{"id":21056,"date":"2017-07-10T00:01:59","date_gmt":"2017-07-09T23:01:59","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=21056"},"modified":"2019-05-02T15:33:36","modified_gmt":"2019-05-02T14:33:36","slug":"ordnungsrufist-die-soziale-marktwirtschaft-noch-ein-modernes-forschungsfeld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=21056","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Ordnungsruf<\/font><br\/>Ist die Soziale Marktwirtschaft noch ein modernes Forschungsfeld?"},"content":{"rendered":"<p>Im Ludwig Erhard-Zentrum F\u00fcrth, der Geburtsstadt Ludwig Erhards, wird mit ausdr\u00fccklichem Wollen und bedeutender F\u00f6rderung der Bayerischen Staatsregierung eine \u201eForschungsprofessur f\u00fcr Soziale Marktwirtschaft\u201c eingerichtet. Soziale Marktwirtschaft als \u2013 vor allem von Alfred M\u00fcller-Armack \u2013 formuliertes theoretisches Leitbild und \u2013 vor allem von Ludwig Erhard \u2013 in Deutschland praktisch umgesetzte Konzeption wird als Forschungsobjekt in F\u00fcrth aktiviert. Dabei stellt sich zwingend die Frage, wie das Erhardsche Konzept der Sozialen Marktwirtschaft als Forschungsobjekt in die moderne \u00f6konomische Forschungslandschaft eingebracht werden kann.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<ol>\n<li>Ludwig Erhards Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft (SM) ist, wenn man von der Wieselwort-Kritik Friedrich August von Hayeks absieht und die irenische Funktion von Markt und Sozialem in den Vordergrund stellt, prinzipiell nicht \u00fcberholt und wird seit einiger Zeit sogar von den Sozialdemokaten propagiert. Nicht nur im Wiedervereinigungsvertrag, sondern auch im Lissabon-Vertrag der EU findet sich die SM als grunds\u00e4tzliche Wirtschaftsordnung kodifiziert. Wir kennen die Genealogie der von vielen Seiten in Wissenschaft und Politik gegebenen Interpretationen dessen, was SM ist, sein k\u00f6nnte oder sein sollte. Das Begriffspaar Marktwirtschaft und dem, was man als sozial bezeichnet, ist in gewisser Weise hoch indeterminiert, was vor allem das Soziale anbetrifft, das zu politischem Missbrauch geradezu einl\u00e4dt, wie insbesondere in Wahlkampfzeiten zu besichtigen ist.<\/li>\n<li>Die Konzeption der SM wird an den deutschen \u2013 und erst recht an ausl\u00e4ndischen \u2013 Hochschulen nicht oder allenfalls am Rande gelehrt, die international \u201emoderne\u201c wissenschaftliche \u00d6konomik interessiert sich daf\u00fcr nicht: Das sei typisch deutsches \u201everstaubtes\u201c Denken. Die \u00f6konomische Realit\u00e4t der in Deutschland durch Ludwig Erhard implementierten und im internationalen Vergleich relativ erfolgreichen SM spricht allerdings eine andere Sprache. Diesem erfolgsnegierenden Denken kann und muss man deshalb entgegentreten, wenn man das Konzept der SM mit ihren ordnungs\u00f6konomischen Wurzeln in die international gepr\u00e4gte moderne Neue Institutionen\u00f6konomik (<em>new international economics<\/em>) integriert, sie quasi als einen ihrer wissenschaftlichen Pfeiler betrachtet, was sie auch tats\u00e4chlich ist.<\/li>\n<li>Denn Ordnungs\u00f6konomik ist Institutionen\u00f6konomik. Institutionen sind Regeln, die Anreize (<em>incentives<\/em>) auf das Verhalten von Menschen, Organisationen etc. aussenden: Geschriebene (Gesetze, Anweisungen, Verbote etc.) und ungeschriebene Regeln (Sitten, Gebr\u00e4uche). Und da sind wir bei der Sozialen Marktwirtschaft: Sie kann nur dann ad\u00e4quat funktionieren, wenn die <em>incentives <\/em>f\u00fcr das Funktionieren von M\u00e4rkten einerseits und dessen, was das Soziale sein soll, andererseits richtig, also effizient, gesetzt sind: \u201eWieviel Soziales vertr\u00e4gt die Marktwirtschaft?\u201c, \u201eWieviel Markt braucht es, um das Soziale zu produzieren?