{"id":22306,"date":"2018-02-18T08:00:43","date_gmt":"2018-02-18T07:00:43","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=22306"},"modified":"2018-02-18T17:53:23","modified_gmt":"2018-02-18T16:53:23","slug":"zwischen-narrativ-und-patentrezeptdie-sehnsucht-nach-einem-praxisorientierten-bwl-studium","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=22306","title":{"rendered":"Zwischen Narrativ und Patentrezept<br\/><font size=3; color=grey>Die Sehnsucht nach einem praxisorientierten BWL-Studium<\/font>"},"content":{"rendered":"<p><em>\u201eF\u00fcr weite Bereiche einer anwendungsbezogenen Betriebswirtschaftslehre gilt die abgewandelte Bergsteigerweisheit: Wer Tag und Nacht um die Beratungskunst der Praxis im Tale des Allt\u00e4glichen buhlt, vers\u00e4umt leicht den morgendlichen Aufstieg zum Gipfel neuer Erkenntnis. Und wer aufbricht, ohne fr\u00fcher erforschte Steige und Routen zur Kenntnis zu nehmen, wird h\u00e4ufig zur Umkehr gen\u00f6tigt sein\u201c <\/em>(Dieter Schneider, Betriebswirtschaftslehre, Bd. 1: Grundlagen, 1. Aufl. 1993, Vorwort).<\/p>\n<p><strong>1. Fehlt der akademischen BWL der Praxisbezug?<\/strong><\/p>\n<p>Nach der Vorlesungszeit schreiben in diesen Wochen wieder deutschlandweit Heerscharen von Studenten ihre Klausuren, nicht zuletzt in den sogenannten \u201eMassenstudieng\u00e4ngen\u201c wie der Betriebswirtschaftslehre. Gerade f\u00fcr dieses Fach hat sich in der j\u00fcngeren Vergangenheit nicht zum ersten Mal eine Kritikwelle \u00fcber die Medien ergossen, die man grosso modo unter die \u00dcberschrift \u201ePraxisferne\u201c subsumieren kann. Schon 2015 hatten sich in der letzten diesbez\u00fcglichen IHK-Umfrage viele Unternehmen \u00fcber die mangelnde Arbeitsmarktf\u00e4higkeit von Bachelor-Absolventen beklagt (vgl. <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=17279\">http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=17279<\/a>). Im Jahr darauf folgte dann ausgerechnet im Hause der doch Wirtschaftskompetenz erheischenden FAZ ein Buch von Axel Gloger mit dem ketzerischen Titel \u201eBetriebswirtschaftsleere \u2013 Wem n\u00fctzt BWL noch?\u201c und 2017 widmete die Wirtschaftswoche diesem Thema sogar die \u00e4hnlich aufgemachte Titelstory \u201eWer braucht noch BWLer?\u201c samt Beitr\u00e4gen im zeitlichen Umfeld unter wechselnder \u00c4gide der drei Titelstory-Autoren Jan Guldner, Bert Losse und Kristin Schmidt. Unterf\u00fcttert wird das Ganze im t\u00e4glichen Universit\u00e4tsbetrieb durch immer wieder aufkeimende Klagen von Studentenseite, es w\u00fcrde zu viel Theorie und zu wenig Praxis gelehrt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Alles in allem zeigt sich damit ein erstaunliches Panoptikum, sofern man bedenkt, dass die Zahl der BWL-Studierenden gerade nach der Lehman-Pleite allen Klagen zum Trotz selbst dann noch deutlich gestiegen ist, wenn man die von medialer Kritik zumeist kaum bedachte Subdisziplin Wirtschaftsinformatik separat ausweist (vgl. <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=21678\">http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=21678<\/a>). Warum rennen also junge Menschen mit Reifezeugnis in die ungeliebten BWL-Hochschulen wie Lemminge auf steil abfallende Klippen? M\u00fcssen sich Hochschullehrer f\u00fcr BWL Sorgen um ihre Existenzberechtigung machen? Ist die akademische BWL am Ende?