{"id":22670,"date":"2018-04-27T00:01:31","date_gmt":"2018-04-26T23:01:31","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=22670"},"modified":"2018-04-27T08:36:03","modified_gmt":"2018-04-27T07:36:03","slug":"ordnungspolitischer-kommentardie-zwei-probleme-des-eu-kommissionsplans-zur-mobilisierung-von-finanzmaerkten-gegen-den-klimawandel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=22670","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Ordnungspolitischer Kommentar <\/font><br\/>Die zwei Probleme des EU-Kommissionsplans zur Mobilisierung von Finanzm\u00e4rkten gegen den Klimawandel"},"content":{"rendered":"<p>Sp\u00e4testens seit dem Klimagipfel in Paris vom Dezember 2015 hat sich ein starker politischer Drang in der EU entwickelt, sehr ehrgeizige umweltpolitische Ziele zu erreichen, so u.a. 40\u00c2\u00a0% Reduktion von CO<sub>2<\/sub>-Emissionen bis 2030. Hierf\u00fcr beschreitet die EU-Kommission mit dem j\u00fcngsten \u201eAction Plan\u201c f\u00fcr mehr nachhaltige Finanzierung vom 8. M\u00e4rz allerdings einen ordnungspolitisch zweifelhaften Pfad (Link zur EU-Kommissions-Webseite \u00fcber \u201eSustainable Finance\u201c am Ende des Beitrags*)<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Nach Vorbereitung durch eine Expertengruppe (\u201eHigh level expert group\u201c, kurz: HLEG), die bereits Ende Januar verschiedene Ideen vorgestellt hat, wie der Klimawandel in Europa \u00fcber Finanzm\u00e4rkte bek\u00e4mpft werden k\u00f6nnte, sieht dieser Aktionsplan nun unter anderem vor:<\/p>\n<ol>\n<li>EU-Standards f\u00fcr die Definition von klimaneutralen bzw. -stabilisierenden und von generell als nachhaltig eingestuften Anlagen und Krediten;<\/li>\n<li>Auflagen f\u00fcr den Beratungs- und Entscheidungsprozess bei der Anlage, um ein \u201egr\u00fcneres\u201c Anlageverhalten zu beg\u00fcnstigen;<\/li>\n<li>Regulatorische Ber\u00fccksichtigung des Klimawandels beim Risikomanagement von Finanzinstituten;<\/li>\n<li>Ausnahmen und\/oder Modifikationen bei der Eigenkapitalregulierung von Banken f\u00fcr die gem\u00e4\u00df den neuen Standards definierten Kredite.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Damit will die EU-Kommission erreichen, dass eine von ihr gesch\u00e4tzte L\u00fccke von 180 Mrd. Euro j\u00e4hrlich f\u00fcr nachhaltige Finanzierung in der EU geschlossen wird. Dies ist jedoch \u2013 bei allen guten Absichten, CO<sub>2<\/sub>-Emissionen schnellstm\u00f6glich zu senken \u2013 ordnungspolitisch gleich doppelt problematisch.<\/p>\n<p><strong>Das erste Problem<\/strong><\/p>\n<p><strong>Der Plan hat<\/strong> <strong>fragliche umweltpolitische Erfolgsaussichten<\/strong>. Bei der Emissionsproblematik handelt es sich um einen negativen externen Effekt. Dieses Marktversagen zeigt an, dass auf Kosten der Umwelt eine Fehlallokation stattfindet \u2013 die Preise z.B. f\u00fcr mit CO<sub>2<\/sub>\u2013Emissionen einhergehende G\u00fcter und Transporte sind zu niedrig und die Mengen zu hoch. Die korrekte umweltpolitische Antwort hierauf w\u00e4re eine Internalisierung durch Auflagen, St\u00fcck-Besteuerung oder sonstige Verteuerung f\u00fcr die Emission \u2013 nicht jedoch eine Subvention