{"id":21748,"date":"2017-11-10T00:01:14","date_gmt":"2017-11-09T23:01:14","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=21748"},"modified":"2017-11-09T17:50:34","modified_gmt":"2017-11-09T16:50:34","slug":"ordnungspolitischer-kommentartraue-keiner-statistikzur-armut-von-kindern-in-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=21748","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Ordnungspolitischer Kommentar<\/font><br\/>Traue keiner Statistik<br\/><font size=3; color=grey>Zur Armut von Kindern in Deutschland<\/font>"},"content":{"rendered":"<p>Die Unterh\u00e4ndler einer m\u00f6glichen Jamaika-Koalition erkl\u00e4rten am vergangenen Freitag in ihrer Zwischenbilanz der Sondierungsgespr\u00e4che, die \u201eBek\u00e4mpfung von Kinderarmut\u201c besonders fokussieren zu wollen. Am gleichen Tag best\u00e4tigte der Bundesrat minimale Erh\u00f6hungen der Hartz IV-S\u00e4tze zum Jahreswechsel: Ab Januar erhalten Kinder unter sieben Jahren 240 Euro statt bisher 237 Euro im Monat. Die monatlichen Grundsicherungsbetr\u00e4ge f\u00fcr Kinder im Alter von sieben bis 14 Jahren und f\u00fcr Jugendliche von 15 bis 17 Jahren steigen jeweils um f\u00fcnf Euro auf 296 Euro bzw. 316 Euro.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Regels\u00e4tze im Arbeitslosengeld II sind insgesamt nicht gro\u00dfz\u00fcgig und insbesondere die f\u00fcr Kinder gew\u00e4hrten Summen sind unter Experten h\u00f6chst umstritten. Auch wenn es aus einer \u00f6konomischen Perspektive her- aus gilt, die schwierige Balance zwischen der W\u00fcnschbarkeit h\u00f6herer Transfers einerseits und der ebenso er- w\u00fcnschten Aufrechterhaltung monet\u00e4rer Arbeitsanreize andererseits im Blick zu behalten: Falls man es mit der Garantie eines w\u00fcrdigen Lebens inklusive minimaler Teilhaberechte ernst meint und sich um die Situation betroffener Kinder sorgt, lohnt sich eine Besch\u00e4ftigung mit den Berechnungsmethoden der Regels\u00e4tze und vielen anderen Details unseres Mindestsicherungssystems.<\/p>\n<p>Wer allerdings mit einfacher Statistik Stimmung zu machen versucht, tr\u00e4gt nur selten zu wirklichen Verbesserungen bei. Definiert man das Problem so, dass alle Kinder als arm gelten, deren Familien Grundsicherungsleistungen beziehen, wie z. B. die vor zwei Wochen ver\u00f6ffentlichte Studie der Bertelsmann-Stiftung, erh\u00f6ht sich die Armutsquote der Kinder mit jeder Erh\u00f6hung der Hartz IV-Regels\u00e4tze, da mehr Familien unter die durch die Regels\u00e4tze definierte Schwelle der Hilfebed\u00fcrftigkeit fallen. Medial begierig aufgegriffene Statistik-Jonglagen setzen\u00c2\u00a0 damit bei Politikern h\u00e4ufig falsche Anreize zulasten der Unterst\u00fctzung der \u00c4rmsten, denn h\u00f6here Zahlen von Transferbeziehern werden leicht als Verschlechterungen der Lage ausgelegt. Jedenfalls dann, wenn hohe Unterst\u00fctzungsraten f\u00fcr Kinder nicht als Leistungsausweis des Grundsicherungssystems, sondern als Zeichen gesellschaftspolitischen Versagens interpretiert werden.<\/p>\n<p>Der Blick auf die Statistik ohne sorgf\u00e4ltige Interpretation f\u00fchrt aber auch bei unver\u00e4nderten Regels\u00e4tzen leicht in die Irre.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Wenn mehr Kindern geholfen wird, verschlechtert das nicht ihre Lage<\/strong><\/p>\n<p>Ende August titelten beispielsweise viele Zeitungen alarmierend, in Deutschland nehme \u201eKinderarmut deutlich zu\u201c. Sie beriefen sich dabei auf eine Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-B\u00f6ckler-Stiftung. Tats\u00e4chlich berichtet die Studie davon, dass der Anteil der Kinder in Deutschland, deren Familien weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens zur Verf\u00fcgung haben (dem g\u00e4ngigen Kriterium zur Bemessung von \u201eArmutsgef\u00e4hrdung\u201c), von 19,7 Prozent in 2015 auf 20,3 Prozent in 2016 gestiegen ist. Diesen Befund kann man als erschreckende Nachricht empfinden. Immerhin bedeutet er in absoluten\u00c2\u00a0 Zahlen, dass 2015 2,547 Millionen Kinder nach diesen Kriterien armutsgef\u00e4hrdet waren. Und dies trotz der hervorragen- den konjunkturellen Lage und der Rekordst\u00e4nde am Arbeitsmarkt.