\u201c sind hervorragende Fragestellungen f\u00fcr die \u00d6konomik der <em>incentives<\/em>, also der Regeln, also der Institutionen.<\/li>\n<li>Sichtbar wird hier, dass innerhalb der Institutionen\u00f6konomik auch die Transaktionskosten\u00f6konomik, Public Choice, die moderne Verhaltens\u00f6konomik (allerdings nicht prim\u00e4r die laborgest\u00fctzte), der Principle Agent-Ansatz<strong>, <\/strong>die Theorie der Clubs etc. in Forschungsthemen \u00fcber die SM analytisch perfekt integrierbar sind. Letztere verlieren damit ihr Image des Antiquierten, des Randst\u00e4ndigen, des \u201etypisch Deutschen\u201c und gewinnen internationales Design, was bekanntlich f\u00fcr die Plazierung von Forschungsarbeiten in internationalen, vor allem auch europ\u00e4ischen, Journals entscheidend ist.<\/li>\n<li>Innerhalb dieser Institutionen\u00f6konomik muss sich die Besch\u00e4ftigung mit Themen der SM auch und besonders auf Zukunftsthemen des \u00f6konomischen Wandels konzentrieren, die es zu Zeiten von M\u00fcller-Armack und Ludwig Erhard in dieser Form noch nicht gab: Globalisierung, Digitalisierung, internationaler Strukturwandel. Wie definieren wir hier das Soziale in marktlichen Freisetzungsprozessen? Sicher nicht als Verhinderungsstrategie durch zukunfts-averse Institutionen der Abschottung, des Protektionismus, der Verhinderung des Technischen Fortschritts, sondern vielmehr durch zukunftsorientierte Institutionen der Lern-, Bildungs-, Ausbildungs- und Umschulungsaktivit\u00e4ten. Das Soziale in der zuk\u00fcnftigen offenen Marktwirtschaft muss den Schumpeter-Touch des Sch\u00f6pferischen und der (sicher auch staatlichen) Hilfe zur Bew\u00e4ltigung von Anpassungsaktivit\u00e4ten sowie der Grundabsicherung der Arbeitnehmer haben. Die Integration in das Sch\u00f6pferische der Innovationen und nicht das Bewahrende in der Sklerotik der kollektiv und staatlich ausgehandelten Sozialstandards ist das Zukunfts-Soziale der Marktwirtschaft. Dazu m\u00fcssen die institutionell gesetzten Anreize stimmen, um die Akzeptanz der Arbeitnehmer und Unternehmer diesbez\u00fcglich zu gewinnen. Die Definition des Zukunfts-Sozialen liegt deshalb in der Hinwendung zu Schumpeter-Kreativit\u00e4t im Verbund mit Hayek-freiheitlicher Entfaltung von zukunftsorientierter Bildung und Fortbildung.<\/li>\n<li>Wie sehr Anreize die Institution des Sozialen in der Marktwirtschaft (negativ) beeinflussen k\u00f6nnen, zeigt sich in der Frage, ob und inwiefern international offene Marktwirtschaften mit offenen Sozialsystemen vereinbar sind. Sie sind es grunds\u00e4tzlich nicht, wenn die Sozialsysteme nicht zwischen Inl\u00e4ndern und Ausl\u00e4ndern diskriminieren d\u00fcrfen. Im internationalen Institutionenwettbewerb des Sozialen verhalten sich die Menschen dann als Sozial-Arbitrageure, die die Wanderung vom schlechten ins bessere Sozialsystem vornehmen. Die gegenw\u00e4rtigen Migrationsstr\u00f6me nach Deutschland und innerhalb Europas geben Zeugnis von der immensen Bedeutung falscher institutioneller Arrangements mit Anreizen, die eine nationale soziale Marktwirtschaft \u00fcberlasten und zerst\u00f6ren k\u00f6nnen.<\/li>\n<li>Da es um Anreize geht, ist die Unterscheidung zwischen anreizeffizienten und anreizperversen Institutionen wichtig. Die z.B. neuerlich popul\u00e4r gewordene Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens anstelle des Konzepts der SM zeigt, wie wichtig diese Unterscheidung ist, weil anreizkompatible oder anreizperverse Institutionen hier eine SM bl\u00fchen lassen oder zerst\u00f6ren k\u00f6nnen. Die Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen ist im Kern eine Diskussion um Leistungsanreize. Auch das aktuelle Beispiel der Ineffizienz der sog. Mietpreisbremse zeigt deutlich, welche fatalen Folgen die breite Unkenntnis von Effekten alternativer Anreizsysteme durch die Politik haben kann. Dasselbe gilt f\u00fcr die sog. Schuldenbremse. Gut gemeintes Soziales endet dann in schlecht gemachtem Interventionismus der Ineffektivit\u00e4t. Dieses Problem l\u00e4sst sich grunds\u00e4tzlich auch auf das (Nicht-)Verst\u00e4ndnis der Gr\u00fcnde f\u00fcr die Existenz von schattenwirtschaftlichen Aktivit\u00e4ten \u00fcbertragen, die aus den offiziell verordneten anreizperversen Regelsystemen auswandern in inoffizielle, z. T. auch illegale, anreizeffiziente Regeln.