{"id":22764,"date":"2018-04-23T00:01:10","date_gmt":"2018-04-22T23:01:10","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=22764"},"modified":"2021-04-14T09:33:26","modified_gmt":"2021-04-14T08:33:26","slug":"regelbindung-contrasind-gesetzlich-festgelegte-sozial-und-wirtschaftspolitische-zielwerte-unvernuenftig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=22764","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Regelbindung (Contra)<\/font><br\/>Sind gesetzlich festgelegte sozial- und wirtschaftspolitische Zielwerte (un)vern\u00fcnftig?"},"content":{"rendered":"<p><em>Die meisten deutschsprachigen \u00d6konomen sind von der N\u00fctzlichkeit fester Regeln f\u00fcr die Geld-, Sozial- und Wirtschaftspolitik \u00fcberzeugt. In diesem Beitrag wird hingegen f\u00fcr \u201edurchwursteln\u201c argumentiert, da bei (grund)gesetzlich festgelegten starren Regeln (z. B. hinsichtlich der Staatsverschuldung) nicht nur falsche Entscheidungen getroffen werden k\u00f6nnen (z. B. hinsichtlich des staatlichen Investitionsvolumens), sondern vor allem der Staat \u2013 und damit die Demokratie \u2013 sich unglaubw\u00fcrdig macht, wenn \u2013 wie die Erfahrung lehrt \u2013 Regeln vern\u00fcnftigerweise immer wieder gebrochen werden (z. B. in Form nicht eingehaltener Verschuldungsregeln).<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Dieser Beitrag will anhand von Beispielen zeigen, dass angesichts einer von Unsicherheit gepr\u00e4gten Zukunft starre Regeln f\u00fcr konkretes staatliches Handeln mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit \u2013 und vern\u00fcnftigerweise \u2013 nicht eingehalten werden; denn nur wenn ein Problem wirklich komplett verstanden wurde, kann man eine auf Dauer richtige Verhaltensregel im Detail formulieren. Dies ist selten, aber kann beispielsweise bei der Festlegung von Grenzwerten f\u00fcr das Ausma\u00df giftiger Stoffe in Lebensmitteln der Fall sein. Wobei freilich selbst hier anzumerken ist: Auch im Falle naturwissenschaftlicher Grenzwerte spielen Werturteile unvermeidlich eine Rolle, da die Festlegung eines Grenzwertes davon abh\u00e4ngt, wie risikofreudig ein Gesetzgeber bzw. eine Gesellschaft ist. Und diese Risikofreude kann sich \u00e4ndern: Wenn man also nicht auch die Entwicklung der Risikofreude hundertprozentig prognostizieren kann, dann werden sich auch naturwissenschaftlich abgeleitete Grenzwerte im Laufe der Zeit ver\u00e4ndern und keine starre Regel darstellen. Hinzu kommt in der Regel noch Erkenntnisfortschritt bzw. das Problem nicht vollst\u00e4ndig verstandener Zusammenh\u00e4nge, wodurch Regeln falsch gesetzt werden und Regel\u00e4nderungen \u00e4u\u00dferst vern\u00fcnftig werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das unvermeidliche Bewertungsproblem bei Grenzwerten wird klar und deutlich, wenn man sich unterschiedliche Grenzwerte f\u00fcr Stoffe in Lebensmitteln sowie f\u00fcr Strahlungsdosen in verschiedenen Staaten anschaut. Wie k\u00f6nnen \u00d6konomen also erwarten, dass bestimmte quantifizierte Regeln f\u00fcr immer und ewig gelten sollten, zum Beispiel im Hinblick auf die Grenzen der Staatsverschuldung oder die Anpassung der Altersrenten?<\/p>\n<p><strong>Das wissenschaftliche Problem<\/strong><\/p>\n<p>Im Falle von Regeln, die komplexe Verhaltensweisen im Bereich der Wirtschaft und des Sozialen steuern sollen, beziehen sich diese auf Trans-Scientific-Probleme (wie der Physiker <em>Weinberg<\/em> sie 1972 bezeichnete). Das sind Probleme, die nicht (vollst\u00e4ndig) verstanden und\/oder quantifizierbar sind. Die notorisch schwere Prognostizierbarkeit makro\u00f6konomischer Prozesse ist offenkundig (bislang) ein Trans-Scientific-Problem. Und dass in der \u00f6konomischen Welt auch Werturteile eine zentrale Rolle spielen, die nach <em>Weinberg<\/em> auch Trans-Scientific-Probleme generieren, muss hier nicht betont werden.