{"id":21874,"date":"2017-12-27T00:01:19","date_gmt":"2017-12-26T23:01:19","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=21874"},"modified":"2020-01-30T09:23:12","modified_gmt":"2020-01-30T08:23:12","slug":"ordnungspolitischer-kommentarwelche-gesellschaftliche-verantwortung-haben-unternehmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=21874","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Ordnungspolitischer Kommentar<\/font><br\/>Welche gesellschaftliche Verantwortung haben Unternehmen?"},"content":{"rendered":"<p>Am 16. November k\u00fcndigte Siemens an, dass im Rahmen von Konsolidierungsma\u00dfnahmen ca. 3.500 Stellen in Deutschland (bei derzeit ca. 115.000 Besch\u00e4ftigten) wegfallen sollen, u. a. ist geplant, Standorte in Ostdeutschland zu schlie\u00dfen. Die Ank\u00fcndigung stie\u00df nicht nur bei den Besch\u00e4ftigten auf Kritik, sondern wurde auch im Bundestag diskutiert. Aus der \u2013 in den Medien oftmals unvollst\u00e4ndig wiedergegebenen \u2013 Debatte ergibt sich die Frage, welche gesellschaftliche Verantwortung Unternehmen tragen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Positionen in der Debatte um Siemens<\/strong><\/p>\n<p>In der Bundestagsdebatte kritisierte der SPD-Vorsitzende Martin Schulz den geplanten Stellenabbau scharf und appellierte an das Verantwortungsbewusstsein des Vorstands. Ein Vertrauensverlust zwischen Belegschaft und Management und ein R\u00fcckzug aus strukturschwachen Standorten k\u00f6nnten eine Gefahr f\u00fcr Deutschland als Wirtschaftsstandort sein. Siemens habe zudem von Subventionen f\u00fcr Unternehmensansiedlungen in Ostdeutschland nach der Wende profitiert. Die Entscheidung des Managements, von einer Quersubventionierung wenig rentabler Gesch\u00e4ftsbereiche abzusehen, bezeichnete er als Fehler. Nicht nur Schulz sieht bei Siemens eine Verantwortung f\u00fcr Mitarbeiter und Standorte. Aus fast allen Fraktionen kamen Solidarit\u00e4tsbekundungen mit der Belegschaft und Appelle an Siemens, die Entscheidung zu \u00fcberdenken.<\/p>\n<p>Der Vorstandsvorsitzende von Siemens reagierte in einem offenen Brief an Schulz. Darin machte er die Energiewende f\u00fcr eine geringe Nachfrage und Wettbewerbsnachteile im Turbinengesch\u00e4ft verantwortlich. Ein Strukturwandel sei unaufhaltbar und die Konsolidierung ein Versuch, das Unternehmen langfristig zu erhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Tragen Unternehmen gesellschaftliche Verantwortung?<\/strong><\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich k\u00f6nnen Unternehmer ihre Ziele in einem marktwirtschaftlichen System frei setzen und versuchen, sie unter den jeweils gegebenen Rahmenbedingungen zu erreichen. Wenn das Management von Siemens es als die beste Unternehmensstrategie ansieht, Standorte zu schlie\u00dfen und Stellen abzubauen, ist dies ihr Recht. Die Unternehmensf\u00fchrung tr\u00e4gt zun\u00e4chst Verantwortung f\u00fcr eine erfolgreiche Steuerung der Unternehmenspolitik.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>F\u00fchrt die Orientierung an unternehmerischen Zielen zu Problemen\u00a0 \u2026 f\u00fcr die betroffenen Mitarbeiter?<\/strong><\/p>\n<p>Die Emp\u00f6rung und Verzweiflung der betroffenen Mitarbeiter bei Siemens ist nachvollziehbar. Fachkr\u00e4fte haben derzeit zwar gute Chancen, neue Besch\u00e4ftigung zu finden und Siemens hat angek\u00fcndigt, die Stellen in Absprache mit den Arbeitnehmervertretern m\u00f6glichst sozialvertr\u00e4glich abzubauen. Dennoch wird nicht jeder Mitarbeiter schnell und reibungslos eine neue Stelle antreten k\u00f6nnen. Und nat\u00fcrlich werden viele Arbeiter f\u00fcr eine neue Stelle ihren Lebensmittelpunkt verlagern m\u00fcssen. F\u00fcr die Betroffenen entstehen in diesem Fall finanzielle Kosten und psychologische Belastungen, die besonders hoch ausfallen, wenn sie z.B. mit ihrer Familie umziehen m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>\u2026 f\u00fcr das gesamte Unternehmen?