{"id":23278,"date":"2018-07-22T13:44:14","date_gmt":"2018-07-22T12:44:14","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=23278"},"modified":"2018-07-22T13:44:14","modified_gmt":"2018-07-22T12:44:14","slug":"die-werte-der-wirtschaft-13-von-wettbewerb-und-statusstreben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=23278","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Die Werte der Wirtschaft (13) <\/font><br\/>Von Wettbewerb und Statusstreben"},"content":{"rendered":"<p>Wettbewerb wird in Gesellschaft und Medien oft zwiesp\u00e4ltig beurteilt. Denn im Wettbewerb wirken die Menschen nicht gemeinschaftlich oder kooperativ auf ein Ziel hin. Konkurrierende Menschen handeln nicht solidarisch. Vielmehr verfolgt jeder egoistisch seine eigenen Interessen. Wettbewerb kann daher Menschen schwer belasten oder gar in Not bringen. Daher wird Wettbewerb oft kritisiert.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Nichtsdestotrotz ist Wettbewerb jedoch auch ein zentraler, unverzichtbarer Teilaspekt einer Marktwirtschaft. Marktprozesse lassen sich in <strong>Tausch- und Parallelprozesse<\/strong> aufteilen. Beide Prozesse d\u00fcrfen nicht isoliert analysiert werden. Parallel zum Tauschhandel von Akteuren zweier unterschiedlicher Marktseiten findet ein Wettbewerbsprozess der Akteure auf jeder Marktseite statt. Wettbewerb unter Konkurrenten auf einer Marktseite f\u00fchrt auf der anderen Marktseite zu einer Wahlfreiheit. Wettbewerb ist \u2013 und dies sollte auch ein Teil seiner Beurteilung sein \u2013 ein Markprozess, indem sich immer auch <strong>Freiheit <\/strong>manifestiert.<\/p>\n<p>Zudem generiert Wettbewerb eine spontane Ordnung. Durch die Freiheit seiner Entscheidung ist es jedem Marktteilnehmer selbst \u00fcberlassen, wo und wie er seine Mittel einsetzt. Die wettbewerblichen Marktprozesse der Preisbildung sorgen f\u00fcr die notwendige Koordinierung dieser Einzelentscheidungen. Wettbewerb ist insofern ein Teil des volkswirtschaftlichen <strong>Koordinierungsprozesses<\/strong>. Im Wettbewerbsprozess entstehen Marktpreise, welche die wechselnden Produktionsm\u00f6glichkeiten und Konsumw\u00fcnsche signalisieren. Der Preismechanismus sorgt daf\u00fcr, dass im Wettbewerbsprozess die optimale Allokation der Ressourcen und G\u00fcter stattfindet. Durch die Beteiligung am Wettbewerb k\u00f6nnen die Menschen so ihr Verh\u00e4ltnis zur Welt der knappen G\u00fcter verbessern. Damit sorgt Wettbewerb f\u00fcr wechselseitige <strong>individuelle Vorteile<\/strong>: Jeder Marktteilnehmer erzielt \u00f6konomische Vorteile, wenn und weil er sich um die Gunst der Akteure auf der Marktgegenseite bewirbt. Es entspricht der \u00f6konomischen Rationalit\u00e4t, wenn die Marktteilnehmer den Wettbewerb auf der Marktgegenseite zu ihrem Vorteil ausnutzen. Wenn niemand dem Wettbewerb am Markt ausweichen kann, belohnt der Wettbewerb bessere Leistungen durch individuelle \u00f6konomische Vorteile. Wettbewerb stimuliert damit Leistung und f\u00fchrt zudem dazu, die dynamische Entfaltung der im Menschen liegenden Anlagen zu f\u00f6rdern \u2013 er setzt Anreize zu Leistung und pers\u00f6nlicher Weiterentwicklung. Wettbewerb erschafft somit nicht nur Freiheit, sondern auch Leistung und Wohlstand (Kerber, 1970; Hoppmann, 1968).