<\/p>\n<p>Dies alles sind wie so oft in den Sozialwissenschaften keine neuen Erkenntnisse, sie werden aber immer wieder einmal vergessen oder (bewusst) ignoriert. Bereits der britische Sozialphilosoph <em>Thomas Hobbes<\/em> hat darauf hingewiesen, dass im Falle unvollst\u00e4ndiger Kenntnisse starre Regeln sehr gef\u00e4hrliche Instrumente sind: \u201eUnkenntnis von Ursachen und Regeln f\u00fchrt Menschen nicht so weit weg von ihrem Weg als wie es der Fall ist, wenn sie sich auf falsche Regeln st\u00fctzen.\u201c<\/p>\n<p>Im Hinblick auf die Rolle von Indikatoren besonders interessant ist \u201e<em>Goodhart<\/em>\u2019s Law.\u201c <em>Charles Goodhart<\/em> ist ein britischer \u00d6konom, der von 1968 bis 1985 Chef\u00f6konom der <em>Bank of England<\/em> war. Er hat Mitte der 70er Jahre in einem Vortrag die These formuliert, dass sobald ein (w\u00e4hrungspolitischer) Indikator zu einem offiziellen Politikziel erkl\u00e4rt wird, man ihn nicht mehr benutzen sollte, weil die Politik dann dazu neigt, im Hinblick auf die Optimierung des Indikators zu arbeiten und nicht im Hinblick auf das Ziel, was man damit eigentlich erreichen will.<\/p>\n<p>Dahinter steht das Problem, dass ein Indikator \u2013 wie schon der Name sagt \u2013 nicht das Ziel selbst ist (z. B. Stabilit\u00e4t der W\u00e4hrung), sondern nur eine Hilfsgr\u00f6\u00dfe (z. B. die Geldmenge), die mit dem Ziel mehr oder weniger eng verbunden ist. Und genau das \u201emehr oder weniger eng\u201c ist das Problem. Die Enge des Zusammenhangs kann f\u00fcr die Vergangenheit beobachtet werden, aber sie kann sich in der Zukunft \u00e4ndern \u2013 gewollt (wie <em>Goodhart<\/em> beschreibt) oder ungewollt, weil der Zusammenhang schlicht und einfach nicht richtig verstanden ist (was bei jedem komplexen Prozess der Fall ist, siehe das Stichwort \u201eTrans-Scientific Problem\u201c oben). Man kann dies auch so formulieren:<\/p>\n<p>Wir sollten uns nur dann nach einem Indikator richten und ggf. durch ein Gesetz selbst binden, wenn es keinen wissenschaftlichen Fortschritt mehr gibt, d.h. ein Indikator als nicht mehr verbesserbar und \u2013 wenn nicht f\u00fcr alle Zeit, so doch zumindest f\u00fcr einige Jahrzehnte \u2013 als \u201erichtig\u201c angesehen wird. Solange es aber noch wissenschaftlichen Fortschritt gibt, und daran glauben wir in der Wissenschafts-Community ja alle fest, bedeutet das, dass unter Umst\u00e4nden Indikatoren, die nach dem Stand des Wissens berechnet sind, nicht hundertprozentig aussagekr\u00e4ftig sind oder sogar in die Irre f\u00fchren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Noch drastischer \u2013 in derselben Zeit wie der von <em>Goodhart<\/em> formuliert, aber weitgehend vergessen \u2013 ist die These des Sozialpsychologen <em>Donald A. Campbell<\/em> (1976): \u201eThe more any quantitative social indicator (even some qualitative indicator) is used for social decision-making, the more subject it will be to corruption pressures and the more apt it will be to distort and corrupt the social processes it is intended to monitor.\u201c\u009d<\/p>\n<p><strong>Vier Fallbeispiele aus der Wirtschaftspolitik<\/strong><\/p>\n<p>Ein (un)sch\u00f6nes Beispiel f\u00fcr <em>Goodhart<\/em>\u2019s Law sind die nahezu permanenten Ver\u00e4nderungen \u2013 weltweit und in nahezu allen Staaten \u2013 der Definition der Arbeitslosigkeit. Eine niedrige Arbeitslosigkeit ist politisch erw\u00fcnscht und es gibt eine Tendenz, den Z\u00e4hler der Quote durch Ver\u00e4nderungen der Definition von Arbeitslosigkeit m\u00f6glichst klein zu halten. Darauf soll hier aber nicht im Detail eingegangen werden.