{"id":22858,"date":"2018-05-15T00:01:50","date_gmt":"2018-05-14T23:01:50","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=22858"},"modified":"2018-09-10T15:25:59","modified_gmt":"2018-09-10T14:25:59","slug":"blick-ins-buch-2soziale-mobilitaet-in-der-ganz-langen-fristder-einfluss-von-dynastien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=22858","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Blick ins Buch (2) <\/font><br\/>Soziale Mobilit\u00e4t in der ganz langen Frist <br\/><font size=3; color=grey>Der Einfluss von Dynastien<\/font>"},"content":{"rendered":"<p>Im vorherigen Kapitel haben wir uns die Frage gestellt, wie stark die Einkommen der Individuen von den Einkommen der Eltern abh\u00e4ngen. Die Schlussfolgerung war, dass der Grad der Abh\u00e4ngigkeit zwar von Land zu Land verschieden ist, im Schnitt aber ein starker Einfluss des famili\u00e4ren Hintergrundes zu beobachten ist. In diesem Kapitel dehnen wir den Zeithorizont deutlich aus und fragen uns, wie hoch die soziale Mobilit\u00e4t in der ganz langen Frist ist. Wir betrachten also den Einfluss der Einkommen der Gro\u00dfeltern, der Urgro\u00dfeltern und der Ur-Urgro\u00dfeltern auf die Erfolgschancen der Kinder.<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Die Herausforderung, soziale Mobilit\u00e4t \u00fcber Generationen zu messen<\/strong><\/p>\n<p>Im vorherigen Kapitel haben wir die intergenerative Einkommenselastizit\u00e4t kennengelernt, die wir berechnen \u00fcber die Korrelation der Einkommen der Kinder mit den Einkommen ihrer Eltern. So intuitiv dieses Ma\u00df ist, so schwierig ist es, die intergenerative Korrelation der Einkommen zu berechnen, da sowohl die Kinder, als auch die Eltern im selben Datensatz zu finden sein m\u00fcssen \u2013 der Datensatz muss damit mindestens \u00fcber 30 Jahre lang laufen! Selbst f\u00fcr Deutschland ist diese Kalkulation erst seit einigen Jahren sinnvoll m\u00f6glich. Die Forscher stehen in Bezug auf die Berechnung der multigenerativen Mobilit\u00e4t also vor einer gro\u00dfen Herausforderung. Die erste M\u00f6glichkeit, diese Herausforderung zu \u00fcberwinden und eine Einsch\u00e4tzung \u00fcber die Vererbung des sozialen Status \u00fcber die Generationen hinweg zu erhalten, liegt darin, die intergenerativen Elastizit\u00e4ten zu multiplizieren. Ein Beispiel: Die intergenerative Einkommenselastizit\u00e4t zwischen Vater und Sohn in Spanien liegt bei etwa 40%. Wenn dies im Schnitt f\u00fcr das gesamte Land und f\u00fcr einen hinreichend langen Zeitraum gilt, dann kann man einfach zu einer Sch\u00e4tzung f\u00fcr das Gro\u00dfeltern-Enkel Verh\u00e4ltnis gelangen, indem man die Elastizit\u00e4ten multipliziert. In diesem Fall m\u00fcsste man 40% von 40% berechnen, was 16% entspricht. Man kann das Spiel auch weitertreiben und das Verh\u00e4ltnis der Ur-Gro\u00dfeltern zu den Ur-Enkeln berechnen. In diesem Fall m\u00fcsste man 40% von 16% berechnen, was 6,4% ergibt.