{"id":21210,"date":"2017-07-22T00:01:44","date_gmt":"2017-07-21T23:01:44","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=21210"},"modified":"2025-04-02T13:20:27","modified_gmt":"2025-04-02T12:20:27","slug":"eine-unendliche-geschichtebizarrer-streit-um-deutsche-leistungsbilanzueberschuesse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=21210","title":{"rendered":"Eine (un)endliche Geschichte<br\/><font size=3; color=grey>(Deutsche) Leistungsbilanz\u00fcbersch\u00fcsse in der Kritik<\/font>"},"content":{"rendered":"<blockquote><p><em>\u201eEs ist zwar schon alles gesagt, es haben aber noch nicht alle alles gesagt.\u201c (Karl Valentin)<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Alle reden von au\u00dfenwirtschaftlichen Gleichgewichten. Jeder versteht darunter aber etwas anderes. Meist geht es um die Leistungsbilanz. Anhaltende \u00dcbersch\u00fcsse und Defizite sind vielen ein \u00c4rgernis. Das kommt nicht von ungef\u00e4hr. In der Euro-Krise hingen den Krisenl\u00e4ndern die Leistungsbilanzdefizite wie M\u00fchlsteine um den Hals. \u00dcberschussl\u00e4nder kamen besser durch die wirtschaftlich schwere Zeit. Ihnen wird aber vorgeworfen, sie lebten auf Kosten der Defizitl\u00e4nder. Weltweit werden L\u00e4nder mit \u00dcbersch\u00fcssen aufgefordert, sie nachhaltig abzubauen. Donald Trump ist deren lautst\u00e4rkster Protagonist. Ansonsten droht er mit handelspolitischem Protektionismus. Die EU hat reagiert. Sie hat sich darauf verst\u00e4ndigt, die nationalen \u00dcbersch\u00fcsse in der Leistungsbilanz auf 6 % und die Defizite auf 4 % des BIP zu begrenzen. Die Forderung nach \u201eLeistungsbilanzbremsen\u201c f\u00e4llt auch in der Wissenschaft immer \u00f6fter auf fruchtbaren Boden. Der Bonner \u00d6konom Carl-Christian von Weizs\u00e4cker<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> ist einer ihrer prominentesten Vertreter. Man fragt sich allerdings, ob es sinnvoll ist, Salden in der Leistungsbilanz zu bek\u00e4mpfen, zur Not auch mit Werkzeugen aus der planwirtschaftlichen Folterkammer.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Einmaleins der Zahlungsbilanz<\/strong><\/p>\n<p>Die Diskussion um (deutsche) Leistungsbilanz\u00fcbersch\u00fcsse ist bizarr. In \u00dcberschussl\u00e4ndern ist die Summe der Werte aus international gehandelten G\u00fctern und Diensten, den Ertr\u00e4gen aus internationalen Anlagen und dem Saldo der laufenden \u00dcbertragungen positiv. In Deutschland dominiert, wie in den meisten L\u00e4ndern weltweit, der Handel mit G\u00fctern. Alle anderen internationalen Aktivit\u00e4ten sind quantitativ von geringerer Bedeutung. Sind die Wechselkurse flexibel, ist die Devisenbilanz ausgeglichen. Dem \u00dcberschuss in der Leistungsbilanz entspricht dann notwendigerweise ein Defizit in der Kapitalbilanz. In allen anderen W\u00e4hrungssystemen weist die Devisenbilanz allerdings Salden auf. \u00dcberschussl\u00e4nder exportieren mehr Kapital als sie importieren. Das gilt auch f\u00fcr Deutschland. Mit den Kapitalanlagen im Ausland erzielen deutsche Investoren im allgemeinen auch Ertr\u00e4ge. Diese erh\u00f6hen die \u00dcbersch\u00fcsse in der Leistungsbilanz. H\u00f6here Defizite in der Kapitalbilanz wirken sich deshalb positiv auf die Leistungsbilanz aus<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>. Leistungs- und Kapitalbilanz sind nicht unabh\u00e4ngig voneinander, sie interagieren. Damit ist die (ur)alte, kontroverse Diskussion, welche Teilbilanz \u201ebefiehlt\u201c und welche \u201efolgt\u201c (Eugen von B\u00f6hm-Bawerk) eher randst\u00e4ndig.