{"id":22366,"date":"2018-03-06T06:45:11","date_gmt":"2018-03-06T05:45:11","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=22366"},"modified":"2018-03-06T06:45:11","modified_gmt":"2018-03-06T05:45:11","slug":"markt-und-moral","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=22366","title":{"rendered":"Markt und Moral"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><strong>Ist der Markt moralisch?<\/strong><\/p>\n<p>In Deutschland verliert der Markt an politischer und gesellschaftlicher Reputation. Ganz gewiss nicht unschuldig am Sinken des Vertrauens in die Marktwirtschaft sind die internationalen Finanzkrisen ab 2007\/08, ebenso auch die Betrugskrisen der Autobauer und erst recht die \u201eklimasch\u00e4digende Profitgier\u201c der Energieproduzenten, ganz abgesehen von den sehr eigenst\u00e4ndigen Politikvarianten der Marktwirtschaft des amerikanischen Pr\u00e4sidenten Donald Trump. Sie zeigten doch, dass es keine Moral im marktwirtschaftlichen Kapitalismus gebe.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Politik in Deutschland, dem antimarktwirtschaftlichen Zeitgeist folgend, hat das Land in dieser Spur des Denkens in den letzten Jahren \u00c2\u00a0ansteigend interventionsaktiv und regulierend administriert. Es ist deshalb nicht \u00fcberraschend, dass der fulminante Vorsto\u00df des franz\u00f6sischen Staatspr\u00e4sidenten Macron zur institutionellen Neuorientierung der\u00c2\u00a0 EU bereits sympathisierend und Unterst\u00fctzung versprechend von der deutschen (gesch\u00e4ftsf\u00fchrenden) Bundesregierung kommentiert worden ist. Hier lauert Gefahr f\u00fcr das langfristige \u00dcberleben der Marktwirtschaft in Deutschland und der EU. Denn Macron ist, der traditionell franz\u00f6sischen polit-\u00f6konomischen Philosophie des hierarchisch planenden Organstaates verhaftet, absolut kein Vertreter marktorientierten Denkens. Sein Zukunftsprogramm f\u00fcr Europa \u00c2\u00a0enth\u00e4lt den \u2013 franz\u00f6sischen \u2013 F\u00fchrungsanspruch staatlich-institutioneller Umverteilungsplanung in\u00c2\u00a0 der EU. Die Idee der zukunftsgestaltenden Bedeutung der im Prinzip umverteilungs-aversen Marktwirtschaft f\u00fcr die EU ist ihm fremd. Es fehlt, wenn der Brexit tats\u00e4chlich erfolgt, innerhalb der EU der traditionell britische Kontrapunkt marktorientierten Denkens. Damit entsteht eine paradigmatisch gravierende Schieflage in der EU. Aber Angela Merkel und andere scheinen dem gef\u00e4hrlichen Charme des franz\u00f6sischen Staatspr\u00e4sidenten zu unterliegen, dass die Zukunft der EU nicht in mehr Markt, sondern in mehr \u2013 umverteilender, also sozialismus-affiner \u2013 Politik liegt. Deshalb erscheint es n\u00f6tiger denn je, wieder einmal neu auf die Funktionen von Markt und Moral, von Marktwirtschaft und Menschenbild im Gegensatz zu Sozialismus und Umverteilung zu verweisen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Sozialismus bedingt Kleingruppenmoral<\/strong><\/p>\n<p>Verf\u00fchrerisch ist es, die Debatte um die Moral des Marktes, um die Handlungsethik von Managern in den Bahnen medienwirksam verordneter <em>political correctness <\/em>darzustellen: Man s\u00e4he doch, und das ist sicher nicht ganz falsch, dass \u00c2\u00a0allenthalben die Moral der Wirtschaftselite verkomme und dass die internationalen Kapitalm\u00e4rkte zudem wie kapitalistische Treibriemen f\u00fcr deren amoralische Perversionen des gierigen Profitstrebens fungierten. Als Retter in der Not m\u00fcsse der Staat handeln, dessen regierende\u00c2\u00a0 Managerelite in ihrer Funktion der Schadensbegrenzung eine moralisch hochwertige Gegenposition einn\u00e4hme. Die verkommene Moral der Wirtschaft werde durch die Hochmoral des Staates domestiziert.