<\/p>\n<p><strong>2. Aspekte des vermeintlichen Problems<\/strong><\/p>\n<p>Nicht nur in den genannten Kritiken werden bewusst oder unbewusst uno actu mehrere Aspekte des vermeintlichen BWL-Problems adressiert \u2013 leider nicht immer (geschweige denn sauber) getrennt. Es beginnt bereits damit, dass nicht hinreichend zwischen Bachelor- und Master-Studium differenziert wird, obwohl die Beschwerden gerade der Unternehmen sehr viel st\u00e4rker ersteres betreffen (vgl. nochmals <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=17279\">http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=17279<\/a>).<\/p>\n<p>Dann werden die verschiedenen Hochschularten, in denen das angeblich bald nutzlose Fach studiert werden kann, oft in ihren Spezifika nur am Rande angesprochen. Immerhin lie\u00df die Wirtschaftswoche in einem Folgeinterview den Pr\u00e4sidenten der Hochschule Niederrhein Hans-Hennig von Gr\u00fcnberg die von ihm bevorzugte Programmatik f\u00fcr die BWL-Ausbildung der Zukunft verk\u00fcnden: \u201eDie BWL ist eine angewandte Wissenschaft \u2026 Betriebswirte sollten vern\u00fcnftigerweise ausschlie\u00dflich an den HAWs akademisch ausgebildet werden\u201c (vgl. <a href=\"http:\/\/www.wiwo.de\/erfolg\/campus-mba\/bwl-studium-an-der-fh-unsere-studierenden-sind-berufsfaehig-\/20618642.html\">http:\/\/www.wiwo.de\/erfolg\/campus-mba\/bwl-studium-an-der-fh-unsere-studierenden-sind-berufsfaehig-\/20618642.html<\/a>). An der Universit\u00e4t sollten dann diejenigen bleiben, \u201edie vor allem wissenschaftlich arbeiten, etwa in F\u00e4chern wie theoretischer Physik, Theologie, Medizin, \u00c4gyptologie, zum Teil auch in Jura\u201c \u2013 und weiter: \u201eDas ist auch eine Kostenfrage f\u00fcr die Gesellschaft. Wir k\u00f6nnen nicht alle Studierende zu Wissenschaftlern machen.\u201c Eine nicht nur f\u00fcr BWLer, sondern beispielsweise auch f\u00fcr Experimentalphysiker wahrhaft bemerkenswerte Sequenz, deren i-T\u00fcpfelchen darin besteht, dass von Gr\u00fcnberg selbst aus der theoretischen Physik kommt \u2013 ein Jammer, dass der unvergessene Dieter Schneider dies nicht mehr kommentieren kann!<\/p>\n<p>Damit sind wir bereits beim letzten hier anzusprechenden Aspekt: Ist BWL also \u00fcberhaupt eine Wissenschaft? Wonach forscht sie und gibt dann ganz im Sinne des Humboldt\u00c2\u00b4schen Ideals die Ergebnisse ihrer Forschung den wissensdurstigen Studierenden weiter? Wer sich ernsthaft mit der gar nicht so alten Geschichte der deutschsprachigen BWL besch\u00e4ftigt, sieht schnell, dass an diesem Punkt einige F\u00e4den zusammenlaufen:<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[i]<\/a> Die Lehrpl\u00e4ne der am Ende des 19. Jahrhunderts gegr\u00fcndeten ersten Handelshochschulen passen nach heutigem Verst\u00e4ndnis eher zu Fachhochschulen und Berufsakademien und die st\u00e4rkere Konzentration auf wirtschaftswissenschaftliche Inhalte fand erst dann statt, nachdem sich die ehemalige \u201ePrivatwirtschaftslehre\u201c \u00fcber Jahrzehnte hinweg einen halbwegs stabilen Platz in der akademischen Landschaft erk\u00e4mpft hatte. Diese Entwicklung d\u00fcrfte dem theoretischen Physiker von Gr\u00fcnberg genauso fremd sein wie anderen Apologeten k\u00fcnftigem BWL-Reform- oder gar -Abschaffungsbedarfs, die selbst keine betriebswirtschaftlichen Titel einer Universit\u00e4t tragen.