{"id":22184,"date":"2018-01-31T06:07:03","date_gmt":"2018-01-31T05:07:03","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=22184"},"modified":"2025-05-11T12:50:27","modified_gmt":"2025-05-11T11:50:27","slug":"5-wuerzburger-ordnungstag-1donald-trump-lautsprecher-eines-schrumpfenden-giganten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=22184","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>5. W\u00fcrzburger Ordnungstag (1)<\/font><br\/>Donald Trump: Lautsprecher eines schrumpfenden Giganten*"},"content":{"rendered":"<p>Im Reisegep\u00e4ck nach Davos hatte Donald Trump neue Z\u00f6lle gegen China und S\u00fcdkorea, die manche Beobachter als erneuten Beleg f\u00fcr seine irrationale und sprunghafte Politik interpretieren. Doch wirklich \u00fcberraschen k\u00f6nnen die protektionistischen Neigungen des neuen US-Pr\u00e4sidenten nicht. Im M\u00e4rz 1990 gab Trump dem <em>Playboy<\/em> ein Interview und antwortete auf die Frage, was seine erste Ma\u00dfnahme als US-Pr\u00e4sident sein w\u00fcrde: \u201eI\u2019d throw a tax on every Mercedes-Benz rolling into this country.\u201c\u009d<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[1]<\/a> Von Sprunghaftigkeit, die Trump gelegentlich unterstellt wird, kann also zumindest im Bereich der Handelspolitik keine Rede sein.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Neu ist vor allem der marktschreierische und ruppige Umgangston, mit dem Trump sich deutlich unterscheidet von seinen Amtsvorg\u00e4ngern, die er allesamt dem von ihm verachteten politischen Establishment zurechnet. Die Grundlinien seiner tats\u00e4chlich praktizierten Politik dagegen unterscheiden sich weit weniger drastisch von denen seiner Vorg\u00e4nger. Der Grundtenor lautet unverkennbar, dass sich die Vereinigten Staaten von Amerika zur\u00fcckziehen aus ihrer Rolle als Weltpolizist und als Garant einer <em>Pax Americana<\/em> \u2013 sowohl im handels- als auch und gerade im sicherheitspolitischen Bereich. Diese ver\u00e4nderte Strategie folgt durchaus einer inneren Logik, die mit dem Bild des <em>Schrumpfenden Giganten <\/em>plastisch beschrieben werden kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Der schrumpfende Gigant<\/strong><\/p>\n<p>Das Bild des schrumpfenden Giganten wurde von Jagdish Bhagwati bereits im Jahr 1993 entwickelt, ist aber heute weitgehend aus der Literatur verschwunden.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[2]<\/a> Bhagwati ging zun\u00e4chst einmal von der Beobachtung aus, dass s\u00e4mtliche neun erfolgreichen GATT-Runden \u2013 angefangen mit der Genfer Runde (1947) \u00fcber die Kennedy-Runde (1964\u20131967) bis hin zur Uruguay-Runde (1986\u20131994) \u2013 von den USA initiiert worden waren. Die Erkl\u00e4rung daf\u00fcr liegt seines Erachtens nicht nur in der ausgepr\u00e4gten Freiheitsliebe der Amerikaner, sondern vor allem in ihrer damaligen weltwirtschaftlichen Dominanz: Wenn Freihandel \u2013 wie von der \u00f6konomischen Theorie postuliert \u2013 allen beteiligten L\u00e4ndern Vorteile bringt, dann kann das gr\u00f6\u00dfte dieser L\u00e4nder auch den gr\u00f6\u00dften Anteil der Vorteile erzielen. Die positiven Externalit\u00e4ten, die Trittbrettfahrer-L\u00e4ndern zuflie\u00dfen, fallen demgegen\u00fcber weniger ins Gewicht. Der weltwirtschaftliche Gigant wird sich demnach im eigenen Interesse f\u00fcr multilateralen Freihandel einsetzen.