{"id":21760,"date":"2017-11-16T00:01:32","date_gmt":"2017-11-15T23:01:32","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=21760"},"modified":"2017-11-15T18:39:52","modified_gmt":"2017-11-15T17:39:52","slug":"gastbeitragkrisenpolitik-untergraebt-vertrauen-in-die-ezb","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=21760","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Gastbeitrag<\/font><br\/>Krisenpolitik untergr\u00e4bt Vertrauen in die EZB"},"content":{"rendered":"<p>Seit der Finanzkrise ist das Vertrauen in die Europ\u00e4ische Zentralbank (EZB) unter Europ\u00e4ern deutlich zur\u00fcckgegangen. Der Vertrauensverlust ist besorgniserregend und kann als Ergebnis einer erfolglosen Krisenpolitik angesehen werden.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>In regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden befragt das <a href=\"http:\/\/ec.europa.eu\/commfrontoffice\/publicopinion\/index.cfm\/Chart\/index\"><em>Eurobarometer<\/em><\/a> die Menschen in der Europ\u00e4ischen Union, ob sie der EZB <em>eher vertrauen <\/em>oder <em>eher nicht vertrauen<\/em>. Wenngleich \u201evertrauen\u201c nicht n\u00e4her definiert wird und daher verschiedene Interpretationen m\u00f6glich sind, ist seit der Finanzkrise ein deutlicher Abw\u00e4rtstrend zu beobachten. Das Nettovertrauen (die Differenz des Anteils an Personen, die tendenziell Vertrauen in die EZB haben, und an solchen, die der EZB tendenziell nicht vertrauen) ist im EU-Durchschnitt seit 2007 um mehr als 40 Prozent gesunken. In Deutschland ist der Vertrauensverlust sogar noch gr\u00f6\u00dfer: unmittelbar vor der Krise lag der Anteil der Deutschen, die der EZB vertrauten 45 Prozent \u00fcber dem Anteil derer, die der EZB nicht vertrauten. Seither ist aus dem soliden Vertrauensvorsprung ein Vertrauensdefizit geworden, das zwischen 20 und 30 Prozent liegt (Abbildung 1).<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/hof1.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/hof1.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Arbeitslosigkeit<\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.tandfonline.com\/doi\/abs\/10.1080\/07036337.2014.886400\">Erste empirische Untersuchungen<\/a> legten nahe, dass makro\u00f6konomische Entwicklungen das Vertrauen in die EZB auf nationaler Ebene beeinflussen. Demnach k\u00f6nne z. B. der Anstieg der Arbeitslosigkeit in einigen L\u00e4ndern den Vertrauensverlust erkl\u00e4ren. Doch diese Erkl\u00e4rung greift zu kurz. Denn trotz des R\u00fcckgangs der Arbeitslosigkeit seit 2007 auf ein historisch niedriges Niveau haben auch die befragten Deutschen das Vertrauen in die EZB verloren (siehe Abbildung 2).<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/hof2.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/hof2.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>EU-Skepsis<\/em><\/p>\n<p>Denkbar ist, dass viele Menschen nicht zwischen EU-Institutionen unterscheiden. <a href=\"https:\/\/www.ecb.europa.eu\/pub\/pdf\/scpwps\/ecbwp1501.pdf\">Die Daten zum Vertrauensverlust der EZB k\u00f6nnten eine Zunahme allgemeiner Ablehnung europ\u00e4ischer Institutionen widerspiegeln<\/a>. F\u00fchrt man sich das Brexit-Referendum und die j\u00fcngsten Erfolge EU-kritischer Parteien in den Mitgliedsl\u00e4ndern vor Augen, ist es nicht verwunderlich, dass das Vertrauen in alle europ\u00e4ischen Institutionen seit der Finanzkrise gesunken ist.<\/p>\n<p>Die EZB verdient jedoch besondere Aufmerksamkeit, da sie von Anfang an eine f\u00fchrende Rolle beim europ\u00e4ischen Krisenmanagement \u00fcbernahm. Die geldpolitischen Instrumente der EZB waren nach der Finanz- und Schuldenkrise das einzige schnell verf\u00fcgbare Mittel, um Finanzm\u00e4rkte und marode Staatshaushalte zu stabilisieren. Die europ\u00e4ische Notenbank k\u00f6nnte also mehr als alle anderen Institutionen f\u00fcr den Erfolg bzw. Misserfolg der Krisenpolitik in Europa verantwortlich gemacht werden.