<\/p>\n<p>Im Folgenden werden die Maastricht-Kriterien zweifach als Fallbeispiele f\u00fcr die Probleme quantifizierter Zielwerte in der Wirtschafts- und Finanzpolitik herangezogen. Hinzu kommen die Rentenformel und die Armutspolitik (als Beispiele aus der Sozialpolitik).<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Maastricht-Kriterien I<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Ein besonders aussagekr\u00e4ftiges Beispiel f\u00fcr <em>Goodhart<\/em>\u2019s Law in der j\u00fcngeren deutschen Geschichte ist die Einf\u00fchrung des Euro Ende der 90er Jahre. Sie wurde nur m\u00f6glich, weil der Zielindikator \u201eNeuverschuldung des Staates\u201c eingehalten wurde, indem \u2013 wie <em>Goodhard<\/em> dies grunds\u00e4tzlich bef\u00fcrchtet \u2013 der Staat sein Verschuldungsverhalten so ver\u00e4ndert hatte, dass der statistische Grenzwert von 3 Prozent Nettoneuverschuldung nicht \u00fcberschritten wurde, aber der materielle Kern der Neuverschuldungsregel nicht wirklich eingehalten wurde. Das folgende spielte sich ab:<\/p>\n<p>Es gab im Fr\u00fchjahr 1998 einen gro\u00dfen Skandal (und Stimmen, dem <em>Deutschen Institut f\u00fcr Wirtschaftsforschung (DIW)<\/em> die Grundfinanzierung zu entziehen), weil das <em>DIW<\/em> behauptet hatte, dass die vom <em>Statistischen Bundesamt<\/em> Ende Februar 1998 bekanntgegebene Zahl von 2,7 % f\u00fcr die Nettoneuverschuldung im Jahr 1997 nicht nachvollziehbar sei. Die beim <em>DIW<\/em> zum Jahresbeginn \u00fcbliche Sch\u00e4tzung f\u00fcr die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung des zur\u00fcckliegenden Jahres (1997) zeige, dass Deutschland die Drei-Prozent-Marke verfehlt habe und die Nettoneuverschuldung etwas h\u00f6her l\u00e4ge. Im Laufe des Jahres stellte sich dann heraus, dass beide Institutionen (<em>Statistisches Bundesamt<\/em> und <em>DIW<\/em>) recht hatten.<\/p>\n<p>Die tats\u00e4chliche Nettoneuverschuldung 1997 lag tats\u00e4chlich unter 3 % des BIP, aber nicht, weil der deutsche Staat sich real tats\u00e4chlich entsprechend gering verschuldet h\u00e4tte, sondern aufgrund der \u2013 zuf\u00e4llig? \u2013 f\u00fcr das Jahr 1997 erfolgten statistischen Neuberechnungen einiger Teil-Indikatoren (\u00dcbertragungen des Staates an das Ausland und Zinsausgaben der \u00f6ffentlichen Hand) und staatlicher Einmalaktionen, so u.a. Grundst\u00fccksverk\u00e4ufe aus dem Bundesbahnverm\u00f6gen, geringere Zusch\u00fcsse an die Deutsche Bahn und zur\u00fcckgestellte milit\u00e4rische Beschaffungen und Leistungen der Arbeitslosenversicherung. In der Summe entsprach dies 16 Milliarden DM oder 0,4 % des BIP.<\/p>\n<p>Man kann nun an Zufall glauben oder auch nicht. Das Beispiel illustriert auf jeden Fall die Gefahren, die <em>Goodhart<\/em> bef\u00fcrchtet, wenn im Bereich der staatlichen Politik ein wissenschaftlich errechenbarer objektiver Grenzwert vorgegeben wird. Denn diese Grenzwerte sollen immer ein Verhalten steuern, das jenseits des wissenschaftlich komplett Erkl\u00e4rbaren liegt. Trans-Scientific-Probleme sollen also mit einfachsten Mitteln gesteuert werden. Es liegt auf der Hand, dass <em>Hobbes<\/em> mit seiner Behauptung recht hat, dass dies schiefgehen muss.<\/p>\n<p>Der Umgang mit Zielwerten, die der Politik nicht mehr passen, ist aber auch weniger kompliziert m\u00f6glich als damals 1997\/98, als ja tats\u00e4chlich staatliches Handeln ge\u00e4ndert wurde.