{"id":21824,"date":"2017-12-06T00:01:07","date_gmt":"2017-12-05T23:01:07","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=21824"},"modified":"2018-12-31T11:32:00","modified_gmt":"2018-12-31T10:32:00","slug":"warten-auf-godotauf-der-suche-nach-inflation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=21824","title":{"rendered":"Warten auf Godot <br\/><font size=3; color=grey>Kommt sie noch, die Inflation?<\/font>"},"content":{"rendered":"<blockquote><p><em>\u201eDie Inflation kommt nicht \u00fcber uns als ein Fluch oder als ein tragisches Geschick; sie wird immer durch eine leichtfertige oder sogar verbrecherische Politik hervorgerufen.&#8220;<\/em> (Ludwig Erhard)<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Welt steht \u00f6konomisch Kopf. Seit der Finanz- und Eurokrise ist vieles anders. Alte Glaubenss\u00e4tze werden in Frage gestellt. Die Wirtschaftspolitik denkt nicht nur das bisher Undenkbare, sie macht es auch. Den wichtigsten Notenbanken ist nichts mehr heilig. Lange Zeit k\u00e4mpften sie einen arbeitsmarktpolitisch oft verlustreichen Kampf gegen eine steigende Inflation. Das Tabu monet\u00e4rer Staatsfinanzierung, lohnpolitische Ma\u00dfhalteapelle an die Tarifpartner und eine gnadenlos restriktive Geldpolitik als ultima ratio waren ihre Waffen. Seit der Finanzkrise ist allerdings eine keynesianische Konterrevolution in Gang. Die Notenbanken leiden immer \u00f6fter unter deflation\u00e4rer Paranoia. Sie tun alles, die Inflation auf Trab zu bringen. Die EZB ist in vorderste Front, wenn es darum geht, ein neues geldpolitisches Denken zu entwickeln. Sie k\u00fcndigte das traditionelle wirtschaftspolitische Assignement auf. Ihre Geldpolitik ist fiskalisch, die monet\u00e4re Staatsfinanzierung wurde zur Regel, das selbstgesteckte Inflationsziel wird verfehlt. F\u00fcr Friedenszeiten bl\u00e4ht sie ihre Bilanz historisch einmalig auf. Die selbstgesteckte, willk\u00fcrlich gew\u00e4hlte Marke von 2 % erreicht sie dennoch nicht. Und sie ermutigt die Gewerkschaften zu einer expansiveren Lohnpolitik. Die L\u00f6hne sollen st\u00e4rker steigen als die Produktivit\u00e4t. H\u00f6here Arbeitskosten sollen der Inflation schnellere Beine machen. Trotzdem will die Inflationsrate nicht so steigen, wie es sich die EZB w\u00fcnscht.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Warum Inflation?<\/strong><\/p>\n<p>Die Geschichte der Menschheit ist auch eine Geschichte der Inflation. Inflation ist kein Ph\u00e4nomen der Neuzeit. Sie trat immer wieder auf. Vor allem \u00e4rmere Schichten litten darunter. Kein Wunder, dass die \u00f6konomische Theorie reich an Modellen ist, die versuchen, dieses Ph\u00e4nomen zu erkl\u00e4ren. Eine einfache Variante stammt von den Monetaristen. Danach wird das allgemeine Preisniveau von Angebot und Nachfrage auf den Geldm\u00e4rkten bestimmt. Es ver\u00e4ndert sich, wenn das Geldangebot (Geldmenge) und die Geldnachfrage (reales Sozialprodukt) unterschiedlich schnell wachsen. Das veranlasste Milton Friedman, den Nobelpreistr\u00e4ger aus Chicago, zur apodiktischen Aussage: \u201eInflation ist immer und \u00fcberall ein monet\u00e4res Ph\u00e4nomen\u201c. Vor diesem Hintergrund ist schwer verst\u00e4ndlich, warum die Inflationsrate schon seit einiger Zeit vor sich hind\u00fcmpelt. Die Notenbanken geben sp\u00e4testens seit der Finanzkrise monet\u00e4r Vollgas. Sie verl\u00e4ngern ihre Bilanzen und fluten die L\u00e4nder mit Geld. Eigentlich m\u00fcsste die Inflationsrate explodieren. Dennoch kommt sie kaum vom Fleck. Der