<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[ii]<\/a> Als Problem f\u00fcr ihre interessierten Leser verbleibt dann nur noch, ob solche Autoren entsprechende Forderungen aus schlichter Unkenntnis oder eigenen Interessen stellen.<\/p>\n<p><strong>3. Der eigentliche Verdruss<\/strong><\/p>\n<p>Hat man dagegen \u2013 wie der Verfasser \u2013 alle Stationen akademischer Betriebswirtschaftslehre hinter sich gebracht und als Assistent, Dozent sowie schlie\u00dflich Professor auch die Sicht vom Katheder lange genug genossen, stellt sich die Gemengelage eher so dar:<\/p>\n<p>Die universit\u00e4re BWL war f\u00fcr die meisten Studenten schon immer eher Pflicht als Leidenschaft. Finanzielle Perspektiven oder elterlicher Druck dominierten inhaltliche Begeisterung als Kernmotivation. Das ist im Zeitverlauf sicher nicht besser geworden. Steigende methodische Anforderungen, insbesondere in Mathematik und Statistik, haben die Problemlage versch\u00e4rft und die gerade in der j\u00fcngeren Vergangenheit politisch gewollte Akademisierung um (fast) jeden Preis war sicher auch nicht gerade hilfreich. So sitzen jetzt im von den Unternehmen besonders kritisierten Bachelor-Studium an Universit\u00e4ten viele von Hause aus inhaltlich unmotivierte junge Menschen, die sich trotz erheblichem Aufwand des Lehrk\u00f6rpers und tendenziell sinkendem Anspruchsniveau der Pr\u00fcfungen \u00fcberfordert und entsprechend unzufrieden f\u00fchlen. Statt mathematischer Modelle, die der verdammte Computer doch gef\u00e4lligst selbst l\u00f6sen soll, sehnen sie sich nach der atmosph\u00e4rischen Leichtigkeit von Narrativen und der schnellen Erlernbarkeit von Patentrezepten jenseits von Infinitesimalrechnung und Regressionsanalyse.<\/p>\n<p>Gleichzeitig entsteht um sie herum eine neue Welt, in der mit Klicks und Apps alles erreichbar erscheint \u2013 eine in der Theorie nur auszugsweise adressierte Praxis, die nicht nur die Konsum-, sondern auch die Berufsperspektiven auf h\u00f6chst simple Weise zu verbessern scheint. Wozu also das Ganze, wenn selbst \u201edie Unternehmen\u201c mehr Arbeitsmarktf\u00e4higkeit fordern, was allzu schnell mit \u201eweniger Theorie\u201c gleichgesetzt wird? Die wenigsten der entsprechend Frustrierten fragen noch nach den spezifischen St\u00e4rken eines theoriegeleiteten Universit\u00e4tsstudiums und gleichzeitig sind Personalmanager verstimmt, weil sie dem (\u00fcberaus m\u00fchsam gek\u00fcrten) Bachelor als Vollakademiker keine selbst\u00e4ndig zu erledigenden Aufgaben von nicht trivialem Niveau \u00fcbertragen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>4. Was nun?<\/strong><\/p>\n<p>Ist das Ende der universit\u00e4ren BWL also doch eingeleitet, zumal die IT in den n\u00e4chsten Jahren sicher viele Stellen im administrativen Bereich bis hin zum mittleren Management schlicht \u00fcberfl\u00fcssig werden l\u00e4sst? Nein! Jede anderweitige Einsch\u00e4tzung \u00fcbers\u00e4he zun\u00e4chst s\u00e4mtliche wirklich erfolgreichen Absolventen in betriebswirtschaftlichen Studieng\u00e4ngen, die mit ihren Fertigkeiten auch in Zukunft Probleme l\u00f6sen werden, f\u00fcr die Vertreter anderer Disziplinen schlechter ger\u00fcstet sind.