{"id":22680,"date":"2018-04-17T00:01:50","date_gmt":"2018-04-16T23:01:50","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=22680"},"modified":"2018-04-16T16:52:07","modified_gmt":"2018-04-16T15:52:07","slug":"gastbeitragmuessen-wir-mehr-in-die-aeussere-sicherheit-investieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=22680","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Gastbeitrag<\/font><br\/>M\u00fcssen wir mehr in die \u00e4u\u00dfere Sicherheit investieren?"},"content":{"rendered":"<p><em>Mit dem Fall der Mauer gingen die R\u00fcstungsetats auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs zur\u00fcck. Krisen im Nahen Osten und Konflikte mit Russland ver\u00e4ndern die Situation grundlegend. Das hat schwerwiegende Konsequenzen.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Als im Jahre 1989 die Mauer fiel und sich der Eiserne Vorhang \u00f6ffnete, gab es h\u00e4mische Fragen an Bundeswehrsoldaten. Was w\u00fcrden sie nun mit ihrer Zeit anfangen? Wie k\u00e4men sie mit der drohenden Bedeutungslosigkeit klar? Die naheliegende Antwort lautete: Der Fall der Mauer und das Ende des Kalten Krieges waren auch ein Verdienst der Bundeswehr, die die Aufgabe hatte, den Frieden zu sichern, und diese offenbar gut gemeistert hatte.<\/p>\n<p>Man kann durchaus unterschiedliche Ansichten haben in Bezug auf die Frage, wie man Frieden sicherstellt. Wenn s\u00e4mtliche Beteiligten friedliebend sind, braucht man in der Tat kaum Streitkr\u00e4fte. Deshalb war nach 1989 die Abr\u00fcstung die naheliegende Antwort auf das Ende des Kalten Krieges. Auf beiden Seiten des ehemaligen Eisernen Vorhangs sanken die R\u00fcstungsetats relativ zum Bruttoinlandsprodukt (BIP).<\/p>\n<p>Die Bundeswehr reduzierte ihre Truppenst\u00e4rke, sp\u00e4ter setzte die Politik die Wehrpflicht \u2013 quasi im Vorbeigehen \u2013 aus. Die damit verbundene Freisetzung von Ressourcen f\u00fcr alternative Verwendungen (Schwerter zu Pflugscharen) ist im Prinzip wohlfahrtssteigernd und deshalb \u00fcberaus sinnvoll. Niemand zieht das ernsthaft in Zweifel. Sie basiert allerdings auf der oben aufgestellten Nebenbedingung, dass alle Beteiligten friedliebend sind. Diese Nebenbedingung gilt nicht l\u00e4nger als gesichert. Von verschiedenen Seiten werden die westliche Werteordnung und ihre Tr\u00e4ger bedroht, wie die drei pr\u00e4genden F\u00e4lle zeigen.<\/p>\n<p>\u201c\u00a2 Da sind die kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten, in gewisser Weise auch eine Bedrohung f\u00fcr uns, weil von ihnen ungeregelte Wanderungsbewegungen ausgehen.<br \/>\n\u201c\u00a2 Eine gro\u00dfe Bedrohung sind fanatische Gotteskrieger, die jeden in ihrem Sinne Ungl\u00e4ubigen verfolgen und t\u00f6ten. Sie tragen den Krieg mittels Terrorattacken nach Europa, wie in den Metropolen schmerzhaft zu erleben war.<br \/>\n\u201c\u00a2 Und da ist die russische Regierung (und nicht DIE Russen), die seit Jahren mehr oder weniger offen den Westen angreift und provoziert. Meistens ist es schwer, die russische Urheberschaft zu belegen. H\u00e4ufig jedoch gelingt es, vor allem wenn es sich um Cyberattacken handelt, die zun\u00e4chst gegen Estland gerichtet waren, sich aber nun auch gegen andere westliche L\u00e4nder richten. Die Annexion der Krim und der Krieg in Georgien sowie gro\u00dfe Milit\u00e4raufm\u00e4rsche an den baltischen Grenzen Russlands sind weitere Belege f\u00fcr die aggressive Haltung des Kreml.<\/p>\n<p>Man kann davon ausgehen, dass diese Attacken vielfach aus einer Position der Schw\u00e4che und aus innenpolitischem Kalk\u00fcl heraus motiviert sind. Sie sind dennoch nicht zu untersch\u00e4tzen. Es gibt genug politische Analysten, die Pr\u00e4sident Putin als einen Politiker sehen, der die Welt als Nullsummenspiel interpretiert. Austausch findet dieser Lesart nach immer so statt, dass der eine gewinnt, was der andere verliert. Dies ist fundamental kontr\u00e4r zur empirischen Evidenz allen Handels, und zwar unabh\u00e4ngig davon, ob es sich um innerstaatliche oder internationale Arbeitsteilung handelt. Aber f\u00fcr Autokraten sind Fakten nicht von Belang.<\/p>\n<p>Wenn diese Einsch\u00e4tzung stimmt, kann man den Aggressor mit Beschwichtigung und Zur\u00fcckhaltung nicht bremsen. Dann muss man St\u00e4rke signalisieren, was eine hohe Verteidigungsbereitschaft einschlie\u00dft. In diesem Zusammenhang ist es interessant, dass zahlreiche Esten sich freiwillig als Reserve zur Armee gemeldet haben. Sie werden eine russische Streitmacht nicht aufhalten k\u00f6nnen, wenn es Herrn Putin einfiele, Estland zu \u00fcberfallen. Sie signalisieren aber eine hohe Bereitschaft zum Widerstand. Dies d\u00fcrfte einen hohen russischen Blutzoll zur Folge haben, was nicht im Interesse der russischen Regierung sein kann.