<\/p>\n<p>Der amerikanische Gigant ist aber l\u00e4ngst kein Gigant mehr. Der Anteil der USA am weltweiten Bruttoinlandsprodukt ist von \u00fcber vierzig Prozent im Jahr 1960 auf weniger als f\u00fcnfundzwanzig Prozent im Jahr 2016 zur\u00fcckgegangen. Deutlich ausgepr\u00e4gter noch war der R\u00fcckgang an der weltweiten Industrieproduktion, die f\u00fcr den Welthandel die relevantere Gr\u00f6\u00dfe darstellt. Dementsprechend haben die USA weitgehend ihr Interesse daran verloren, sich f\u00fcr eine Pax Americana im Welthandel zu engagieren. Nicht erst seit Trump, sondern schon seit den 1990er Jahren haben sich die USA aus dem Multilateralismus zur\u00fcckgezogen. Nach dieser Sichtweise kann es kaum \u00fcberraschen, dass die letzten greifbaren Erfolge der WTO (bzw. der Vorg\u00e4ngerinstitution GATT) mit dem Abschluss der Uruguay-Runde im Jahr 1994 schon mehr als zwei Jahrzehnte zur\u00fcckliegen. Fortgef\u00fchrt werden sollte die Erfolgsgeschichte der WTO in der sogenannten Doha-Runde, die im Jahr 2001 gestartet wurde und die bis heute ergebnislos geblieben ist. Kaum noch jemand rechnet damit, dass die DOHA-Runde jemals zu einem erfolgreichen Abschluss kommen k\u00f6nnte. Der Multilateralismus ist also nicht erst dem neuen US-Pr\u00e4sidenten zum Opfer gefallen.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst schien es, die sogenannten <em>Mega-Regionals<\/em> k\u00f6nnten an die Stelle des Multilateralismus treten. Beispiele daf\u00fcr aus fr\u00fcheren Jahrzehnten bieten das ASEAN-Abkommen (1967) oder das Mercosur-Abkommen (1991) und nicht zuletzt die Europ\u00e4ische Union (1958), die ja im Wesentlichen als Zollunion begann. Einen deutlichen Schritt in diese Richtung stellte die NAFTA (1994) dar, und mit TPP (verhandelt seit 2010) und TTIP (verhandelt seit 2013) sollten weitere Schritte folgen. Doch daraus wird nun wohl zun\u00e4chst einmal nichts werden \u2013 zumindest nicht unter Einbeziehung der USA. Selbst das NAFTA-Abkommen zwischen den Vereinigten Staaten, Kanada und Mexiko m\u00f6chte Trump substantiell nachverhandeln, notfalls sogar k\u00fcndigen.<\/p>\n<p>Der unmittelbare wirtschaftliche Schaden des Kurswechsels in der US-Politik gegen\u00fcber internationalen Handelsabkommen d\u00fcrfte aus europ\u00e4ischer Sicht recht begrenzt sein, wobei insbesondere die bei TTIP vorgesehenen privaten Schiedsgerichte aus Sicht des Autors recht problematisch gewesen w\u00e4ren.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[3]<\/a> Gravierender erscheinen die Langfristsch\u00e4den, die aus einem generellen Paradigmenwechsel in der internationalen Handelspolitik resultieren k\u00f6nnten. Auch in der Pr\u00e4-Trump-\u00c4ra gab es Tausende und Abertausende internationale Handelshemmnisse, und Politiker und Lobbyisten sannen pausenlos dar\u00fcber nach, wie ihre Zahl weiter vergr\u00f6\u00dfert werden k\u00f6nnte. Aber zumindest in den Sonntagsreden gab es einen Grundkonsens, nach dem Freihandel besser sei als Protektionismus. Dieser Grundkonsens ist nun von Trump aufgek\u00fcndigt worden.<\/p>\n<p>Manchem mag das Stocken der Globalisierung gerade recht kommen, da sie ihnen als Hauptursache der Vertiefung sozialer Gr\u00e4ben und der Verflachung kultureller Vielfalt gilt. Anderen dagegen, die in der Tradition von Adam Smith die Arbeitsteilung als wichtigste Quelle allen Wohlstands sehen, bereitet diese Entwicklung wenig Freude. Sie halten besorgt danach Ausschau, woher die internationale Arbeitsteilung neuen Schwung beziehen k\u00f6nnte. Der neue US-Pr\u00e4sident steht daf\u00fcr jedenfalls offenkundig nicht zur Verf\u00fcgung. Und die EU wird heute und vermutlich auch k\u00fcnftig nicht die politische Kraft aufbringen, in die Bresche zu springen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Merkantilistische Denkfehler<\/strong><\/p>\n<p>Doch zur\u00fcck zu den eingangs erw\u00e4hnten Importz\u00f6llen: Mit ihnen werden Importe von