{"id":21496,"date":"2017-10-04T00:01:48","date_gmt":"2017-10-03T23:01:48","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=21496"},"modified":"2017-10-03T18:05:07","modified_gmt":"2017-10-03T17:05:07","slug":"die-werte-der-wirtschaft-11eigener-besitz-ist-besser-als-staatliche-angebotelehren-aus-der-verhaltensoekonomik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=21496","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Die Werte der Wirtschaft (11)<\/font><br\/>Eigener Besitz ist besser als staatliche Angebote<br\/><font size=3; color=grey>Lehren aus der Verhaltens\u00f6konomik<\/font>"},"content":{"rendered":"<p>Die Einkommen und Verm\u00f6gen in Deutschland sind ungleich verteilt, und die j\u00fcngere empirische Evidenz lehrt, dass die Ungleichverteilung der Einkommen und Verm\u00f6gen in Zukunft weiter ansteigen d\u00fcrfte, wenn der Staat nicht korrigierend eingreift. Hierzu aber ist eine zunehmende Umverteilungsmaschinerie notwendig. Dies bedeutet, dass immer mehr private Einkommen erst staatliche H\u00e4nde durchlaufen m\u00fcssen, um es umverteilen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Dabei sind zwei Wege denkbar. Erstens lassen sich Einkommen direkt umverteilen \u2013 das Einkommen der besser verdienenden Person A wird direkt der schlechter verdienenden Person B zugeschrieben. Zweitens kann der Staat aber auch aus dem Einkommen der Person A \u2013 statt es an B weiterzureichen \u2013 staatliche G\u00fcter herstellen, die dann f\u00fcr beide Personen frei zug\u00e4nglich sind. Staaten gehen mitunter gerne diesen Weg, weil er sich politisch gut verkaufen l\u00e4sst (als eine sichtbare Leistung des Staates), weil sich f\u00fcr die betroffenen Personen die Finanzierungsseite der staatlichen G\u00fcter schlechter nachvollziehen l\u00e4sst als ein direkter Umverteilungsmechanismus und weil drittens eine politische Gestaltungsm\u00f6glichkeit (Politiker entscheiden \u00fcber die Art der angebotenen staatlichen G\u00fcter) gegeben ist.<\/p>\n<p>Doch dies f\u00fchrt zu immer mehr Kollektiveigentum. Privateigentum aber ziehen Menschen Kollektiveigentum vor \u2013 selbst dann, wenn die Quantit\u00e4t und Qualit\u00e4t des Angebotes die gleiche ist.<\/p>\n<p>Dass dies der Fall ist, zeigt die Verhaltens\u00f6konomik mit der Literatur zum Besitztumseffekt (oder Endowment Effect). Die Arbeiten in diesem Strang der Literatur gehen unter anderem auf Richard Thaler und den Nobelpreistr\u00e4ger Daniel Kahneman zur\u00fcck (vgl. Thaler (1980), Kahneman et al. (1990)).<\/p>\n<p>Thaler (1980) beobachtete seinerzeit einen seiner Professoren, einen Weinliebhaber. Seinen Wein kaufte der Professor auf Auktionen; er bezahlte nie mehr als 35 Dollar pro Flache. Der Professor hatte so eine umfangreiche Weinsammlung in seinen Besitz gebracht, von der er ungern Flaschen wieder verkaufte. Wenn er eine seiner Weinflaschen zum Verkauf gab, dann nur zu einem Preis von mindestens 100 Dollar. War ihm die Flasche als K\u00e4ufer nur maximal 35 Dollar wert, so hatte sie f\u00fcr ihn als Verk\u00e4ufer \u2013 als er also im Besitz der Flasche war \u2013 einen nahezu dreimal so hohen Wert.<\/p>\n<p>Folglich steigert der Besitz eines Gutes seinen Wert. Bei einem Verkauf eines Objektes aus dem eigenen Besitz verlangt der Mensch mehr Geld, als er bei einem Kauf desselben Objekts zahlen w\u00fcrde (Kahneman, 2012, S.360). Thaler nannte dieses Ph\u00e4nomen den Endowment Effect (Kahneman et al., 1991, S.194).