{"id":22984,"date":"2018-05-25T00:01:51","date_gmt":"2018-05-24T23:01:51","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=22984"},"modified":"2018-05-30T09:43:09","modified_gmt":"2018-05-30T08:43:09","slug":"karl-marx","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=22984","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>200 Jahre Karl Marx (2)<\/font><br\/>Karl Marx"},"content":{"rendered":"<p>In seinem Buch \u201eRadio Heimat\u201c schrieb der Ruhrpott-Romantiker Frank Goosen: \u201eEine mittelalterliche Garnisonsstadt mit Stadtmauer, Fachwerkh\u00e4usern und F\u00fcrstenresidenzen sch\u00f6n finden, das kann jeder. Aber auf dem Gasometer in Oberhausen stehen, sich umgucken und sagen: Wat ne geile Gegend!, das muss man wollen.\u201c Und als Hape Kerkeling das kulturbeflissene Publikum mit seinem ber\u00fchmt gewordenen \u201eHurz!\u201c konfrontierte, war dem Publikum die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben, mit der sich jeder bem\u00fchte, genial finden zu wollen, was bei Licht betrachtet doch einfach nur l\u00e4cherlich war.<\/p>\n<p>Als wir 2017 praktisch ganzj\u00e4hrig \u00fcber Martin Luther aufgekl\u00e4rt wurden, gab es durchaus auch kritische Stimmen, die es zumindest etwas weit hergeholt fanden, den Jubilar zum Vordenker der Aufkl\u00e4rungsphilosophie zu k\u00fcren. Von solcherlei Zur\u00fcckhaltung finden wir im Marx-Jahr 2018 kaum eine Spur. Im Gegenteil: Kein Philosoph, kein Sozialwissenschaftler und erst Recht kein Feuilleton-Redakteur vergisst es, Karl Marx als herausragenden Denker, Philosophen und \u00d6konomen zu ehren, als Vorreiter der Arbeiterbewegung, des Sozialstaats und was nicht alles; und vor allem nat\u00fcrlich als gro\u00dfen Vision\u00e4r, der alles und jedes vorhergesehen hat, womit wir uns heute so herumschlagen. Unn\u00f6tig zu erw\u00e4hnen, dass Karl Marx uns auch heute noch etwas zu sagen hat, gar aktueller ist denn je. Warum eigentlich? Solche Fragen zu stellen, ist albern, und wer es doch tut, muss sich wie ein Vater-Unser-Verweigerer in der Osternachtsmesse f\u00fchlen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Dass Marx eine Spur der Gewalt mit zig-millionen Opfern hinter sich hergezogen hat, schrumpft vor dem Hintergrund seiner epochalen Leistungen zum Detail, dessen Erw\u00e4hnung von kleinlichem Geist zeugt. Ungew\u00f6hnlich ist das freilich nicht bei den bedeutenden Figuren der Geschichte. Und in der Tat wird nicht ganz zu Unrecht darauf hingewiesen, dass man Marx \u00e4hnlich wie Luther nicht f\u00fcr die in seinem Namen geschehene Gewalt in die Verantwortung nehmen k\u00f6nne. Denn nat\u00fcrlich wissen wir nichts dar\u00fcber, wie die Geschichte ohne ihn verlaufen w\u00e4re. Was h\u00e4tten Lenin, Stalin, Mao, Pol Pot und all die anderen getan, wenn sie die Legitimation der Marx\u2019schen Lehre nicht gehabt h\u00e4tten? Wer h\u00e4tte was an deren Stelle getan, wenn sie bedeutungslos geblieben w\u00e4ren? H\u00e4tte es die Nazis ohne die Marxisten gegeben und h\u00e4tten sie es an die Macht geschafft? Und wenn nicht sie, wer dann sonst und mit welchem Ergebnis? Das alles wissen wir nicht.