<\/p>\n<p>Es ist reiner Zufall, wenn die Teilbilanzen ausgeglichen sind. In der Realit\u00e4t weisen sie in der Regel mehr oder weniger gro\u00dfe Salden auf. Ob diese positiv oder negativ sind, h\u00e4ngt von millionenfachen Entscheidungen von Haushalten und Unternehmen \u00fcberall auf der Welt ab. Private Haushalte entscheiden dar\u00fcber, wieviel Arbeit sie anbieten, wieviel sie sparen und wieviel sie konsumieren. Sie m\u00fcssen sich auch dar\u00fcber klarwerden, wieviel der Ersparnisse sie im Inland und wieviel sie im Ausland anlegen. Ebenfalls notwendig ist eine Entscheidung, wieviel inl\u00e4ndische und wieviel ausl\u00e4ndische G\u00fcter und Dienste sie konsumieren wollen. Aber auch Unternehmen treffen Entscheidungen, die sich auf die Teilbilanzen auswirken. Wieviel und wo, im In- oder Ausland, sie investieren wollen, z\u00e4hlen dazu. Ob und wieviel ausl\u00e4ndische oder inl\u00e4ndische Vorprodukte sie einsetzen wollen, muss ebenfalls entschieden werden. Schlie\u00dflich m\u00fcssen sie entscheiden, ob sie die G\u00fcter und Dienste im In- oder Ausland verkaufen wollen.<\/p>\n<p>Welche Salden die Leistungs- und Kapitalbilanzen aufweisen, h\u00e4ngt nicht nur von privaten wirtschaftlichen Akteuren ab. Auch die Staaten mischen kr\u00e4ftig \u00fcber staatliche Ausgaben und deren (steuerliche) Finanzierung mit. Die Politik entscheidet (g\u00fcnstigstenfalls) im Auftrag ihrer W\u00e4hler, wieviel staatliche Ausgaben sie t\u00e4tigt und ob sie konsumtiv oder investiv sein sollen. In beiden F\u00e4llen kann der Staat die G\u00fcter und Dienste aus dem In- oder dem Ausland beziehen. Auch \u00fcber die Finanzierung der staatlichen Ausgaben muss eine Entscheidung getroffen werden. Die finanziellen Mittel m\u00fcssen immer und \u00fcberall von heimischen Steuerzahlern aufgebracht werden. Bei direkter Steuerfinanzierung geschieht dies sofort, bei staatlicher Verschuldung erst sp\u00e4ter. In Demokratien besteht eine Tendenz, die Lasten der Finanzierung auf k\u00fcnftige Generationen zu verschieben. Das geschieht in repr\u00e4sentativen Demokratien mehr, in direkten weniger. Dazu eignet sich die staatliche Verschuldung. Die wiederum kann im Inland oder im Ausland erfolgen<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Individuelle Entscheidungen<\/strong><\/p>\n<p>Mit den weltweiten Entscheidungen von privaten Haushalten, privaten Unternehmen und staatlicher Politik weltweit liegen auch die Salden von Leistungs- und Kapitalbilanzen fest. Das k\u00f6nnte es somit gewesen sein, zumindest wirtschaftspolitisch. Ein Handlungsbedarf der Politik am \u201eoffenen Herzen\u201c der Teilbilanzen ist auf den ersten (und auch zweiten) Blick nicht ersichtlich. Es ist allerdings denkbar, dass selbst rational handelnde private Haushalte und private Unternehmen falsche Entscheidungen treffen. Schafft der (Sozial-)Staat keine Anreize, die ineffizientes Verhalten f\u00f6rdern, oder hilft er ihnen finanziell nicht aus der Patsche, tragen sie in einer Marktwirtschaft die Folgen selbst. Eine staatliche Korrektur von Salden in Leistungs- und Kapitalbilanzen, etwa mit einer \u201eLeistungsbilanzbremse\u201c, w\u00e4re verfehlt. Es w\u00e4re ein tiefer Eingriff in die individuelle Entscheidungsfreiheit. Das ist in einer marktwirtschaftlichen Ordnung nicht angebracht. Handlung und Haftung geh\u00f6ren zusammen.