{"id":22994,"date":"2018-05-27T00:01:01","date_gmt":"2018-05-26T23:01:01","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=22994"},"modified":"2018-05-27T05:39:35","modified_gmt":"2018-05-27T04:39:35","slug":"gastbeitragwarum-wird-die-ordnungspolitische-dimension-der-eurozone-unterschaetztaufruf-der-154","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=22994","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Gastbeitrag <\/font><br\/>Warum wird die ordnungspolitische Dimension der Eurozone untersch\u00e4tzt? <br\/><font size=3; color=grey>Aufruf der 154 (+)<\/font>"},"content":{"rendered":"<p><em>Am 21. Mai 2018 erschien in der <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/eurokrise\/oekonomen-aufruf-euro-darf-nicht-in-haftungsunion-fuehren-15600325.html\">Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein neuerlicher \u00d6konomenaufruf<\/a>. 154 Professoren unterzeichneten ein Papier, in dem auf die Gefahren einer Haftungsunion in der Eurozone hingewiesen und eine Reihe von Ma\u00dfnahmen zur langfristigen Stabilisierung gefordert werden.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der Aufruf hat eine kleine Debatte sowohl in der Politik als auch in der Wissenschaft losgetreten. Dies ist durchaus beabsichtigt, denn die anstehenden Weichenstellungen sind zu wichtig, als dass die Politik sie in der sommerlichen Hitze und der Konzentration auf die anstehende Fu\u00dfball-Weltmeisterschaft unkommentiert vornimmt und dabei die Interessen der B\u00fcrger ignoriert.<\/p>\n<p>Der Text zeichnet sich durch Sachlichkeit, die Abwesenheit von Schuldzuweisungen und moralischen Apellen und eine im Grundsatz europ\u00e4ische Perspektive aus; das in der Debatte oft geh\u00f6rte Klagen \u00fcber die S\u00fcnder im S\u00fcden fehlt richtigerweise. Es geht um die Frage, ob und inwieweit die geplanten Reformma\u00dfnahmen der Eurozone \u2013 also die \u00dcberf\u00fchrung des Europ\u00e4ischen Stabilit\u00e4tsmechanismus in einen Europ\u00e4ischen W\u00e4hrungsfonds, die Vergemeinschaftung der Einlagensicherungsfonds, die Einf\u00fchrung eines weiteren Investitionsfonds und eines gemeinsamen Finanzministers \u2013 die Haftung verw\u00e4ssern und so die Ordnung der Eurozone st\u00f6ren oder gar zerst\u00f6ren k\u00f6nnen. Letztlich, so die Kernbotschaft des Aufrufes, gef\u00e4hrden die Ma\u00dfnahmen diese Ordnung und damit die gesamte <a href=\"https:\/\/www.wiwo.de\/themen\/europaeische-union\">Europ\u00e4ische Union<\/a>.<\/p>\n<p>Zustimmung gab es von vielen ordnungspolitisch geschulten Politikern und der so genannten Alternative f\u00fcr Deutschland (AfD), die sich best\u00e4tigt sieht; das war zu erwarten. Allerdings k\u00f6nnte die nationalistische und anti-europ\u00e4ische Haltung der f\u00fchrenden AfD nicht weiter entfernt vom Anliegen des Aufrufs sein. Hier eine ernsthafte Sorge um den Fortbestand einer sinnvollen europ\u00e4ischen Ordnung, dort einige Hasardeure ohne Gewissen. Dennoch: Applaus von der falschen Seite kann kein Argument daf\u00fcr sein, wichtige Anliegen nicht zu thematisieren.<\/p>\n<p>Sachliche Kritik an dem Aufruf bezieht sich auf die angesprochenen Wirkungsmechanismen beziehungsweise der fehlenden Erl\u00e4uterung dieser Mechanismen und das fehlende Bekenntnis zur europ\u00e4ischen Integration. In der Tat liest sich der Text als Kompromiss einiger Autoren, den die angesprochenen Kollegen unver\u00e4ndert unterzeichnen konnten (wie der Kolumnist) oder eben nicht. Allerdings ist beim genauen Lesen klar, dass der Aufruf die europ\u00e4ische Integration in keiner Weise in Frage stellt, daf\u00fcr aber zentrale Risiken anspricht.