verstorbene Bonner \u00d6konom Manfred J. M. Neumann hat in diesem Blog (<a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15401\">hier<\/a>) schon relativ fr\u00fch darauf hingewiesen, dass die effektive Geldmenge wesentlich weniger steigt als die nominelle. Das haufenweise geschaffene Geld findet seinen Weg in die reale Wirtschaft nur teilweise. Es liegt auf der Hand, dass die Inflationsrate hinter den Erwartungen der Notenbanken zur\u00fcckblieb. Das k\u00f6nnte sich \u00e4ndern, wenn die Konjunktur \u00fcberall mehr Fahrt aufnimmt und aus der hohen nominellen eine h\u00f6here effektive Geldmenge wird. Danach sieht es gegenw\u00e4rtig aus.<\/p>\n<p>Eine andere Erkl\u00e4rung f\u00fcr Inflation versucht die Phillips-Kurve. Sie basiert auf der empirischen Erkenntnis, dass die Inflationsrate steigt, wenn die Arbeitslosigkeit sinkt. Dahinter steht eine keynesianisch angehauchte theoretische Vermutung. Und die geht so: Steigt die gesamtwirtschaftliche Nachfrage nach G\u00fctern und Diensten, brauchen Unternehmen mehr Arbeitskr\u00e4fte. Die Arbeitslosigkeit sinkt. Das nutzen Arbeitnehmer und ihre Gewerkschaften, h\u00f6here L\u00f6hne zu fordern. Und sie erhalten sie auch. Die Unternehmen geben die steigenden Arbeitskosten in h\u00f6heren G\u00fcterpreise an die Konsumenten weiter. Der erste Teil dieser Erkl\u00e4rung, die origin\u00e4re Phillips-Kurve, gilt weiter. Deutschland ist ein gutes Beispiel. Allerdings ist die Steigung der Kurve seit Mitte der 00er Jahre flacher als in fr\u00fcheren Zeiten (<a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=21315\">hier<\/a>). Geht die Arbeitslosigkeit zur\u00fcck, steigen die (Nominal-)L\u00f6hne weniger stark als fr\u00fcher. Offenkundig ist die Marktmacht der Gewerkschaften im Laufe der Zeit gesunken (<a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=20807\">hier<\/a>). Es gelingt ihnen weniger als fr\u00fcher, in Zeiten r\u00fcckl\u00e4ufiger Arbeitslosigkeit h\u00f6here L\u00f6hne herauszuschlagen. Der zweite Teil der Erkl\u00e4rung, die abgeleitete Phillips-Kurve, ist seit der Finanzkrise zusammengebrochen. Mit r\u00fcckl\u00e4ufiger Arbeitslosigkeit steigt die Inflation kaum mehr, bisweilen sinkt sie sogar. Das ist eigentlich nur bei einem Mangel an gesamtwirtschaftlicher Nachfrage denkbar. Allerdings produzieren die meisten L\u00e4nder, allen voran Deutschland, an der Kapazit\u00e4tsgrenze. Die Output-L\u00fccken verschwinden. Vielleicht ist das ja die Wiedergeburt der (abgeleiteten) Phillips-Kurve.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/bert2.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/bert2.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Inflation und Staatsverschuldung leben oft in Symbiose. Das zeigt die Geschichte. Eine \u00fcberbordende staatliche Verschuldung trieb gro\u00dfe Inflationen. Die Notenbanken wurden von der Politik gen\u00f6tigt, gro\u00dfe Defizite \u00fcber die Notenpresse zu finanzieren. Hohe Inflationsraten waren \u00fcber kurz oder lang unvermeidlich. Dieser Mechanismus funktioniert auch heute noch. Venezuela und Simbabwe sind die aktuellsten F\u00e4lle. Das ist die altbekannte Erz\u00e4hlung. Eine neue Variante liefert die Theorie der fiskalischen Inflation. Staaten verschulden sich \u00fcberm\u00e4\u00dfig. Mit den Schulden w\u00e4chst der Kapitaldienst. Das ist unproblematisch, solange das Wachstum sprudelt. Schwieriger wird es, wenn die Wirtschaft stagniert. Will der Staat nicht pleite gehen, m\u00fcssen staatliche Ausgaben gek\u00fcrzt oder