{"id":22220,"date":"2018-02-06T08:09:49","date_gmt":"2018-02-06T07:09:49","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=22220"},"modified":"2018-02-06T14:08:40","modified_gmt":"2018-02-06T13:08:40","slug":"gastbeitragbrauchen-wir-mehr-europa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=22220","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Gastbeitrag<\/font><br\/>Brauchen wir mehr Europa?"},"content":{"rendered":"<p><em>Die GroKo will Europa vertiefen und eine gemeinsame Einlagensicherung vorantreiben. Doch damit gef\u00e4hrdet sie das, was sie retten will \u2013 und hilft einer populistischen Partei. <\/em><\/p>\n<p>In Europa wartet man gespannt auf den erfolgreichen Abschluss der Berliner Koalitionsverhandlungen. In den Sondierungsgespr\u00e4chen vereinbarten die drei Partner der sogenannten Gro\u00dfen Koalition, dass sie den Europ\u00e4ischen Stabilit\u00e4tsmechanismus (ESM) weiterentwickeln und die Vergemeinschaftung der Einlagensicherung in der Bankenunion vorantreiben wollen. Die konkrete Ausgestaltung beider Vorhaben ist nicht beschrieben. Naturgem\u00e4\u00df weckt dieses Ergebnis hohe Erwartungen auf der einen Seite und starke Sorgen auf der anderen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Viele Europapolitiker und B\u00fcrger halten die Vorhaben f\u00fcr sinnvoll, denn sie glauben, dass die europ\u00e4ische Einigung vertieft werden muss, damit die Spaltung \u00fcberwunden werden kann. Insbesondere in Frankreich scheinen die Erwartungen hoch zu sein. Emmanuel Macron hat gro\u00dfe Pl\u00e4ne ge\u00e4u\u00dfert \u2013 und sie mit Reformanstrengungen in Frankreich selbst untermauert.<\/p>\n<p>Dazu kommt die auch hierzulande weit verbreitete Vorstellung, dass Deutschland als Hauptgewinner aus der W\u00e4hrungsunion einen besonderen Beitrag zur Finanzierung der Integration zu leisten habe.<br \/>\nDie \u00dcberlegungen k\u00f6nnen allerdings nicht \u00fcberzeugen. Schlie\u00dflich waren es gerade diese Punkte, die den Kritikern einer zu tiefen Union Nahrung gegeben haben. Und es waren diese Punkte, die einen wesentlichen Beitrag zur Spaltung der Europ\u00e4ischen Union (EU) sowie innerhalb der Mitgliedsl\u00e4nder beigetragen haben.<\/p>\n<p>Zudem ist die Vorstellung, Deutschland sei der gr\u00f6\u00dfte Gewinner der W\u00e4hrungsintegration, irrig. Die deutsche Exportwirtschaft h\u00e4tte auch ohne die Eurozone auf den Weltm\u00e4rkten Erfolg gehabt. Daf\u00fcr spricht, dass der Anteil deutscher Exporte in die Eurozone an den Gesamtexporten seit 1999 schwach r\u00fcckl\u00e4ufig ist. Trotz starker Aufwertung konnten sich die deutschen Exporteure au\u00dferhalb des Euroraums behaupten.<\/p>\n<p>Als Argument f\u00fcr die besonderen deutschen Gewinne durch die Eurozone wird oft der Leistungsbilanz\u00fcberschuss herangezogen. Doch dieser ist nur das Ergebnis ausgepr\u00e4gter Ersparnis und zu geringer Investitionen im Inland. Es mag stimmen, dass die Deutschen vor allem so viel sparen, weil ihr Vertrauen in die Geldpolitik so gering ist. Vor diesem Hintergrund w\u00e4ren die Deutschen aber eher Verlierer als Gewinner der W\u00e4hrungsintegration.<\/p>\n<p>Diese Debatte ist dennoch m\u00fc\u00dfig, denn es geht darin gar nicht so sehr um nationale Befindlichkeiten, selbst wenn Deutschland etwas mehr als andere zahlen sollte. Wenn die mit einer Vertiefung der EU und der EWU erkaufte politische und \u00f6konomische Stabilit\u00e4t hoch w\u00e4re, w\u00e4re der Widerstand vermutlich gering.<\/p>\n<p>Leider d\u00fcrfte der Erfolg einer Vertiefung der EWU jedoch gering sein. Und damit sind wir bei den Sorgen angekommen, die mit den Ergebnissen der Sondierungsgespr\u00e4che verbunden sind. Die Kritiker f\u00fcrchten um die Stabilit\u00e4t des gesamten W\u00e4hrungsraumes, wenn es zu einer Ausweitung des ESM zu einer Art W\u00e4hrungsfonds sowie der Vergemeinschaftung der Einlagensicherung kommt \u2013 und genau daraus w\u00fcrde eine Transferunion bestehen.<\/p>\n<p>Die Sorgen werden durch angedachte Gemeinschaftsschulden, sogenannten European Safe Bonds, noch verst\u00e4rkt. Das Ziel der Idee: durch gemeinsam ausgegebene Bonds will man den Markt f\u00fcr sichere Anlagen in Europa verbreitern. Dies ist eine Idee, die auf der Vorstellung basiert, dass die Regierungen sich nur von \u00f6konomischer Rationalit\u00e4t leiten lie\u00dfen und die sich ergebenden politischen Spielr\u00e4ume nicht nutzen w\u00fcrden. Die Erfahrungen der EWU legen allerdings leider das Gegenteil nahe.