<\/strong><\/p>\n<p>Eine Umstrukturierung des Unternehmens weg vom Konglomerat kann grunds\u00e4tzlich ein sinnvoller und normaler marktwirtschaftlicher Prozess sein. Mit einer erneuten Konzentration auf wenige Kernbereiche ist Siemens nicht allein. Auch bei Konkurrent General Electric wird entsprechend umstrukturiert. Kapazit\u00e4tsanpassungen in Sparten, von denen Siemens annimmt, dass sie zuk\u00fcnftig unrentabel sind, k\u00f6nnen dazu dienen, das Unternehmen langfristig aufrechtzuerhalten, was einem gr\u00f6\u00dferen Teil der Besch\u00e4ftigten dient. Wenn das Unternehmen dadurch in anderen Bereichen w\u00e4chst, k\u00f6nnen Ausweichm\u00f6glichkeiten f\u00fcr die Betroffenen entstehen.<\/p>\n<p>Eine Quersubventionierung der betroffenen Gesch\u00e4ftsbereiche k\u00f6nnte die Rentabilit\u00e4t des gesamten Konzerns mindern und somit langfristig wom\u00f6glich mehr Arbeitspl\u00e4tze gef\u00e4hrden. Andererseits k\u00f6nnte eine Quersubventionierung f\u00fcr das Unternehmen auch sinnvoll sein, wenn die Kosten der Entlassungen insgesamt h\u00f6her sind als die erwarteten Einsparungen aus der Umstrukturierung. Beispielsweise k\u00f6nnte ein resultierender Vertrauensverlust der Mitarbeiter zu einer schlechteren Arbeitsmotivation f\u00fchren. In der aktuellen Situation k\u00f6nnte dieser Effekt durch die Informationspolitik von Siemens verst\u00e4rkt werden. So mussten die Mitarbeiter aus den Medien von den drohenden Schlie\u00dfungen erfahren. Insgesamt kann man aber unterstellen, dass Siemens selbst am ehesten wei\u00df, welche Faktoren \u00fcberwiegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>\u2026 f\u00fcr die Gesellschaft?<\/strong><\/p>\n<p>Unser Wirtschaftssystem wird durch die Annahme legitimiert, dass eigennutzorientiertes Verhalten der Unternehmer zu einer gesamtgesellschaftlich effizienten Allokation f\u00fchrt. Eine zukunftsgerichtete Unternehmenspolitik, die den Strukturwandel abbildet, f\u00fchrt demnach indirekt zu einer gesunden Wirtschaft, hohen Steuerzahlungen und guten Besch\u00e4ftigungsaussichten. Dabei k\u00f6nnte man auch von der \u00dcbernahme gesellschaftlicher Verantwortung sprechen. Kapazit\u00e4tsanpassungen und Standortschlie\u00dfungen sind in diesem System Ausdruck einer erw\u00fcnschten Selbstbereinigung. Unternehmer versuchen, auf die Nachfrage nach G\u00fctern und Dienstleistungen zu reagieren. Bew\u00e4hrt sich eine Strategie nicht (mehr), ist es folgerichtig, etwas anderes auszuprobieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Negative Konsequenzen f\u00fcr einzelne Regionen<\/strong><\/p>\n<p>Ganz so einfach ist es in der Praxis nat\u00fcrlich nicht. Insbesondere wenn ein Unternehmen eine ganze Region pr\u00e4gt, k\u00f6nnen die negativen Effekte einer Standortschlie\u00dfung weit \u00fcber die direkten Arbeitsplatzverluste hinausgehen, da indirekt viele weitere Arbeitspl\u00e4tze gef\u00e4hrdet werden. Bei einem drastischen Anstieg der Arbeitslosigkeit kann man dar\u00fcber hinaus davon ausgehen, dass sich die Wohnqualit\u00e4t derjenigen reduziert, die noch in Arbeit sind (z.B. weil Gesch\u00e4fte schlie\u00dfen oder es mehr Leerstand gibt). Diese Argumente werden auch im Zusammenhang mit dem angek\u00fcndigten Besch\u00e4ftigungsabbau bei Siemens vorgebracht. Die betroffenen Werke befinden sich insbesondere in Ostdeutschland, z.B. in G\u00f6rlitz \u2013 also in einer ohnehin strukturschwachen Region. Hier bezieht sich zudem die Angst vor negativen Auswirkungen nicht nur auf rein wirtschaftliche Aspekte, sondern auch auf die Ausbreitung von Politikverdrossenheit und rechten Tendenzen. Sollte dies zu einem weiteren Auseinanderdriften zwischen Ost und West f\u00fchren, sind gesamtgesellschaftliche Auswirkungen nicht ausgeschlossen.