<\/p>\n<p>Auch die st\u00e4rkere theoretische Fundierung universit\u00e4rer Studieng\u00e4nge gegen\u00fcber der Konkurrenz von Fachhochschulen und Berufsakademien hat ihre Berechtigung und wird wie bisher wechselseitige komparative Vorteile f\u00fcr die Absolventen der verschiedenen Hochschulformen begr\u00fcnden. Vom ehemaligen Universalgelehrten ist in einer Gesellschaft ausdifferenzierten und st\u00e4ndig wachsenden Wissens nicht mehr viel \u00fcbriggeblieben, aber das Verm\u00f6gen, neue und abstrakte Probleme zu durchdringen, ist heute nicht weniger n\u00f6tig und m\u00f6glich als zum Entstehungszeitpunkt der ersten Universit\u00e4ten in Oberitalien oder \u201eder Humboldt\u201c, die vielen bis heute als Leitbild der neuzeitlichen Hochschulen nicht nur in Deutschland gilt.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft nat\u00fcrlich nicht, dass Praxis keine Ber\u00fchrungspunkte zur Universit\u00e4tsausbildung haben kann oder soll \u2013 im Gegenteil: Der Verweis darauf, dass die meisten akademischen BWLer nach dem Studium dort ihre materielle Lebensgrundlage finden, ist fraglos zutreffend. Entsprechend sind Praktika, Praktikervortr\u00e4ge und -veranstaltungen, gemeinsame Projekte und Seminare von Universit\u00e4ten und Unternehmen, Berufsmessen sowie vieles mehr oft \u00fcber das bisherige Ma\u00df hinaus w\u00fcnschenswert! Betriebswirtschaftliche Universit\u00e4tsgremien und ihre Verantwortlichen, allen voran die Professoren, sind gefordert, hier M\u00f6glichkeiten auszuloten und entsprechend zu nutzen. Dies darf aber nicht zu einer Entkernung der universit\u00e4ren BWL-Ausbildung f\u00fchren, indem die theoretische Basis der Lehre einschlie\u00dflich der f\u00fcr den Abschluss n\u00f6tigen Pr\u00fcfungen sukzessive verw\u00e4ssert und am Ende weitgehend aufgegeben wird. Damit w\u00fcrde die BWL aufh\u00f6ren, ihren Studenten die Beherrschung und Entwicklung von Instrumenten zur selbst\u00e4ndigen L\u00f6sung aktueller wie zuk\u00fcnftiger \u00f6konomischer Probleme zu vermitteln. Es w\u00e4re letztlich der Selbstmord der Disziplin, denn dann k\u00f6nnte man dieses Studium tats\u00e4chlich getrost vergessen.<\/p>\n<p>&#8212; &#8212; &#8212;<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[i]<\/a> Vgl. hierzu und zum Folgenden bspw. Dieter Schneider, Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, 3. Aufl. M\u00fcnchen-Wien 1985, S. 129 ff.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[ii]<\/a> Vgl. zu diesem Aspekt die vernichtende Rezension des Gloger-Buchs durch Thomas Hering in BFuP 1\/2017, S. 124-127.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eF\u00fcr weite Bereiche einer anwendungsbezogenen Betriebswirtschaftslehre gilt die abgewandelte Bergsteigerweisheit: Wer Tag und Nacht um die Beratungskunst der Praxis im Tale des Allt\u00e4glichen buhlt, vers\u00e4umt &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=22306\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eZwischen Narrativ und Patentrezept<br \/><font size=3; color=grey>Die Sehnsucht nach einem praxisorientierten BWL-Studium<\/font>\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":125,"featured_media":22322,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2737,2739,2738],"tags":[2741,2740,2742,2743],"class_list":["post-22306","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-betriebswirtschaftliches","category-praktisches","category-theoretisches","tag-betriebliche-praxis","tag-betriebswirtschaftslehre","tag-bwl-studium","tag-praxisbezug"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - 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