{"id":2249,"date":"2009-12-30T01:02:35","date_gmt":"2009-12-30T00:02:35","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=2249"},"modified":"2009-12-26T06:56:33","modified_gmt":"2009-12-26T05:56:33","slug":"buechermarkt-oekonomische-theorie-als-politische-ideologie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=2249","title":{"rendered":"<small>B\u00fccherMarkt:<\/small><br\/> \u00d6konomische Theorie als politische Ideologie?"},"content":{"rendered":"<p>Der Titel dieses Beitrages ist, allerdings ohne das Fragezeichen, zugleich der Titel eines Buches von Hans Albert. Die Erstausgabe, auf Hans Alberts Dissertation aufbauend, wurde bereits 1954 ver\u00f6ffentlicht, damals noch als <em>\u00d6konomische Ideologie und Politische Theorie<\/em>. Nun, 55 Jahre sp\u00e4ter, ist bei Mohr Siebeck die dritte Auflage erschienen. Dieser lange Zeitraum ist aus verschiedenen Gr\u00fcnden interessant. Einerseits, weil Hans Albert im Vorwort selbst darauf hinweist, da\u00df er einige seiner fr\u00fcheren Positionen heute nicht mehr einnimmt. So stellt er klar, da\u00df er damals (und dies betrifft nur den ersten Teil des vorliegenden Buches) von einem wissenschaftstheoretischen Standpunkt aus argumentierte, der mit dem kritischen Rationalismus, deren exponiertester Vertreter in Deutschland er sp\u00e4ter wurde, nichts zu tun hatte. Andererseits ist dieses Buch mit seiner langen Geschichte aber auch interessant, weil trotz allem einiges von seiner damaligen Kritik an der \u00f6konomischen Theorie immer noch aktuell ist.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der wesentliche Einwand Hans Alberts gegen die \u00d6konomik der 1950er Jahre bestand darin, da\u00df sie zugleich eine normative und eine erkl\u00e4rende Wissenschaft sein wollte &#8212; und keine dieser beiden Rollen \u00fcberzeugend spielte. Das Ziel der Kritik war die allgemeine Gleichgewichtstheorie, an der Albert vor allem bem\u00e4ngelte, da\u00df sie allenfalls dazu dienen k\u00f6nnte, einen scheinbar \u00f6konomisch effizienten Preisvektor zu ermitteln &#8212; da\u00df sie aber als statisches System simultaner Gleichungen niemals echte \u00f6konomische Entwicklungen erkl\u00e4ren k\u00f6nne. Hierzu fehlte, so Albert, der allgemeinen Gleichgewichtstheorie schon allein die Dimension der Zeit. Von allen anderen Unzul\u00e4nglichkeiten &#8212; die Rede ist etwa von einer <em>falschen Anthropologie<\/em> &#8212; ganz zu schweigen.<\/p>\n<p>Zweifellos ist einiges davon immer noch ein Problem. So ist der Nachweis einer Tendenz zu einem allgemeinen Gleichgewicht unter realistischen Annahmen eine Aufgabe, mit der sich Theoretiker noch immer besch\u00e4ftigen (siehe etwa Herbert Gintis, The Dynamics of General Equilibrium, Economic Journal 117 (2005): 1280-1309). Anders sieht es mit dem schon damals kritisierten und seitdem regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcr tot erkl\u00e4rten <em>homo oeconomicus<\/em> aus. Er hat \u00fcberlebt, ist als allt\u00e4glicher Ausgangspunkt \u00f6konomischer Forschung sogar so putzmunter wie eh und je. Allerdings ist er inzwischen ein anderer: War <em>homo oeconomicus<\/em> fr\u00fcher tats\u00e4chlich der st\u00e4ndig rechnende, immer alles wissende Rationalclown, so taucht er inzwischen in den Modellen als jemand auf, der es rational finden kann, keine Informationskosten zu tragen und daher ignorant durchs Leben zu gehen. Oder auch als jemand, der sich lieber an verl\u00e4\u00dflichen Institutionen orientiert, als andauernd Kalkulationen durchzuf\u00fchren, die ihm hohe kognitive Kosten verursachen. <em>Homo oeconomicus<\/em> ist also menschlicher geworden, realistischer, und die \u00f6konomische Theorie ist damit, jedenfalls in immer mehr modernen Ans\u00e4tzen, ein gutes St\u00fcck \u00fcber die <em>falsche Anthropologie<\/em> hinaus, die Hans Albert damals zurecht kritisierte.