<\/p>\n<p>Im Zentrum der Moraldebatte um Markt versus Staat, um Marktwirtschaft versus Sozialismus, steht die Beziehung zwischen Gewinn und Moral. Die Evaluierung dieser Beziehung kann ohne den Begriff des Wettbewerbs nicht ad\u00e4quat erfolgen. Der Wettbewerb als zentrale Voraussetzung f\u00fcr funktionierende Marktwirtschaften beruht bekanntlich auf der durch Erfahrung als n\u00fctzlich erkannten Ordnungsidee, das Eigeninteresse des Menschen als Triebkraft zu nutzen und zugleich als Bedrohung anderer zu neutralisieren.<\/p>\n<p>Dieser Idee liegt die empirisch gehaltvolle Annahme zugrunde, dass die Menschen\u00c2\u00a0 grunds\u00e4tzlich eine egozentrierte Pr\u00e4ferenzstruktur haben. Konkret hei\u00dft dies, dass die Durchschnittsmoral der Individuen \u2013 \u00c2\u00a0jedenfalls in unserem Kultur- und Zivilisationskreis \u2013 bei ihren Aktivit\u00e4ten in der Mehrung ihres Eigennutzes, ihres eigenen Wohlstands, ihres eigenen Gl\u00fccks besteht. Niemand wird vermutlich f\u00fcr das Wohl des Bundespr\u00e4sidenten, der Kanzlerin, des B\u00fcrgermeisters, des Chefs usw. arbeiten, sondern jeder will die Fr\u00fcchte seines Tuns prim\u00e4r f\u00fcr sich selbst ernten. Davon sind die Politiker in gar keiner Weise ausgenommen. Diese individuelle Egozentriertheit, die in weiten Teilen der \u00f6konomischen Wissenschaft als eine Art anthropologischer Konstante angesehen wird, schlie\u00dft grunds\u00e4tzlich aber auch die Familie, die engen Freunde, die Kameraden usw. ein, also alle, die in Nicht-Marktbeziehungen sich eng miteinander verbunden f\u00fchlen. Und sie enth\u00e4lt am Rande, aber wohl nicht immer im Pr\u00e4ferenzzentrum, auch die Kategorien der N\u00e4chstenliebe, des Mitleids, der Empathie, also der altruistischen Pr\u00e4ferenzen des Einzelnen, der dann hilft, spendet und sich f\u00fcr Andere einsetzt. Insofern ist es wohl richtig zu sagen, dass der Sozialismus eine Kleingruppenmoral enth\u00e4lt, er funktioniert umso weniger, je gr\u00f6\u00dfer die Menschengruppen und also je anonymer die Beziehungen zwischen den Menschen sind. Deshalb scheitern sozialismusaffine Institutionen auf lange Sicht regelm\u00e4\u00dfig in ganzen Staaten und nat\u00fcrlich erst recht in gro\u00dfen Integrationsr\u00e4umen wie der EU.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Wettbewerb als kontrollierende Triebkraft des Eigeninteresses<\/strong><\/p>\n<p>Die Wettbewerbsidee, die Triebkraft des Eigeninteresses mit der Kontrollfunktion gegen\u00fcber Fremdensch\u00e4digung zu nutzen, unterlag zu verschiedenen Zeiten bekanntlich unterschiedlichen Bewertungen. Adam Smith hat in seiner <em>\u00c2\u00a0Wealth of Nations<\/em> von der <em>Unsichtbaren Hand<\/em> \u00c2\u00a0gesprochen, die das egozentrierte Gewinnstreben etwa eines B\u00e4ckers, eines Fleischers oder generell eines Unternehmers, der G\u00fcter und Dienstleistungen seinen Kunden anbietet, in eine f\u00fcr die Gesellschaft n\u00fctzliche Wohlstandsmehrung transformiert: Zwar habe kein B\u00e4cker das Mitleidsmotiv, Brot zu verkaufen, damit die Bev\u00f6lkerung nicht verhungere, aber dennoch handele er in seinem egozentrierten \u00c2\u00a0Gewinnmotiv ungewollt genau in diesem Sinne. Man kann es auch anders sagen: Der Gewinn eines Unternehmers repr\u00e4sentiert durchaus ein Ma\u00df f\u00fcr ethisches Verhalten, weil ein Verlust