<\/p>\n<p>Diese \u00dcberlegungen gelten auch f\u00fcr steuer- und ausgabenpolitisch verursachte Salden in den Teilbilanzen. In Demokratien besteht eine Tendenz zu suboptimal hohen staatlichen Ausgaben. Konsumtive Ausgaben des (Sozial-)Staates dominieren, investive kommen oft viel zu kurz. Wachstumsverluste sind unvermeidlich. Direktere Formen der Demokratie verringern diese negativen Effekt. Werden staatliche Ausgaben direkt \u00fcber Steuern finanziert (\u201eschwarze Null\u201c), ist der Einfluss auf die Leistungsbilanz vernachl\u00e4ssigbar. Allerdings ist die Wahl der Steuern nicht teilbilanzneutral. Indirekte Steuern wirken eher \u00fcber die Leistungsbilanz, direkte Steuern eher \u00fcber die Kapitalbilanz. Da die Politik einen inh\u00e4renten Anreiz hat, Staatsausgaben \u00fcber Verschuldung zu finanzieren, ist die Gefahr eines \u201eZwillings-Defizits\u201c gro\u00df. Wachsende Haushalts-Defizit treten oft Hand in Hand mit Leistungsbilanz-Defiziten auf. Ein Blick auf die \u201eVier Welten\u201c des Kapitalismus zeigt, dass die Pr\u00e4ferenzen der B\u00fcrger f\u00fcr staatliche Ausgaben und die Art der Finanzierung weltweit recht unterschiedlich ausfallen. Es ist falsch, diese Entscheidungen der W\u00e4hler mit einer \u201eLeistungsbilanzbremse\u201c zu korrigieren. Einer Gesellschaft steht es allerdings frei, sich f\u00fcr eine &#8222;Schuldenbremse&#8220; zu entscheiden, um k\u00fcnftige Generationen weniger zu belasten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Marktliche Korrekturmechanismen<\/strong><\/p>\n<p>Aus dem Verhalten von Haushalten, Unternehmen und W\u00e4hlern erw\u00e4chst a priori kein zahlungsbilanzpolitischer Handlungsbedarf. Planwirtschaftliche Eingriffe in die Teilbilanzen sind nicht angesagt. Es ist nicht auszuschlie\u00dfen, dass die wirtschaftlichen und politischen Akteure \u00fcber die Str\u00e4nge schlagen. Auch in diesem Fall h\u00e4lt sich aber das wirtschaftliche Ungemach in Grenzen. Wechselkurse bremsen die Salden in der Leistungsbilanz ein. Auf- und Abwertungen begrenzen die Salden in der Leistungsbilanz. Probleme entstehen, wenn die Wechselkurse systematisch verzerrt werden. Das ist gegenw\u00e4rtig in der EWU der Fall. Die expansive Geldpolitik der EZB vergr\u00f6\u00dfert die deutschen Leistungsbilanz\u00fcbersch\u00fcsse gegen\u00fcber Drittl\u00e4ndern. Probleme entstehen auch, wenn die Wechselkurse fixiert sind oder eine einheitliche W\u00e4hrung (Euro) existiert. Aber auch in diesem Falle wachsen die B\u00e4ume der Leistungsbilanzsalden nicht in den Himmel, immer vorausgesetzt die interne Auf- und Abwertung \u00fcber flexible Reall\u00f6hne funktioniert. Das ist in der EWU allerdings gegenw\u00e4rtig nicht der Fall. Gigantische fiskalische Rettungsschirme der Mitgliedsl\u00e4nder und eine hyper-expansive Geldpolitik der EZB verhindern Strukturreformen. Sklerotisierte Arbeitsm\u00e4rkte sind unvermeidlich, Reall\u00f6hne inflexibel. Die interne Anpassung lahmt.