<\/p>\n<p>Umgekehrt ist es eine Tatsache, dass Karl Marx die Arbeiterbewegung mit dem Begriff des \u201ewissenschaftlichen Sozialismus\u201c gekapert hat, und so verwundert es fast, dass der Deutsche Marketing Verband sich zum Marx-Jahr noch nicht ge\u00e4u\u00dfert hat, wo er doch jedes Jahr die beste Marketingleistung auszeichnet. Neben dieser vom Marketing Verband bisher noch nicht gew\u00fcrdigten Leistung hat Marx den Sozialisten aber noch etwas Anderes beschert: eine umfassende Theorie n\u00e4mlich, und die wirkt bis heute nach. Eigentlich waren es zwei Theorien, eine geschichtsphilosophische und eine \u00f6konomische. Dass sich heute fast jeder Intellektuelle beeilt, diese Theorien zu preisen, kann man am besten mit Frank Goosen erkl\u00e4ren: Man muss es wollen! Dass man es will, steht indes fest, und das Sch\u00f6ne daran ist, dass man schon lange kein Sozialist mehr sein muss, um es zu wollen. Im Gegenteil: Wer immer was auf sich h\u00e4lt, glaubt an Marx etwas Bedeutendes finden zu m\u00fcssen, was immer das sei. Und sei es nur, dass er angesichts der vielf\u00e4ltigen Ungerechtigkeiten in der Welt \u201eja schon irgendwie Recht gehabt hat.\u201c Wenn man jetzt noch etwas konkreter w\u00fcsste, womit er \u201eirgendwie Recht\u201c gehabt haben soll. Damit, dass die Welt immer schon und auch heute noch ganz sch\u00f6n ungerecht ist? Darauf w\u00e4re vor und nach Marx gewiss sonst niemand gekommen.<\/p>\n<p>Deutlich konkreter sind dann doch die echten Sozialisten und Kommunisten geworden, denn sie alle leiten ihre Haltung heute einigerma\u00dfen konsistent aus dem Marx\u2019schen Gedankengeb\u00e4ude ab. Bei ihnen f\u00e4llt allerdings auf, dass sie es immer nur daraus ableiten und nie aus etwas Anderem. Dabei ist das gar nicht so selbstverst\u00e4ndlich. Es ist sogar bezeichnend, dass es heute schon fast befremdlich klingt, wenn jemand fragt: K\u00f6nnte man ein Sozialist oder gar ein Kommunist sein, ohne Marxist zu sein? Und doch lautet die Antwort: Nat\u00fcrlich kann man das! Im 19. Jahrhundert gab es davon viele, mit den unterschiedlichsten ethischen und weltanschaulichen Hintergr\u00fcnden. Sie alle einte die Abscheu gegen\u00fcber dem Elend der Arbeiter, deren Lebens- und Arbeitsverh\u00e4ltnissen, gegen\u00fcber deren Gesundheitszustand und deren Lebenserwartung, und gegen\u00fcber der r\u00fccksichtslosen Ausbeutung von Kinderarbeit. Aber mit der Zeit war es irgendwann vorbei mit der Vielfalt der ethischen und weltanschaulichen Hintergr\u00fcnde der Visionen und Konzepte f\u00fcr eine bessere Welt. \u00dcbrig blieb nur eine Theorie, jene von Marx, und wer an ihr zweifelte, war fortan ein Spalter, ein verkappter Vertreter kapitalistischer Interessen; oder im besten Falle ein verwirrter Spinner. Und wer seither noch Sozialist sein wollte, oder Freiheitsk\u00e4mpfer, oder was auch immer, der musste immer auch irgendwie Marxist sein.<\/p>\n<p>Heute kann es sich kaum noch ein Intellektueller leisten, Marx und sein Wirken als den einzig bedeutenden Gegenpol zum r\u00fcden Kapitalismus des 19. Jahrhunderts anzuerkennen; als jenen, der die Entwicklung weg vom \u201eManchester-Kapitalismus\u201c und hin zum gez\u00e4hmten Sozialstaats-Kapitalismus initiiert habe. Das erstaunt, wo doch Marx den Kapitalismus weder reformiert sehen wollte, noch ihn f\u00fcr \u00fcberfl\u00fcssig hielt; und wo er selbst kaum irgendetwas Konstruktives zu der