{"id":22524,"date":"2018-03-16T00:01:52","date_gmt":"2018-03-15T23:01:52","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=22524"},"modified":"2018-03-15T16:19:07","modified_gmt":"2018-03-15T15:19:07","slug":"gastbeitragitalien-deutschland-und-der-euromacht-ein-exitaly-sinn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=22524","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Gastbeitrag<\/font><br\/>Italien, Deutschland und der Euro<br\/><font size=3; color=grey>Macht ein \u201cExItaly\u201c\u009d Sinn?<\/font>"},"content":{"rendered":"<p>In den italienischen Medien und auch im Parlament wurde vor den italienischen Wahlen seit 2017 intensiv diskutiert, ob man angesichts des \u201eAusterit\u00e4tsdiktats\u201c der autokratischen und wegen ihrer permanenten hohen Leistungsbilanz\u00fcbersch\u00fcsse merkantilistischen Deutschen nicht endlich aus der Eurozone austreten solle. Diese Diskussion findet vor dem Hintergrund einer staatlichen Rekordverschuldung, seit Jahrzehnten viel zu niedrigen Produktivit\u00e4t des Landes, dauerhaft geringerer Wachstumsraten als Portugal, Spanien und Frankreich und zunehmender struktureller Arbeitslosigkeit statt. Gar eine Serie zum Thema \u201eExItaly\u201c gab die italienische Zeitung Il Sole 24ore seit April 2017 heraus. Auch das italienische Abgeordnetenhaus debattierte j\u00fcngst das Thema \u201eItalienische Staatschulden in der Eurozone\u201c. Auch ich durfte zu dieser Debatte als Keynote Speaker einen Beitrag leisten. Mein Rat an die Italiener lautete: ein Austritt aus der Eurozone lohnt sich f\u00fcr das Land nicht. Was aber sind die Argumente daf\u00fcr?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst lohnt ein Blick auf die europ\u00e4ische W\u00e4hrungsgeschichte Italiens. Gibt es Parallelen der heutigen \u201eEuro\u201c-Krise Italiens mit der Krise des europ\u00e4ischen W\u00e4hrungssystems in den 90er Jahren, die Italien letztlich aus dem Europ\u00e4ischen W\u00e4hrungssystem herauskatapultierte und auch nach 1992\/93, als die Lira bereits zu einem flexiblen Wechselkurs gehandelt wurde, f\u00fcr Italien-bezogene Turbulenzen an den M\u00e4rkten sorgte?<\/p>\n<p>Ein Vergleich dieser Periode flexibler Wechselkurse mit der Eurokrise legt nahe, dass der spekulative Druck heute viel geringer als damals ist. Der \u201eSchneeball-Faktor\u201c, d.h. die Differenz zwischen den Zinskosten und dem Wirtschaftswachstum, bewegt sich heutzutage um 2 bis 3 Prozentpunkte, also stark unter dem Niveau der fr\u00fchen 90er Jahre. Und sein Maximum, das 2012 erreicht wurde, verbleibt stark unter dem Spitzenniveau der 90er Jahre. Der \u201eSpread\u201c gegen\u00fcber den \u201erisikofreien\u201c deutschen Anleihen m\u00fcsste sich demnach verdoppeln, damit wieder dasselbe Spannungsniveau wie f\u00fcnfundzwanzig Jahre zuvor erreicht wird. Dar\u00fcber hinaus belaufen sich die Zinszahlungen auf die italienischen Staatsschulden heute auf weniger als die H\u00e4lfte des Anteils w\u00e4hrend der 90er Jahre. Und es w\u00fcrde heutzutage mehrere Jahre dauern, bis sich h\u00f6here Zinsen in materiell h\u00f6here Zinsausgaben f\u00fcr den italienischen Staat \u00fcbersetzen.<\/p>\n<p>Der teilweise Zusammenbruch des EWS und der Ausstieg Italiens 1993 legt in Bezug auf die Frage der Sinnhaftigkeit eines Ausstiegs aus der Europ\u00e4ischen W\u00e4hrungsunion eine falsche F\u00e4hrte. Er kann aus Sicht Italiens kaum als Argument f\u00fcr einen Austritt aus der EWU dienen. Die Tatsache, dass es sich 1992\/93 f\u00fcr Italien als unm\u00f6glich erwies, ein System fester Wechselkurse bei freien Kapitalm\u00e4rkten zu verteidigen, bedeutet nicht automatisch, dass die Wiedereinf\u00fchrung der Lira und flexible Wechselkurse das Land nach seinem EWU-Austritt gegen spekulative Attacken auf den M\u00e4rkten f\u00fcr Staatsanleihen abschirmen w\u00fcrden. Die auf den EWS-Austritt 1993 folgenden historischen Erfahrungen Italiens, besonders im Jahr 1995, haben gezeigt, dass ein hoch verschuldetes Land selbst bei flexiblen Wechselkursen gezwungen werden kann, sehr hohe Risikopr\u00e4mien zu zahlen. Aus einem Vergleich mit der EWS-Krise in den 90er Jahren l\u00e4sst sich also kein gewichtiges Argument f\u00fcr einen Euro-Austritt Italiens ableiten.