<\/p>\n<p>Diese einfache Berechnung ist m\u00f6glich, auch wenn keine langfristigen Daten zu den Einkommen der Gro\u00dfeltern und der Enkel vorliegen. Die Schlussfolgerung aus dieser Berechnung ist sehr interessant: Offenbar verschwindet der Einfluss des Familienhintergrundes in der langen Frist relativ schnell. Im Falle Spaniens w\u00e4ren die Einkommen der Ur-Enkel mit jenen der Ur-Gro\u00dfeltern praktisch nicht mehr korreliert. Keine gute Nachricht also f\u00fcr die Nachfahren von Amancio Ortega! Abbildung 48 zeigt die Entwicklung des Anteils der Einkommen, der \u00fcber die Generationen hinweg vererbt wird. Stellvertretend f\u00fcr die L\u00e4nder aus Abbildung 45 ist dort die Entwicklung f\u00fcr Peru, die USA, Deutschland und Finnland abgetragen, welche die eher immobilen lateinamerikanischen und angels\u00e4chsischen Nationen, die in der Mitte liegenden kontinentaleurop\u00e4ischen L\u00e4nder sowie die sehr mobilen skandinavischen Staaten repr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/mobility_A48a.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"Mobilit\u00e4t\" src=\"\/wordpress\/bilder\/mobility_A48a\" alt=\"Mobilit\u00e4t\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Zu Anfang, also von der Ausgangsperson in Generation 0 zu seinen Kindern in Generation 1 sind die Einkommen zwischen den Generationen relativ stark korreliert. Es kommt wie wir im vorherigen Kapitel gesehen haben allerdings darauf an, in welcher Nation das Individuum lebt, da die Chancengleichheit international betrachtet sehr unterschiedlich stark ausgepr\u00e4gt ist. \u00dcber die Generationen 1 bis 7 kommt es schlie\u00dflich zu einem deutlichen R\u00fcckgang der Korrelation der Einkommen mit der Person aus Generation 0. Wir sprechen nun von Personen in den Generationen 0 bis 7, da die Bezeichnung Ur-Ur-Ur-Ur-Gro\u00dfmutter sehr verwirrend ist. Zwar verl\u00e4uft der Prozess von Land zu Land unterschiedlich schnell, jedoch konvergieren alle L\u00e4nder hin zum Nullpunkt. Das bedeutet, dass irgendwann ein Punkt erreicht ist, an dem die Personen \u00fcber die L\u00e4ndergrenzen hinweg in Generation <em>n<\/em> dieselbe Korrelation mit ihrem Vorfahren vor <em>n<\/em> Perioden gemein haben. Diese betr\u00e4gt dann Null.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Die Rate, mit der die jeweilige l\u00e4nderspezifische Folge zum Punkt Null konvergiert, ist allerdings abh\u00e4ngig von der intergenerativen Einkommenselastizit\u00e4t und damit zwischen den L\u00e4ndern stark unterschiedlich. W\u00e4hrend in Finnland praktisch schon in der zweiten Generation kaum noch eine Verbindung zur Generation 0 besteht, ist ein vergleichbarer Wert in Deutschland in Generation 3, in den USA zwischen Generation 4 und 5 erreicht. Ab der siebten Generation hat sich der Wert in allen drei Nationen bereits sehr stark an die Null angen\u00e4hert. In Peru hingegen verl\u00e4uft der Prozess deutlich langsamer. Hier ist nach der siebten Generation immer noch eine Einkommenskorrelation vorhanden, die in etwa jener in Deutschland nach der zweiten Generation entspricht.<\/p>\n<p>Die Art der Betrachtung der multigenerativen Einkommenselastizit\u00e4t, wie sie in Abbildung 48 vorgenommen wird, hilft uns, ein einfaches Verst\u00e4ndnis \u00fcber die ganz langfristige soziale Mobilit\u00e4t zu erhalten. Die Ergebnisse aus dieser Betrachtung sprechen daf\u00fcr, dass die Chancengleichheit in der langen Frist deutlich h\u00f6her ist, als in der kurzen Frist. W\u00e4hrend die vorgestellte Methode zur Ermittlung der multigenerativen Einkommenselastizit\u00e4t in der Forschung durchaus verbreitet ist, besitzt sie doch einen gravierenden Nachteil: Mit der einfachen Multiplikation der Einkommenselastizit\u00e4ten \u00fcber die Generationen hinweg nehmen wir an, dass es keine <em>direkte<\/em> Beziehung zwischen Gro\u00dfeltern und ihren Enkeln gibt, dass diese Beziehung also lediglich <em>indirekt<\/em> \u00fcber die Eltern verl\u00e4uft. Dies ist in der Realit\u00e4t selbstverst\u00e4ndlich nicht unbedingt der Fall. Tats\u00e4chlich ist die Rebellion der Kinder gegen die Werte und den Werdegang der eigenen Eltern ein in der Entwicklungspsychologie vielf\u00e4ltig untersuchtes Ph\u00e4nomen. Die Gegenrebellion der eigenen Nachfahren wiederum sorgt h\u00e4ufig daf\u00fcr, dass sich Gro\u00dfeltern und Enkel in ihren Werten relativ nahe stehen. Zudem profitieren Enkelkinder h\u00e4ufig von den finanziellen Ressourcen sowie den sozialen Verbindungen der Gro\u00dfeltern. Es ist daher anzunehmen, dass die einfache Multiplikation der intergenerativen Einkommenselastizit\u00e4t die multigenerative soziale Mobilit\u00e4t \u00fcbersch\u00e4tz, dass die Rate der Konvergenz zum Punkt Null also wesentlich langsamer verl\u00e4uft. In letzter Zeit wurden verschiedene Studien durchgef\u00fchrt, die sich dem Thema annahmen. Die Ergebnisse sind allerdings jeweils nur f\u00fcr einzelne L\u00e4nder (und teilweise sogar nur f\u00fcr einzelne St\u00e4dte) verf\u00fcgbar, in denen aus verschiedenen Gr\u00fcnden statistische Register mit ausreichend langem Zeitraum verf\u00fcgbar sind.<\/p>\n<p>Die Ergebnisse dieser Studien sind durchaus unterschiedlich: W\u00e4hrend der Effekt der Gro\u00dfeltern auf die Enkel in der schwedischen Gro\u00dfstadt Malm\u00f6 bei etwa 8% liegt, kommen die Studien f\u00fcr die USA auf Werte zwischen 5% und 25%. Damit liegt der Effekt der Gro\u00dfeltern in Schweden und den USA erstaunlicherweise relativ nahe an dem Wert, der sich durch die einfache Multiplikation der intergenerativen Elastizit\u00e4ten ergibt (7,2% in Schweden und 22% in den USA). Die gro\u00dfen Unterschiede hinsichtlich der Effekte in den USA liegen an den verschiedenen Betrachtungssamples. So ist etwa der Effekt von Gro\u00dfeltern m\u00fctterlicherseits anders als jener von Gro\u00dfeltern v\u00e4terlicherseits, auch hinsichtlich des Einflusses auf Jungen und M\u00e4dchen bestehen gro\u00dfe Unterschiede. Lediglich f\u00fcr Gro\u00dfbritannien bestehen Hinweise auf einen deutlich st\u00e4rkeren multigenerativen Effekt. Allerdings ist auch dieser Effekt eng Verkn\u00fcpft mit dem Einfluss der Eltern. So zeigen Tak Wing Chan und Vikki Boliver, zwei Soziologen aus Oxford und Durham, dass die Wahrscheinlichkeit eines Kindes zum Aufstieg in die oberen Einkommensklassen bei zwischen 60-70% liegt, sofern die Eltern und die Gro\u00dfeltern zuvor ebenfalls in den entsprechend verm\u00f6genden Perzentilen angesiedelt waren. Der isolierte Effekt der Gro\u00dfeltern hingegen lag auch in der Chan-Boliver Studie leicht unter der durch die einfache Multiplikation der Elternkorrelation ermittelten Gr\u00f6\u00dfe.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Seltene Nachnamen und Dynastien<\/strong><\/p>\n<p>Bedeutet dies nun, dass die Einw\u00e4nde unbegr\u00fcndet sind und es tats\u00e4chlich nur eine verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig leichte Verbindung zwischen dem famili\u00e4ren Hintergrund der Gro\u00dfeltern und der Verdienstm\u00f6glichkeiten der Enkel gibt? W\u00e4hrend viele Forscher bis vor kurzem dazu geneigt waren, diese Frage mit \u201eja\u201c zu beantworten, hat ein Buch des britischen