Frage beigetragen hatte, wie denn eine nachkapitalistische Welt gestaltet werden k\u00f6nnte oder sollte. Kein Marx-Kenner bestreitet das, und doch beugt sich bereitwillig dem Marx\u2019schen Monopol der Kapitalismus-Deutung, wer an der Wahrung seines Images als aufgeschlossener Zeitgenosse interessiert ist. Das ist gewiss ein verst\u00e4ndliches Motiv, und wir sind ja alle nur Menschen. Aber dient das auch der Wahrheitsfindung? Der dient doch eher eine Antwort auf diese Frage: Was ist dran an den Leistungen des Karl Marx?<\/p>\n<p>Was die philosophischen Leistungen des Karl Marx angeht, so geh\u00f6rte er bekanntlich zum Kreis der \u201eJung-Hegelianer\u201c, die darum bem\u00fcht waren, der Hegelschen Geschichtsphilosophie die anbiedernde Rechtfertigung des preu\u00dfischen Staatswesens zu nehmen. Einem von ihnen gelang der Trick, indem er die Hegelsche Dialektik mit dem Elend der Arbeiterklasse und der aufkeimenden Arbeiterbewegung verband. Das war Karl Marx. Er behauptete nicht weniger, als die Hegelsche Geschichtsphilosophie vom Kopf auf die F\u00fc\u00dfe gestellt und nunmehr endg\u00fcltig die Bewegungsgesetze der Geschichte entdeckt zu haben. Bei der W\u00fcrdigung dieser gro\u00dfen Leistung bleibt in der Regel aber unerw\u00e4hnt, dass kein Wissenschaftstheoretiker heute noch die Begr\u00fcndung dieser Bewegungsgesetze akzeptieren w\u00fcrde, nicht die Hegelschen und nicht die Marx\u2019schen, und zwar aus einem einfachen Grund: Ihnen fehlt jedwede nachpr\u00fcfbare Fundierung, welche auch nur n\u00e4herungsweise jenen Standards gen\u00fcgt, die die Wissenschaftstheorie heute an die theoretische Fundierung einer Aussage anlegt. Denn die Fundierung der historischen Bewegungsgesetze besteht einzig aus S\u00e4tzen, die ebenso wenig nachpr\u00fcfbar sind wie die Behauptung der \u201ePastafarians\u201c (<a href=\"http:\/\/www.venganza.org\">www.venganza.org<\/a>), dass die Welt von einem fliegenden Spaghetti-Monster erschaffen worden sei; oder wie die Existenz der Russelschen Teekanne, die dem Bild Bertrand Russels folgend seit jeher um die Sonne kreist, wegen ihrer geringen Gr\u00f6\u00dfe aber niemals entdeckt werden kann. Man kann deren Existenz ebenso wie jene des fliegenden Spaghetti-Monsters weder belegen noch widerlegen, und das eignet sie zwar f\u00fcr die Begr\u00fcndung einer Sekte, nicht aber f\u00fcr die Gewinnung wissenschaftlich fundierter Erkenntnisse.<\/p>\n<p>Daher geh\u00f6ren die Bewegungsgesetze der Geschichte von Hegel und Marx ins Reich des Glaubens, aber nicht ins Reich der empirischen Wissenschaft. Dass die Marx\u2019sche Variante dieser Bewegungsgesetze, der historische Materialismus, mitsamt seiner Mega-Prophezeiung \u00fcber den weiteren Verlauf der Geschichte \u00fcberhaupt noch einen Hund hinter dem sozialphilosophischen Ofen hervorlockt, kann nur erstaunen \u2013 zumal sich diese Prophezeiung auch bei der gro\u00dfz\u00fcgigsten aller Auslegungen schlicht als falsch erwiesen hat. Weder ist der Untergang des Kapitalismus eingetreten, noch die Verelendung der Arbeiterklasse. Das Gegenteil ist vielmehr der Fall: Der Kapitalismus hat sich \u2013 sehr zum Unmut der Hardcore-Marxisten \u2013 einen Sozialstaat zugelegt, der Lebensstandard in den Industriel\u00e4ndern ist in Atem beraubendem