die Existenz des Unternehmens und damit von Arbeitspl\u00e4tzen und Kapital aufs Spiel setzt. Und Smith f\u00fcgt noch hinzu, dass eine Gesellschaft, die nicht verhungern will, besser nicht auf ein altruistisches Motiv des B\u00e4ckers vertrauen sollte, weil dieses nicht verl\u00e4sslich sei. Verl\u00e4sslich sei vor allem das Gewinnstreben des B\u00e4ckers, das \u2013 ohne dass er dies direkt bewirken will \u2013 \u00c2\u00a0Hungersnot verhindert und damit Wohlstand produziert. Die Transformation des individuellen Eigennutzes in kollektive N\u00fctzlichkeit bedeutet mithin, dass nicht die Gesinnungsethik, sondern die Verantwortungsethik zum prinzipiellen Wertema\u00dfstab unternehmerischen Verhaltens wird.<\/p>\n<p>In dieser Unterscheidung n\u00e4hern wir uns dem Soziologen Max Weber, der die Entstehung des Kapitalismus aus der protestantischen Ethik ableitet: Die Triebkraft des Eigeninteresses im unternehmerischen Handeln impliziere letztlich auch das Bed\u00fcrfnis nach Heilsgewissheit, denn unternehmerischer Erfolg k\u00f6nne als Signal f\u00fcr die Erw\u00e4hltheit im Jenseits interpretiert werden, so argumentieren die Calvinisten. Dieses Gedankengut ist Ausfluss des Glaubens im Rahmen einer Leistungsreligion, die man in dieser Form des \u00f6konomischen Anreizes nicht teilen mag. Konsequenterweise m\u00fcsse dann jeder Unternehmer den wirtschaftlichen Erfolg anstreben, um ein ruhiges Gewissen zu haben. Die Erw\u00e4hltheit im Jenseits \u00c2\u00a0ist mithin eine positive intertemporale Funktion des irdischen Erfolgs. In diesem Sinne hat also unternehmerischer Erfolg, der sich letztlich im Gewinn niederschl\u00e4gt, eine hohe moralische Rechtfertigung.<\/p>\n<p>Man kann sagen, dass sich diese Auffassung inzwischen grundlegend gewandelt hat. Allgemein gilt wohl, dass unternehmerisches Gewinnstreben nicht nur keine Moral <em>per se<\/em> enth\u00e4lt, sondern dass es sich vielmehr moralisch erst legitimieren muss. Zudem ist nicht nur das Gewinnstreben als solches, sondern auch die Gewinnverwendung in den kritischen Fokus geraten, insbesondere, wenn man z. B. die heutigen Absurdit\u00e4ten der Gew\u00e4hrung von Bonuszahlungen und Abfindungsmodalit\u00e4ten von Managern unter die Lupe nimmt. Und nicht zuletzt wird oft genug die moralische Zweifelhaftigkeit eines Besch\u00e4ftigungsabbaus bei zugleich hohem Gewinn betont.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Der verunsicherte Unternehmer<\/strong><\/p>\n<p>Nicht irrelevant scheint in diesem Zusammenhang auch Kant zu sein. Kant unterscheidet drei Grundformen menschlichen Handelns: technisches Handeln, pragmatisches Handeln und moralisches Handeln. Technisches Handeln ist auf Objekte, Maschinen, Sachen gerichtet. In diesem Sinne erfordere es Geschicklichkeit des Handelnden. Pragmatisches Handeln bezieht sich auf Menschen und auf Interaktionen zwischen ihnen. Es bed\u00fcrfe der Klugheit. Moralisches Handeln impliziert sittliche Normen, ethische Werte. Es verlangt nach Weisheit.<\/p>\n<p>Speziell auf moralisches Handeln bezieht sich der ber\u00fchmte Kantsche kategorische Imperativ: Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten k\u00f6nnte. Es geht hier also um die Universalisierbarkeit des Handelns. Dabei ist ersichtlich, dass die Basis des Imperativs individualethische Normen sind und keineswegs von politischen Akteuren als sozialethisch hochangesehene\u00c2\u00a0 Kollektivvorgaben, wie wir sie etwa heute zunehmend erfahren m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Der Handelnde ist zun\u00e4chst frei in seiner Suche nach ethisch vertretbaren Werten seines Tuns. Die moralische Messlatte f\u00fcr die Wahl ethischer Normen ist die individualethisch akzeptierte Universalisierbarkeit seiner Handlungen, sie wird quasi zum Test f\u00fcr deren Sittlichkeit erhoben. Sie repr\u00e4sentiert eine selbst gew\u00e4hlte Individualethik, nicht aber eine gesellschaftspolitisch vorgeschriebene Kollektivethik sozialen Verhaltens.