{"id":21816,"date":"2017-11-30T07:35:50","date_gmt":"2017-11-30T06:35:50","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=21816"},"modified":"2017-11-30T07:35:50","modified_gmt":"2017-11-30T06:35:50","slug":"ronald-coase-richard-thaler-und-die-bonner-weltklimakonferenz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=21816","title":{"rendered":"Ronald Coase, Richard Thaler und die Bonner Weltklimakonferenz"},"content":{"rendered":"<p>Haftung ist nicht nur eine Frage der gef\u00fchlten Gerechtigkeit und Fairness, sondern auch der \u00f6konomischen Effizienz. Marktwirtschaften ben\u00f6tigen klare Haftungsregeln. Dies hat insbesondere die Diskussion um das <em>Coase-Theorem<\/em> deutlich gemacht. Ronald Coase (1960) hat theoretisch aufgezeigt, dass es unter bestimmten Bedingungen unerheblich ist, ob Personen f\u00fcr Schaden haften oder nicht f\u00fcr Schaden haften, sofern sie im ersten Fall (Schadenshaftung) das Recht auf Sch\u00e4digung kaufen k\u00f6nnen und im zweiten Fall (ohne Schadenshaftung) ihnen die Vermeidung der Sch\u00e4digung abgekauft werden kann. Beide L\u00f6sungen f\u00fchren zum gleichen Ergebnis des Ausma\u00dfes an Sch\u00e4digung. Das Coase-Theorem besagt daher, dass eine eindeutige Zuordnung von Eigentumsrechten und Haftungsregimes immer zu effizienten Ergebnissen hinsichtlich des Ausma\u00dfes einer Sch\u00e4digung f\u00fchrt (Coase, 1960; Hoffman\/Spitzer, 1982). Es balanciert die Interessen des Sch\u00e4digers und des Gesch\u00e4digten optimal miteinander aus. Dabei ergibt sich die optimale Verhandlungsl\u00f6sung im Prinzip unabh\u00e4ngig von der Art der Haftungsregeln \u2013 es ist unerheblich, wem die Eigentumsrechte zugeteilt werden, denn durch den Fakt, dass sie zugeteilt werden, entsteht die M\u00f6glichkeit zu Verhandlungen und zu einer Einigung von Sch\u00e4diger und Gesch\u00e4digtem.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die wesentlichen Annahmen des Coase-Theorems sind vollst\u00e4ndige Informationen \u00fcber Produktion und Gewinnfunktionen wie Nutzenfunktionen der Beteiligten, Wettbewerbsm\u00e4rkte und das Fehlen von Transaktionskosten. Die Anbieter handeln gewinnmaximierend und die Nachfrager nutzenmaximierend. Zudem wird unterstellt, dass Wohlstandseffekte keinen Einfluss auf die gefundene Verhandlungsl\u00f6sung haben. Damit entpuppt sich die Verhandlungsl\u00f6sung als eine Verbesserung des Status quo vor der Verhandlung, die durch weitere Verhandlungen nicht mehr weiter verbessert werden kann.<\/p>\n<p>Umweltverschmutzung gilt als klassisches Beispiel zum Versagen von Marktl\u00f6sungen wegen fehlender Haftungsregeln und damit f\u00fcr Erkl\u00e4rungen zum Coase-Theorem. Auch wenn beim CO<sub>2<\/sub> -Aussto\u00df und den damit verbundenen Klimafolgen, welche auf der Bonner Weltklimakonferenz diskutiert wurden, die Beteiligten keine Haushalte und Unternehmen, sondern Nationalstaaten sind, lassen sich einige R\u00fcckschl\u00fcsse aus der Diskussion um das Coase-Theorem f\u00fcr den Weltklimaschutz ziehen:<\/p>\n<ul>\n<li>Dass der derzeitige Klimaschutz ausreichend sei oder werden k\u00f6nne im Sinne einer effizienten L\u00f6sung, ist \u00f6konomisch nicht zu erwarten. Spieltheoretische Experimente legen nahe, dass insbesondere