Ma\u00dfe gestiegen, und die Industriearbeiter stehen heute gerade in den entwickelten L\u00e4ndern \u00fcberall, nur nicht am unteren Ende der Einkommensskala. Alles das kann man freilich umdeuten und wieder umdeuten, wovon auch reichlich Gebrauch gemacht wurde und wird. Man kann Marx f\u00fcr die Einsicht in die Globalisierung in Anspruch nehmen, in die Umweltprobleme, in die Entwicklungsprobleme und in die politischen Krisen der Welt. Aber die Globalisierung haben andere vor ihm gesehen, die Umweltprobleme hat zu Marx\u201c\u02dc Zeiten \u00fcberhaupt niemand gesehen, und die Entwicklungsprobleme wurden erst relevant, nachdem die Arbeiterklasse ganz im Gegensatz zur Marx\u2019schen Prophezeiung reich geworden waren \u2013 was schon Lenin schwante, weshalb ihm die Ehre zukommt, der erste gro\u00dfe Marx-Umdeuter geworden zu sein. Probleme hat es immer gegeben und wird es immer geben. Welch eine Einsicht! Aber schon wartet man auf den Hinweis auf die prophetische Leistung, nach der Marx schon damals vorhergesehen habe, dass es auch im 21. Jahrhundert noch Probleme geben w\u00fcrde. Hurz!<\/p>\n<p>Man muss Marx zugestehen, dass er sich gro\u00dfe M\u00fche darum gemacht hat, seine geschichtlichen Bewegungsgesetze mit Hilfe einer \u00f6konomischen Theorie des Kapitalismus zu konkretisieren. Darin unterscheidet er sich sogar wohltuend von vielen seiner modernen Nachbeter, die um \u00f6konomische Theorie in der putativen Angst vor der Infektion mit ideologisch unreinen Einsichten stets einen gro\u00dfen Bogen machen \u2013 was sie nicht von weitreichenden Einsch\u00e4tzungen in der Sache abh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Dummerweise schlug sich die junge \u00f6konomische Wissenschaft zu Marx\u201c\u02dc Zeiten mit einer Last herum, die ihrem Theoriegeb\u00e4ude an einer entscheidenden Stelle die Konsistenz raubte: Das war die seinerzeit vorherrschende Arbeitswertlehre, die vor allem daran krankte, dass man wertende (normative) Aussagen mit Aussagen \u00fcber Tatsachen (positive Aussagen) durcheinanderwarf. So wollte man den am Markt gehandelten G\u00fctern partout einen wissenschaftlich objektiv bestimmbaren Wert zuweisen, und der bestand nach einer Idee des Klassikers Adam Smith in der Arbeitsleistung, der es zur Produktion des jeweiligen Gutes bedurft hat. Fortan bestand eine Spannung zwischen diesem vermeintlich objektiv bestimmbaren Wert auf der einen Seite und dem Preis, zu dem die G\u00fcter am Markt gehandelt wurden, auf der anderen. Auch und gerade David Ricardo schlug sich bekanntlich mit dem Problem herum, ohne es freilich einer L\u00f6sung zuf\u00fchren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Erst die subjektive Wertlehre zerschlug den gordischen Knoten, indem deren Vertreter erkannten, dass es m\u00fc\u00dfig ist, einem Gut einen objektiven Wert zumessen zu wollen, wo das Gegenteil des objektiven, n\u00e4mlich das normative, das \u201ewertende\u201c schon im Wort enthalten ist. Indem die subjektive Wertlehre anerkannte, dass einem Produkt immer nur das zugeordnet werden kann, was einzelne Menschen diesem Gut an individuell-subjektivem Wert beimessen, l\u00f6ste sich das Problem in Luft auf. Nebenbei legte es die Grundlage daf\u00fcr, wertende Aussagen von solchen \u00fcber