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Ordoliberalismus der guten Regeln<\/strong><\/p>\n<p>Aus heutiger Sicht sagen manche, dass im Kantschen Gedankensystem ein Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen Individual- und Kollektivethik angelegt sei, dem z. B. das heutige Unternehmerverhalten vehement ausgesetzt ist. In gewisser Weise n\u00e4hern wir uns damit dem in der \u00f6konomischen Wissenschaft breit diskutierten Grundprinzip der <em>guten Regeln<\/em>, wie sie etwa im <em>Ordoliberalismus<\/em> eine zentrale Rolle spielen. Die <em>Freiburger Schule <\/em>der Ordnungs\u00f6konomik<em>, <\/em>die nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem durch deren Hauptvertreter Walter Eucken, Wilhelm R\u00f6pke, \u00c2\u00a0Franz B\u00f6hm und anderen eine Neukonzeption der Wirtschaftsordnung insbesondere f\u00fcr die Bundesrepublik entwickelte, entwarf das System der \u00c2\u00a0<em>Sozialen Marktwirtschaft<\/em>: Grunds\u00e4tzlich dem Marktprinzip und dem ihm inh\u00e4renten Gewinnstreben des Unternehmers verpflichtet, das \u00fcber den Wettbewerb dessen Egozentriertheit in Gemeinwohl transformiert, ben\u00f6tigt das System einen von au\u00dfen, d. h. vom Staat, gesetzten Ordnungsrahmen, der einerseits den Wettbewerb, der zu manchen Perversionen neige, sich nicht selbst \u00fcberl\u00e4sst, sondern als eine Art staatlicher Veranstaltung bestimmten Regeln unterworfen wird, und zum anderen einen gewissen sozialen Ausgleich organisiert, wenn die Ergebnisse des Wettbewerbs gesamtgesellschaftlich als nicht akzeptabel angesehen werden.<\/p>\n<p>Die Soziale Marktwirtschaft, die fr\u00fcher \u2013\u00c2\u00a0 vor 70 Jahren etwa \u2013 als ein gro\u00dfer Wurf durch die praktische Umsetzung durch Ludwig Erhard und Alfred M\u00fcller-Armack mit Recht gefeiert wurde und sich in den folgenden Jahren als au\u00dferordentlich erfolgreiches Modell des gelungenen Ausgleichs zwischen Individual- und Kollektivethik bew\u00e4hrte, war zugleich ein Einfallstor f\u00fcr zunehmend ideologisch und interessenpolitisch motivierte Au\u00dferkraftsetzung des wettbewerblichen Marktprozesses in Kombination mit einer immer st\u00e4rkeren Fehlinterpretation des sozialen Ausgleichs in Richtung sozialismus-affiner Staatsregulierung, die den B\u00fcrger als umfassend zu kontrollierenden und politisch zu \u201eumsorgenden\u201c Untertan betrachtet. Ludwig Erhard hatte schon fr\u00fch vor dieser Entwicklung gewarnt.<\/p>\n<p>Aber es war vor allem und zuvorderst Friedrich August von Hayek, der, Ludwig Erhard gut kennend, den Begriff der \u201esozialen\u201c Marktwirtschaft schon fr\u00fch als Wieselwort der gef\u00e4hrlich beliebigen Interpretation des Sozialen brandmarkte und als Einfallstor f\u00fcr einen regulierenden, interventionistischen bis hin zum totalit\u00e4ren Sozialismus gei\u00dfelte. Die Regeln der Marktwirtschaft ohne adverbialen Zusatz der gef\u00e4hrlich interpretationsoffenen Regulierung von Markt und Marktgesetzen seien es, die Wohlstand erzeugen und insofern der Forderung nach Moral des Wirtschaftens am n\u00e4chsten kommen.