Wirtschaftshistorikers Gregory Clark aus dem Jahr 2014 diese Annahme radikal in Frage gestellt und viele Sozialwissenschaftler zum Umdenken bewegt. In \u201e<em>The Son also Rises<\/em>\u201c (zu Deutsch etwa \u201eDer Sohn steigt auch auf\u201c, eine Anspielung auf Ernest Hemingways Buch \u201e<em>The Sun Also Rises<\/em>\u201c) beschreibt Clark die soziale Mobilit\u00e4t \u00fcber weite Teile der j\u00fcngeren Geschichte. Diese umfasst die Zeit des feudalen Mittelalters in Gro\u00dfbritannien beginnend um das Jahr 1300, die Periode des schwedischen Adels im 17. Jahrhundert, die fr\u00fche Geschichte der USA sowie eine F\u00fclle von L\u00e4nderstudien, die neben Indien, China, Japan, Korea und Chile auch die Mobilit\u00e4t innerhalb verschiedener ethnologischer und religi\u00f6ser Gruppen umfasst.<\/p>\n<p>Das wirklich Faszinierende an Clarks Buch jedoch ist die geniale Idee, mit der der Brite das Problem mangelnder Daten zur Messung der sozialen Mobilit\u00e4t umging. Um die Methodik verstehen zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir zur\u00fcck ins England des 17. Jahrhunderts reisen und uns auf die F\u00e4hrte des ersten Sekret\u00e4rs der englischen Admiralit\u00e4t Samuel Pepys begeben. Der 1633 geborene Pepys war langj\u00e4hriges Mitglied des englischen Parlaments und brachte seine Familie durch seinen politischen Einfluss und seine Tageb\u00fccher zu einigem Ruhm. Das eigentlich spannende an Samuel Pepys aber ist sein Name: Der Familienname \u201ePepys\u201c war stets ein sehr seltener britischer Nachname, der mehrfach kurz vor dem Aussterben stand. Bereits zu Samuel Pepys Zeiten trugen nur etwa 40 Briten den Nachnamen Pepys, im Jahr 1881 waren es noch 37. Bis zum Jahr 1496 wurde der Nachname \u00fcberhaupt nicht in den Geschichtsb\u00fcchern erw\u00e4hnt, dann jedoch schrieb sich das erste Mitglied der Familie in der Universit\u00e4t von Cambridge ein. \u00dcber die letzten 500 Jahre fanden sich insgesamt 58 immatrikulierte Studenten mit den Nachnamen Pepys, die in den Eliteuniversit\u00e4ten Oxford und Cambridge studierten. Zum Vergleich: Betrachtet man die Seltenheit des Nachnamens Pepys, dann betr\u00e4gt die statistisch wahrscheinliche Anzahl von Studenten an Eliteuniversit\u00e4ten \u00fcber den 500 Jahreszeitraum lediglich drei! Das bedeutet, dass knapp 20-Mal so viele Pepys an Eliteuniversit\u00e4ten studierten, als man statistisch vermuten w\u00fcrde. Betrachten wir die insgesamt 18 im Jahr 2012 noch lebenden Pepys, so waren vier davon Doktoren der Medizin, die neun Pepys die zwischen 2000 und 2012 starben hinterlie\u00dfen ein durchschnittliches Erbe von einer halben Million. Dies entspricht mehr als das 5-Fache des Durchschnittswertes in England.<\/p>\n<p>Gregory Clark hatte die grandiose Idee, von seltenen Nachnamen auf Familienclans und Dynastien zu schlie\u00dfen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Personen mit demselben seltenen Nachnamen ein und derselben Familie entstammen, ist tats\u00e4chlich sehr hoch. In m\u00fchevoller und Jahre andauernder Kleinstarbeit durchforstete Clark daher die Archive der altehrw\u00fcrdigen Universit\u00e4ten von England und berechnete den relativen Anteil unterschiedlicher Familien \u00fcber mehrere hundert Jahre. Dabei musste er sich neben einer Vielzahl weiterer Unw\u00e4gbarkeiten insbesondere auch mit der orthografischen Ver\u00e4nderung der