Fakten sauber zu trennen. Wer einmal an einem Sperrm\u00fclltag die betreffende Stra\u00dfe entlanggegangen ist und gesehen hat, was manche so entsorgen, obwohl es doch einmal unter teils erheblichem Arbeitsaufwand produziert worden ist und sich praktisch noch im besten Ausgangszustand befindet, und wer sieht, wie wieder andere sich genau diese Dinge in ihre Autos laden, der bekommt die subjektive Wertlehre eindrucksvoll vor Augen gef\u00fchrt \u2013 und damit auch den Unsinn der Arbeitswertlehre.<\/p>\n<p>Aber statt die Arbeitswertlehre in die theoriegeschichtliche Tonne zu treten, wo sie hingeh\u00f6rt, und durch etwas Besseres zu ersetzen, tat Marx damit, was er schon mit der Hegelschen Geschichtsphilosophie getan hatte: Er deutete sie um. Er benutzte sie, um auf ihrer Basis seine Theorie des Mehrwerts zu entwickeln. Denn sie eignete sich zur Begr\u00fcndung der Behauptung, dass Maschinen keine Werte erschaffen k\u00f6nnten. So wurde aus einer normativ-wertenden Aussage \u2013 ich bewerte das Gut allein nach der Arbeit, der es zu seiner Produktion bedurft hat \u2013 zu einer Behauptung \u00fcber Fakten \u2013 nur Arbeit kann Werte schaffen, Maschinen dagegen nicht. Mit diesem Kniff wurde aus einer Wertung eine (vermeintliche) Tatsache, die allerdings daher kam wie die Russelsche Teekanne oder die Goosensche Sch\u00f6nheit der Gegend um den Oberhausener Gasometer: Sie mutierte von der Wertung zur Tatsache, weil jemand das so wollte. Wenn das nicht g\u00f6ttlich ist! Und so entstand das Dogma, dass keine Maschine und kein Roboter Werte schaffen k\u00f6nne, m\u00f6gen sie auch ganz autonom Produkte herstellen. Diese steile These brauchte Marx schlie\u00dflich, um seine Ausbeutungstheorie und im weiteren Verlauf seine ber\u00fchmte Theorie vom tendenziellen Fall der Profitrate zu begr\u00fcnden. Denn Eingeweihte wissen, dass es dieser Profitratenschwund ist, der dem Kapitalismus am Ende den Garaus macht. Dummerweise zerbr\u00f6selt auch den beflissensten Marx-Nachbetern die Theorie vom tendenziellen Fall der Profitrate zwischen den Fingern, wenn sie die Kopfgeburt der Arbeitswertlehre aufgeben \u2013 und mit ihr zerbr\u00f6selt nicht weniger als der \u201ezwangsl\u00e4ufige\u201c Untergang des Kapitalismus. Zu dumm. Also konnte und durfte die Arbeitswertlehre niemals falsch sein.<\/p>\n<p>Deshalb ist die Arbeitswertlehre bis zum heutigen Tag ein zentraler Glaubenssatz der Marxistischen Lehre. \u00dcber diesen Glaubenssatz ist jeder Marxist bekenntnispflichtig; und das, wo die Arbeitswertlehre von Adam Smith stammt, der den meisten von ihnen als Gottvater des Kapitalismus gilt, was f\u00fcr echte Dialektiker freilich kein Problem darstellen sollte. Karl Marx behauptete zwar nicht, der Autor der Arbeitswertlehre zu sein. Das tat er ebenso wenig wie er behauptet hatte, der Autor der dialektischen Geschichtsphilosophie zu sein. Aber ebenso wie er schon die dialektische Geschichtsphilosophie richtig gestellt zu haben behauptete, so behauptete er nun dasselbe von der Arbeitswertlehre. Und indem er die beiden korrigierten Versionen zusammenf\u00fcgte, behauptete er weiterhin, der Autor jenes sozialistischen Konzepts zu sein, das als einziges das Pr\u00e4dikat des \u201ewissenschaftlichen\u201c f\u00fcr sich in Anspruch nehmen k\u00f6nne. Kein anderes sozialistisches Konzept w\u00fcrde dieses Pr\u00e4dikat fortan mehr tragen d\u00fcrfen \u2013 und tats\u00e4chlich hat es niemand gewagt, diese Regel infrage zu stellen.