<\/p>\n<p>Ein zweites Beispiel f\u00fcr den Endowment Effect weist ein Experiment von Kahneman, Thaler und Knetsch (1990) nach: Versuchsteilnehmer wurden in drei gleich gro\u00dfe Gruppen eingeteilt, namentlich die K\u00e4ufer, die Verk\u00e4ufer und die W\u00e4hler. An die Verk\u00e4ufer wurden Kaffeetassen verteilt. Eine Kaffeetasse war sechs Dollar wert. Die Verk\u00e4ufer waren jetzt im Besitz dieser Kaffeetasse. Die K\u00e4ufer konnten nun die Tasse von den Verk\u00e4ufern erwerben. Zun\u00e4chst inspizierten die K\u00e4ufer die Tasse genau und \u00e4u\u00dferten sich dann dahingehend, wie viel Geld sie f\u00fcr die Tasse zahlen w\u00fcrden. Anschlie\u00dfend mussten die Verk\u00e4ufer festlegen, zu welchem Preis sie die Tasse verkaufen w\u00fcrden. Die W\u00e4hler als dritte Gruppe konnten entweder eine Kaffeetasse oder eine Summe Geld erhalten. Sie mussten hierzu den Geldbetrag angeben, der aus ihrer Sicht genau dem Wert der Tasse entsprach, wo also ihrerseits Indifferenz vorlag. Mit der Gruppe der W\u00e4hler sollte der eigentliche, objektive Wert der Kaffeetassen ermittelt werden.<\/p>\n<p>Im Ergebnis boten die K\u00e4ufer im Durchschnitt nur 2,9 Dollar pro Tasse. Die Verk\u00e4ufer verlangten hingegen einen Preis von 7,1 Dollar. Somit lag der durchschnittliche Verkaufspreis deutlich \u00fcber dem Kaufpreis. Er war 2,5mal so hoch. Bei den W\u00e4hlern lag der durchschnittliche Preis bei 3,1 Dollar \u2013 also kaum h\u00f6her als bei den K\u00e4ufern. Die K\u00e4ufer boten damit geringf\u00fcgig weniger als den von den W\u00e4hlern gesch\u00e4tzten Preis. Bei den Verk\u00e4ufern hingegen l\u00f6ste der Besitz der Tasse eine deutliche Wertsteigerung aus.<\/p>\n<p>Ein drittes Beispiel f\u00fcr den Endowment Effect ergibt sich aus den Beobachtungen von Ariely und Carmon (2000): An der Duke University sind Basketballspiele wichtige Ereignisse. Problematisch ist, dass das Stadion relativ klein ist und somit nicht gen\u00fcgend Pl\u00e4tze vorhanden sind. Um direkt bei den Spielen dabei zu sein, zelten die Studenten schon ab Semesterbeginn vor dem Stadion, um sich Tickets zu sichern. Die Eintrittskarten f\u00fcr die wichtigsten Spiele der Saison m\u00fcssen sogar verlost werden. Ariely und Carmon (2000) befragten in diesem Umfeld die Studenten, die an der Eintrittskartenlotterie teilgenommen haben. Die Teilnehmer wurden, wenn sie verloren hatten, angerufen und gefragt, wie viel sie f\u00fcr ein Ticket zahlen, und, wenn sie Gewinner waren, wie viel sie f\u00fcr ihr Tickt verlangen w\u00fcrden. Die Befragung ergab, dass die Verlierer der Lotterie bereit waren, im Durchschnitt 170 Dollar f\u00fcr eine Karte zu zahlen. Im Gegensatz dazu verlangten die Gewinner im Durchschnitt einen Preis von 2400 Dollar f\u00fcr ihr Ticket. Jeder, der durch den Zufall der Lotterie in den Besitz einer Eintrittskarte gelangt war, bestand f\u00fcr einen Verkauf auf mehr als das Vierzehnfache des Preises, den die potenziellen K\u00e4ufer \u2013 durch Zufall Verlierer der Lotterie \u2013 im Schnitt boten.<\/p>\n<p>Dommer und Swaminathan (2013) begr\u00fcnden den Besitztumseffekt zum einen mit dem psychologischen Ph\u00e4nomen der Verlustaversion und zum anderen mit der Theorie vom <em>Puren Besitztum<\/em>. Dieser Theorie zufolge erzeugt der erworbene Besitz eine Verbindung zwischen dem besessenen Objekt und dem Selbst (<em>Possession-Self-Link<\/em>), wodurch das Objekt, welches in den eigenen Besitz gelangt ist, h\u00f6her wertgesch\u00e4tzt wird. Auf die Auspr\u00e4gung des Puren Besitztums wirken wiederum drei Faktoren ein: Das Geschlecht, die soziale Selbstaufwertung durch den Besitz und die damit verbundene Identit\u00e4tsbildung (siehe Abbildung).