<\/p>\n<p>Die Kollegen hatten jedoch weder von einem \u201edeutlichen\u201c Anstieg der Kinderarmut berichtet, noch die augenf\u00e4llige Ursache des statistisch beobachteten Anstiegs verschwiegen. Vielmehr hei\u00dft es im Original: \u201eDie Kinderarmut ist mit dem Fl\u00fcchtlingszustrom insgesamt etwas angestiegen.\u201c Die Studie zeigt auf, dass das Armutsrisiko von Kindern ohne Migrationshintergrund sogar leicht gesunken ist. Das Armutsrisiko von Minderj\u00e4hrigen, die zwar selbst in Deutschland geboren sind, famili\u00e4r aber einen Migrationshintergrund haben, weist keine nennenswerte Ver\u00e4nderung auf. Der absolute Anstieg der Kinderarmut in Deutschland ist damit alleine auf das relativ hohe Armutsrisiko der Minderj\u00e4hrigen zur\u00fcckzuf\u00fchren, die in den letzten Jahren zugewandert sind. Nun ist eine finanziell angespannte Situation der Familie f\u00fcr die betroffenen Kinder nat\u00fcrlich deshalb nicht weniger schlimm. Es handelt sich jedoch nicht um eine Verschlechterung der Situation von Kindern, wenn erst j\u00fcngst zugewanderte Schutzsuchende auf Transferleistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz oder dem SGB II angewiesen sind und mehr Schutzsuchenden auch Schutz gew\u00e4hrt wird. Jeder Minderj\u00e4hrige, der in Deutschland Zuflucht findet, erh\u00f6ht die statistische Kinderarmut in Deutschland, obwohl es ihm im Regelfall besser geht als vor und w\u00e4hrend der Flucht.<\/p>\n<p>Zweites Beispiel: Nahezu die H\u00e4lfte aller Alleinerziehenden in Deutschland ist nach oben genanntem Kriterium armutsgef\u00e4hrdet, bei Alleinerziehenden mit zwei oder mehr Kindern sind es 54 Prozent. Und mit ihnen die Kin- der. Kinder kosten Geld und Zeit. Nat\u00fcrlich ist es teurer, zwei Haushalte aufrechtzuerhalten als einen. Insofern bedeutet die Entscheidung, mit Kindern alleinerziehend zu leben, f\u00fcr die Betroffenen selbst dann eine finanzielle Einbu\u00dfe, wenn beide Elternteile unver\u00e4ndert erwerbst\u00e4tig bleiben. Es ist zudem auch deutlich schwieriger, Betreuungsengp\u00e4sse bei Ferien, Krankheit der Kinder und Unterrichtsausfall alleine abzufangen. Alleinerziehende mit noch jungen Kindern k\u00f6nnen deshalb h\u00e4ufig trotz gro\u00dfer Bereitschaft auch dann nicht vollzeiterwerbst\u00e4tig sein und lange Arbeitswege in Kauf nehmen, wenn sich ihre Kinder in Ganztagsbetreuung befinden.<\/p>\n<p>Dennoch wird wohl \u00fcberwiegend begr\u00fc\u00dft, dass die Gesellschaft heute vielf\u00e4ltigere Lebensentw\u00fcrfe akzeptiert und Alleinerziehende nicht mehr automatisch als defizit\u00e4re Form stigmatisiert. Gegen\u00fcber den 1970er Jahren hat sich der Anteil dieser Familienform verdoppelt. Heute leben mehr als 20 Prozent der Kinder bei Alleinerziehenden. Der Gro\u00dfteil der Alleinerziehenden erkl\u00e4rt sich aus Scheidungen oder dem Verzicht auf die Partnerschaft mit dem anderen Elternteil. Wenn sich die Erziehenden trotz der minderj\u00e4hrigen Kinder daf\u00fcr entscheiden, eine ungl\u00fcckliche Partnerschaft zu vermeiden oder aufzuk\u00fcndigen, werden sie im Regelfall gute Gr\u00fcnde daf\u00fcr haben. Nimmt man an, dass sie das Wohl ihrer Kinder im Blick haben, erhoffen sie sich ggf. auch f\u00fcr ihre Kinder eine Verbesserung der famili\u00e4ren Gesamtsituation. Je mehr Kinder bei nur einem Elternteil leben, umso gr\u00f6\u00dfer wird bei sonst gleichen Bedingungen der Anteil von Kindern, die auf Sozialtransfers angewiesen sind. Dies\u00c2\u00a0 ist\u00c2\u00a0 dann aber gerade Ausweis der Aufgabenerf\u00fcllung des Grundsicherungssystems, das hilfebed\u00fcrftige Haushaltsgemeinschaften unterst\u00fctzt. Erst die in Aussicht gestellte Grundsicherung schafft f\u00fcr die betroffenen Familien \u00fcberhaupt die M\u00f6glichkeit, sich f\u00fcr das Modell der Alleinerziehung zu entscheiden, ohne wirtschaftlich unter das Mindestsicherungsniveau zu fallen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Lohnende Handlungsfelder jenseits der Statistik<\/strong><\/p>\n<p>Die Konzentration auf die Regels\u00e4tze und die Statistik der Transferempf\u00e4nger lenkt au\u00dferdem von wichtigen Reformen und Herausforderungen ab.