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/oxiblog.de\/aufruf-oekonomen-haftungsunion-jubel-afd-kritik-wirtschaftswissenschaft\/\">Andere Kommentare<\/a> sind weniger sachlich, aber auch recht putzig: Der witzigste Kritiker verwies darauf, dass man sich mal \u00fcberlegen m\u00fcsste, wer alles nicht unterzeichnet hat, darunter prominent er selber! \u00c4rgerlich und ein Zeichen fehlender Sachargumente ist eine moralisch motivierte Kritik. Andere sprachen von einer Altherrenriege, die ernst zu nehmen sich quasi von selbst verb\u00f6te. In der Tat sind recht viele pensionierte \u00d6konomen unter den Unterzeichnern, j\u00fcngere Kollegen hielten sich zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Ob Alter ein Synonym f\u00fcr Senilit\u00e4t ist, muss hier nicht diskutiert werden. Vielmehr zeigt die Altersstruktur der Unterzeichner bzw. der Kritiker eher, dass die Bereitschaft und F\u00e4higkeit, \u00f6konomische Probleme ordnungstheoretisch, d.h. unter Ber\u00fccksichtigung der Interdependenz \u00f6konomischer Wirkungen und politischer Interessen einschlie\u00dflich der \u00dcbereinstimmung von Kompetenz und Haftung zu analysieren, in der deutschen Volkswirtschaftslehre eher abgenommen hat. Wichtiger als eine ordnungspolitisch konsistente Analyse ist der Fachaufsatz im Top-Journal. Daf\u00fcr helfen die Verengung der Fragestellung und die Verwendung neuester formaler Methoden. Das kann man den j\u00fcngeren Kollegen nicht zum Vorwurf machen \u2013 so funktioniert der Markt f\u00fcr Wissenschaftler eben.<\/p>\n<p>Was man hinterfragen muss, ist die fehlende Bereitschaft, die Realit\u00e4t mit der Modellwelt abzugleichen bzw. zu konzedieren, dass Modelle die Komplexit\u00e4t der Welt nicht abbilden (k\u00f6nnen und sollen). Es fehlt auch an der Bereitschaft, das Eigeninteresse der politischen Akteure in den Blick zu nehmen. Immer noch spielt die Figur des wohlmeinenden Diktators oder des Sozialplaners eine tragende Rolle. Politische Entscheidungstr\u00e4ger agieren in den Modellen im politischen Vakuum, d.h. unbeeinflusst von organisierten Interessen und Eigennutz. Das kann man nur als naiv bezeichnen.<\/p>\n<p>Deshalb ist ein solcher Aufruf wichtig. Er macht deutlich, dass Wirtschaftspolitik im Allgemeinen und Geld- und Fiskalpolitik im Besonderen in einer komplexen politischen Gemengelage stattfinden. Glaubt man an Lehrb\u00fccher, so sind einzelne Ma\u00dfnahmen der Geld- und Fiskalpolitik in der Eurozone genauso nachvollziehbar wie die von Pr\u00e4sident Macron und der Europ\u00e4ischen Kommission vorgeschlagenen Reformen zur Weiterentwicklung der Eurozone. Bezieht man die Politik mit ein, \u00e4ndert sich die Perspektive. Man wird kritischer, sieht die Anreizprobleme aller Politiker (auch des deutschen Finanzministers) und fordert mehr Beschr\u00e4nkungen f\u00fcr die politischen Entscheidungstr\u00e4ger, also einen klaren Ordnungsrahmen.<\/p>\n<p>Wie wichtig dieser ist, zeigen die ausgabenintensiven Pl\u00e4ne und europafeindlichen Ank\u00fcndigungen der neuen italienischen Regierung und die geradezu schockierten Reaktionen aus Br\u00fcssel, Paris und Berlin dazu eindrucksvoll auf. Offenbar glauben die Akteure dort selber an die Lehrb\u00fccher. Es wird sich immer ein Modell finden, mit dem die Optimalit\u00e4t der geldpolitischen Ma\u00dfnahmen gezeigt werden kann. Es braucht aber Modelle, die die politischen Motive und organisierte Interessen ebenso ins Kalk\u00fcl einbeziehen. Der Aufruf ist \u00fcbrigens vor dem Bekanntwerden der italienischen Pl\u00e4ne formuliert worden.<\/p>\n<p><strong>Hinweis:<\/strong> Der Beitrag erschien am 25. Mai 2018 in der <a href=\"https:\/\/www.wiwo.de\/politik\/europa\/freytags-frage-warum-wird-die-ordnungspolitische-dimension-der-eurozone-unterschaetzt\/22597292.html\">Wirtschaftswoche<\/a>.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 21. 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