<\/p>\n<p>Eine erfolgreiche Politik w\u00e4re deshalb wohl mit einem Vertrauensgewinn relativ zu anderen europ\u00e4ischen Institutionen einhergegangen. Die EZB hat aber weit mehr an Vertrauen eingeb\u00fc\u00dft als die Europ\u00e4ische Kommission oder das Europ\u00e4ische Parlament (Abbildung 3). Die Unwirksamkeit der geldpolitischen Ma\u00dfnahmen, Zweifel an den politischen Absichten sowie die Unsicherheit \u00fcber institutionelle Rahmenbedingungen haben der EZB geschadet.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/hof3.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/hof3.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Unwirksamkeit der Geldpolitik<\/em><\/p>\n<p>Die wirtschaftliche Normalisierung in den Krisenl\u00e4ndern lie\u00df trotz geldpolitischer Eingriffe von \u00fcberw\u00e4ltigender Dimension viele Jahre auf sich warten.<\/p>\n<p>Zwar konnte die EZB durch Zinssenkungen und den Ankauf von Staatsanleihen auf Sekund\u00e4rm\u00e4rkten die Refinanzierungskosten in den Krisenl\u00e4ndern erheblich senken. <a href=\"https:\/\/thinkmarkets.wordpress.com\/2017\/07\/17\/unintended-monetary-policy-effects-tale-ii-ecb-crisis-policies\/\">Die expansive Geldpolitik vermochte jedoch nicht, die Kreditvergabe der Banken zu stimulieren<\/a>. Die erhoffte schnelle Erholung in Europa blieb (anders als in den USA) aus. Die EZB weitete deshalb ihre Ankaufprogramme sukzessive weiter aus. Doch die Inflation blieb weit hinter dem Referenzwert von 2% zur\u00fcck. Die EZB hat ihr h\u00e4ufig wiederholtes Inflationsziel auch nach Jahren expansiver Geldpolitik nicht erreicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Zweifel an politischen Absichten<\/em><\/p>\n<p>In Deutschland kam die Frage auf, ob die EZB wirklich Preis- und Finanzstabilit\u00e4t anstrebte oder Staatsfinanzierung betrieb.<\/p>\n<p>Einerseits rechtfertigte Draghi die expansive Geldpolitik stets mit niedrigen Inflations- und Wachstumsraten. Andererseits <a href=\"https:\/\/www.bloomberg.com\/news\/articles\/2016-11-30\/draghi-says-governments-must-reform-as-ecb-creates-opportunity\">betonte er<\/a>, dass die EZB den Mitgliedsl\u00e4ndern einen Spielraum f\u00fcr Reformen er\u00f6ffnen will. Die Anleihek\u00e4ufe subventionierten deshalb aus vermeintlich gute Gr\u00fcnden marode Staatshaushalte. Doch entgegen der offen kommunizierten Intention <a href=\"https:\/\/thinkmarkets.wordpress.com\/2017\/07\/17\/unintended-monetary-policy-effects-tale-ii-ecb-crisis-policies\/\">trugen die Ma\u00dfnahmen der EZB eher dazu bei, dass Regierungen tiefgreifende Reformen vertagten<\/a>. Dass Draghi diesen Kurs unbeirrt fortf\u00fchrte, lie\u00df mit der Zeit Zweifel hinsichtlich der Absichten von Draghis Politik aufkommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Institutionelle Unsicherheit<\/em><\/p>\n<p>Das Vertrauen in die F\u00e4higkeit der EZB, die Krise zu l\u00f6sen, k\u00f6nnte ebenfalls zur\u00fcckgegangen sein, als klar wurde, dass eine erhebliche Unsicherheit dar\u00fcber herrschte, was die EZB in Krisenzeiten eigentlich tun durfte. Tats\u00e4chlich ging das Krisenmanagement mit einer Suche nach der richtigen Interpretation des europ\u00e4ischen Regelrahmens einher. Jede neue Runde unkonventioneller Ma\u00dfnahmen entfachte Zweifel an ihrer Kompatibilit\u00e4t mit europ\u00e4ischem Recht und den Verfassungen der Mitgliedstaaten. Die institutionelle Unsicherheit schw\u00e4chte die &#8222;Kommunikationsmacht&#8220; der EZB und die Glaubw\u00fcrdigkeit ihrer Ank\u00fcndigungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Wiederherstellung des Vertrauens notwendig<\/em><\/p>\n<p>Da die Folgen des Krisenmanagements in vielerlei Hinsicht schmerzlich sind, ist es wenig verwunderlich, dass die f\u00fcr das Krisenmanagement hauptverantwortliche europ\u00e4ische Institution an Vertrauen eingeb\u00fc\u00dft hat. Das ist bedenklich. Die Effektivit\u00e4t der Geldpolitik h\u00e4ngt von der Reputation einer Zentralbank ab. Kann die EZB das verlorengegangene Vertrauen nicht zur\u00fcckerlangen, ist die W\u00e4hrungs- und Finanzstabilit\u00e4t Europas langfristig in Gefahr.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit der Finanzkrise ist das Vertrauen in die Europ\u00e4ische Zentralbank (EZB) unter Europ\u00e4ern deutlich zur\u00fcckgegangen. 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