<\/p>\n<p>Jedoch erleben wir in Deutschland, dass Marktgesetze zunehmend als amoralisch angesehen werden, und der ihnen innewohnende Wettbewerbsmechanismus wird eher einer ungew\u00fcnschten \u201eEllbogen-Moral\u201c gegen die Schwachen zugeordnet denn einem Wohlstand produzierenden gesamtgesellschaftlichen Mechanismus, der nicht nur Gegenwartsrisiken beinhaltet, sondern vor allem auch Zukunftschancen\u00c2\u00a0 verteilt. Hayek bringt hier die Entdeckungsfunktion des Wettbewerbs f\u00fcr neue Zukunftsl\u00f6sungen, die wir heute noch nicht kennen, ins Spiel. Zudem ist festzustellen, dass die Verletzung und Au\u00dferkraftsetzung von dem Marktsystem immanenten Regeln aus perversen Anreizen heraus \u00c2\u00a0f\u00fcr einzelne Unternehmer und Manager zu oft von gr\u00f6\u00dferem Nutzen ist als deren Einhaltung, was die Stabilit\u00e4t der Ordnung und den Zusammenhalt der Gesellschaft gef\u00e4hrden kann. Ein diesbez\u00fcglich gravierender Defekt liegt auch hier in der \u2013 zumeist moralethisch begr\u00fcndeten, aber verantwortungsethisch desastr\u00f6sen \u2013 Interventionsaktivit\u00e4t des Staates in die Funktionsmechanismen des Marktsystems.<\/p>\n<p>Anhand der in den letzten Dekaden signifikant gestiegenen Staatsquote \u2013 nicht nur in Deutschland weit \u00fcber 40 % und tempor\u00e4r sogar bis zu fast 50 % &#8211; l\u00e4sst sich diese Entwicklung demonstrieren. Der Sozialetat hat mittlerweile den weitaus gr\u00f6\u00dften Anteil \u00c2\u00a0am Bundeshaushalt, die Sozialleistungen expandieren stetig, aber die Politiker sagen, die \u201esoziale Gerechtigkeit\u201c \u2013 ebenfalls ein Wieselwort im Hayekschen Sinne \u2013 n\u00e4hme nicht zu. Armut, die angeblich immer gr\u00f6\u00dfer wird im Lande, wird medienwirksam von Armut verwaltenden Funktion\u00e4ren zelebriert, die Armut als sozialpolitisches Gesch\u00e4ftsmodell handhaben \u2013 unabh\u00e4ngig davon, wie man diesen Begriff als absoluten oder relativen Tatbestand definiert. In diesem Kontext spiegelt sich die schleichend zunehmende Sympathie des \u00f6ffentlichen Bewusstseins f\u00fcr staatlich organisierte Umverteilung, Expansion der staatlichen F\u00fcrsorge \u00fcber die Sozialsysteme und der damit einhergehenden Antipathie gegen\u00fcber Marktmechanismen und Eigenverantwortung wider. Im kollektiven Bewusstsein gilt derjenige, der die Umverteilung von Wertsch\u00f6pfung organisiert, also der Staat, zunehmend als moralisch h\u00f6herwertig Handelnder gegen\u00fcber denjenigen, die die Produktion von Wertsch\u00f6pfung und damit die Umverteilung \u00fcberhaupt erst erm\u00f6glichen, also den Unternehmern.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Der Staat als internationaler Mitbewerber <\/strong><\/p>\n<p>Die Wertedebatte um unternehmerisches Handeln bekommt eine zus\u00e4tzliche Dimension durch das, was Globalisierung bedeutet. Globalisierung hei\u00dft weltweite Vernetzung von \u00f6konomischen und politischen M\u00e4rkten \u00fcber nationale Grenzen hinweg. Sie bildet den Rahmen f\u00fcr den internationalen Wettbewerb der Standorte um die mobilen Ressourcen dieser Welt. Dabei sind die Standorte charakterisierbar nicht nur durch ihre materielle Infrastruktur, sondern, was in unserem Kontext wichtig ist, durch Sitten und Gebr\u00e4uche, Werte und Moral, die sich in jeweils spezifischer Weise in den Standorten dieser Welt auspr\u00e4gen. Die Freiheit der internationalen Bewegungen von Menschen, G\u00fctern, Dienstleistungen, Kapital und Wissen, die die Globalisierung erm\u00f6glicht und die wir ja in der EU als