regul\u00e4re Steuern erh\u00f6ht werden. Wagt die Politik diese unpopul\u00e4ren Schritte nicht, ist die Versuchung gro\u00df, auf eine Inflationssteuer zu setzen. Mit abnehmender Tragf\u00e4higkeit der Schulden rechnen die B\u00fcrger damit, dass die Politik die Staatsschulden monetisiert. Wann sie die Lage so einsch\u00e4tzen, ist schwer zu sagen. Wenn sie es allerdings tun, fl\u00fcchten sie in Scharen aus den Staatspapieren. Sie schichten ihr Portfolio radikal um. Die Anlage in geldnahen Aktiva ist keine Alternative. Es kommt zu einer Flucht in reale Werte. Die Nachfrage nach G\u00fctern und Diensten nimmt zu. Die Preise steigen. Der Anker der niedrigeren Inflationserwartungen rei\u00dft. Die Ketchup-Variante der Inflation bricht sich Bahn. In dieser Lage befindet sich (noch) kein OECD-Land.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Was l\u00e4uft anders?<\/strong><\/p>\n<p>Der Versuch, die gegenw\u00e4rtige Lage an der Inflationsfront monokausal zu erkl\u00e4ren, ist zum Scheitern verurteilt. Das gelingt weder Monetaristen noch Post-Keynesianern. Aber auch Fiskalinflationisten haben schlechte Karten. Es ist eine \u00f6konomische Binsenweisheit: Ohne Nachfrage\u00fcberh\u00e4nge gibt es keine Inflation. Das allgemeine Preisniveau steigt nur, wenn die Nachfrage nach G\u00fctern und Diensten das Angebot \u00fcbersteigt. Da gegenw\u00e4rtig die Inflation niedriger ist als fr\u00fcher, wachsen die Nachfrage\u00fcberh\u00e4nge langsamer. Die \u00dcberh\u00e4nge k\u00f6nnen von der Angebots- und Nachfrageseite getrieben werden. Gegenw\u00e4rtig wachsen Output und Besch\u00e4ftigung. Wir haben also keine stagflation\u00e4re Entwicklung. Ein negativer Angebotsschock kann die gegenw\u00e4rtige Inflation damit nicht erkl\u00e4ren. Der langsamere Anstieg der Inflation ist das Ergebnis von Angebots- und Nachfrageschocks. Es ist unbestritten, positive Nachfrageschocks existieren (x<sub>NE1<\/sub>). Treiber sind Staaten und Notenbanken, aber immer st\u00e4rker auch Konsumenten und Investoren. Neben positiven Nachfrage- existieren auch positive Angebotsschocks (x<sub>AT1<\/sub>). Die Kosten der Produktionsfaktoren, der internationale Wettbewerb und systematisch untersch\u00e4tzte Fortschritte der Produktivit\u00e4t sind m\u00f6gliche Treiber. Das alles tr\u00e4gt dazu bei, dass die positiven Nachfrageschocks durch positive Angebotsschocks im Zaum gehalten werden. Die Inflationsraten gehen trotz guter wirtschaftlicher Entwicklung nicht durch die Decke (P<sub>2<\/sub>).<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/bert3.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/bert3.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>In der j\u00fcngeren Vergangenheit variierte die Nachfrage erheblich. Mit der Finanzkrise brach die gesamtwirtschaftliche Nachfrage ein. Es entstand eine Output-L\u00fccke. Die G\u00fcterpreise gerieten unter Druck. Eine deflation\u00e4re Entwicklung \u00e0\u00a0 la 20er Jahre wurde aber vermieden. Die Notenbanken fluteten die Finanzm\u00e4rkte mit Geld, die Staaten fuhren eine expansive Fiskalpolitik. Auch nach dem ersten Schock hielten Notenbanker und Politiker an dieser Politik fest. Die Geldpolitik blieb \u00fcberall hyper-expansiv, nominell allerdings st\u00e4rker als effektiv. Mit immer neuen geldpolitischen Instrumenten hielten die Notenbanken die \u00d6konomien liquide. Sie wurden von der Politik unterst\u00fctzt. Entgegen dem Gerede von einer Politik der Austerit\u00e4t blieb die Fiskalpolitik expansiv. Die Staaten verschuldeten