<\/p>\n<p>Auch internationale Kapitalbewegungen halten die Salden in den Teilbilanzen im Zaum. L\u00e4nder mit Leistungsbilanz-Defiziten sto\u00dfen an Grenzen. Sie m\u00fcssen die Defizite mit internationalem Kapital finanzieren. Das ist solange kein Problem, wie internationale Kapitalgeber der Meinung sind, dass sich ihr Kapital risikoad\u00e4quat verzinst. Mit den Risiken gr\u00f6\u00dferer konsumtiv getriebener Leistungsbilanzdefizite steigen allerdings die Finanzierungskosten. Im schlimmsten Fall steigen die Kapitalgeber aus. Das diszipliniert ausgabefreudige Kapitalnehmer. Der Sanktionsmechanismus schw\u00e4chelt, wenn staatliche Finanzierung die private ersetzt. Die Erwartung fiskalischer und monet\u00e4rer Rettungsschirme allein reicht oft schon aus. Der Sanktionsmechanismus der Kapitalm\u00e4rkte ist auch bei Leistungsbilanz\u00fcbersch\u00fcssen am Werk. Mit dem Abfluss an Kapital schw\u00e4cht sich das inl\u00e4ndische wirtschaftliche Wachstum ab. Reagieren Lohn-, Tarif- und Sozialpolitik nicht ad\u00e4quat auf diese Ver\u00e4nderungen, leidet die internationale Wettbewerbsf\u00e4higkeit. Die Salden in der Leistungs- und Kapitalbilanz bilden sich zur\u00fcck. Diesen Fehler machen die deutschen (Industrie-)Gewerkschaften in den letzten Jahren aber immer seltener. Die Lohn- und Tarifpolitik ist vorsichtiger. Sie sch\u00f6pft die Produktivit\u00e4tsfortschritte in den Sektoren, in denen international handelbare G\u00fcter dominieren, nicht mehr voll aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Externe Effekte?<\/strong><\/p>\n<p>In der E(W)U wird den \u00dcberschuss-L\u00e4ndern auch vorgeworfen, sie destabilisierten die Defizit-L\u00e4nder. Diese litten unter mangelnder gesamtwirtschaftlicher Nachfrage. \u00dcberschuss-L\u00e4nder saugten Nachfrage aus den Defizit-L\u00e4ndern ab. Deren Kapazit\u00e4ten w\u00fcrden noch weniger ausgelastet, die wirtschaftliche Entwicklung w\u00fcrde weiter destabilisiert. Von Deutschland wird gefordert, die Schuldenbremse zu lockern und eine expansivere Fiskalpolitik zu fahren. Die h\u00f6here Nachfrage nach G\u00fctern erstrecke sich auch auf ausl\u00e4ndische. Diese Spillover-Effekte verringerten den Nachfragemangel in den Defizit-L\u00e4ndern. Das ist neuer Wein in den alten Schl\u00e4uchen der \u201eLokomotiv\u201c-Theorie (<a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=20889\">hier<\/a>). Dieses Argument hat mehrere Schw\u00e4chen: Zum einen hat Deutschland keine moralische Pflicht, sich den Anderen als Lokomotive zur Verf\u00fcgung zu stellen. Wer mehr gesamtwirtschaftliche Nachfrage will und an Keynes glaubt, muss fiskalisch selbst t\u00e4tig werden und sich nicht als Trittbrettfahrer verhalten. Zum anderen sind die \u00dcbertra-gungseffekte in der Realit\u00e4t allenfalls minimal. Daneben sind die Handelspartner, mit denen Deutschland signifikante \u00dcbersch\u00fcsse aufweist, meist ebenfalls L\u00e4nder mit Leistungsbilanz-\u00dcbersch\u00fcssen. Schlie\u00dflich ist das Bild von der mangelnden gesamtwirtschaftlichen Nachfrage in den EU-L\u00e4ndern \u00fcberholungsbed\u00fcrftig. Die Kapazit\u00e4ten sind inzwischen fast \u00fcberall gut ausgelastet. Das Problem der Defizit-L\u00e4nder ist die mangelnde internationale Wettbewerbsf\u00e4higkeit.