gro\u00dfen Fortschritt feiern, \u00f6ffnet zugleich die Freiheit zu Exit-Optionen: Unternehmen k\u00f6nnen sich anderen Standorten zuwenden, wenn ihnen z. B. spezielle Standortbedingungen kollektiv\u00c2\u00a0 politikverordneter Institutionen, Werte und Moral ihres eigenen Standorts nicht mehr zusagen. Deshalb stehen Werte und Moral als standortgebundene Institutionen in globalem Wettbewerb miteinander, sie sind international bestreitbar und insofern nicht absolut, sondern relativ und m\u00fcssen sich im globalen Wettbewerb bew\u00e4hren.<\/p>\n<p>F\u00fcr das Verhalten von B\u00fcrgern und Unternehmen bedeutet dies, dass die internationale Standortwahl als wertbehaftete Entscheidung in das Handlungsportfolio der Unternehmeralternativen zus\u00e4tzlich aufgenommen wird: Bleiben oder gehen? <em>Stay or go, loyalty or exit?<\/em> Da die potentielle Realisierung der Exit-Option immanenter Bestandteil jedes Wettbewerbsprozesses ist, unterliegt auch sie der individualethischen und nicht der kollektiv gesetzten Messlatte f\u00fcr moralisches Handeln. Konkret hei\u00dft dies z. B., dass die Verlagerung der Produktion oder Teile von ihr ins Ausland keineswegs als unmoralisch \u2013 weil \u201eunpatriotisch\u201c und Inl\u00e4nderarbeitsplatzsch\u00e4dlich \u2013 zu klassifizieren ist, wenn die Bedingungen des heimischen Standorts die internationale Wettbewerbsf\u00e4higkeit des Unternehmens gef\u00e4hrden oder auch nur im Vergleich zu anderen Standorten nicht gen\u00fcgend f\u00f6rdern.<\/p>\n<p>Besonders krass stellt sich die Exit-Option als verantwortungsethisch durchaus hochwertig dar, wenn bestimmte Produktionen \u2013 z. B. in der Genforschung \u2013 aufgrund politisch gesetzter Normen im heimischen Standort verboten, in anderen Standorten dieser Welt dagegen erlaubt oder sogar erw\u00fcnscht sind. Hier offenbart sich die Relativit\u00e4t einer mit ihrer Wissens- und Moralanma\u00dfung gegen\u00fcber der Individualethik staatlich verordneten Kollektivmoral eines Standortes, die in globalisierten M\u00e4rkten dem Test auf ihre eigene internationale Wettbewerbsf\u00e4higkeit ausgesetzt ist. Insofern bekommt die individualethische Dimension unternehmerischer Entscheidungen durch die Globalisierung eine zunehmende Bedeutung. Und in diesem Sinne ist der damit einhergehende Schwund traditioneller Staatlichkeit des Entscheidungs- und Durchsetzungsmonopols gegen\u00fcber den Privaten keine nur bedauerliche Entwicklung, sondern vielleicht das genaue Gegenteil, weil nunmehr auch der Staat \u2013 wie die privaten Unternehmen \u2013 nicht mehr als Monopolist auftreten kann, sondern als Mitbewerber im internationalen Wettbewerb seiner eigenen Kollektivnormen agieren muss. Damit schwindet die traditionelle Dominanz der Kollektivmoral gegen\u00fcber der Individualmoral. Zugleich folgt daraus eine zunehmende Bedeutung individueller Verantwortungsethik unternehmerischen Handelns, womit wir wieder bei der Kantschen Universalisierbarkeit als Messlatte f\u00fcr eine \u201egute\u201c Individualethik landen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Moralversagen, Institutionenversagen<\/strong><\/p>\n<p>Nach diesen \u00dcberlegungen m\u00fcssen wir noch einmal zur\u00fcckkehren zu den massiven Verwerfungen, wie wir sie in den eingangs geschilderten Verschuldungs-, Finanz-, W\u00e4hrungs- und Betrugskrisen dieser Tage angesprochen haben. Die Analyse der Gr\u00fcnde f\u00fcr diese Verwerfungen ist hochkomplex, und es ist hier nicht der Ort, breiter und tiefer in sie einzudringen. Ohne Zweifel l\u00e4sst sich indes konstatieren, dass sich neben Moralversagen von \u00f6konomischen und politischen Managern ein breites Institutionenversagen vorliegt. Was bedeutet das?