Solarpanelen, die vorwiegend aus China kommen, mit einem Zoll von 30 % belegt. Und f\u00fcr Waschmaschinen, die vorwiegend von den s\u00fcdkoreanischen Konzernen Samsung und LG in die Vereinigten Staaten exporteiert werden, gilt k\u00fcnftig ein Importzoll von 50 %. Da war es wie Balsam f\u00fcr die Beobachter des gerade zu Ende gegangenen 48. Weltwirtschaftsforums von Davos, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Rede die Fahne des Multilateralismus hochhielt. Europa werde sich nachdr\u00fccklich gegen jegliche Versuche stellen, die Prinzipien des freien Handels aufzugeben und im Sumpf nationaler protektionistischer Handelspolitiken versinken zu lassen.<\/p>\n<p>In China mag man sich ob dieser Rede verwundert die Augen gerieben gaben. Denn die EU selbst hatte \u00fcber Jahre hinweg mit einer Kombination aus Mindestpreisen und Strafz\u00f6llen einen faktischen Au\u00dfenschutz von 47,7 % gegen chinesische Solarpanele aufrechterhalten. Noch heute werden insgesamt 53 Produkte aus China mit Strafz\u00f6llen belegt, angefangen bei Stahlerzeugnissen (22 % \u2013 91 %) \u00fcber Lebensmittel und Lebensmittelzus\u00e4tze (35 % \u2013 126 %; letzterer gilt f\u00fcr S\u00fc\u00dfstoff, bei dem der zum Celanese-Konzern geh\u00f6rende Frankfurter Hersteller Nutrinova um seine monopol\u00e4hnliche Weltmarktposition f\u00fcrchtete) bis hin zu chemischen Produkten (22 % \u2013 72 %). Besonders schutzw\u00fcrdig erscheinen der EU auch B\u00fcgelbretter, f\u00fcr die ein Zoll von 42 % gilt, wenn sie aus China kommen. Nicht zu vergessen schlie\u00dflich das europ\u00e4ische Trachtenleder, das mit einem Zoll von 59 % gegen Billigimporte aus China gesch\u00fctzt ist. Im Vergleich zur Handelspolitik der EU nimmt sich die Politik der US-Administration geradezu freih\u00e4ndlerisch aus \u2013 aller Davoser Rhetorik zum Trotz.<\/p>\n<p>Im Glashaus sitzt die EU auch bei der Handelspolitik im Automobilbereich. Trump hat ja wiederholt \u00f6ffentlich beklagt, dass auf der Fifth Avenue vor jedem Haus ein Mercedes Benz stehe, aber kaum ein einziger Chevrolet in deutschen Metropolen zu sehen sei. Dabei h\u00e4tte er durchaus die M\u00f6glichkeit, mit dem Finger auf die EU-Handelspolitik zu zeigen. Er h\u00e4tte darauf hinweisen k\u00f6nnen, dass die EU auf importierte PKWs einen Einfuhrzoll von 10 Prozent erhebt, die USA dagegen nur einen Zoll von 2,5 Prozent. Und die in Amerika so beliebten Pickups werden von der EU gar als LKWs eingestuft und demzufolge mit einem Einfuhrzoll von 22 Prozent belegt. Angesichts der hohen EU-Z\u00f6lle auf amerikanische Pickups (die den meisten US-Amerikanern und auch immer mehr Europ\u00e4ern eher als besonders gro\u00dfe PKWs denn als LKWs erscheinen) gewinnt man den Eindruck, dass die in Europa \u00fcber den Trump-Protektionismus vergossenen Tr\u00e4nen einen deutlichen Schuss Krokodilstr\u00e4nen enthalten.<\/p>\n<p>Einen gravierenden Denkfehler begeht Trump allerdings, wenn er glaubt, mit Schutzz\u00f6llen verlorengegangene Arbeitspl\u00e4tze in die USA zur\u00fcckholen zu k\u00f6nnen. Gegen diese merkantilistischen Vorstellungen\u00a0 spricht nicht nur die \u00f6konomische Theorie, sondern auch alle praktische Erfahrung. In Deutschland wurde \u00fcber Jahrzehnte vergeblich versucht, mit Reederbeihilfen, mit strikten Importquoten f\u00fcr Steinkohle und mit Kohlepfenningen den Arbeitsplatzschwund in Schiffbau und Bergbau zu verhindern; in Gro\u00dfbritannien war es die Automobilindustrie, die trotz Subventionen und local content-Regelungen immer bedeutungsloser wurde; in Frankreich stemmt sich die Politik bis heute erfolglos mit Protektionsma\u00dfnahmen gegen das Schrumpfen der heimischen Filmproduktion. Wenn jetzt die USA drastische Einfuhrz\u00f6lle auf PKW-Importe erheben w\u00fcrde, dann w\u00fcrden sicherlich viele Arbeitspl\u00e4tze in Mexiko und auch manche in Deutschland verlorengehen, aber nicht an amerikanische Industriearbeiter, sondern bestenfalls an amerikanische Industrieroboter.