der emissionsfreien Energie, wie es nun auch eine \u201egr\u00fcne\u201c Finanzmarktregulierung mit Belohnung von \u201esauberer\u201c Finanzierung anstrebt. Eine solche Subvention ist eine nur sehr ungenau wirkende umweltpolitische Ma\u00dfnahme. Um es pointierter auszudr\u00fccken: CO<sub>2<\/sub>-Emissionen mittels Finanzmarktregulierung in gro\u00dfem Ma\u00dfe senken zu wollen ist ungef\u00e4hr so, als w\u00fcrde man weniger Schadstoffaussto\u00df bei Dieselfahrzeugen durch F\u00f6rderung bei Fortbildungsma\u00dfnahmen von IT-Spezialisten der Autohersteller zu erreichen versuchen.<\/p>\n<p>Hinzu kommt: Allein auf Klimawandel hin ausgerichtete Anleihen (also ohne sonstige Kredite und Finanzwerte) umfassten bereits 2017 gem\u00e4\u00df der Climate Bond Initiative global rund 160 Mrd. Dollar und haben sich damit gegen\u00fcber 2016 fast verdoppelt (Bericht \u201eGreen Bonds Highlights 2017\u201c, vom Januar 2018). Sollte sich diese Dynamik fortsetzen, w\u00fcrde der von der EU-Kommission vorgegebene Bedarf von 180 Mrd. Euro an zus\u00e4tzlichen privaten Investitionen auch in Europa schnell von allein erreicht \u2013 ganz ohne Regulierungs\u00e4nderungen. Das hohe Wachstum ist auch eine Reaktion der Finanzm\u00e4rte auf bestehende, effektivere Umweltpolitik. Eine massive F\u00f6rderung kann dann sogar zu einer Finanzmarktblase f\u00fchren \u2013 und eine Krise riskieren, also das Gegenteil von Nachhaltigkeit.<\/p>\n<p><strong>Das zweite Problem<\/strong><\/p>\n<p><strong>Der Plan verzerrt die Finanzm\u00e4rkte<\/strong> in den vier angesprochenen Punkten der F\u00f6rderung von Nachhaltigkeit.<\/p>\n<p>Zur <strong>Standardisierung<\/strong>: Der rasch wachsende nachhaltige Finanzmarktsektor umfasst neben auf Klimaschutz bezogenen Anlageprodukten auch andere umweltfreundliche Finanzierung, die Finanzierung sozial gew\u00fcnschter Projekte und einen Bereich, der Corporate Governance und ethische Vorstellungen der Anleger reflektieren soll. Die Marktteilnehmer haben bereits eine Reihe von Standards entwickelt, wie z.B. die Green Bond Principles des internationalen Verbands f\u00fcr Anleihem\u00e4rkte (ICMA). Hier nun neue EU-Mindeststandards einf\u00fchren zu wollen, kann leicht die gerade in dieser fr\u00fchen Wachstumsphase notwendigen Innovationen der Branche selbst behindern. Ein volkswirtschaftlicher Zugewinn durch EU-Mindeststandards w\u00e4re nur dann zu erwarten, wenn nachhaltige Anlagen stagnieren und\/oder sich sehr langsam entwickeln w\u00fcrden. Dies scheint aber angesichts des beschriebenen Wachstums von auf Klimaschutz bezogene Anleihen nicht der Fall zu sein. Ein noch h\u00f6heres Wachstum durch weiche Mindeststandards zu f\u00f6rdern kann dann schnell zu \u201eGreen Washing\u201c und Blasenbildung f\u00fchren.