Namen seit der Zeit des britischen Mittelalters auseinandersetzen. So wurde der im modernen englisch heute als \u201eBeauchamp\u201c geschriebene Nachname im England des 13. Jahrhunderts beispielsweise h\u00e4ufig als \u201eDe Bello Campo\u201c transkribiert. Was er bei seinen Studien entdeckte, faszinierte Clark zutiefst. Die Daten lieferten starke Hinweise darauf, dass die soziale Mobilit\u00e4t in der ganz langen Frist \u2013 vom englischen Mittelalter bis in die Moderne \u2013 augenscheinlich wesentlich geringer war, als es die Sch\u00e4tzungen \u00fcber die einfache Multiplikation der intergenerativen Einkommenskorrelation vermuten lie\u00dfen.<\/p>\n<p>In seiner Analyse betrachtete Clark die Nachnamen, die im Hochmittelalter zur Elite geh\u00f6rten und stellte ihre Entwicklung \u00fcber die kommenden Jahrhunderte in akribischer Arbeit nach. Doch woher wusste er, welche Namen zur Elite geh\u00f6rten? Als eines von vielen Beispielen untersuchte Clark die Eintr\u00e4ge im \u201eInquisition post mortem\u201c (IPM), einem Sterberegister, das beginnend im Jahre 1236 neben dem Tod von Personen auch ihr Verm\u00f6gen und die jeweiligen Erben auflistete. Clark ermittelte die reichsten Familiennamen der 1230er Jahre durch das IPM und betrachtete im Anschluss die Entwicklung des relativen Anteils dieser Namen, die sich in einer englischen Eliteuniversit\u00e4t einschrieben im Vergleich zum Gesamtbestand des Namens in der englischen Bev\u00f6lkerung. Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass es \u00fcber knapp 800 Jahre hinweg zu einer sehr starken Persistenz der Namen aus dem IPM kam. Diese waren an den Eliteuniversit\u00e4ten im 12. und 13. Jahrhundert stark \u00fcberrepr\u00e4sentiert und gaben ihre hohe gesellschaftliche Position zu 80% an die nachfolgende Generation weiter. Die dadurch implizierte Rate der Konvergenz zur Null liegt damit dramatisch unterhalb der bisher vorgestellten Sch\u00e4tzungen, sodass sich Familiendynastien \u00fcber viele Jahrhunderte an der Spitze der Gesellschaft und damit der Verteilung der Einkommen hielten. Clark wiederholte seine Sch\u00e4tzungen f\u00fcr eine gro\u00dfe Vielzahl von Eliten aus verschiedensten Epochen, f\u00fcr England etwa auf Basis des Nachlassgerichts von Canterbury, die Nachnamen der Normannischen Eroberer, die Gro\u00dfbritannien im Jahre 1066 einnahmen, oder verschiedene reiche Gro\u00dflandbesitzer. In \u00e4hnlicher Weise dehnte Clark seine Untersuchungen auch auf die geschichtliche Betrachtung Schwedens, der USA, Chinas, Japans und vieler weiterer L\u00e4nder aus. Das erstaunliche Ergebnis: In allen Untersuchungen lag die ermittelte Korrelation der Einkommen von einer Generation zur n\u00e4chsten bei zwischen 70% und 80%.<\/p>\n<p>Doch damit nicht genug, Clark stellte \u00fcberdies fest, dass die fr\u00fcheren Dynastien auch heute noch einen wesentlichen Teil der gegenw\u00e4rtigen Eliten stellen. Betrachten wir etwa die Immatrikulationsregister von Oxford und Cambridge im Jahre 2002, so zeigt sich, dass die Nachnamen Freeman, Spencer und Hamilton \u2013 allesamt Familiennamen mittelalterlicher Eliten \u2013 heute h\u00e4ufiger oder mindestens gleich h\u00e4ufig auftreten, wie die in Gro\u00dfbritannien verbreitetsten Nachnamen Smith, Jones oder Williams. W\u00e4hrend jedoch gut 600.00 Briten den Namen Williams oder Smith besitzen, tragen lediglich etwa 50.000 Personen die Namen Hamilton, Spencer oder Freeman. Damit ist ihr relativer Anteil an den Eliteuniversit\u00e4ten rund 12-mal so hoch, wie der relative Anteil von Smith oder William.