<\/li>\n<li>Institutionen\u00f6konomisch sind die Hirschmanschen Verhaltenskategorien von <em>exit, voice<\/em> und <em>loyalty <\/em>f\u00fcr Studien zur SM hochrelevant. Sie fungieren geradezu als Indikatoren f\u00fcr die (Nicht-)Akzeptanz einer konkreten institutionellen Auspr\u00e4gung des Wirtschafts- und Gesellschaftssystems eines Landes. Insbesondere die Institutionen von <em>voice<\/em> und <em>exit <\/em>fungieren in ihren Anreizwirkungen als Verhaltensdrohung und deshalb als Stabilisatoren f\u00fcr eine SM als speziellen polit-\u00f6konomischen Club.<\/li>\n<li>F\u00fcr das Forschungsthema Europa findet sich eine Tummelwiese von geradezu anreiz-perversen Institutionen, die zwar als Regeln im Lissabon-Vertrag kodifiziert sind, aber nicht eingehalten werden. Was hier in der politischen Arena unter \u201eeurop\u00e4ischer\u201c SM firmiert, hat mit der urspr\u00fcnglichen SM-Idee so gut wie nichts zu tun, sondern muss als ein Institutionengeflecht angesehen werden, das vor allem von intra-europ\u00e4ischer Umverteilung zwischen mehr oder weniger marktlich organisierten Volkswirtschaften gepr\u00e4gt ist. Das diesbez\u00fcgliche SM-Forschungsfeld erscheint hier un\u00fcbersehbar gro\u00df, weil angesichts des EU-Umverteilungs-Sozialen (\u201edie EU muss als Solidargemeinschaft sozialer werden\u201c) die hohe Bedeutung von effizient und effektiv funktionierenden nationalen M\u00e4rkten tats\u00e4chlich hervorragt, aber im politischen Fokus immer st\u00e4rker in den Hintergrund tritt. Die sich neuerlich anbahnende \u201est\u00e4rkere Zusammenarbeit\u201c Deutschlands mit einem Frankreich als polit-\u00f6konomischem Club der st\u00e4rker zentralstaatlich-kollektiv regulierten Sozialstandards und weniger der privat-dezentral angelegten Marktkoordination muss im Lichte der Schaffung einer \u201eeurop\u00e4ischen Sozialen Marktwirtschaft\u201c als gefahrvoll angesehen werden, wenn Deutschland, das sich ja selbst weit von der urspr\u00fcnglichen Konzeption der SM entfernt hat, dem franz\u00f6sischen Modell immer weiter entgegenkommt, anstatt dass dies umgekehrt verl\u00e4uft. Intra-europ\u00e4ische Umverteilung schafft keinen Wohlstand in Europa, wohl aber die Produktivit\u00e4t der im Wettbewerb stehenden Unternehmen in weitestgehend deregulierten nationalen Markwirtschaften, wie dies der Binnenmarktphilosophie entspricht.<\/li>\n<li>Schlie\u00dflich: Die SM als in jeweils spezifischer Auspr\u00e4gung bez\u00fcglich der institutionellen Arrangements weltweit, insbesondere in den L\u00e4ndern Afrikas und Lateinamerikas, ist ein breites Forschungsfeld innerhalb der internationalen Institutionen\u00f6konomik, derer sich eine Ludwig Erhard-Professur mit Andockung an die moderne internationale theoretische und empirische Institutionenforschung widmen sollte.<\/li>\n<li>Denn auch in F\u00fcrth gilt: <em>Institutions matter!<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Ludwig Erhard-Zentrum F\u00fcrth, der Geburtsstadt Ludwig Erhards, wird mit ausdr\u00fccklichem Wollen und bedeutender F\u00f6rderung der Bayerischen Staatsregierung eine \u201eForschungsprofessur f\u00fcr Soziale Marktwirtschaft\u201c eingerichtet. 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