<\/p>\n<p>Auch einige andere Kritikpunkte, die Hans Albert damals vorbrachte, treffen die moderne \u00d6konomik nicht mehr, oder jedenfalls nicht so stark wie fr\u00fcher. In langen Passagen des Buches wird beispielsweise der <em>Hinauswurf der Psychologie<\/em> aus der \u00f6konomischen Theoriebildung kritisiert. Zwar gibt es zweifellos immer noch einzelne Spezialgebiete der \u00d6konomik, die ein mehr oder weniger isoliertes Dasein fristen. Insgesamt jedoch hat mit der Entwicklung einer verhaltenswissenschaftlich orientierten \u00d6konomik in den letzten Jahren die Offenheit f\u00fcr Denkanst\u00f6\u00dfe von au\u00dfen deutlich zugenommen, und zwar nicht nur f\u00fcr solche aus der Psychologie. Auch der Austausch zwischen der \u00d6konomik und anderen Gesellschaftswissenschaften ist inzwischen viel lebhafter als fr\u00fcher.<\/p>\n<p>Es bleibt also der Einwand, da\u00df die \u00d6konomik auch bei ihrer selbstgestellten normativen Aufgabe versagte. Hans Albert gr\u00fcndet seine Kritik zun\u00e4chst auf der Feststellung der Unm\u00f6glichkeit interpersonaler Wohlfahrtsvergleiche, in sp\u00e4teren Passagen zieht er dann auch das Arrow-Theorem der Unm\u00f6glichkeit einer demokratisch beschlossenen, gesellschaftlichen Wohlfahrtsfunktion heran. Ohne hier auf seine Argumentation im Detail eingehen zu wollen, so mu\u00df man doch feststellen, da\u00df Albert im wesentlichen Punkt auch heute Recht beh\u00e4lt: die normativen Ma\u00dfst\u00e4be m\u00fcssen immer von au\u00dfen kommen, die \u00d6konomik kann sie nicht aus sich selbst hervorbringen. Andererseits kann aber, wie uns eben jenes Arrow-Theorem informiert, auch die Gesellschaft nicht auf demokratischem Wege zu widerspruchsfreien normativen Ma\u00dfst\u00e4ben gelangen. Was bleibt also von der normativen \u00d6konomik, wenn es <em>den einen<\/em> zum gesellschaftlichen Optimum f\u00fchrenden Preisvektor gar nicht geben kann?<\/p>\n<p>F\u00fcr Hans Albert steht jedenfalls fest, da\u00df man als Begr\u00fcndung f\u00fcr eine Forderung nach freien M\u00e4rkte und ungehindertem Wettbewerb nicht einfach das Argument der Gemeinwohlmaximierung heranziehen kann, so wie es zweifellos Generationen von \u00d6konomen getan haben und manchmal noch tun. Die allgemeine Gleichgewichtstheorie ist f\u00fcr Albert als positive Theorie so unzureichend, da\u00df eine entsprechende Kausalbeziehung \u00fcberhaupt nicht als empirisch \u00fcberpr\u00fcfbare Hypothese aus ihr abzuleiten ist. Aber selbst wenn man ihm empirische Evidenz f\u00fcr eine Tendenz zum allgemeinen Gleichgewicht vorgelegt h\u00e4tte, dann h\u00e4tte immer noch sein entscheidender Einwand Bestand gehabt, nach dem es keinen Grund gibt, dem im allgemeinen Gleichgewicht ermittelten Preisvektor irgendeine besondere normative Bedeutung zuzuschreiben.