<\/p>\n<p>Zudem sollte Italien in seinem Zorn auf den \u201cZuchtmeister\u201c\u009d Deutschland bei seiner Entscheidung \u00fcber den Verbleib in der Eurozone Eines beachten: den sich abzeichnenden langsamen relativen Abstieg Deutschlands als politischer und \u00f6konomischer Hegemon in Europa. W\u00e4hrend der Finanzkrise und der europ\u00e4ischen Schulden- und Bankenkrise hatte Deutschland in der Tat noch eine Schl\u00fcsselposition inne. Die Wirtschaft des Landes erwies sich als st\u00e4rker als andere und die Arbeitslosigkeit blieb niedrig. Nicht \u00fcberraschend lautete in dieser Phase die Devise, wie es der Direktor des Br\u00fcsseler Centre for European Policy Studies, Daniel Gros, einmal treffend ausdr\u00fcckte: \u201cCash is king\u201c\u009d und die Regeln der Gl\u00e4ubiger dominierten das Krisengeschehen. Mittlerweile aber ist Liquidit\u00e4t \u00fcberreichlich vorhanden und die Renditen sind negativ.<\/p>\n<p>Angesichts der Ersparnis\u00fcbersch\u00fcsse allerorten haben Gl\u00e4ubiger wie Deutschland keinen strategischen Vorteil mehr. Stattdessen kommen die zugrunde liegenden Fundamentaldaten in Gestalt einer schwachen Demografie- und Produktivit\u00e4tsentwicklung zum Vorschein. Ein Blick zur\u00fcck und auch in die Zukunft liefert entsprechend nur wenig Hinweise auf eine deutsche \u00dcberperformance beim Wachstum. Die deutsche BIP-Wachstumsrate lag mindestens seit 1995 bis 2005, dann 2008 bis 2010 und erneut seit 2015 unterhalb der f\u00fcr Italien, Spanien und Frankreich gemittelten Wachstumsrate. Nach Prognosen des IWF wird das auch erst einmal bis 2020 so bleiben.<\/p>\n<p>Deutschland profitierte in den letzten Jahren zwar vom Investitionsboom in den \u201c\u02dcBRICs\u2019, besonders in China. Brasilien und Russland haben sich jedoch von den BRICs erst einmal verabschiedet. Und die Wachstumsabschw\u00e4chung in China bedeutet weniger chinesische Investitionen. Hiervon ist besonders Deutschland betroffen, das \u00fcberproportional viele Investitionsg\u00fcter exportiert. Deutschland k\u00f6nnte somit wie fr\u00fcher schon beim Wachstum unter-performen. Auf jeden Fall aber wird das Land zuk\u00fcnftig nicht mehr systematisch die Rolle einer Konjunkturlokomotive f\u00fcr Europa spielen (k\u00f6nnen).<\/p>\n<p>Zu den weiteren Faktoren einer Schw\u00e4chung der deutschen Rolle in Europa z\u00e4hlt die Fl\u00fcchtlingskrise. Zum ersten Mal musste Deutschland in Europa um Unterst\u00fctzung und Solidarit\u00e4t bei seinen europ\u00e4ischen Partnern nachsuchen. Nicht wenige in Br\u00fcssel sprechen dabei mit nur m\u00fchsam versteckter Genugtuung von einem ersten \u201casymmetrischen\u201c\u009d negativen Schock f\u00fcr Deutschland. Das Land m\u00fcsse nun endlich einsehen, dass jedes europ\u00e4ische Land von derartigen Schocks getroffen werden k\u00f6nne. Zentralisierte europ\u00e4ische Versicherungssysteme gegen derartige Schocks machten deshalb Sinn. Das Hauptproblem der Fl\u00fcchtlingskrise liegt im Mittleren Osten. Dort hat Deutschland aber nur wenig Einfluss. Schlie\u00dflich ver\u00e4ndert sich durch den absehbaren Brexit die Machtbalance in Europa. Hinsichtlich der Abstimmungsmacht r\u00fcckt Frankreich an die Stelle Deutschlands als Median, denn mit Gro\u00dfbritannien verl\u00e4sst ein marktliberales Land die EU.