die Anzahl der Beteiligten und die Transparenz und Verf\u00fcgbarkeit an Informationen wichtige Voraussetzungen f\u00fcr ein Funktionieren des Coase-Theorems sind. Durchgef\u00fchrte Experimente wie jene von Hoffmann\/Spitzer (1982) zeigen, dass schon bei drei Verhandlungspartnern mehr als 20 Prozent der Verhandlungen nicht mehr zu paretooptimalen L\u00f6sungen f\u00fchren. Fehlende Informationen und eine dritte Partei erschweren das Zustandekommen einer effizienten L\u00f6sung deutlich.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Aufgrund einer unzureichenden Informationsbasis \u00fcber die direkten Auswirkungen der nationalen Umweltverschmutzungen auf das Klima und bei 195 an den Verhandlungen beteiligten Staaten l\u00e4sst sich eine effiziente Coase-L\u00f6sung nicht erwarten. Die Sch\u00e4digung f\u00e4llt folglich ineffizient hoch aus.<\/p>\n<p>Immerhin gibt es seit Bonn erste Entw\u00fcrfe f\u00fcr Transparenzregeln und Berichtspflichten, die sich die L\u00e4nder im <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/article170517161\/Die-ungewoehnliche-Allianz-gegen-Donald-Trump.html\">Kampf gegen die Erderw\u00e4rmung<\/a> geben wollen. Allerdings ist immer noch ungekl\u00e4rt, nach welchen Methoden die Staaten ihren Treibhausgas-Aussto\u00df erfassen sollen.<\/p>\n<p>Nicht einmal die Ziele sind klar umrissen: Erst im n\u00e4chsten Jahr wollen die Staaten \u00fcberpr\u00fcfen, wie die Welt bei der Minderung der Treibhausgase insgesamt vorankommt. In Bonn haben sich die Teilnehmer der Konferenz lediglich darauf geeinigt, wie diese \u00dcberpr\u00fcfung von statten gehen soll. Bereits jetzt ist dabei laut Klimaforschung absehbar, dass die freiwillig festgelegten nationalen CO<sub>2<\/sub>-Minderungsziele, die sich die Staaten in Paris gegeben haben, nicht einmal ausreichen werden, um die Erderw\u00e4rmung auf unter zwei Grad \u2013 geschweige denn unter 1,5 Grad \u2013 zu begrenzen.<\/p>\n<ul>\n<li>Auch die Annahme einer Abwesenheit von Wohlfahrtseffekten ist realit\u00e4tsfern. Besitzt der Gesch\u00e4digte nicht gen\u00fcgende Mittel, um den Sch\u00e4diger f\u00fcr eine Vermeidung des Schadens zu kompensieren, so stellt sich ebenfalls nicht das soziale Optimum der Coase-L\u00f6sung ein.<\/li>\n<\/ul>\n<p>In der Frage, wie mit den klimabedingten Sch\u00e4den umzugehen ist, gibt es auch deshalb nach wie vor keine Ann\u00e4herung zwischen den Staaten. Arme L\u00e4nder, die vom Anstieg des Meeresspiegels bedroht sind, wollten in Bonn \u00fcber finanzielle Unterst\u00fctzung zur Bew\u00e4ltigung der Sch\u00e4den verhandeln. Die Industriel\u00e4nder bieten jedoch keine Kompensation, sondern lediglich Wissensaustausch und technische Zusammenarbeit an. Laut Coase m\u00fcssten die armen L\u00e4nder jedoch die Sch\u00e4diger kompensieren, damit sie die Sch\u00e4digung unterlassen. Hierf\u00fcr fehlen ihnen die Mittel und Ressourcen.<\/p>\n<ul>\n<li>Zudem gilt die Coase-L\u00f6sung ohne Schadenshaftung als dynamisch ineffizient. Anreize zu einer \u00c4nderung der Technik, welche Sch\u00e4den vermeiden kann, fallen geringer aus, da ein Teil der Entsch\u00e4digung, die an den Sch\u00e4diger daf\u00fcr gezahlt wird, dass er Schaden vermeidet, entf\u00e4llt, wenn die Vermeidung f\u00fcr ihn mit geringeren Kosten einhergeht.