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Maastricht-Kriterien II<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Man kann Zielwerte auch einfach ignorieren. Das ist seit Jahren bez\u00fcglich der Gesamtverschuldungsquote des Staates der Fall. Diese soll ja nach dem europ\u00e4ischen Maastricht-Vertrag 60 % des BIP nicht \u00fcbersteigen. Tats\u00e4chlich lag sie f\u00fcr Deutschland nach der Lehman-Pleite bei etwa 80 % und 70 %. Dies wurde \u2013 so auch f\u00fcr andere europ\u00e4ische Staaten \u2013 mit dem Hinweis auf unvermeidliche historische Einmaleffekte einfach ignoriert. Dieser Hinweis ist ja auch nicht absurd: Die Finanzkrise im Nachgang der Lehman-Pleite war tats\u00e4chlich ein Effekt, der nicht vorhergesehen wurde. Das war und ist auch nicht so einfach, wie im Nachhinein von manchen behauptet wird (die immer wieder auf den Zusammenbruch des Kapitalismus warten), denn das Verhalten der Finanzm\u00e4rkte und deren Steuerung sind ganz klare Trans-Scientific-Probleme. Niemand kennt (bislang) ein theoretisches Modell, dass die globalen Finanzm\u00e4rkte hinreichend genau f\u00fcr Prognosen beschreibt.<\/p>\n<p>Nun k\u00f6nnte man argumentieren: Wenn volkswirtschaftliche Indikatoren und Zielwerte einfach ignoriert werden k\u00f6nnen, dann sind sie ja unsch\u00e4dlich. Dieses Argument verkennt allerdings, dass es i. d. R. eines m\u00fchsamen Prozesses bedarf, bis ein unsinnig gewordener Zielwert ignoriert wird. Und \u2013 noch wichtiger: das Ignorieren gesetzlich festgelegter Ziele untergr\u00e4bt die Legitimit\u00e4t des Staates \u2013 und das zu recht. Wir sind aber auf einen von der Gesellschaft akzeptierten Staat angewiesen.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Rentenformel(n)<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Ein unspektakul\u00e4res Beispiel f\u00fcr die ggf. geringe Bedeutung von indikatorengest\u00fctzten gesetzlichen Zielwerten sind die h\u00e4ufigen Rentenreformen in Deutschland. Im Jahr 1957 wurde eine zuvor nicht dagewesene Regelhaftigkeit in die Berechnung der gesetzlichen Renten eingef\u00fchrt. Sie wurde freilich bereits 1972 ge\u00e4ndert (was wenig beklagt wurde, da es sich um Verbesserungen f\u00fcr Rentner handelte und die Beitrags\u00e4tze deutlich niedriger waren als heute). Und danach kam es aber immer und immer wieder zu Verschlechterungen der Leistungen, u. a. durch Ver\u00e4nderungen der \u201eRentenformel\u201c, die den Wert von erworbenen Anspr\u00fcchen bestimmt.<\/p>\n<p>Da alle \u00c4nderungen der Zielwerte der gesetzlichen Rentenversicherung vom Gesetzgeber beschlossen wurden, sind sie formal v\u00f6llig korrekt und legitim. Freilich: Nicht nur das Ignorieren gesetzlich festgelegter Zielwerte untergr\u00e4bt die Legitimit\u00e4t des Staates, sondern das h\u00e4ufige gesetzliche Nachsteuern, d. h. permanente \u00c4nderungen gesetzlich festgelegter Zielwerte d\u00fcrften die Legitimit\u00e4t des Staates noch mehr untergraben. Die Rentenpolitik ist jedenfalls ein gutes Beispiel daf\u00fcr, wie allgemeine Skepsis um sich greift, wenn Zielwerte (zu) h\u00e4ufig ge\u00e4ndert werden \u2013 w\u00e4hrend zuvor quantifizierbare Regelhaftigkeit versprochen wurde.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Armutsrisikoquoten<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Armutsbek\u00e4mpfung ist ein Beispiel, die das Elend indikatorengest\u00fctzter Politik deutlich macht. Seit den 1970er Jahren haben Sozialwissenschaftler daf\u00fcr gek\u00e4mpft, dass die Armutsgef\u00e4hrdung der Menschen in Deutschland differenziert statistisch erfasst und dargestellt wird. Mit der Einf\u00fchrung der regierungsamtlichen Armuts- und Reichtumsberichte durch die rot-gr\u00fcne Bundesregierung wurde das Ziel erreicht \u2013 ohne dass sich an der realen Armutspolitik etwas Grundlegendes zum Positiven, d. h. sinkenden Armutsquoten, ver\u00e4ndert h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Der einzige reale Effekt der differenzierten Armutsberichterstattung ist die st\u00e4ndige Wiederkehr aufgeregter \u00f6ffentlicher Debatten, wenn die Armuts(risiko)quote wieder einmal sich in statistisch nicht signifikanter Wese um wenige Kommastellen ver\u00e4ndert hat. Immerhin: Die Armuts- und Reichtumsberichte gehen inzwischen mit wissenschaftlichen Detailstudien so in die Tiefe, dass daraus \u00fcber kurz oder lang konkrete politische Handlungsoptionen erwachsen k\u00f6nnen \u2013 diese Detailstudien haben aber mit der Berechnung einfacher Indikatoren nichts mehr zu tun.