<\/p>\n<p>Die Experimente von Dommer und Swaminathan (2013, S.1038 f.) belegen, dass nach emotionalen Manipulationen (im Experiment durch eine Aufforderung zur schriftlichen Reflexion \u00fcber entt\u00e4uschende oder unangenehme Ereignisse) der Verkaufspreis von Waren im eigenen Besitz auf Grund der sich durch diesen Besitz ergebenen sozialen Selbstaufwertung ansteigt. Im Experiment wechselten bespielsweise Stifte den Besitzer. In der Kontrollgruppe ohne emotionale Manipulation tritt nur die mit dem Verkauf der Stifte verbundene Verlustaversion zu Tage: Die K\u00e4ufer boten im Schnitt weniger als einen Dollar; die Verk\u00e4ufer forderten 1,6 Dollar. Bei vorangehenden emotionalen Manipulationen wollten die Verk\u00e4ufer 2,5 Dollar f\u00fcr den Stift als Gegenleistung erhalten. Die emotionale Manipulation erinnerte die Verk\u00e4ufer der Stifte an erlittene Entt\u00e4uschungen, so dass ihr Wunsch nach dem Besitz der Stifte verst\u00e4rkt wurde. Dommer und Swaminathan (2013) interpretieren dies als soziale Selbstaufwertung durch den Besitz bestimmter Waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/neumann.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/neumann.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Au\u00dferdem spielt die soziale Identit\u00e4t eine Rolle: Angeh\u00f6rige einer Gruppe (in-groups) erh\u00f6hten ihre Verkaufspreise bei Objekten, welche Gruppenzugeh\u00f6rigkeit signalisieren, ebenfalls, da die Gruppenzugeh\u00f6rigkeit zu einer Erh\u00f6hung ihrer eigenen Wertsch\u00e4tzung f\u00fchrt. Besonders auffallend war, dass M\u00e4nner eine st\u00e4rkere Tendenz als Frauen zur Unterscheidung von in- und out-groups hatten \u2013 dies f\u00fchrt zu einer deutlicheren Auspr\u00e4gung des Puren Besitztumseffekts bei M\u00e4nnern. Frauen hingegen haben eine h\u00f6here gemeinschaftliche Orientierung, wodurch sie out-groups eher integrieren. Getestet haben Dommer und Swaminathan (2013, S.1039-1041) dies mit dem Verkauf von Taschen mit einem Universit\u00e4tslogo. Wurde eine Tasche mit Universit\u00e4tslogo der eigenen Universit\u00e4t verkauft, wollte der Besitzer das mehr als dreifache von dem erhalten, was er beim Verkauf einer sonst gleichwertigen Tasche mit einem Logo einer rivalisierenden Universit\u00e4t einforderte. Frauen forderten auch mehr, aber nicht einmal das Doppelte.<\/p>\n<p>Der Besitztumseffekt wirkt besonders ausgepr\u00e4gt bei Gegenst\u00e4nden, mit denen sich die Menschen identifizieren k\u00f6nnen bzw. welche sie l\u00e4nger in ihrem Besitz hatten und somit eine emotionale Bindung zu ihnen aufgebaut haben. Deshalb l\u00f6st nicht jede Form von Besitz einen Besitztumseffekt aus. So spielt der Besitztumseffekt beim Verkauf von beispielsweise Schuhen durch den Schuhh\u00e4ndler keine Rolle. F\u00fcr den H\u00e4ndler stellen die Schuhe bereits beim Erwerb lediglich ein Tauschmittel dar. Er erhofft sich, im Austausch f\u00fcr die Schuhe Geld einzunehmen. Die Schuhe werden vom H\u00e4ndler zum Zweck des Tausches gehalten. Es tritt keine emotionale Bindung an den Besitz ein.