<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund all dieser Faktoren muss Italien sehen, dass Deutschland zunehmend weniger in einer Position sein wird, den Partnerl\u00e4ndern der Eurozone \u201cAusterit\u00e4t\u201c\u009d auferlegen zu k\u00f6nnen. Die Europ\u00e4ische Kommission ist offensichtlich ebenfalls nicht Willens dazu, nach dem Motto \u201cweniger Austerit\u00e4t bedeutet mehr Flexibilit\u00e4t\u201c\u009d. Ein Beispiel hierf\u00fcr sind ihr weicher Umgang mit Frankreichs und Italiens schuldenerh\u00f6hender Fiskalpolitik (\u201cweil es Frankreich ist\u201c\u009d) und die unterst\u00fctzenden Einlassungen des EU-Kommissars Moscovicis hierzu. Die vom italienischen Parlament immer wieder breit \u00fcber die Parteien hinweg beschworene Gefahr einer permanenten Austerit\u00e4tspolitik f\u00fcr Italien in der Eurozone unter deutscher F\u00fchrung ist somit stark zu relativieren.<\/p>\n<p>Angesichts der weltweit hohen politischen Unsicherheit und der globalen Risiken lohnt es sich f\u00fcr Italien, mit einem potenziellen Austritt aus dem Euro erst einmal zu warten. Zumal die hohen Kosten f\u00fcr den Euro-Beitritt bereits geleistet sind und daher \u201cversunkene Kosten\u201c\u009d darstellen und ein Verlassen der Eurozone zus\u00e4tzliche Austrittskosten verursachen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Man mag zwar bedauern, dass die Eurozone in ihrer gegenw\u00e4rtigen Zusammensetzung keinen optimalen W\u00e4hrungsraum darstellt. F\u00fcr einen italienischen Exit gibt es jedoch nur wenig Argumente. Denn Deutschland, aus der Sicht Italiens der \u201cAutokrat und Merkantilist\u201c\u009d, wird zuk\u00fcnftig in Europa tendenziell an Einfluss verlieren. Und eine von Br\u00fcssel verordnete echte Austerit\u00e4tspolitik gibt es bereits gegenw\u00e4rtig f\u00fcr gr\u00f6\u00dfere Mitgliedsl\u00e4nder wie Italien nicht und wird es auch in Zukunft nicht geben.<\/p>\n<p>Insgesamt gesehen ergeben sich aus italienischer Perspektive also wichtige Anreize, die f\u00fcr einen Verbleib des Landes in der Eurozone sprechen. Dies scheinen auch die M\u00e4rkte so zu sehen, die anders als noch im Jahr 2017 nicht mehr davon ausgehen, dass die Wahl in Italien den Euroraum einen ExItaly provozieren und hierdurch den Euroraum insgesamt in Gefahr bringen k\u00f6nnte. Dies ist aus Sicht der Euro-Partnerl\u00e4nder aber nur bei hinreichender fiskalpolitischer Anpassung des Landes positiv zu bewerten. Denn es ist unwahrscheinlich, dass ein Land wie Italien angesichts der Schrumpfung seiner Bev\u00f6lkerung im erwerbsf\u00e4higen Alter und seinen massiven Produktivit\u00e4tsproblemen aus seinen Schulden herauswachsen wird. Es sei denn, jemand anderes zahlt. Diese Konstellation ist bei den kommenden Verhandlungen um die zuk\u00fcnftige EU-Governance von deutscher Seite strategisch zu ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p><strong>Hinweis:<\/strong> Der Beitrag erschien am 8. M\u00e4rz 2018 in der B\u00f6rsenzeitung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den italienischen Medien und auch im Parlament wurde vor den italienischen Wahlen seit 2017 intensiv diskutiert, ob man angesichts des \u201eAusterit\u00e4tsdiktats\u201c der autokratischen und &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=22524\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201e<font size=3; color=grey>Gastbeitrag<\/font><br \/>Italien, Deutschland und der Euro<br \/><font size=3; color=grey>Macht ein \u201cExItaly\u201c\u009d Sinn?<\/font>\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":24,"featured_media":22526,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[8,2381,33,434],"tags":[2765,147,704],"class_list":["post-22524","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-europaisches","category-italienisches","category-makrooekonomisches","category-waehrungspolitisches","tag-belke","tag-euro","tag-italien"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>GastbeitragItalien, Deutschland und der EuroMacht ein \u201cExItaly\u201c\u009d Sinn? 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