{"id":21644,"date":"2017-10-16T09:25:54","date_gmt":"2017-10-16T08:25:54","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=21644"},"modified":"2017-10-16T09:25:54","modified_gmt":"2017-10-16T08:25:54","slug":"ordnungspolitischer-kommentardie-eigentliche-gefahr-des-bildungskolonialismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=21644","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Ordnungspolitischer Kommentar<\/font><br\/>Die eigentliche Gefahr des \u201eBildungskolonialismus&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Bezahlbarer Zugang zu einer \u201egleichberechtigten und qualitativ hochwertigen Bildung\u201c f\u00fcr alle Kinder weltweit ist das ambitionierte Ziel, das sich die UN bis 2030 gesetzt haben. Die Erf\u00fcllung dieses Ziels sehen heute viele Organisationen in Gefahr, da sich in einigen Entwicklungsl\u00e4ndern eine zunehmende Zahl privater Bildungsanbieter etabliert, die zum Teil mit Unterst\u00fctzung nationaler Regierungen staatliche Schulangebote verdr\u00e4ngen. Die Kritiker dieser Entwicklung f\u00fchren allerdings aus \u00f6konomischer Sicht zweifelhafte Argumente an und verkennen dabei m\u00f6glicherweise die eigentliche Gefahr, die von einer fl\u00e4chendecken Bildung aus privater Hand ausgeht.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Franchise-Schulen aus dem Silicon Valley <\/strong><\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Kette von Primarschulen auf dem \u00f6konomisch wie rhetorisch neu entstandenen \u201eEdupreneur\u201c-Markt tr\u00e4gt den Namen Bridge International Academies (BIA). BIA wirbt mit englischen Lehrpl\u00e4nen, g\u00fcnstigen Monatsbeitr\u00e4gen und hoher Bildungsqualit\u00e4t. Das von Facebook Gr\u00fcnder Mark Zuckerberg mitfinanzierte Unternehmen ist in L\u00e4ndern aktiv, in denen die Qualit\u00e4t der staatlichen Schulen stark unter der mangelnden Ausbildung und der hohen Abwesenheitsquote der Lehrkr\u00e4fte leidet.<\/p>\n<p>Das erkl\u00e4rte Ziel von BIA ist es, Kindern in Subsahara-Afrika \u00fcber ein Franchise-Schulsystem mit gro\u00dfen Skaleneffekten durch einheitliche Schulgeb\u00e4ude, Uniformen und Unterrichtsmaterialien den Zugang zu bezahlbarer Bildung zu erm\u00f6glichen. \u00dcber bereitgestellte Tablets werden die Arbeit der Lehrkr\u00e4fte \u00fcberwacht, Lehrmaterialien zur Verf\u00fcgung gestellt und Fortschritte des Unterrichts von einer Zentrale aus \u00fcberpr\u00fcft. Bevor sie ihre Arbeit als Lehrkraft an einer Bridge-Schule beginnen k\u00f6nnen, erhalten Bewerber einen dreiw\u00f6chigen Einf\u00fchrungskurs in die vereinheitlichten Lehrpl\u00e4ne und digitalen Technologien zur Unterrichtsgestaltung.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Eine \u00f6konomische Perspektive <\/strong><\/p>\n<p>\u00d6konomen haben die \u00f6ffentlichen Debatten h\u00e4ufig zutr\u00e4glichen Eigenarten, stets in Opportunit\u00e4tskosten sowie anhand institutionell-komparativer Ans\u00e4tze zu denken. Erstere sch\u00e4rft in dieser Debatte den Blick daf\u00fcr, dass es sich bei Bildung keineswegs um ein \u201efreies Gut\u201c handelt. F\u00fcr die Bereitstellung von Bildung m\u00fcssen notwendigerweise knappe Ressourcen aufgebracht werden und wo dies der Fall ist, lohnen sich Effizienzbetrachtungen.<\/p>\n<p>Ein institutionell vergleichender Denkansatz fordert indes eine pragmatische und ideologisch unaufgeladene Perspektive auf die Frage, wie eine private Bereitstellung von Schulen bewertet werden kann: Die Wirkung privater Schulen darf nicht mit einem idealtypischen \u201eNirwana\u201c verglichen, sondern muss stets mit Blick auf die real existierenden Alternativen betrachtet werden. Bridge-Schulen seien \u201enicht perfekt, aber besser als alles, was wir haben\u201c \u2013 dieses Zitat einer Kenianerin legt nahe, dass auch Menschen vor Ort eine solche Sichtweise zu teilen scheinen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Bildung als staatliche Kernaufgabe? <\/strong><\/p>\n<p>Dass Schulbildung bei uns als staatliche Kernaufgabe verstanden wird, darf nicht als selbstverst\u00e4ndlich erachtet werden. Vielmehr ist unser heutiges Verst\u00e4ndnis von Schulbildung das Ergebnis eines jahrhundertelangen Prozesses von Bildung als integraler Aufgabe der Familie \u00fcber die Erf\u00fcllung zentraler Bildungsaufgaben durch die Kirche hin zu einem \u00f6ffentlich finanzierten und zentral organisierten Schulbildungssystem mit Schulpflicht.