{"id":21502,"date":"2017-09-20T00:01:26","date_gmt":"2017-09-19T23:01:26","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=21502"},"modified":"2017-09-20T05:55:37","modified_gmt":"2017-09-20T04:55:37","slug":"ordnungspolitikerder-grosse-eiertanz-um-das-renteneintrittsalter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=21502","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>OrdnungsPolitiker<\/font><br\/>Der gro\u00dfe Eiertanz um das Renteneintrittsalter"},"content":{"rendered":"<p><em>Wenn es um die gesetzliche Rente geht, scheinen die Bundesb\u00fcrger an ein Wunder zu glauben. Die Mehrzahl der Deutschen will nicht sp\u00e4ter, sondern fr\u00fcher in den Ruhestand gehen.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Deutschen scheinen an Wunder zu glauben, wenn es um die gesetzliche Rente geht. Denn eine gro\u00dfe Mehrheit will eher fr\u00fcher als sp\u00e4ter in den Ruhestand und ihn m\u00f6glichst lange und gut versorgt erleben. Weil Angela Merkel um diese Wundergl\u00e4ubigkeit der W\u00e4hler wei\u00df, wollte sie sich im TV-Duell von Martin Schulz nicht vorf\u00fchren lassen. Also verk\u00fcndete sie auf seine Vorhaltung, Teile der Union wollten die Menschen noch l\u00e4nger arbeiten lassen, apodiktisch, dass eine weitere Erh\u00f6hung des Renteneintrittsalters \u2013 gar auf 70 Jahre \u2013 f\u00fcr sie nicht in Frage kommt. Auch in der TV-Runde der kleinen Parteien mieden alle \u2013 von Cem \u00d6zdemir bis Christian Lindner \u2013 die Reizzahl 70.<\/p>\n<p>Das Versprechen der Kanzlerin vor einem Millionenpublikum ist vor allem eins \u2013 opportunistisch. Mit Wahrhaftigkeit hat das wenig zu tun. Nach geltender Gesetzeslage steigt das regul\u00e4re Renteneintrittsalter stufenweise bis zum Jahr 2030 auf 67 Jahre. Dass die Gro\u00dfe Koalition zu Beginn dieser Legislaturperiode mit der Rente mit 63 f\u00fcr langj\u00e4hrig Versicherte einen teuren Kontrapunkt gesetzt hat, ist dramatisch genug. Doch jetzt f\u00fcr die Zukunft eine weitere Lebensarbeitszeitverl\u00e4ngerung f\u00fcr sakrosankt zu erkl\u00e4ren, ist unverantwortlich. Denn objektiv ist die Erh\u00f6hung des Renteneintrittsalters in einer immer \u00e4lter werdenden Gesellschaft die wichtigste Stellschraube, um die gesetzliche Rentenversicherung langfristig tragf\u00e4hig zu halten. Eine steigende Lebenserwartung f\u00fchrt zu einer immer h\u00f6heren durchschnittlichen Bezugsdauer der Renten. Wer die Grundrechenarten beherrscht, kann diese Logik nicht leugnen. W\u00e4hrend vor 50 Jahren Rentner ihre Rente im Durchschnitt noch 9 Jahre erlebten, bezieht die heutige Rentnergeneration rund 20 Jahre lang Rente. \u201eL\u00e4ngerlebigkeit\u201c f\u00fchrt also zu einer gewaltigen Ausgabensteigerung der Rentenversicherung. Und die muss finanziert werden. Deshalb hilft nur eins: L\u00e4nger leben bedeutet auch l\u00e4nger arbeiten!<\/p>\n<p>Der andere Hebel auf der Ausgabenseite der Rentenversicherung ist das Rentenniveau. Es stellt das Prozentverh\u00e4ltnis zwischen der H\u00f6he der Standardrente (45 Jahre Beitragszahlung auf Basis eines Durchschnittsverdienstes) und dem Entgelt eines Durchschnittsverdieners dar. Im laufenden Jahr betr\u00e4gt das Nettorentenniveau, also die Rentenauszahlung an einen Standardrentner nach Abzug des Kranken- und Pflegeversicherungbeitrags, 48,2 Prozent des Durchschnittsverdienstes eines Arbeitnehmers. Auch vom Durchschnittslohn werden die darauf entfallenden Sozialabgaben abgezogen. Steuern bleiben in dieser Betrachtung au\u00dfen vor. In Zahlen liegt eine Standardrente in diesem Jahr bei 1.231 Euro. Im Jahr 2000 lag das Rentenniveau f\u00fcr den Standardrentner \u00fcbrigens noch bei 52,9 Prozent. Nach dem geltenden Rentenrecht darf es bis zum Jahr 2030 nicht unter 43 Prozent absinken.