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/mobility_A49.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"Mobilit\u00e4t\" src=\"\/wordpress\/bilder\/mobility_A49\" alt=\"Mobilit\u00e4t\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Die Forschungsergebnisse von Gregory Clark sind sehr aufschlussreich, helfen sie uns doch, das Konzept der sozialen Mobilit\u00e4t in der ganz langen Frist besser zu verstehen. Abbildung 49 zeigt die multigenerative Einkommenselastizit\u00e4t \u00fcber mehrere Jahrhunderte und Jahrzehnte hinweg. Zwar schwankt der untersuchte Zeitraum zwischen den verschiedenen L\u00e4ndern erheblich. Dennoch ergibt sich in allen F\u00e4llen ein Wert zwischen 70% und 80%.<\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnen die verschiedenen Ergebnisse interpretiert werden? Die gro\u00dfe Diskrepanz zwischen der aktuell gemessenen Korrelation zwischen V\u00e4tern und S\u00f6hnen und der starken Persistenz der Einkommen w\u00e4hrend langen Phasen der vergangenen Jahrhunderte deutet zudem darauf hin, dass die Chancengleichheit \u00fcber die Zeit erheblich gestiegen ist. W\u00e4hrend im Feudalismus des europ\u00e4ischen Mittelalters oder im konfuzianischen St\u00e4ndesystem Koreas, Chinas und Japans die soziale Klasse der Eltern ma\u00dfgeblich \u00fcber die sp\u00e4teren Erfolgschancen entschieden, ist der Zugang zu Bildung in vielen wohlhabenden L\u00e4ndern gegenw\u00e4rtig wesentlich offener. Auch heute noch ist die \u00f6konomische Verbindung zwischen den Gro\u00dfeltern und den Enkeln substantiell, wie die aktuellen Studien \u00fcber die multigenerative Korrelation zeigen. Die Daten zur geschichtlichen Entwicklung der sozialen Mobilit\u00e4t \u00fcber die vergangenen Jahrhunderte legen jedoch nahe, dass diese Verbindung \u00fcber die ganz lange Frist noch wesentlich st\u00e4rker war.<\/p>\n<p>&#8212; &#8212; &#8212;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Ganz korrekt ist das nat\u00fcrlich nicht. Wir vermeiden in unserem Buch bewusst allzu detaillierte mathematische Kleinkariertheit, an dieser Stelle sollten wir aber sinnigerweise darauf aufmerksam machen, dass die Null nur asymptotisch erreicht wird und die l\u00e4nderspezifischen unendlichen Folge zum Grenzwert Null konvergiert. Es handelt sich dabei also um eine sogenannte Nullfolge.<\/p>\n<p>&#8212; &#8212; &#8212;<\/p>\n<p><strong>Quelle:<\/strong><\/p>\n<p>Norbert Berthold und Klaus Gr\u00fcndler: <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Ungleichheit-soziale-Mobilit%C3%A4t-Umverteilung-Berthold\/dp\/3170315528\">Ungleichheit, soziale Mobilit\u00e4t und Umverteilung. Stuttgart 2017<\/a><\/p>\n<p><strong>Blog-Beitr\u00e4ge: Blick ins Buch<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Norbert Berthold und Klaus Gr\u00fcndler: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=21786\">Einfluss der Top-Einkommensbezieher. Perzentile haben unterschiedliche politische Macht<\/a><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im vorherigen Kapitel haben wir uns die Frage gestellt, wie stark die Einkommen der Individuen von den Einkommen der Eltern abh\u00e4ngen. 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