<\/p>\n<p>Besch\u00e4ftigt man sich mit der Frage nach der logisch begr\u00fcndbaren Rolle des Staates im Bildungswesen, kann eine \u00f6konomische Kategorisierung des Gutes \u201eBildung\u201c helfen: In der \u00f6konomischen Literatur wird Bildung zumeist als Mischgut aus privatem und \u00f6ffentlichem Gut verstanden, bei dem der individuelle Nutzen sowohl aus dem eigenen Konsum als auch aus dem Konsum der anderen Gesellschaftsmitglieder entsteht.<\/p>\n<p>Die Rolle des Staates im Bildungswesen h\u00e4ngt nun aus \u00f6konomischer Perspektive im Wesentlichen davon ab, f\u00fcr wie relevant man das Marktversagen aufgrund des \u00f6ffentlichen Charakters des Gutes einsch\u00e4tzt und inwiefern eine staatliche Bereitstellung im Sinne eines politischen Steuerungsprozesses eine effiziente Ressourcenallokation im Bildungssystem bewirken kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Die Kritik der Privatisierungsgegner\u2026 <\/strong><\/p>\n<p>Aus der Kritik von internationalen Lehrergewerkschaften und UN-Organisationen lassen sich im Wesentlichen drei Kernargumente isolieren, von denen allerdings bei genauerer Betrachtung keines wirklich stichhaltig erscheint.<\/p>\n<p>Erstens sei eine private Bereitstellung von Bildung anstelle einer staatlichen \u201emoralisch falsch\u201c. Schulbildung m\u00fcsse prinzipiell in staatlicher Hand sein und d\u00fcrfe nicht zum \u201eSpielball der Kapitalisten\u201c werden. Dieses Argument zielt insbesondere auf die Profitorientierung der privaten Anbieter ab, wobei allerdings offen bleibt, woraus sich ein solches \u201emoralisches Prinzip\u201c ableiten l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Mit dem zweiten Argument verleihen Kritiker ihrer Bef\u00fcrchtung Ausdruck, dass unter der privaten Bereitstellung von Schulen die Qualit\u00e4t der Bildung leide. Die regelm\u00e4\u00dfig erscheinenden und f\u00fcr privatwirtschaftliche Projekte typischen Investorenberichte, erstellt an der US-amerikanischen Eliteuniversit\u00e4t Cambridge, legen allerdings das Gegenteil nah: Die Fehlzeiten der Lehrkr\u00e4fte konnten massiv reduziert werden und die meisten Bridge-Sch\u00fcler schneiden bei den Abschlusspr\u00fcfungen besser ab als die Sch\u00fcler auf den staatlichen Schulen. Insofern sich hieraus tats\u00e4chlich Aussagen \u00fcber die Qualit\u00e4t der Bildung ableiten lassen, scheint diese an den privaten Schulen durchaus h\u00f6her zu sein als an den staatlichen.<\/p>\n<p>Das dritte Argument kritisiert, dass die private Bereitstellung von Schulen einen gesellschaftlich segregierenden Effekt habe, indem die Kinder, deren Eltern sich die Schulgeb\u00fchren nicht leisten k\u00f6nnen oder die in ihrer N\u00e4he keine Bridge-Schule finden, keine Bildung erhalten. Allerdings sollte an dieser Stelle wiederum nicht der Fehler gemacht werden, Vergleiche mit einem idealtypischen, momentan aber leider noch utopischen Zustand anzustellen, in dem alle Kinder Zugang zu kostenloser, qualitativ vergleichbarer Bildung haben. Vielmehr sollte in diesem Zusammenhang gew\u00fcrdigt werden, dass es explizit zum Gesch\u00e4ftsmodell der BIA geh\u00f6rt, die Schulgeb\u00fchren so niedrig zu halten, dass auch die \u201e\u00c4rmsten der Armen\u201c die M\u00f6glichkeit haben, ihre Kinder in die Schule zu schicken.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>\u2026 geht am eigentlichen Kernproblem vorbei <\/strong><\/p>\n<p>Die Schw\u00e4che der genannten Argumente bedeutet allerdings nicht, dass von der Bildungsprivatisierung in Entwicklungsl\u00e4ndern tats\u00e4chlich keine Gefahr ausgeht. Umso verbl\u00fcffender ist es, dass das folgende Problem in der \u00f6ffentlichen Debatte so wenig Aufmerksamkeit erh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Um die Gefahr zu erkennen, sollte der Blick weniger auf das Setting, also die Bereitstellung und Organisation der Schulen, gerichtet werden. Vielmehr muss dar\u00fcber diskutiert werden, was eigentlich in den Klassenzimmern geschieht und ob Bildung insbesondere im Grundschulalter nicht mehr ist als reine Wissensvermittlung. Es muss diskutiert werden, ob sie nicht auch eine entscheidende Kulturkomponente beinhaltet, die es bei der Lehrplanentwicklung zu ber\u00fccksichtigen gilt und bei der Skepsis angebracht sein kann, ob ein einzelnes US-amerikanisches Privatunternehmen ein angemessenes Angebot f\u00fcr einen so diversen Kontinent entwickeln kann und will.