<\/p>\n<p>Institutionen kann man als Regeln verstehen: Regeln, die Anreize f\u00fcr das Verhalten von Menschen aussenden. So enthalten Regeln z. B. in Gestalt von Gesetzen Verbote und Gebote f\u00fcr die Aktivit\u00e4ten von B\u00fcrgern und Managern. Im Bereich der Zivilgesellschaft gibt es geschriebene und ungeschriebene, also formelle und informelle, Regeln, in denen sich spezifische Moral- und Ethikvorstellungen auspr\u00e4gen. Friedrich August von Hayek pl\u00e4diert mit gro\u00dfer \u00dcberzeugungskraft daf\u00fcr, dass es in der Gesellschaft allgemeine Regeln sein m\u00fcssen, die f\u00fcr alle gleicherma\u00dfen gelten und spezielle Sonderregeln f\u00fcr einzelne oder spezielle Sondergruppen ausschlie\u00dfen. Ob und inwieweit das moralische Verhalten von Menschen durch reine Appellation grunds\u00e4tzlich und dauerhaft beeinflussbar ist, ist umstritten. Aber die Empirie zeigt wohl, dass die Durchschnittsmoral der Menschen \u2013 jedenfalls in unserem Kultur- und Zivilisationskreis \u2013 nicht entscheidend ver\u00e4nderbar ist: Die Egozentriertheit der individuellen Pr\u00e4ferenzen ist ein ziemlich sicheres anthropologisches Datum. An diesem Datum ist der empirische Sozialismus als staatliches Gro\u00dfprojekt gescheitert.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Moral als Investitionsgut<\/strong><\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen nun \u2013 und sollten auch vehement \u2013 das institutionelle Moralversagen der Bankmanager und gleicherma\u00dfen der Staatsmanager, die die Gegenwartskrise ausgel\u00f6st haben, beklagen. Aber der Appell an die bessere Moral hilft wohl nicht weiter, wenn die egozentrierte Durchschnittsmoral der Menschen ziemlich unver\u00e4nderlich ist, aber dennoch\u00c2\u00a0 von manchen \u00d6konomen, die sich \u00c2\u00a0zum Beispiel der sogenannten verhaltenstheoretischen \u00d6konomik widmen, in Zweifel gezogen wird: Man solle eher von einem \u201eneuen\u201c altruismus-affinen Menschenbild ausgehen. Das zeigten jedenfalls diverse spezielle Hochschul-Labortests in Bezug auf Verhaltenskriterien des Altruismus. Repr\u00e4sentieren aber diese akademischen Spezialtests den allgemeinen Realit\u00e4tstest im gro\u00dfen empirisch beobachtbaren Labor unserer konkreten Umweltrealit\u00e4t? Vielmehr scheint es, dass es die realen Institutionen sind, die Regeln also, die den Schl\u00fcssel zu moralischem Verhalten von real handelnden Personen um uns herum repr\u00e4sentieren: So brauchen die internationalen Kapitalm\u00e4rkte gewichtige ad\u00e4quate Regeln f\u00fcr Managerverhalten ebenso wie f\u00fcr Staatsmanager, die Politiker also, die durch z. B. strikte Regeln der staatlichen Verschuldungsbegrenzung eingefangen werden m\u00fcssen, damit sie ihre egozentrierten Wiederwahlstrategien nicht mehr auf Kosten der Steuerzahler und der zuk\u00fcnftigen Generationen austoben k\u00f6nnen. Es sollte auch nicht sein, dass Bankmanager ihre eigene Organisation als systemrelevant deklarieren d\u00fcrfen, um die Kosten ihres Versagens verstaatlichen und also an den Steuerzahler \u00fcberw\u00e4lzen zu k\u00f6nnen. Es ist auch schwierig zu verstehen, dass die strikten Regeln, die in der Zivilgesellschaft in Bezug auf den Untreuetatbestand von Managern\u00c2\u00a0 \u00c2\u00a0und deren Sanktion gelten, f\u00fcr die politischen Manager offensichtlich nicht bestehen oder mindestens sehr lax gehandhabt werden. Alle Regeln m\u00fcssen gleicherma\u00dfen mit positiven und negativen Sanktionen verbunden sein f\u00fcr diejenigen, die sich an die Regeln halten bzw. gegen sie versto\u00dfen. Denn es sind die regelinduzierten Anreize, die menschliches Verhalten grunds\u00e4tzlich steuern.