u00a0 Gesellschaft in heftige Turbulenzen st\u00fcrzte.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eHow did we get from the world before the printing press to the world after it? \u2026Chaotic, as it turns out. The Bible was translated into local languages; was this an educational boon or the work of the devil? Erotic novels appeared, prompting the same set of questions. Copies of Aristotle and Galen circulated widely, but direct encounter with the relevant texts revealed that the two sources clashed, tarnishing faith in the Ancients. As novelty spread, old institutions seemed exhausted while new ones seemed untrustworthy; as a result, people almost literally didn\u2019t know what to think.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Das Alte, so Shirky\u201c\u02dcs Fazit, geht h\u00e4ufig schneller kaputt wie Neues an seine Stelle treten kann. So sei es bei der Erfindung des Buchdrucks gewesen, so geschehe es heute nach der Erfindung des Internets.<\/p>\n<p>Aber was wird das Neue, das Bessere? Wir werden es erst im R\u00fcckblick wissen. Das Entdeckungsverfahren des Marktes war schon immer schlauer als alle Prognosen gut bezahlter Berater zusammen. Auch Shirky h\u00e4lt sich wohltuend zur\u00fcck:<\/p>\n<blockquote><p>\u201cIf the old model is broken, what will work in its place? The answer is: Nothing will work, but everything might.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Es klingt nach Plattit\u00fcde, stimmt aber dennoch: Wie jede Krise, ist auch die Medienkrise die Zeit f\u00fcr Experimente. Und einer von vielen Vorteilen des Internets ist: Jeder kann selbst experimentieren. Vielleicht bastelt ja gerade ein 14-j\u00e4hriger Computerfreak an einer gro\u00dfen Idee.<\/p>\n<p class=\"FreeForm\">\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er ist 78 Jahre alt und sieht in die Zukunft: \u201eDie Zeiten des freien Internets werden bald vorbei sein\u201c, hatte Rupert Murdoch im Fr\u00fchjahr prognostiziert. &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=2098\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201e<small>Gastbeitrag:<\/small><br \/>Sind die Medien in der Krise, weil der Markt versagt?\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":53,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[42,31,23],"tags":[],"class_list":["post-2098","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-mediales","category-politisches","category-wettbewerbliches"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Gastbeitrag:Sind die Medien in der Krise, weil der Markt versagt? 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