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich erholt sich die US-Automobilindustrie nach den Statistiken der <em>Organisation Internationale des Constructeurs d\u2019Automobiles (OICA)<\/em>schon seit Jahren deutlich. Im Vergleich zum Krisenjahr 2009 hat sich die PKW-Produktion fast verdoppelt; selbst die St\u00fcckzahlen aus dem Vorkrisenjahr 2007 werden heute wieder leicht \u00fcbertroffen. Die Zuw\u00e4chse wurden nicht zuletzt erm\u00f6glicht durch die Installation von rund 70.000 Industrierobotern in der US-Automobilindustrie seit dem Jahr 2010. Mittlerweile liegt die US-Automobilindustrie bei der Roboterdichte pro Besch\u00e4ftigtem weltweit hinter Japan und S\u00fcdkorea auf Rang drei. Dabei kommen die wichtigsten Herstellerfirmen aus Japan (Fanuc, Kawasaki, Yaskawa-Motoman), Deutschland (Kuka) und der Schweiz (ABB), aber die Roboterproduktion f\u00fcr den US-Markt findet \u00fcberwiegend vor Ort in den USA statt. Falls Trump seine Zollpl\u00e4ne gegen die Autoimporte tats\u00e4chlich in die Tat umsetzen sollte, d\u00fcrfte das die Absatzperspektiven der Hersteller von Industrierobotern deutlich befl\u00fcgeln. Die \u201eVergessenen\u201c aus dem mittleren Westen h\u00e4tten davon allerdings eher nichts.<\/p>\n<p>Auf l\u00e4ngere Sicht w\u00e4re es vor allem die amerikanische Automobilindustrie selbst, die den Schaden h\u00e4tte. Sie ist derzeit \u2013 wie die Automobilindustrie in allen anderen L\u00e4ndern auch \u2013 eingebunden in ein globales Wertsch\u00f6pfungsnetzwerk von Zulieferern. Wenn die Protektionspolitik die US-Hersteller von diesem Netzwerk abschneiden w\u00fcrde, k\u00f6nnten diese vermutlich weder ihre Preise noch ihre Qualit\u00e4tsstandards halten. Und es w\u00fcrde ihnen der Wettbewerbsdruck fehlen, ohne den Effizienz und internationale Konkurrenzf\u00e4higkeit der US-Automobilindustrie schleichend erodieren k\u00f6nnten. Dann w\u00e4ren die \u201eVergessenen\u201c, die dann nicht nur keine Jobs, sondern auch keine bezahlbaren Autos mehr h\u00e4tten, endg\u00fcltig die Verlierer.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">*<\/a> \u00dcberarbeitete Fassung eines Vortrags, der am 11. Oktober 2017 auf dem 5. W\u00fcrzburger Ordnungstag gehalten wurde.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[1]<\/a> Playboy Interview: Donald Trump (1990), <em>Playboy<\/em>, Online, 14. M\u00e4rz 2017 [<a href=\"http:\/\/www.playboy.com\/articles\/playboy-interview-donald-trump-1990\">http:\/\/www.playboy.com\/articles\/playboy-interview-donald-trump-1990<\/a>].<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[2]<\/a> Bhagwati, Jagdish (1993): The Diminished Giant Syndrome<em>,<\/em> <em>Foreign Affairs<\/em> (Spring Issue).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[3]<\/a> Klodt, Henning\/Lang, Stefanie (2015): Treaty Shopping beim Investorenschutz<em>,<\/em> <em>Wirtschaftsdienst<\/em> 95 (7), 482-486.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Reisegep\u00e4ck nach Davos hatte Donald Trump neue Z\u00f6lle gegen China und S\u00fcdkorea, die manche Beobachter als erneuten Beleg f\u00fcr seine irrationale und sprunghafte Politik &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=22184\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201e<font size=3; color=grey>5. 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