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Im Pariser Abkommen haben die reicheren Industriel\u00e4nder zugesichert, arme Staaten bei der Anpassung ihrer Industrie an den Klimaschutz finanziell zu unterst\u00fctzen. Bis 2020 soll die Unterst\u00fctzung auf 100 Milliarden Dollar j\u00e4hrlich anwachsen. Die reichen L\u00e4nder sagten in Bonn zudem zu, die Umsetzung ihrer finanziellen Zusagen in den anstehenden Jahren nochmals zu \u00fcberpr\u00fcfen. Dies \u00f6ffnet T\u00fcr und Tor f\u00fcr Nachverhandlungen: Sobald die \u00e4rmeren Industriel\u00e4nder die Klimaschutzziele besser einhalten, d\u00fcrfte die Bereitschaft, ihnen hierf\u00fcr finanzielle Transfers zu gew\u00e4hren, abnehmen. Dies senkt wiederum ihren Anreiz, fr\u00fchzeitig Zugest\u00e4ndnisse zu machen und neue Techniken in der Produktion anzuwenden, welche klimafreundlicher sind.<\/p>\n<ul>\n<li>Einen weiteren wesentlichen Punkt, warum das Coase-Theorem nicht funktioniert, haben Verhaltens\u00f6konomen um Daniel Kahneman und Richard Thaler (seit diesem Jahr beide Nobelpreistr\u00e4ger) aus der Analyse des Besitztumseffektes herauskristallisiert. Der Besitztumseffekt (oder: Endowment-Effekt) besagt, dass wir etwas mehr wertsch\u00e4tzen, wenn wir es selbst besitzen. Dies l\u00e4sst sich unmittelbar auf das Recht, Umwelt zu verschmutzen, \u00fcbertragen. Wir besitzen das Recht und die M\u00f6glichkeit, Braunkohle zu f\u00f6rdern; wir besitzen und nutzen die M\u00f6glichkeit, Dieselautos und Benziner zu fahren, wir sind es gewohnt, im gegenw\u00e4rtigen Umfang die Umwelt zu verschmutzen. Damit erscheint uns dies als besonders wertvoll; wir h\u00e4ngen an den damit verbundenen Arbeitspl\u00e4tzen, den daf\u00fcr gekauften Autos und den damit einhergehenden Gewohnheiten und Bequemlichkeiten. Vermutlich w\u00fcrde die Bereitschaft, Klimaschutz zu betreiben, deutlich h\u00f6her sein, wenn wir diese Rechte nicht bes\u00e4\u00dfen und sie jetzt erst von den m\u00f6glichen Gesch\u00e4digten (insbesondere etwa den Inselstaaten im S\u00fcdpazifik) abkaufen m\u00fcssten.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Dass die Kritiker der Konferenzergebnisse monieren, diese Ergebnisse zielten nicht weit genug, ist insofern verst\u00e4ndlich. Die Diskussion um das Coase-Theorem zeigt, warum sie nicht weit genug zielen k\u00f6nnen und welche Schwierigkeiten sich den vielen, sehr heterogenen beteiligten Verhandlungspartnern stellen.<\/p>\n<p><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<p>R. H. Coase (1960): The Problem of Social Cost, Journal of Law and Economics, Vol. 3, S. 1\u201344<\/p>\n<p>Hoffmann, S., M.L Spitzer (1982): The Coase theorem: some experimental tests, Journal of Law and Economics, Vol. 25, No.1, S. 73-98<\/p>\n<p>Kahneman, D., J.L. Knetsch, and R.H. Thaler (1990): Experimental Tests of the Endowment Effect and the Coase Theorem, Journal of Political Economy, Vol. 98, No. 6, S. 1325-1348<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Haftung ist nicht nur eine Frage der gef\u00fchlten Gerechtigkeit und Fairness, sondern auch der \u00f6konomischen Effizienz. Marktwirtschaften ben\u00f6tigen klare Haftungsregeln. 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