sich weiter. Geld- und Fiskalpolitik stabilisierten die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Das Nachfragedefizit existierte allerdings weiter, die Arbeitslosigkeit blieb hoch. Nach und nach schrumpfte die Output-L\u00fccke. Unterausgelastete Kapazit\u00e4ten entwerteten Real- und Humankapital. Die anhaltend expansive Geld- und Fiskalpolitik l\u00f6ste langsam auch die Bremsen der privaten Nachfrage von Konsumenten und Investoren. Eine wachsende gesamtwirtschaftliche Nachfrage traf auf gut ausgelastete Kapazit\u00e4ten. Das h\u00e4tte stark steigende G\u00fcterpreise ausl\u00f6sen m\u00fcssen, tat es aber nicht. Die Inflation blieb weiter unter der angestrebten Zielmarke.<\/p>\n<p>Ein wichtiger Grund sind positive Angebotsschocks. Sie gewannen in der Phase des Aufschwungs nach der Finanz- und Eurokrise an Fahrt. Ein wichtiger Treiber sind sinkende Lohnst\u00fcckkosten. Schwachen Gewerkschaften gelingt es immer weniger, L\u00f6hne durchzusetzen, die den Zuw\u00e4chsen der Produktivit\u00e4t folgen. Deren Macht erodiert auch, weil sich weltweit das Arbeitsangebot betr\u00e4chtlich erh\u00f6ht hat. Ein Druck auf die L\u00f6hne ist unvermeidlich. Ein zweiter Treiber sind weltweit sinkende Preise f\u00fcr Vorprodukte. Das gilt vor allem f\u00fcr Energie. Das Angebot an fossilen Rohstoffen ist stark gestiegen. Der technische Fortschritt hat alternative Energien rentabel gemacht. Das dr\u00fcckt auf die weltweiten Energiepreise. Ein dritter Treiber sind weltweit sinkende Zinsen. Dazu tr\u00e4gt auch die anhaltend expansive Geldpolitik der Notenbanken bei. Wichtiger sind aber reale Faktoren (<a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19007\">hier<\/a>). Weltweit werden nicht nur seit l\u00e4ngerem mehr Ersparnisse gebildet. Auch die Nachfrage nach Investitionen geht zur\u00fcck. Ein letzter Treiber sind sinkende G\u00fcterpreise. Weltweit offenere G\u00fcter- und Faktorm\u00e4rkte haben den Wettbewerb intensiviert. Die Preis\u00fcberw\u00e4lzungsspielr\u00e4ume sind gesunken. Ob sinkende Zuschlagss\u00e4tze in einigen Branchen (<a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=21650\">hier<\/a>) diese Entwicklung korrigieren, wird sich erst noch zeigen. Diese positiven Angebots- wirken den positiven Nachfrageschocks entgegen. Der Anstieg des allgemeinen Preisniveaus bleibt verhalten (vorerst).<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Was tun?<\/strong><\/p>\n<p>Ein \u00f6konomischer Blick auf die Welt offenbart Erstaunliches. Das wirtschaftliche Wachstum kommt \u00fcberall in Fahrt, die Arbeitslosigkeit geht langsam aber stetig zur\u00fcck, die Inflation d\u00fcmpelt weiter auf niedrigem Niveau. Das sind \u00f6konomisch fast paradiesische Zust\u00e4nde. Was will man eigentlich mehr? Alle freuen sich, nur die Notenbanken quengeln. Ihnen ist die Inflationsrate zu niedrig. Sie liegt in den USA, dem Euroraum und Japan unter der willk\u00fcrlich gew\u00e4hlten Marke von 2 %. Nur in Gro\u00dfbritannien \u00fcberschreitet sie diesen Wert. Die spannende Frage ist: Signalisiert diese Entwicklung geldpolitischen Handlungsbedarf? Sollte der Ausstieg aus der expansiven Politik z\u00fcgig erfolgen? Oder ist es notwendig, auch weiter expansiv zu bleiben? Die Antwort auf diese Fragen h\u00e4ngt stark davon ab, ob die gegenw\u00e4rtigen positiven Angebotsschocks tempor\u00e4r oder dauerhaft sind. Sind sie nur vor\u00fcbergehend, k\u00f6nnen (geduldige) Notenbanken darauf verzichten, die \u00d6konomien weiter mit Geld zu fluten. Sie m\u00fcssen