<\/p>\n<p>Wie gesagt, muss man den Begriff des \u201ewissenschaftlichen Sozialismus\u201c mit Fug und Recht als genial bezeichnen \u2013 und die Deutsche Marketing Gesellschaft darauf hinweisen. Aber wenn es eine Machiavelli-Gesellschaft g\u00e4be, so sollte man auch sie informieren: Denn indem Marx alle nicht \u201ewissenschaftlichen\u201c Entw\u00fcrfe des Sozialismus oder des Kommunismus und erst Recht alle Ideen eines reformierten Kapitalismus als \u201enaiv\u201c und \u201eutopisch\u201c diskreditierte, und indem er die Theorie von der Unentrinnbarkeit der historischen Bewegungsgesetze bis hin zum Kommunismus als unwiderlegbares Grundgesetz der Geschichte konstruierte, war das Marx\u201c\u02dcsche Geb\u00e4ude mit nichts anderem mehr vereinbar. Fortan konnte man nur noch f\u00fcr oder gegen ihn sein, was gleichbedeutend war mit f\u00fcr oder gegen die \u201ehistorische Wahrheit\u201c; und wie verr\u00fcckt m\u00fcsste einer sein, der gegen die Wahrheit ist? F\u00fcr oder gegen die historische Wahrheit zu sein, war zudem und praktischerweise gleichbedeutend damit, f\u00fcr oder gegen \u201edas Gute\u201c schlechthin zu sein. Denn die historische Wahrheit des dialektischen Materialismus lie\u00df ebenso wie die Arbeitswertlehre keinen Unterschied mehr zwischen Wertung und Fakten zu; was wiederum zur Folge hatte, dass absurderweise viele Sozialwissenschaftler sich bis heute weigern, diese beiden Kategorien auseinander zu halten und sich damit wie einst Ricardo selbst auf den F\u00fc\u00dfen stehen \u2013 zu Ehren von Marx allerdings, wie man hinzuf\u00fcgen sollte.<\/p>\n<p>So schufen Marx und die Marxisten das Monopol auf die eine und reine Theorie des Kapitalismus und des Sozialismus \u2013 ohne je etwas dar\u00fcber gesagt zu haben, wie letzterer denn zu gestalten sei. Das \u00e4nderte nichts daran, dass es sich bald kein K\u00e4mpfer f\u00fcr die Arbeiterrechte mehr leisten konnte, an den Bewegungsgesetzen der Geschichte, am tendenziellen Fall der Profitrate und all den anderen Ingredienzen des Marx\u2019schen Theoriegeb\u00e4udes auch nur irgendwelche Zweifel anzubringen. Wer es dennoch tat, und sei es nur in einzelnen Details, der war nicht nur kein Marxist mehr, sondern er konnte \u00fcberhaupt kein Sozialist mehr sein, denn das eine war mit dem anderen zu einer Einheit verschmolzen wie die Dreifaltigkeit mit der katholischen Lehre. Und es ging weiter: Denn er konnte nicht einmal mehr ein wahrhaftiger und auch kein guter Mensch mehr sein, weil er sich gleicherma\u00dfen der historischen Wahrheit wie der Zuwendung zum Guten verweigerte, was ja dasselbe ist. Davon konnten hunderte von Stasi-Gef\u00e4ngnis-Insassen ein bitteres Liedchen singen; und daher wird man Karl Marx dann doch nicht gar so unschuldig finden k\u00f6nnen an der mit seiner Theorie gerechtfertigten Gewalt. Einem echten Propheten h\u00e4tte das jedenfalls klar sein m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Heute ist das ja alles vorbei, und so finden wir nur noch ein paar Absurdit\u00e4ten. Eine davon ist, dass man sich als Marx-Kritiker