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Die Liste der politisch gesetzten Zielindikatoren (seien sie gesetzlich festgeschrieben oder nur Teil der \u201eVermessung\u201c eines Politikfeldes), die verfehlt wurden und werden, ohne dass dies Konsequenzen h\u00e4tte, sollte den Bef\u00fcrwortern von gesetzlichen Zielindikatoren zumindest zu denken geben. Wenn selbst die Verfehlung von international vertraglich festgelegter Indikatoren (wie die Maastricht-Kriterien) folgenlos bleibt, wird nicht nur die Funktion derartiger Indikatoren systematisch ausgeh\u00f6hlt, sondern die Rationalit\u00e4t des politischen Prozesses und die Glaubw\u00fcrdigkeit des Staates untergraben.<\/p>\n<p>Wissenschaftler, die mehr Rationalit\u00e4t bei politischen Entscheidungen anstreben, sollten pr\u00fcfen, ob es wirklich an der Ignoranz der Politik liegt (wie die Indikatoren-Bef\u00fcrworter immer wieder behaupten), dass die Indikatoren-Zielwerte systematisch verfehlt und ignoriert werden. Es k\u00f6nnte ja auch sein, dass beim herrschenden Stand des Wissens die meisten, wenn icht alle sozial- und wirtschaftspolitischen Indikatoren unklug konstruiert und festgelegt wurden. Mit anderen Worten: Es sollte gepr\u00fcft werden, ob es in einer Welt mit viel Unsicherheit wissenschaftlich sinnvoll ist, einfache Zielwerte (die auch einfach umgangen oder ignoriert werden k\u00f6nnen) \u00fcberhaupt festzulegen.<\/p>\n<p>Nun k\u00f6nnte man argumentieren: Die Idee der Steuerung durch Indikatoren und gesetzlich festgelegte Zielwerte ist trotz aller (gegenw\u00e4rtiger) Probleme richtig, denn je weiter der wissenschaftliche Fortschritt voranschreitet, umso besser wird diese Art der Steuerung funktionieren. Interessanterweise machen aber gerade \u00d6konomen immer wieder darauf aufmerksam, dass Menschen sehr pfiffig sind, wenn es darum geht, Regeln zu umgehen und Gesetzesl\u00fccken (etwa bei der Besteuerung) auszunutzen. Nur, wenn Grenzwerte von \u00d6konomen selbst gesetzt werden bzw. veranlasst wurden (etwa die Schuldenbremse des Grundgesetzes), dann glauben die Volkswirte fest daran, dass diese Grenzwerte nicht umgangen werden k\u00f6nnen. Wie glaubw\u00fcrdig ist das?<\/p>\n<p>K\u00f6nnte es nicht viel sinnvoller sein, beschreibende Indikatoren immer mit vertiefenden Analysen eines Problembereichs zu kombinieren werden und so einen systematischen Diskussionsrahmen zu schaffen, der die \u00f6ffentliche Diskurs-Kultur ver\u00e4ndert. Und mehr Rationalit\u00e4t in politische Entscheidungen gebracht wird, weil es keine starren Grenzwerte und Automatismen gibt. Nicht belastbare gesetzliche Regelbindungen, die die Legitimation der Politik und des Staates gef\u00e4hrden, w\u00e4ren dann \u00fcberfl\u00fcssig.<\/p>\n<p>&#8212; &#8212; &#8212;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Gestraffte Fassung des Beitrags \u201eDie fragw\u00fcrdige Rolle gesetzlich festgelegter sozial- und wirtschaftspolitischer Zielwerte\u201c, in: N. Kosturkova und J. Rieger (Hrsg.), <a href=\"http:\/\/www.vahlen.de\/productview.aspx?product=23628967\"><strong>Ordnungspolitisch stets auf Kurs: Festschrift zum 65. Geburtstag von Professor Dr. Norbert Berthold<\/strong><\/a>, M\u00fcnchen 2018, S. 31-42. Auf diesen Beitrag sei hinsichtlich der Literatur-Referenzen verwiesen.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die meisten deutschsprachigen \u00d6konomen sind von der N\u00fctzlichkeit fester Regeln f\u00fcr die Geld-, Sozial- und Wirtschaftspolitik \u00fcberzeugt. 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