allerdings bereit sein, das Inflationsziel zeitweilig zu verfehlen. Nach einiger Zeit verschwinden die positiven Schocks wieder. Die Inflation steigt \u00fcber kurz oder lang auf das \u201enormale\u201c Niveau. Sind die Schocks allerdings dauerhaft, lassen sich die angestrebten Inflationsziele von knapp unter 2 % nur erreichen, wenn die Notenbanken auch weiter eine expansive Geldpolitik fahren. Dann w\u00e4re ein Ende der unkonventionellen Ma\u00dfnahmen, der quantitativen Lockerung und der Negativzinsen, nicht in Sicht. Die Zinsen blieben wohl noch lange sehr niedrig.<\/p>\n<p>Die Antwort auf die Frage, ob die positiven Angebotsschocks tempor\u00e4r oder dauerhaft sind, ist nicht ganz einfach. Es spricht einiges daf\u00fcr, dass sie eine l\u00e4ngere Lebensdauer haben. Zum einen haben die Gewerkschaften den Klassenkampf verloren. Sie werden nicht mehr zu alter St\u00e4rke zur\u00fcckkehren. Offenere G\u00fcterm\u00e4rkte setzen der gewerkschaftlichen Lohn- und Tarifpolitik enge Grenzen. Weltweite Migrationsstr\u00f6me erh\u00f6hen das Arbeitsangebot und dr\u00fccken auf die L\u00f6hne. Der strukturelle Wandel erodiert die industrielle Basis der Gewerkschaften. Von dieser Seite droht auf absehbare Zeit keine Gefahr f\u00fcr stark steigende Lohnkosten. Zum anderen sind auf den G\u00fcterm\u00e4rkten keine Tendenzen zur Monopolisierung zu erkennen. Die M\u00e4rkte werden wohl offen bleiben. Protektionismus und De-Globalisierung werden sich nicht gro\u00dffl\u00e4chig durchsetzen. Der weltweit intensive Wettbewerb wird anhalten. H\u00f6here Zuschlagss\u00e4tze f\u00fcr einzelne Unternehmen sind zwar tempor\u00e4r m\u00f6glich. Ein genereller Anstieg der Marktmacht von Unternehmen ist aber nicht zu erwarten. Das Angebot an G\u00fctern wird nicht nachhaltig eingeschr\u00e4nkt. Schlie\u00dflich wird das Potential k\u00fcnftiger Produktivit\u00e4tsfortschritte untersch\u00e4tzt. \u00dcberall revolutionieren neue Technologien die \u00d6konomie. Der Einsatz der ICT- und Nano-Technologie, der Bionik, der Medizintechnik und Robotik krempelt die Prozesse der Produktion um. Neue Produkte schie\u00dfen nicht nur im digitalen Bereich wie Pilze aus dem Boden. Die Nano-Technologie gilt vielen als neue \u201eBasisinnovation\u201c. T\u00e4glich entstehen neue M\u00e4rkte. Der Bereich der Dienstleistungen w\u00e4chst rasant. Neue Unternehmen expandieren auf Feldern, die bisher unbekannt waren. Unternehmen organisieren sich grundlegend neu (Industrie 4.0).<\/p>\n<p>Dauern die Schocks auf der Angebotsseite an, haben die Notenbanken zwei Alternativen, darauf zu reagieren. Sie k\u00f6nnen zum einen weiter am 2 %-Inflationsziel festhalten. Dann muss die Geldpolitik dauerhaft \u201e\u00fcbertrieben\u201c expansiv sein. Nur so kann es gelingen, das einmal gew\u00e4hlte Inflationsziel zu erreichen. Das ist ein gewagtes geldpolitisches Man\u00f6ver. Die Gefahr ist gro\u00df, dass es zu einer Inflation der Verm\u00f6genspreise kommt, die Kredite exzessiv wachsen und sich (wandernde) Spekulationsblasen auf finanziellen und realen M\u00e4rkten bilden (<a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=13733\">hier<\/a>). Damit wird im schlechtesten Fall die Basis f\u00fcr eine neue Finanzkrise gelegt. Diese Risiken k\u00f6nnten vermieden werden, wenn die Notenbanken zum anderen ihr Inflationsziel nach unten korrigieren. Vor allem die Bank f\u00fcr Internationalen Zahlungsausgleich vertritt diese Position. Sie ist schon l\u00e4nger der Meinung, dass sich die realen Gegebenheiten grundlegend