bis heute kaum irgendwo als Feuilleton-Redakteur oder Moderator eines Kulturmagazins zu bewerben braucht. Denn nirgendwo liebt man den Meister mehr als dort \u2013 merkw\u00fcrdigerweise meist zum Bersten aufgeladen mit emotionalen Emp\u00f6rungsliturgien \u00fcber die per Annahme immer schlimmer werdenden kapitalistischen Produktionsverh\u00e4ltnisse. Das liegt nicht zuletzt daran, dass man sich unter allen Umst\u00e4nden von den ungeliebten Mainstream-\u00d6konomen abgrenzen muss \u2013 und vom verteufelten (Neo)Liberalismus. Sich davon abzugrenzen ist schon deshalb wichtig, weil es dazu berechtigt, jedwede Einsicht in wirtschaftspolitische Grenzen des Machbaren einfach in den Wind zu schlagen. Weil aber die Alternative zum Mainstream einst monopolisiert worden war, kommt man an dem monumentalen ideologischen Monopolanbieter nicht mehr vorbei: an Karl Marx, dessen Thesen zu ehren aus genau diesen Gr\u00fcnden so etwas wie alternativlos ist.<\/p>\n<p>Und damit das alles auch sch\u00f6n sachverst\u00e4ndig klingt, kommt nichts so chic und eindrucksvoll daher, wie beziehungsreich die R\u00fcckbesinnung auf die Arbeitswertlehre zu fordern, auf dass man zu den \u201ewahren\u201c Werten zur\u00fcckfinde und sich abgrenze von den Mainstream-\u00d6konomen, die einer wirklich genialen Wendung zufolge \u201eden Preis von allem und den Wert von nichts\u201c kennen; abgesehen freilich von wenigen Lichtgestalten wie Thomas Piketty \u2013 dessen Thesen zu verehren in kulturbeflissenen Zirkeln zum Pflichtprogramm geh\u00f6rt; wobei dies gl\u00fccklicherweise weder erfordert, sie gelesen, noch sie verstanden zu haben \u2013 was f\u00fcr Marx gleicherma\u00dfen gilt.<\/p>\n<p>So f\u00e4llt es gar nicht auf, dass Marx\u201c\u02dc Voraussagen falsch waren, dass sein \u201ewissenschaftlicher Sozialismus\u201c ausgerechnet wissenschaftstheoretischen Standards nicht standh\u00e4lt und dass sich seine \u00f6konomische Untergangstheorie in Luft aufl\u00f6st, sobald man ihr den Boden der Arbeitswertlehre entzieht. Und auf die Idee, die Opfer von Stalin, Mao und Konsorten mit Marx in Verbindung zu bringen, kommt schon gleich keiner mehr \u2013 oder weist sie emp\u00f6rt zur\u00fcck. Gut, dass sich die Realit\u00e4t stets durch Verweis auf einen tiefen intellektuellen Zugang zur Theorie ersetzen l\u00e4sst. Denn wer den hat, dem erschlie\u00dft sich die Genialit\u00e4t des Meisters; und wem sich die Genialit\u00e4t des Meisters erschlossen hat, der hat auch den intellektuellen Zugang zu seiner Theorie. Hurz!<\/p>\n<p>Von all dem werden wir noch einiges zu h\u00f6ren bekommen, denn das Marx-Jahr w\u00e4hrt ja noch ein Weilchen. Und wer jetzt denkt, dass der Autor dieses Beitrags doch ganz schon konservativ \u2013 oder gar reaktion\u00e4r \u2013 sein muss, wo er doch so respektlos \u00fcber den gro\u00dfen Vision\u00e4r schreibt, dem sei mit Frank Goosen gesagt: So einen Schluss zu ziehen, das muss man wollen!<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In seinem Buch \u201eRadio Heimat\u201c schrieb der Ruhrpott-Romantiker Frank Goosen: \u201eEine mittelalterliche Garnisonsstadt mit Stadtmauer, Fachwerkh\u00e4usern und F\u00fcrstenresidenzen sch\u00f6n finden, das kann jeder. 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