<\/p>\n<p>Die Angst vor negativen Konsequenzen durch die Standortschlie\u00dfungen ist somit nachvollziehbar. Daraus jedoch eine Verantwortung f\u00fcr Siemens abzuleiten, ist falsch. Die strukturellen Probleme einzelner Regionen und die sich daraus ergebenden gesamtgesellschaftlichen Probleme m\u00fcssen an anderer Stelle gel\u00f6st werden. Moralische Appelle gegen\u00fcber einzelnen Unternehmen helfen dabei nicht. Solange die politischen Akteure keine l\u00e4ngerfristigen tats\u00e4chlichen L\u00f6sungen parat haben, wachsen durch solche Appelle Skepsis gegen\u00fcber der Wirtschaftsordnung und Politikverdrossenheit tendenziell weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Unternehmensentscheidungen von Siemens in der Vergangenheit politisch beeinflusst<\/strong><\/p>\n<p>Aus der Notwendigkeit langfristig orientierter L\u00f6sungen f\u00fcr Strukturprobleme in Ostdeutschland l\u00e4sst sich jedoch keine unmittelbare politische Einflussnahme auf unternehmerische Entscheidungen ableiten. Eine solche scheint derzeit auch nicht zur Debatte zu stehen. Gerade das Beispiel Siemens zeigt, warum politische Eingriffe nicht immer zu den gew\u00fcnschten Zielen f\u00fchren. Denn politische Ma\u00dfnahmen haben die Unternehmensentscheidungen von Siemens in der Vergangenheit ma\u00dfgeblich beeinflusst.<\/p>\n<p>Nach der Wende haben Unternehmen, die sich in Ostdeutschland ansiedelten, Subventionen erhalten. Davon hat auch Siemens profitiert. Hieraus leiten einige Politiker aktuell eine Verantwortung von Siemens f\u00fcr die betroffenen Regionen ab. Auch wenn Siemens Subventionen f\u00fcr die nun von der Schlie\u00dfung betroffenen Werke erhalten hat, leitet sich daraus aber keine Verantwortung ab, dauerhaft bestimmte Standorte aufrecht zu erhalten. Wenn Siemens den Standort damals aufgrund der F\u00f6rderung gew\u00e4hlt haben sollte und dieser heute (ohne Subventionen) unrentabel ist, zeigt dies lediglich, dass die Subventionen nicht den erw\u00fcnschten Effekt hatten. Denn deren Ziel muss es sein, dass die subventionierten Bereiche langfristig ohne Hilfe auskommen. Zu hinterfragen w\u00e4re hier somit tendenziell eher, ob die Subventionen damals gerechtfertigt waren.<\/p>\n<p>Des Weiteren werden die Gesch\u00e4fte von Siemens auch durch die Energiewende beeinflusst. Es ist zwar unklar, wie stark der Einfluss tats\u00e4chlich ist. Wenn die Stellenstreichungen jedoch auf politische Ma\u00dfnahmen im Zuge der Energiewende zur\u00fcckzuf\u00fchren sind, ist der Strukturwandel und somit indirekt auch der Stellenabbau in bestimmten Bereichen die unmittelbare Folge politisch gew\u00fcnschter und initiierter Umstrukturierungen. Probleme ergeben sich jedoch, falls es sich nicht nur um langfristig absehbare langsame Ver\u00e4nderungen handelt, sondern starke Effekte durch ad-hoc Entscheidungen auf politischer Ebene ausgel\u00f6st wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Die Forderung vieler politischer Vertreter nach gesellschaftlicher Verantwortungs\u00fcbernahme von Siemens ist somit unangebracht und lenkt von der Verantwortung der politischen Entscheidungstr\u00e4ger ab. Es ist nicht sicher, welche Entscheidungen tats\u00e4chlich gesamtgesellschaftlich w\u00fcnschenswert w\u00e4ren. Denn theoretisch f\u00fchrt das Handeln nach unternehmerischen Interessen zu einer effizienten Allokation. Und selbst wenn ein Stellenabbau in strukturschwachen Regionen zu Problemen f\u00fchrt, ist eine k\u00fcnstliche Aufrechterhaltung dieser Standorte weder eine nachhaltige dauerhafte L\u00f6sung, noch Aufgabe eines einzelnen Unternehmens.<em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><strong>Blog-Beitr\u00e4ge zum Thema:<\/strong><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=5774\">Tr\u00fcffelschweine der Marktwirtschaft. Unternehmer sind Spezialisten f\u00fcr die Zukunft<\/a><\/p>\n<h2 id=\"post-5774\"><\/h2>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 16. 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