<\/p>\n<p>Zu <strong>Auflagen f\u00fcr die Anlageentscheidung<\/strong>: Verpflich\u00c2\u00adtende Beratung zu nachhaltigen Anlagen und Auflagen f\u00fcr den institutionellen Anlageprozess riskieren, schnell zu einer Bevormundung und Wettbewerbsverzerrung zu mutieren. Solche Anlagen werden bereits im Auftrag der Anleger mit vielf\u00e4ltigen unterschiedlichen Interessen durch unabh\u00e4ngige Nachhaltigkeits-Ratingagenturen eingestuft, z.B. durch die oekom research AG in M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>Zur <strong>Ber\u00fccksichtigung von Klimawandel im Risikomanagement<\/strong>: Der Klimawandel birgt f\u00fcr den Finanzsektor ein gestiegenes Risiko umfassender Finanzkrisen (\u201eSystemrisiko\u201c). Denn einerseits kann es zu mehr Naturkatastrophen kommen, die z.B. die Versicherungsbranche ersch\u00fcttern w\u00fcrden (\u201ephysical risks\u201c). Andererseits w\u00e4re es denkbar, dass die Wirtschaft insgesamt zu sp\u00e4t auf den Klimawandel reagiert und abrupt ihre CO<sub>2<\/sub>-Emissionen senken muss, mit potenziell verheerenden Auswirkungen auf den Finanzsektor (\u201etransition risks\u201c). Auch hier sind bereits einige Initiativen im Finanzsektor selbst erkennbar (z.B. die von Michael Bloomberg geleitete Task Force zum Klimawandel, kurz: TCFD). Die Frage ist, ob sie ausreichen, wenn z.B. Banken von sich aus zu wenig unternehmen, um ihre wirtschaftliche Existenz zu sch\u00fctzen, und dadurch das Bankensystem durch Dominoeffekte insgesamt in Schieflage bringen. Da der Ursprung dieses Systemrisikos aber in der Umweltproblematik liegt, w\u00e4re eine umweltpolitische L\u00f6sung w\u00fcnschenswert; ein tiefgreifender Eingriff ins Risikomanagement der Banken jedoch ist nur eine unbefriedigende, aufw\u00e4ndige Notl\u00f6sung \u2013 bei absehbar erst l\u00e4ngerfristiger Perspektive, bis diese Klimarisiken sich materialisieren w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Zu <strong>Klimaschutzausnahmen f\u00fcr Eigenkapitalregulierung<\/strong>: Dieser Bereich von den genannten Schwerpunkten des EU-Kommissions-Plans ist der vermutlich kurzfristig sch\u00e4dlichste und stie\u00df bereits auf Kritik aus der Bundesbank und der europ\u00e4ischen Finanzaufsicht. Denn ein impliziter Zusammenhang von Finanzmarktstabilit\u00e4t und generell Bankkrediten mit Bezug auf Umwelt, Soziales und Corporate Governance ist zwar theoretisch denkbar, aber empirisch schwer nachzuweisen. Jegliche Ausnahmeregelung, Subventionierung oder Beg\u00fcnstigung von Krediten bei der Eigenkapitalregulierung zum Zwecke der Nachhaltigkeit bei CO<sub>2<\/sub>-Emissionen droht daher, zu reduzierter Nachhaltigkeit bei der Stabilit\u00e4t von Finanzm\u00e4rkten zu f\u00fchren. Es war eine der Lehren aus der globalen Finanzmarktkrise von 2007-2009, dass Banken durch das Regulierungswerk von Basel III mehr und besseres Eigenkapital f\u00fcr ihre Kredite vorhalten m\u00fcssten. Umgekehrt w\u00e4re auch eine zus\u00e4tzliche regulatorische Belastung von Bankkrediten verfehlt, die nicht als \u201egr\u00fcn\u201c klassifiziert w\u00fcrden \u2013 denn dies k\u00f6nnte eine regulatorische \u00dcberlastung und Systemrisiken im Finanzsektor bedeuten. Die regulatorische Belastung f\u00fcr Banken der letzten Jahre sollte also allein aus Finanzmarktstabilit\u00e4tsgr\u00fcnden diskutiert werden \u2013 nicht wegen umweltpolitischer Ziele.