ver\u00e4ndert haben. Die positiven Angebotsschocks seien dauerhaft, die \u201enat\u00fcrliche\u201c Rate der Arbeitslosigkeit sei gesunken, nachfrageseitige deflation\u00e4re Tendenzen existierten nicht. Es w\u00e4re deshalb \u00f6konomisch sinnvoll, die Zielmarke f\u00fcr die Inflation nach unten zu korrigieren. Wenn sich die reale Welt \u00e4ndert, m\u00fcssen sich auch die Inflationsziele \u00e4ndern. Die Notenbanken w\u00fcrden zur geldpolitischen \u201eNormalit\u00e4t\u201c zur\u00fcckkehren. Die unkonventionelle Geldpolitik mit ihren irritierenden und verzerrenden Effekten f\u00e4nde endlich ein Ende.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Das Wachstum ist dynamisch, es herrscht Vollbesch\u00e4ftigung, die Inflation ist gebannt. Davon tr\u00e4umen nicht nur \u00d6konomen. Deutschland kommt diesem Traum gegenw\u00e4rtig recht nahe. Eine Mehrheit der Menschen hierzulande sieht das auch so. Nicht so die EZB. F\u00fcr sie ist die Inflation zu niedrig. Trotz Hochkonjunktur flutet sie die L\u00e4nder der EWU weiter mit Geld. Damit will sie erst aufh\u00f6ren, wenn die 2 %-Marke erreicht ist. Sie leidet seit der Euro-Krise an deflation\u00e4rer Paranoia. Die relativ niedrige Inflation ist anhaltend positiven Angebotsschocks geschuldet. Der Output w\u00e4chst, die Besch\u00e4ftigung nimmt zu, die Inflationsrate steigt moderat. Von einem nachfragebedingten (deflation\u00e4ren) Druck auf Preise, Output und Besch\u00e4ftigung ist nichts zu sehen. Die niedrigen Inflationsraten zeigen, an der Produktivit\u00e4tsfront tut sich etwas. Die spannende Frage bleibt: Wie soll die EZB auf die positiven Angebotsschocks reagieren? Will sie das alte 2 %-Ziel der Inflation erreichen, bleibt ihr wenig anderes \u00fcbrig als die unkonventionelle Geldpolitik fortzuf\u00fchren. Das ist aber eine Politik f\u00fcr verzweifelte Zeiten, nicht f\u00fcr Phasen guter wirtschaftlicher Entwicklung. Die allokativen und distributiven Risiken und Nebenwirkungen sind betr\u00e4chtlich. Allerdings: Wenn sich die Fakten \u00e4ndern, sollten auch die wirtschaftspolitischen Ziele \u00fcberpr\u00fcft werden. Das gilt auch f\u00fcr das Ziel der Preisniveaustabilit\u00e4t. Es ist deshalb an der Zeit, das Inflationsziel nach unten zu korrigieren. Dann k\u00f6nnte die EZB ihre irritierende und verzerrende unkonventionelle Geldpolitik einstellen. Das w\u00fcrde ihr die Arbeit erleichtern und unseren Wohlstand erh\u00f6hen. Es lohnt nicht, auf Godot zu warten.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDie Inflation kommt nicht \u00fcber uns als ein Fluch oder als ein tragisches Geschick; sie wird immer durch eine leichtfertige oder sogar verbrecherische Politik hervorgerufen.&#8220; &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=21824\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eWarten auf Godot <br \/><font size=3; color=grey>Kommt sie noch, die Inflation?<\/font>\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":22320,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1705,12,2576],"tags":[1967,556,2670,2669,441,2668,617],"class_list":["post-21824","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-inflationaeres","category-monetares","category-produktives","tag-arbeitsproduktivitaet","tag-berthold","tag-fiskalinflationisten","tag-fiskalisten","tag-gewerkschaften","tag-monetaristen","tag-phillips-kurve"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Warten auf Godot Kommt sie noch, die Inflation? 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