<\/p>\n<p>Insbesondere bei jungen Menschen im Grundschulalter erf\u00fcllt Schulbildung nicht nur den Zweck, Lesen und Schreiben sowie die Grundrechenarten zu erlernen. Es geht ganz grunds\u00e4tzlich um die Herausbildung einer individuellen Pers\u00f6nlichkeit, um die Schaffung einer Grundlage f\u00fcr ein selbstverwirklichtes Leben, darum, Neugierde zu wecken und zum eigenst\u00e4ndigen, kreativen Denken anzuregen. Es geht darum, Orientierung in einer komplexen Lebenswelt zu bieten, die Voraussetzungen zu schaffen, um eigene Normen und Wertvorstellungen herauszubilden und moralische Urteilskraft zu erlernen, um in sich frei und unabh\u00e4ngig zu werden. Es geht gleichzeitig um das Erlernen grundlegender sozialer Kompetenzen, um das Miteinander im Klassenverbund, in einer Gesellschaft. Kurz: Um die \u201eErziehung zur M\u00fcndigkeit\u201c (Kant).<\/p>\n<p>Ist eine solche Art der Schulbildung, bei der ganz im Sinne des humboldtschen, neuhumanistischen Verst\u00e4ndnisses von Bildung das Erlernen \u201eformalen Wissens\u201c zweitrangig ist, kulturunabh\u00e4ngig \u00fcberhaupt denkbar? Ist die Festlegung einer \u201ekanonischen\u201c Grundschulbildung, eines \u00fcberregionalen, \u00fcberzeitlichen sowie vor allem \u00fcberkulturellen Bildungskanons, \u00fcber den an der Westk\u00fcste der USA entschieden wird, global sinnvoll? Oder birgt nicht gerade der Aspekt einer ausbleibenden Diskussion \u00fcber Lehrinhalte die eigentliche Gefahr, die von privaten Bildungseinrichtungen unter westlicher Leitung ausgeht?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Eine Rahmenordnung f\u00fcr Privatschulen <\/strong><\/p>\n<p>Es k\u00f6nnte entgegengehalten werden, dass bei Bildungsfragen grunds\u00e4tzlich normative Setzungen bez\u00fcglich der Bildungsinhalte unvermeidbar sind. M\u00f6glicherweise ist die hier geschilderte Sicht auf Bildung selbst schon einer westlichen, kontinentaleurop\u00e4ischen Perspektive geschuldet. Nichtsdestoweniger, oder eben gerade deshalb, muss die lokale Bev\u00f6lkerung bei der Entscheidung dar\u00fcber, was ihren Kindern beigebracht wird, aktiv miteinbezogen werden. Nationale Regierungen m\u00fcssen ihre Rolle bei der Gestaltung eines Bildungssystems ernst nehmen und sollten die Verantwortung nicht ohne weiteres an private Akteure aus einem v\u00f6llig anderen Kulturkreis delegieren.\u00c2\u00a0 Sowohl hinsichtlich des Settings und der Umst\u00e4nde, unter denen Schulen organisiert werden, als auch hinsichtlich der Lehrinhalte sollten nationale Regierungen einen angemessenen Ordnungsrahmen schaffen, innerhalb dessen dann durchaus private Akteure agieren k\u00f6nnen. Wenn dies gelingt, k\u00f6nnen die Vorteile privat gef\u00fchrter Bildungseinrichtungen und marktwirtschaftlicher Prinzipien genutzt werden, ohne dass sie im Widerspruch zu internationalen Entwicklungszielen stehen.<\/p>\n<p><strong>Hinweis:<\/strong> Dieser Text ist auch als Ausgabe Nr. <a href=\"http:\/\/www.iwp.uni-koeln.de\/fileadmin\/contents\/dateiliste_iwp-website\/publikationen\/OK\/OK_2017_10.pdf\">10\/2017<\/a> der Reihe Ordnungspolitischer Kommentar des Instituts f\u00fcr Wirtschaftspolitik an der Universit\u00e4t zu K\u00f6ln und des Otto-Wolff-Instituts f\u00fcr Wirtschaftsordnung erschienen.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bezahlbarer Zugang zu einer \u201egleichberechtigten und qualitativ hochwertigen Bildung\u201c f\u00fcr alle Kinder weltweit ist das ambitionierte Ziel, das sich die UN bis 2030 gesetzt haben. &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=21644\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201e<font size=3; color=grey>Ordnungspolitischer Kommentar<\/font><br \/>Die eigentliche Gefahr des \u201eBildungskolonialismus&#8220;\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":252,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1479,23],"tags":[2004,2634,2635,729],"class_list":["post-21644","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-schulisches","category-wettbewerbliches","tag-bildung","tag-franchise-schulen","tag-privatschulen","tag-schule"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - 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