<\/p>\n<p><strong>Wie sich Finanzm\u00e4rkte besser gegen Klimawandel mobilisieren lie\u00dfen<\/strong><\/p>\n<p>Die EU-Kommissionspl\u00e4ne sind auch vor dem Hintergrund einer globalen Kontroverse \u00fcber den richtigen Umgang mit dem Klimawandel zu sehen. Mittlerweile haben die USA den Konsens der meisten Industriel\u00e4nder verlassen, und der Brexit sowie Chinas starkes Engagement f\u00fcr mehr Nachhaltigkeitsfinanzierung bieten gleich mehrere verf\u00fchrerische industriepolitische Anreize f\u00fcr neue Subventionen in der EU. Es ist wegen der dargestellten ordnungspolitischen Bedenken zu hoffen, dass der Aktionsplan der EU-Kommission bis 2019 in volkswirtschaftlich sinnvollere Bahnen gelenkt wird.<\/p>\n<p>Schon jetzt gibt es beispielsweise mit dem EU-Emissionshandel ein ordnungspolitisch viel besseres und in der Praxis immer effektiver laufendes Instrument, um die CO<sub>2<\/sub>-Emissionen zu senken. Will man das CO<sub>2<\/sub>-Emissionsziel in der EU bis 2030 erreichen, l\u00e4sst sich dies \u2013 bei ausreichendem politischen Willen \u2013 \u00fcber eine Anpassung dieses Handelssystems erreichen.<\/p>\n<p>Ferner k\u00f6nnten die EU und ihre Mitgliedstaaten mit gutem Beispiel vorangehen und entsprechend f\u00fcr mehr <em>staatliche<\/em> gr\u00fcne Anleihen, und f\u00fcr mehr Nachhaltigkeitsziele bei der Verwaltung \u00f6ffentlichen Verm\u00f6gens sorgen. Eine solche erweiterte, \u00f6ffentliche Finanzierung statt Subventionierung privater Kredite w\u00e4re auch f\u00fcr die F\u00f6rderung erneuerbarer Energien sinnvoller, sofern die EU-Staaten darin Zukunftschancen sehen (gegen den Klimawandel sind jedoch erneuerbare Energien wie gezeigt nicht so wirksam).<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich werden von den beschriebenen Regulierungsvorhaben nicht beeintr\u00e4chtigte Finanzm\u00e4rkte noch an anderer Stelle gebraucht: Bei der Unterst\u00fctzung der Emerging Markets bei deren \u2013 dort viel kosteng\u00fcnstiger m\u00f6glichen \u2013 Reduktion von CO<sub>2<\/sub>-Emissionen.<\/p>\n<p><em>*Link zur Webseite der EU-Kommission zu Nachhaltiger Finanzierung: <\/em><a href=\"https:\/\/ec.europa.eu\/info\/business-economy-euro\/banking-and-finance\/sustainable-finance_de\"><em>https:\/\/ec.europa.eu\/info\/business-economy-euro\/banking-and-finance\/sustainable-finance_de<\/em><\/a><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sp\u00e4testens seit dem Klimagipfel in Paris vom Dezember 2015 hat sich ein starker politischer Drang in der EU entwickelt, sehr ehrgeizige umweltpolitische Ziele zu erreichen, &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=22670\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201e<font size=3; color=grey>Ordnungspolitischer Kommentar <\/font><br \/>Die zwei Probleme des EU-Kommissionsplans zur Mobilisierung von Finanzm\u00e4rkten gegen den Klimawandel\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":284,"featured_media":22791,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[8,1841,37],"tags":[137,75,2065,1435,2785],"class_list":["post-22670","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-europaisches","category-klimatisches","category-umweltpolitisches","tag-eu-kommission","tag-finanzmaerkte","tag-klimagipfel","tag-klimawandel","tag-paulus"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - 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