<\/p>\n<p><strong>Von der Leyen ging es mehr um den Ausbau von Kindertagesst\u00e4tten<\/strong><\/p>\n<p>Es ist \u00fcbrigens in niemandes Interesse. Die Verteidigungsbereitschaft soll gerade den Konflikt verhindern. Damit sind wir wieder am Beginn der Analyse. Man muss R\u00fcstungsausgaben nicht m\u00f6gen, und die Welt w\u00e4re eine bessere ohne gro\u00dfe Waffenarsenale. Man muss aber auch sehen, dass der einseitige Verzicht auf Wehrhaftigkeit Begehrlichkeiten wecken und kriegerische Gel\u00fcste stimulieren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Deshalb spricht vieles daf\u00fcr, selber verteidigungsbereit zu sein. Hier begeht die kollektive Linke \u00fcbrigens einen Denkfehler, wenn sie R\u00fcstungsausgaben Deutschlands oder der NATO als kriegerisch und die russischen Absichten als friedliebend betrachtet. Bislang jedenfalls hat die Regierung Putin sehr deutlich gezeigt, dass sie nicht nur friedliebende Absichten hat. Pr\u00e4sident Putin hat bereits mehrfach das Ende der Sowjetunion als Katastrophe bezeichnet. Diese Sicht wird in Kiew, Tallinn oder Riga nicht geteilt. Dort hat man zum Teil \u00fcber Jahrhunderte sehr schmerzhafte Erfahrungen mit russischen Invasoren gemacht, die man in Zukunft vermeiden will.<\/p>\n<p>Diese kriegerische Haltung ist \u00fcberdies nicht neu, mindestens 15 Jahre schon strahlt die russische Regierung diese Aggressionen aus. Dennoch hat die Bundesregierung die eigene Verteidigungsbereitschaft str\u00e4flich reduziert. Die Bundeswehr wirkt heute ausgeblutet. Es fehlt an Soldaten, aber vor allem fehlt es an Ausr\u00fcstung. Die Berichte \u00fcber schlechtes und hoffnungslos veraltetes Material in Verbindung mit organisatorischen Problemen sind sehr beunruhigend.<\/p>\n<p><strong>Wie konnte es dazu kommen? <\/strong><\/p>\n<p>Ein Teil der Antwort d\u00fcrfte darin liegen, dass die Gesellschaft immer reicher und deswegen auch immer satter wird. Bis vor kurzem hatte dies zur Konsequenz, dass harte Budgetrestriktionen sehr unpopul\u00e4r waren. Wer als Politiker h\u00f6here R\u00fcstungsausgaben versprach (bzw. androhte), wirkte aus der Zeit gefallen. Wer hingegen Rentenerh\u00f6hungen und verbesserte Soziallleistungen anbot, hatte gute Chancen bei Wahlen.<\/p>\n<p>Als die Verteidigungsministerin ihr Amt antrat, ging es zun\u00e4chst mehr um den Ausbau von Kindertagesst\u00e4tten als um die Sicherheit der Soldaten. Sie legte den Schwerpunkt nicht auf die naheliegenden Aufgaben einer Armee.<\/p>\n<p>Diskussionen \u00fcber Zivilklauseln an den Universit\u00e4ten und ver\u00e4chtliche Kommentare zur Bundeswehr m\u00f6gen dazu beigetragen haben. Das ganze Klima war einer rationalen Debatte um \u00e4u\u00dfere Sicherheit nicht f\u00f6rderlich.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich muss auf die fiskalische Situation nach der Wiedervereinigung bis zu den Krisen nach der Lehman-Pleite hingewiesen werden. Die enormen Aufbauleistungen haben sicherlich Priorit\u00e4t genossen, so dass es nicht verwunderlich und \u00fcberaus nachvollziehbar ist, dass die Politik die Verteidigung nachrangig behandelt hat, zumal man ja vom Ende des Kalten Krieges und einer Bedrohung aus dem Osten ausging.<\/p>\n<p>Damit es ist jetzt offenkundig vorbei. Einige Politiker scheinen das erkannt zu haben, aber bei weitem nicht alle. Die Bev\u00f6lkerung scheint deutlich weiter zu sein. Dies kann man an auch der geringen Beteiligung an den Osterm\u00e4rschen erkennen. Wenn das Umfeld bedrohlicher wird, ist Abr\u00fcstung keine ernsthafte Option; das haben viele erkannt. So sympathisch die netten Ostermarschierer in den Nachrichten auch wirken und so sch\u00f6n es w\u00e4re, k\u00f6nnte man auf Waffen verzichten: Ihre Botschaft scheint am Ende weniger Frieden zu versprechen als eine Erh\u00f6hung der Verteidigungsbereitschaft, die eventuellen Aggressoren deutlich macht, dass sie nicht gewinnen k\u00f6nnen. \u00d6konomen sprechen von gesunkenen Opportunit\u00e4tskosten der Verteidigung.<\/p>\n<p><strong>Hinweis:<\/strong> Der Beitrag erschien am <a href=\"https:\/\/www.wiwo.de\/politik\/deutschland\/freytags-frage-muessen-wir-mehr-in-die-aeussere-sicherheit-investieren\/21145802-all.html\">6. April 2018<\/a> in der Online-Ausgabe der Wirtschaftswoche.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit dem Fall der Mauer gingen die R\u00fcstungsetats auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs zur\u00fcck. 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