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Am Ende k\u00f6nnte die gesamte EU auf der Kippe stehen<\/strong><\/p>\n<p>In diesem Falle w\u00e4ren die Unterst\u00fctzungsma\u00dfnahmen und Vergemeinschaftungen von Schulden und Risiken erfolglos und w\u00fcrden die Ungleichgewichte innerhalb der EWU eher versch\u00e4rfen \u2013 sowohl zwischen den Mitgliedsl\u00e4ndern als auch innerhalb dieser. Schon jetzt weisen die geldpolitischen Ma\u00dfnahmen eine Tendenz der Umverteilung von unten nach oben auf und gef\u00e4hrden die Alterssicherung von Millionen B\u00fcrgern gerade aus der unteren Einkommens-Mittelschicht.<\/p>\n<p>Auch alle weiteren Sorgen der Kritiker der neuen Vergemeinschaftungs-Ideen basieren weniger auf die fehlende \u00f6konomische Logik als vielmehr auf polit\u00f6konomische \u00dcberlegungen. Dass die Gelpolitik in den Finanzministerien der Mitgliedsl\u00e4nder erfreut zur Kenntnis genommen wird, liegt auf der Hand. W\u00e4hrend die Politik kurzfristig denkt, haben die B\u00fcrger ihre langfristige Alterssicherung im Blick, die sie nun akut gef\u00e4hrdet sehen.<\/p>\n<p>In allen aktuellen Vorschl\u00e4gen sind wiederum gro\u00dfe Spielr\u00e4ume f\u00fcr verantwortungsloses und zu kurz gedachtes Verhalten angelegt. Es w\u00e4re naiv, zu glauben, dass Regierungen diese Spielr\u00e4ume nicht nutzen w\u00fcrden. Sie w\u00fcrden es schon deshalb tun, weil die meisten Menschen eben nicht europ\u00e4isch denken, sondern sich in erster Linie als B\u00fcrger ihres Landes sehen. Deshalb denken sie auch immer die Frage mit, welchen Vorteil das eigene Land beziehungsweise sie selbst aus der Integration ziehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Solange es keine europ\u00e4ische \u00d6ffentlichkeit und kein europ\u00e4isches Bewusstsein gibt, sind s\u00e4mtliche Versuche, innereurop\u00e4ische Transfers gr\u00f6\u00dferen Ausma\u00dfes vorzunehmen, hoch riskant. Deshalb kann nur davon abgeraten werden, diese Option zu w\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Die neue Bundesregierung steht deswegen vor einem Dilemma. Sie sieht sich gleichzeitig franz\u00f6sischem und Br\u00fcsseler Druck auf Vergemeinschaftung der Fiskalpolitik, nordeurop\u00e4ischer Angst davor und einer generellen osteurop\u00e4ischen Europam\u00fcdigkeit gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Gibt die Bundesregierung dem Druck aus Br\u00fcssel und Paris nach, gef\u00e4hrdet sie die Stabilit\u00e4t der W\u00e4hrung und riskiert das Scheitern des Euros. Dar\u00fcber hinaus gef\u00e4hrdet diese Strategie die politische Stabilit\u00e4t in den Mitgliedsl\u00e4ndern. Und sie riskiert das weitere Erstarken der extremen Kr\u00e4fte, die den Unmut der B\u00fcrger soweit sch\u00fcren, dass am Ende die gesamte EU auf der Kippe stehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Es gilt, einen Weg zu finden, die EU wieder zukunftsf\u00e4hig zu machen, ohne ihre Stabilit\u00e4t zu gef\u00e4hrden. Anders gesagt: Errungenschaften wie die Freiheiten von Verkehr, Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital sind zu wahren.<\/p>\n<p>Die EU war ein Friedensprojekt und konnte mit diesen Freiheiten als vollendet gelten. Die W\u00e4hrungsunion dagegen war weder \u00f6konomisch notwendig, noch scheint sie dem Frieden zu nutzen. Zwingt man die Menschen nun in die n\u00e4chste Union \u2013 die Transfer- und Haftungsunion \u2013 k\u00f6nnte das Friedensprojekt seinen Charme endg\u00fcltig verlieren.<\/p>\n<p>Anstatt die \u00fcblichen europafreundlichen Phrasen zu dreschen, sollte die Politik offen an die Diskussion herangehen. B\u00fcrger und Politiker m\u00fcssen ernsthaft \u00fcber Alternativen nachdenken. Keine Option sollte ausgeschlossen werden \u2013 au\u00dfer das Beharren auf der immer n\u00e4her zusammenr\u00fcckenden Union. Dass Politikern wie Martin Schulz, der sein politisches Leben in den europ\u00e4ischen Institutionen verbracht hat und f\u00fcr den selbst ein kluger R\u00fcckschritt kein Fortschritt w\u00e4re, dies schwer f\u00e4llt, ist nachvollziehbar. Aber keine Entschuldigung f\u00fcr schlechte L\u00f6sungen.<\/p>\n<p><strong>Hinweis:<\/strong> Der Beitrag ist am <a href=\"http:\/\/www.wiwo.de\/politik\/europa\/freytags-frage-brauchen-wir-mehr-europa\/20918680-all.html\">2. Februar 2018<\/a> in der Wirtschaftswoche erschienen.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die GroKo will Europa vertiefen und eine gemeinsame Einlagensicherung vorantreiben. 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