<\/p>\n<p>In der EU werden die vertraglich kodifizierten Regeln durch die politischen Agenten in gr\u00f6\u00dftem Umfang seit Jahren sanktionslos nicht eingehalten. Hier liegen wohl die wichtigsten Gr\u00fcnde f\u00fcr die zunehmenden Fliehkr\u00e4fte innerhalb der EU, die diesen Integrationsraum politisch zu zerbr\u00f6seln drohen.\u00c2\u00a0 Nicht die romantisierenden Bekenntnisse zu Europa, zu immer mehr Europa gar, sind die moralische Messlatte, wenn und weil sie sich auf ein Europa als angeblich solidarit\u00e4ts-, also moralgesteuerte Transferunion beziehen, sondern es sind die ordnungs\u00f6konomisch \u00c2\u00a0bew\u00e4hrten Regeln, die gleicherma\u00dfen Eigenverantwortung, Risiko und Haftung als unbedingte Einheit in der politischen Verhaltenskategorie von Regierungen beinhalten.<\/p>\n<p>In diesem Sinne muss man wohl davor warnen, dass die gegenw\u00e4rtigen Pl\u00e4ne des franz\u00f6sischen Staatspr\u00e4sidenten Macron, der den Begriff der Ordnungspolitik aus traditionell franz\u00f6sisch-zentralistischer Sicht heraus nicht kennt oder nicht akzeptiert, von der deutschen Regierung schon jetzt im vorauseilenden Quasi-Gehorsam als richtungsweisender Neuansatz zum institutionellen Ausbau der EU begr\u00fc\u00dft und unterst\u00fctzt. Wenn nicht alles t\u00e4uscht, vertraut Macron auf die traditionell gro\u00dfz\u00fcgige Zahlungsbereitschaft Deutschlands in einer als Risikoteilung deklarierten breiten und tiefen \u00c2\u00a0Vergemeinschaftungsstrategie von Institutionen, die zugunsten franco-affinen Politikansatzes keine Balance von Risiko und Haftung beinhaltet. Was ist denn an diesem institutionellen Arrangement moralisch, wenn der Partner Deutschland dauerhaft mehr zahlen soll als seiner realistischen Risikoeinsch\u00e4tzung f\u00fcr franz\u00f6sisch initiierte\u00c2\u00a0 \u00c2\u00a0institutionelle Fehlentwicklungen entsprechen m\u00fcsste?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Der Markt, die Marktwirtschaft braucht wieder mehr Reputation und Akzeptanz in der Gesellschaft. Dazu bedarf es einer breit angelegten Institutionenlandschaft der moralischen Aufkl\u00e4rung. Institutionen als anreizvermittelnde Regeln sind der pragmatische Schl\u00fcssel zu moralischem Verhalten. Sie sind es, die zu langfristigen Klugheitserw\u00e4gungen stimulieren, denn die Regelbeachtung f\u00fcr moralisches Handeln bringt dem Handelnden gr\u00f6\u00dfere Vorteile als nicht moralisches. Der Vorteil, den marktliche Moral erzeugt, besteht in der Stabilit\u00e4t, in der Verl\u00e4sslichkeit wechselseitiger Verhaltenserwartungen. Damit wird Moral zu einem Investitionsgut: Es lohnt sich, im ordnungs\u00f6konomischen Sinne moralisch zu handeln. Notwendig erscheint es, dass diese Sicht der Dinge \u00f6ffentlich und wirkm\u00e4chtig dem Reputationsverlust der Marktwirtschaft in Deutschland und dem Werben Macrons um die deutsche Zahlungsbereitschaft f\u00fcr sozialismusverwandte Umverteilung in der EU massiv entgegentritt. Die Wissenschaft kann dabei helfen.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ist der Markt moralisch? In Deutschland verliert der Markt an politischer und gesellschaftlicher Reputation. 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