<\/p>\n<p>Wollen die Defizit-L\u00e4nder das Damokles-Schwert eines \u201esudden stopp\u201c der Finanzierung loswerden, m\u00fcssen sie ihre internationale Wettbewerbsf\u00e4higkeit verbessern. Die marktwirtschaftliche L\u00f6sung liegt auf der Hand: Entweder sie werden \u201ebesser\u201c oder \u201ebilliger\u201c. Auch die Instrumente sind altbekannt: Strukturreformen und Austerit\u00e4t. Mehr Wettbewerb auf G\u00fcter- und Faktorm\u00e4rkten macht die relativen Preise flexibler und erh\u00f6ht die Produktivit\u00e4t. Eine solide Haushaltspolitik schlie\u00dft die Steuer- und Abgabenschere und h\u00e4rtet die Budgetrestriktion der Tarifpartner. Gerhard Schr\u00f6der hat dies gemacht, Emmanuel Macron will es machen. Der eine ist an den W\u00e4hlern gescheitert, der andere hat noch viel Arbeit vor sich. Es ist deshalb kein Wunder, dass die Defizit-L\u00e4nder die notwendige Anpassung lieber auf die \u00dcberschuss-L\u00e4nder abschieben wollen. Die Instrumente sind altbekannt: \u201eRising rivals costs\u201c (h\u00f6here L\u00f6hne), expansive Fiskalpolitik (flexiblere Schuldenbremse) und planwirt-schaftliche Obergrenzen (Leistungsbilanzbremse). Das alles geht einher mit einer Einschr\u00e4nkung der Entscheidungsfreiheit der Haushalte, Unternehmen und W\u00e4hler in den L\u00e4ndern mit \u00dcbersch\u00fcssen in der Leistungsbilanz.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Und was nun?!<\/strong><\/p>\n<p>Die Meinung ist weit verbreitet, die Leistungsbilanz w\u00e4re nur im Gleichgewicht, wenn sie ausgeglichen ist. Das ist ein Irrtum. Auch Salden k\u00f6nnen gleichgewichtig sein. \u00dcbersch\u00fcsse und Defizite in der Leistungs- und Kapitalbilanz sind in der realen Welt nicht die Ausnahme, sie sind vielmehr die Regel. Wie gro\u00df sie ausfallen, h\u00e4ngt davon ab, wie private Haushalte, private Unternehmen und m\u00fcndige B\u00fcrger weltweit entscheiden. Auf funktionierenden \u00f6konomischen und politischen M\u00e4rkten sind Salden in den Teilbilanzen a priori noch keine Ungleichgewichte. Ungleichgewichtig werden sie, wenn die Preissignale auf den M\u00e4rkten grob verzerrt werden und die disziplinierende Kraft weltweit offener M\u00e4rkte blockiert wird. Der Staat spielt hierbei eine unr\u00fchmliche Rolle. Es w\u00e4re deshalb schon viel gewonnen, wenn sich die Politik heraushielte, wenn es um die Salden in Leistungs- und Kapitalbilanz geht. Protektionismus, Investitionslenkung, Lohnleitlinien und Leistungsbilanzbremsen sind kontraproduktiv. Diese Aktivit\u00e4ten lassen alle verlieren, ma\u00dfen sich Wissen an, schaffen die Tarifautonomie ab und greifen in die individuelle Entscheidungsfreiheit der Individuen als wirtschaftliche Akteure und m\u00fcndige W\u00e4hler ein.<\/p>\n<p>Salden w\u00fcrden weniger oft in Ungleichgewichte transformiert, wenn es gel\u00e4nge, verzerrte Preise zu korrigieren. Ein wichtiger \u201eVerzerrer\u201c ist der Euro. Die wirtschaftliche Misere der EWU-Peripherie dr\u00fcckt auf dessen Au\u00dfenwert. Davon profitieren deutsche Unternehmen st\u00e4rker als die meisten anderen. Die EZB verst\u00e4rkt diese Entwicklung. Sie betreibt eine hyper-expansive Geldpolitik. Das tut sie nicht aus Angst vor der Fata Morgana der Deflation. Sie will \u00fcber niedrige Zinsen den Kollaps hochverschuldeter L\u00e4nder des &#8222;Club Med&#8220; verhindern. Und sie dr\u00fcckt den Kurs des Euro gegen\u00fcber dem Dollar. Mit dieser Politik verzerrt sie die Salden in der deutschen Leistungsbilanz. Der k\u00fcnstlich niedrige Kurs des Euro verst\u00e4rkt die deutschen Vorteile gegen\u00fcber Drittl\u00e4ndern weiter. Seit 2011 steigen die Salden in der Leistungsbilanz signifikant. Und die herunter geschleusten Zinsen l\u00e4hmen den Elan der Fu\u00dfkranken in der EWU, notwendige Strukturreformen anzupacken und ihre staatlichen Haushalte zu konsolidieren. Damit verlieren sie auch weiter an Wettbewerbsf\u00e4higkeit gegen\u00fcber Deutschland. Die Politik der EZB vergr\u00f6\u00dfert nicht nur die Salden in der Leistungsbilanz. Sie macht aus Salden \u00fcber kurz oder lang Ungleichgewichte. Eine Korrektur ist dringend erforderlich. Das t\u00e4te auch der deutschen Leistungsbilanz gut.<\/p>\n<p>Weltweit offene G\u00fcter- und Faktorm\u00e4rkte sind der beste Schutz vor ungleichgewichtigen Salden in Leistungs- und Kapitalbilanzen. Der deutschen und europ\u00e4ischen Politik muss deshalb daran gelegen sein, sich daf\u00fcr einzusetzen, die M\u00e4rkte zu \u00f6ffnen. Den europ\u00e4ischen Binnenmarkt endlich zu vollenden, ist ein erster wichtiger Schritt. Die schleichende Tendenz, G\u00fcter- Arbeits- und Kapitalm\u00e4rkte in der EU zu renationalisieren, muss gestoppt werden. Den Prozess der Doha-Runde wieder zu beleben und Freihandelsabkommen mit anderen Wirtschaftsr\u00e4umen weltweit zu schlie\u00dfen, w\u00e4re ein zweiter wichtiger Schritt. Der Widerstand gegen CETA und TTIP ist allerdings kein gutes Zeichen. Auch in Deutschland selbst herrscht Handlungsbedarf. Die deutsche Politik ist stark auf den industriellen Sektor fokusiert. Sein Anteil an der nationalen Wertsch\u00f6pfung und Besch\u00e4ftigung ist im international Vergleich ungew\u00f6hnlich hoch. Aus diesem Sektor stammen die international handelbaren G\u00fcter, die zu den \u00dcbersch\u00fcssen in der Leistungsbilanz beitragen. Die inter-nationalen Organisationen mahnen seit langem v\u00f6llig zu Recht an, in Deutschland die Barrieren abzubauen, die den strukturellen Wandel zum Dienstleistungssektor behindern. Der strukturelle Wandel w\u00fcrde weniger verzerrt, die Ungleichgewichte in der Leistungsbilanz w\u00fcrden verringert.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Der Streit um die deutschen \u00dcbersch\u00fcsse in der Leistungsbilanz ist bizarr. F\u00fcr Kritiker, wie der IWF, die OECD oder j\u00fcngst auch der \u201eEconomist\u201c (<a href=\"https:\/\/www.economist.com\/news\/leaders\/21724810-country-saves-too-much-and-spends-too-little-why-germanys-current-account-surplus-bad\">hier<\/a>) sind Salden in den Teilbilanzen automatisch Ungleichgewichte. Das ist falsch. Sie entstehen durch millionenfache Entscheidungen von Arbeitnehmern, Unternehmen und W\u00e4hlern. Die Sanktionsmechanismen der M\u00e4rkte lassen Salden nicht in den Himmel wachsen. Oft machen staatliche Eingriffe aus diesen Salden erst Ungleichgewichte. Ein gro\u00dfer &#8222;Verzerrer&#8220; ist die EZB. Solche Interventionen sind nicht die L\u00f6sung, sie sind das Problem. Es macht wenig Sinn, den Salden mit planwirtschaftlichen Instrumenten zu Leibe zu r\u00fccken. Protektionismus, Investitionslenkung, Lohnleitlinien