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich erscheint aus heutiger Sicht die Fixierung der Argumentation auf die allgemeine Gleichgewichtstheorie als zu eng. In den 55 Jahren seit Erscheinen der Erstauflage des Buches hat sich eine un\u00fcberschaubar breite Literatur angewandter \u00f6konomischer Theorie entwickelt, die empirisch testbare Hypothesen bezogen auf alle nur denkbaren \u00f6konomischen und gesellschaftlichen Fragestellungen formuliert. Vor allem wurde die \u00d6konomik in einem damals nicht vorhersehbaren Ausma\u00df zu einer empirischen Wissenschaft. In Alberts Terminologie: Die \u00d6konomik liefert heute erhebliche, positive Beitr\u00e4ge zur <em>Analyse der Realm\u00f6glichkeiten<\/em>. Unsere Disziplin kann die Gesellschaft viel zuverl\u00e4ssiger \u00fcber die Folgen und Kosten politischer und institutioneller Entscheidungen aufkl\u00e4ren, als die popul\u00e4re <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=818\">\u00d6konomiekritik<\/a> das wahrhaben will. Dennoch bleibt der wunde Punkt, auf den Albert hinweist. Wenn wir aus Informationen \u00fcber die relative \u00f6konomische Effizienz alternativer politischer Entscheidungen automatisch schlie\u00dfen, da\u00df die \u00f6konomisch effizienteste Variante unbedingt verwirklicht werden sollte, dann betreiben wir tats\u00e4chlich <em>\u00f6konomische Theorie als politische Ideologie<\/em>.<\/p>\n<p>Die entscheidende Antwort auf die Frage, welche Rolle die \u00d6konomik (oder jede andere Gesellschaftswissenschaft) stattdessen spielen sollte, wenn sie nicht zur politischen Ideologie degenerieren will, findet man auf Seite 161: <em>Die durch den Sozialproze\u00df erreichbaren Entscheidungen sind weder Offenbarungen des Gemeinwillens oder einer anderen platonischen Instanz, noch Resultate einer mathematischen Transformation von vornherein feststehender und unverbundener Einzelinteressen, sondern in der Diskussion zwischen in ihren Informationen und Interessen nicht \u00fcbereinstimmenden Individuen ausgehandelte und jederzeit revidierbare Kompromisse, die keine h\u00f6here Wahrheit f\u00fcr sich in Anspruch nehmen k\u00f6nnen. Nur indem sie ihre Ergebnisse und Methoden in diesen Proze\u00df der sozialen Willensbildung einbringt, kann die Wissenschaft zur rationalen Gestaltung der Politik beitragen.<\/em> Es geht, knapp formuliert, also nicht darum, eine (politische oder institutionelle) Alternative als die eine, rationale Wahl zu identifizieren. Das Ziel sollte vielmehr sein, eine rationale gesellschaftliche Diskussion \u00fcber Alternativen zu erm\u00f6glichen, indem man die \u00d6ffentlichkeit \u00fcber diese Alternativen und ihre Folgen aufkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Das hier besprochene, lange gereifte Buch ist nur auf den ersten Blick altmodisch. Man irrt, wenn man glaubt, aus dem Festbei\u00dfen an fr\u00fchen Versionen der allgmeinen Gleichgewichtstheorie schlie\u00dfen zu k\u00f6nnen, da\u00df man hier bestenfalls nur noch ideengeschichtlich interessante Argumente finden werde. Sicherlich, die \u00d6konomik als positive Wissenschaft ist heute eine ganz andere. Aber die Frage, wie wissenschaftliche Erkenntnis in gesellschaftliche Entscheidungen einflie\u00dfen sollte, ist immer noch die gleiche. Und damit ist das Buch hochaktuell.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Titel dieses Beitrages ist, allerdings ohne das Fragezeichen, zugleich der Titel eines Buches von Hans Albert. 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