<\/p>\n<p>Der entscheidende Unterschied zum Kaffeetassenexperiment ist der fehlende Gebrauch des Gutes, und damit die fehlende Freisetzung von Emotionen, die mit dem Gebrauch des eigenen Gutes verbunden sind. Bei routinem\u00e4\u00dfigen Handelsgesch\u00e4ften tritt daher auch kein Besitztumseffekt auf. Im Gegensatz zu den Tauschg\u00fctern werden die G\u00fcter aus den vorherigen Beispielen wie Wein, Basketballtickets oder Kaffeetassen zum eigenen Ge- bzw. Verbrauch verwendet. Die Tatsache, dass sie sich dabei in Privatbesitz befinden, steigert ihren Wert f\u00fcr den Konsumenten enorm.<\/p>\n<p>Der Ge- und Verbrauchswert von G\u00fctern wird \u2013 dies l\u00e4sst sich festhalten \u2013 anders wahrgenommen in Abh\u00e4ngigkeit davon, ob sich die G\u00fcter im eigenen Besitz befinden oder nicht. Die Zuteilung von eigenem Besitz in einer Wirtschaftsordnung l\u00f6st somit durch den Besitztumseffekt im Gegensatz zu einer Wirtschaftsordnung mit Kollektiveigentum einen nicht zu untersch\u00e4tzenden Anstieg der Lebensqualit\u00e4t aus, da eigener Besitz den Wert von G\u00fctern mehr als verdoppeln kann.<\/p>\n<p>Dies spricht f\u00fcr direkte Umverteilung, wenn die Gesellschaft diese als unumg\u00e4nglich ansieht, und gegen einen weiteren Ausbau staatlicher Angebote.<\/p>\n<p><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<p>Carmon, Z. und D. Ariely (2000): Focusing on the Forgone: How Value Can Appear so Different to Buyers and Sellers, Journal of Consumer Research, Vol. 27, No. 3, S.360-370<\/p>\n<p>Dommer, S.L. und V. Swaminathan (2013): Explaining the Endowment Effect through Ownership: The Role of Identity, Gender, and Self-Threat, Journal of Consumer Research, Vol. 39, No. 5, S.1034 \u2013 1050<\/p>\n<p>Kahneman, D. (2012): Schnelles Denken, Langsames Denken, deutschsprachige Ausgabe, M\u00fcnchen<\/p>\n<p>Kahneman, D., J.L. Knetsch und R.H. Thaler (1990): Experimental Tests of the Endowment Effect and the Coase Theorem, Journal of Political Economy, Vol. 98, No. 6, S.1325-1348<\/p>\n<p>Kahneman, D., J.L. Knetsch und R.H. Thaler (1991): Anomalies: The Endowment Effect, Loss Aversion and Status Quo Bias, The Journal of Economic Perspectives, Vol. 5, No. 1, S.193- 206<\/p>\n<p>Thaler, R. (1980): Toward a Positive Theory of Consumer Choice, Journal of Economic Behavior and Organization, Vol. 1, No. 1, S.39-60<\/p>\n<p><strong>Hinweis:<\/strong> Teile des Textes entstammen dem Artikel \u201eVon Wohlstand und Reichtum\u201c des Jahresbandes 2017 des Fachbereichs Wirtschaft der Jade Hochschule.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Einkommen und Verm\u00f6gen in Deutschland sind ungleich verteilt, und die j\u00fcngere empirische Evidenz lehrt, dass die Ungleichverteilung der Einkommen und Verm\u00f6gen in Zukunft weiter &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=21496\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201e<font size=3; color=grey>Die Werte der Wirtschaft (11)<\/font><br \/>Eigener Besitz ist besser als staatliche Angebote<br \/><font size=3; color=grey>Lehren aus der Verhaltens\u00f6konomik<\/font>\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":122,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1702,2050],"tags":[1778,128,2150],"class_list":["post-21496","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ungleiches","category-verhaltensoekonomisches","tag-neumann","tag-umverteilung","tag-verhaltensoekonomie"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - 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