oder Leistungsbilanzbremsen sind wie Akupunktur mit der Gabel. Aber schlimmer noch: Sie setzen die individuelle Entscheidungsfreiheit der wirtschaftlichen und politischen Akteure au\u00dfer Kraft. Das ist f\u00fcr Liberale nicht akzeptabel. Europa- und weltweit offenere M\u00e4rkte sind das beste Mittel, um zu verhindern, dass Salden in den Leistungs- und Kapitalbilanzen in Ungleichgewichte transformiert werden. Aber auch Deutschland kann noch Sinnvolles tun: Es kann die Barrieren beseitigen, die den strukturellen Wandel hin zum Dienstleistungssektor behindern. Das w\u00fcrde ungleichgewichtige Leistungsbilanzsalden verringern und die Kritiker europa- und weltweit bes\u00e4nftigen.<\/p>\n<p>&#8212; &#8212; &#8212;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. Weizs\u00e4cker, C.C. (2016), Europas Mitte. Mit einer Leistungsbilanzbremse k\u00f6nnte Deutschland f\u00fcr neuen Zusammenhalt unter den Partnern sorgen, in: Perspektiven der Wirtschaftspolitik (2016), 17(4), 1 &#8211; 10<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Es wird immer wieder vor allem von amerikanischer Seite behauptet, dass deutsche Anleger in verlustbringende Anlagen im Ausland investieren\u00c2\u00a0w\u00fcrden (\u201ePorsche gegen Lehman\u201c). Die Hypothese vom \u201estupid German money\u201c l\u00e4sst sich allerdings, wie die Bundesbank gezeigt hat, empirisch nicht halten und ist daher auch kein Argument gegen deutsche Leistungsbilanz\u00fcbersch\u00fcsse. Vgl. Smeets, H.-D., Zur Diskussion um deutsche Leistungsbilanz\u00fcbersch\u00fcsse, in: Wirtschaftliche Freiheit vom 31. Mai 2017<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Das Ergebnis der vielfachen privaten und staatlichen Entscheidungen l\u00e4sst sich buchhalterisch aus Sicht der VGR als <strong>(Ex \u2013 Im) = (S<sup>pr<\/sup> \u2013 I<sup>pr<\/sup>) + (T \u2013 G)<\/strong> darstellen. Der Saldo in der Leistungsbilanz entspricht der Differenz zwischen inl\u00e4ndischem Sparen und Investieren und der Differenz zwischen steuerlichen Einnahmen und staatlichen Ausgaben.<\/p>\n<p><strong>Blog-Beitr\u00e4ge zum Thema:<\/strong><\/p>\n<p>Dieter Smeets: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=20860\">Zur Diskussion um die deutschen Leistungsbilanz\u00fcbersch\u00fcsse (1)<\/a><\/p>\n<p>Dieter Smeets: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=20889\">Zur Diskussion um die deutschen Leistungsbilanz\u00fcbersch\u00fcsse (2)<\/a><\/p>\n<p>Gunther Schnabl: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=20448\">Leistungsbilanzungleichgewichte. Was Trump wirklich will, und warum Deutschland leiden wird<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19990\">Deutschland am Pranger. Salden und Ungleichgewichte in der Leistungsbilanz<\/a><\/p>\n<p>Juergen B. Donges: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=14219\">Deutschland Leistungsbilanz\u00fcbersch\u00fcsse in der Kritik. Worauf zu achten ist<\/a><br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/08411cf95d434c0ea3b2c811bbabda8f\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eEs ist zwar schon alles gesagt, es haben aber noch nicht alle alles gesagt.\u201c (Karl Valentin) Alle reden von au\u00dfenwirtschaftlichen Gleichgewichten. 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