<\/p>\n<p>Der letzte Hebel sind die Einnahmen der Rentenversicherung. Sie wird vor allem mit Pflichtbeitr\u00e4gen auf den Arbeitslohn finanziert. Der aktuelle Beitragssatz in der Rentenversicherung liegt bei 18,7 Prozent, den sich nach offizieller Lesart Arbeitnehmer und Arbeitgeber teilen. Tats\u00e4chlich ist der Arbeitgeberanteil aber ein Lohnbestandteil, den ein Arbeitnehmer mit seiner Produktivit\u00e4t ebenfalls erwirtschaften muss. Ansonsten wird er auf Dauer nicht besch\u00e4ftigt werden k\u00f6nnen. In diesem Zusammenhang von parit\u00e4tischer Finanzierung zu sprechen, ist deshalb irref\u00fchrend. Das geltende Recht setzt f\u00fcr den Beitragssatz Leitplanken: Bis zum Jahr 2020 darf er nicht \u00fcber 20 Prozent des Bruttolohns steigen, bis 2030 nicht \u00fcber 22 Prozent. Aufgrund der guten Arbeitsmarktsituation wird der Beitragssatz in den n\u00e4chsten Jahren stabil bleiben k\u00f6nnen. Doch schon die n\u00e4chste Rezession wird die R\u00fccklagen der Rentenversicherung schmelzen lassen wie Butter in der Sonne. H\u00f6here Beitr\u00e4ge sind dann schnell wieder ein Thema. Die Rentenvorausberechnungen der Bundesregierung enden bisher alle im Jahr 2030. Dabei w\u00e4chst sich das demografische Problem in der Rentenversicherung erst dann richtig aus, wenn die Babyboomer-Generation in Rente geht. Der st\u00e4rkste Geburtsjahrgang in Deutschland war der Jahrgang 1964 \u2013 und der geht regul\u00e4r mit 67 Jahren im Jahr 2031 in Rente.<\/p>\n<p>Zur Einnahmenseite der Rentenversicherung geh\u00f6rt der Bundeszuschuss, der aus allgemeinen Steuermitteln j\u00e4hrlich aus dem Bundeshaushalt an die Rentenversicherung \u00fcberwiesen wird. Der kennt seit vielen Jahren nur eine Richtung. Er steigt und steigt. Im Jahr 2018 soll er nach der aktuellen Haushaltsplanung der Bundesregierung fast 94 Milliarden Euro betragen, bis 2021 erh\u00f6ht er sich laut mittelfristiger Finanzplanung auf mehr als 103 Milliarden.<\/p>\n<p>Nach Adam Riese l\u00e4sst sich also nur folgender Schluss aus der Politiker-Tabuisierung der Lebensarbeitszeitverl\u00e4ngerung ziehen: Alle Politiker, die den wirksamsten Hebel, die Erh\u00f6hung der Lebensarbeitszeit, kategorisch ausschlie\u00dfen, m\u00fcssen konsequenterweise das Rentenniveau nach 2030 weiter absenken und die Beitragss\u00e4tze in Richtung 25 Prozent erh\u00f6hen. Au\u00dferdem m\u00fcssen sie den Bundeszuschuss deutlich erh\u00f6hen und damit die Steuerzahler zur Kasse bitten. Auf steigende Produktivit\u00e4t setzt die politische Linke seit Jahren bei der Finanzierung von mehr Sozialstaat. Doch auch diese Hoffnung platzt, wenn man sich die unterdurchschnittliche Produktivit\u00e4tsentwicklung in den vergangenen zehn Jahren anschaut. Trotz Digitalisierung verharrt sie auf niedrigem Niveau. Das schr\u00e4nkt den Verteilungsspielraum ein, vergr\u00f6\u00dfert ihn nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Pharis\u00e4er aller Parteien, sch\u00e4mt euch!<\/strong><\/p>\n<p>Gegen alle Fakten tabuisiert eine Allparteienrunde der Spitzenkandidaten im Wahlkampf die Erh\u00f6hung des Renteneintrittsalters. Dabei w\u00e4re eine Koppelung an die steigende Lebenserwartung absolut sinnvoll. Wolfgang Sch\u00e4uble machte schon im vorigen Sommer diesen Vorschlag. Das d\u00e4nische Parlament hat eine solche Regelung bereits 2015 beschlossen.<\/p>\n<p>Doch vielleicht verstellt auch der eigene privilegierte Pensionsstatus den Blick auf das Notwendige. Noch immer genie\u00dfen Berufspolitiker Vorteile, von denen das gemeine Volk nur tr\u00e4umen kann. Ab dem 9. Jahr der Zugeh\u00f6rigkeit zum Deutschen Bundestag erhalten Abgeordnete pro Jahr 1 Jahr vor der offiziellen Altersgrenze die Pension \u2013 ungek\u00fcrzt! Um bis zu 10 Jahre fr\u00fcher k\u00f6nnen sie ihre Pension durch die entsprechende Verweildauer im Parlament beziehen \u2013 und nat\u00fcrlich voll hinzuverdienen. Was f\u00fcr Mit- oder Endf\u00fcnziger in den meisten F\u00e4llen auch kein Problem darstellt. Der politische Lobbyismus freut sich \u00fcber zahlreiche Mitstreiter aus diesem Spektrum.<\/p>\n<p><strong>Hinweis:<\/strong> Der Beitrag erschien am <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/oswald-metzger\/12746-kommt-jetzt-die-rente-mit-70\">13. September 2017<\/a> in &#8222;The European&#8220;.<\/p>\n<p><strong>Blog-Beitr\u00e4ge zur Rente<\/strong><\/p>\n<p id=\"post-21019\">Thomas Apolte: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=21019\">Die Rente f\u00fcr ein gutes Leben. <span style=\"color: grey; font-size: medium;\">Zum Rentenkonzept der Sozialdemokraten<\/span><\/a><\/p>\n<p id=\"post-20180\">Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=20180\">22-43-67-4. <span style=\"color: grey; font-size: medium;\">Der \u201eDa Vinci-Code\u201c der Alterssicherung<\/span><\/a><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn es um die gesetzliche Rente geht, scheinen die Bundesb\u00fcrger an ein Wunder zu glauben. 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