<\/p>\n<p>Laut einer Befragung des Bundesfamilienministeriums konnte 2008 nur etwa die H\u00e4lfte der Alleinerziehenden in voller H\u00f6he auf die ihnen und ihren Kindern zustehenden Unterhaltsleistungen zur\u00fcckgreifen. Die konsequente zivilrechtliche Einklagung des Unterhalts scheiterte h\u00e4ufig an der \u00dcberforderung und den Hemmungen der auch emotional Betroffenen. Schon seit den 1980er Jahren gab es deshalb die M\u00f6glichkeit, einen Unterhaltsvorschuss zu beantragen: Der alleinerziehende Elternteil muss den Unterhalt nicht selbst beim s\u00e4umigen Elternteil einfordern. Das Jugendamt streckt den Unterhalt vor und versucht seinerseits, das Geld vom unterhaltpflichtigen Elternteil wiederzubekommen. Einen Unterhaltsvorschuss gew\u00e4hrte das Jugendamt bisher allerdings nur bis zum 12. Lebensjahr des Kindes und nur maximal sechs Jahre lang. Von der \u00d6ffentlichkeit nur am Rande beachtet, sind beide Begrenzungen zum 1. Juli 2017 entfallen, wovon viele Alleinerziehende und deren Kinder erheblich profitieren werden. Durch diese Hilfestellung wird die tats\u00e4chliche finanzielle Situation der betroffenen Alleinerziehenden und ihrer Kinder verbessert, obgleich die Regels\u00e4tze unver\u00e4ndert bleiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Wichtig w\u00e4re, den Kindern Chancen zu er\u00f6ffnen <\/strong><\/p>\n<p>Neben\u00c2\u00a0 der\u00c2\u00a0 finanziellen\u00c2\u00a0 Ausstattung\u00c2\u00a0 der\u00c2\u00a0 Familien \u00c2\u00a0beeinflussen\u00c2\u00a0 andere\u00c2\u00a0 Faktoren\u00c2\u00a0 die\u00c2\u00a0 Zukunft\u00c2\u00a0 von\u00c2\u00a0 Kindern nachhaltig: Wissenschaftler des RWI &#8211; Leibniz-Institut f\u00fcr Wirtschaftsforschung untersuchen im Auftrag der Caritas beispielsweise\u00c2\u00a0 seit\u00c2\u00a0 Jahren\u00c2\u00a0 die\u00c2\u00a0 Quote\u00c2\u00a0 der\u00c2\u00a0 Jugendlichen ohne Hauptschulabschluss. Bundesweit haben 2015 immerhin 5,9 Prozent der Schulabg\u00e4nger keinen Schulabschluss. Nach 2013 und 2014 stieg diese Quote das dritte Mal in Folge. Die Variation zwischen den Kreisen bzw. St\u00e4dten ist dabei enorm: W\u00e4hrend im besten Kreis nur 1,7 Prozent der Sch\u00fcler ohne Abschluss bleiben, sind es im schlechtesten\u00c2\u00a0 Kreis\u00c2\u00a0 15,6\u00c2\u00a0 Prozent.\u00c2\u00a0 Dabei\u00c2\u00a0 l\u00e4sst\u00c2\u00a0 sich\u00c2\u00a0 die Variation der unterschiedlichen Quoten von Schulabg\u00e4ngern ohne Abschluss besser durch bildungspolitische Entscheidungen der L\u00e4nder und kommunalpolitisches Engagement erkl\u00e4ren, als durch politisch schwer ver\u00e4nderbare Unterschiede bez\u00fcglich des Anteils der Hauptsch\u00fcler, des Anteils der Sch\u00fcler mit Migrationshintergrund, des Anteils der Besch\u00e4ftigten ohne Berufsausbildung, des durchschnittlichen Einkommens etc. Da ein fehlender Schulabschluss enorme Auswirkungen auf die Chancen der betreffenden Sch\u00fcler f\u00fcr ihr weiteres Leben hat, besteht hier dringender Bedarf zur genaueren Untersuchung und zur Ergreifung geeigneter Ma\u00dfnahmen.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Unterh\u00e4ndler einer m\u00f6glichen Jamaika-Koalition erkl\u00e4rten am vergangenen Freitag in ihrer Zwischenbilanz der Sondierungsgespr\u00e4che, die \u201eBek\u00e4mpfung von Kinderarmut\u201c besonders fokussieren zu wollen. 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