<\/p>\n<p>Ob ein solcher Wettbewerb im Rahmen einer Wirtschaftsordnung in allen Bereichen der Gesellschaft implementiert wird, ist jedoch vor allem eine <strong>politische Entscheidung<\/strong>. Hoppmann betont als Voraussetzung f\u00fcr diese Entscheidung das<strong> Vorhandensein eines <em>\u201espirit of competition\u201c<\/em><\/strong> bei den Marktteilnehmern. Eine funktionierende Wettbewerbswirtschaft ben\u00f6tigt zwingend den Wunsch der Beteiligten, sich im Wettbewerb miteinander messen zu wollen (Hoppmann, 1968).<\/p>\n<p>Dieser \u201espirit of competition\u201c ergibt sich wiederum aus dem Streben nach Prestige und nach Anerkennung durch Leistungsvergleiche. Dies stellt zumeist nichts anderes als den Wunsch nach einer Verbesserung des gesellschaftlichen Status dar. Man denke an Sportwettbewerbe, wo allein der Erfolg, besser zu sein als andere, zu Leistungen anh\u00e4lt, ohne dass daraus ein weiterer Wohlstand f\u00fcr die Gesellschaft oder den Einzelnen erwachsen m\u00fcsste. Solche Sportwettbewerbe gab es schon in der Antike. So wurde Wettbewerb bereits damals durch Eris, die <strong>G\u00f6ttin des friedlichen Wettbewerbs,<\/strong> symbolisiert. Hoppmann schreibt zum Wettbewerb w\u00f6rtlich, er geschehe <em>\u201cfor its own sake, as such, as goal in itself\u201c<\/em> (Hoppmann, 1968). Dies ist aber nur die halbe Wahrheit: Wenn Wettbewerb n\u00e4mlich keinen zus\u00e4tzlichen Wohlstand bringt, so wird er zwar trotzdem verfolgt \u2013 aber\u00c2\u00a0 er wird zumeist keineswegs seiner selbst willen bef\u00fcrwortet, sondern der Aussicht auf Statusgewinne (durch den Sieg im Wettbewerbsprozess) wegen in Kauf genommen.<\/p>\n<p>Wettbewerb wird also nicht nur wegen seiner f\u00f6rderlichen Eigenschaften in einer Marktwirtschaft von den Menschen akzeptiert. Wettbewerbsprozesse werden vielmehr auch dann bef\u00fcrwortet, wenn die damit verbundene Ressourcenaufwendung nicht zum eigenen materiellen Wohl oder zum Wohle aller dient. Den Wunsch nach Wettkampf werden die Gesellschaftsmitglieder jedoch genau dann und auch nur dann versp\u00fcren und politisch \u00e4u\u00dfern, wenn sie das Ziel verfolgen, durch eine Verbesserung ihres Ansehens im Wettbewerbsprozess mit Anderen einen h\u00f6heren Status in der Gesellschaft zu erreichen. Mithin ist die Wertsch\u00e4tzung von Status f\u00fcr den Wettbewerbsgeist und damit f\u00fcr das Funktionieren einer Marktwirtschaft unverzichtbar.<\/p>\n<p>Wenn Wettbewerb aufgrund von Statusunterschieden akzeptiert und gelebt wird, darf es nicht wundern, dass im Rahmen des Wettbewerbs in einer marktwirtschaftlichen Ordnung Statusunterschiede wiederum ein wesentliches Ergebnis des Wettbewerbsprozesses darstellen. Marktwirtschaften erkennen gezeigte Leistungen im Wettbewerb in Form von Einkommens- und Verm\u00f6gensunterschieden an. Bei der Entstehung von Markteinkommen ist im Zeitablauf jedoch eine sich \u00f6ffnende Einkommensschere zu beobachten. Die Differenz zwischen den niedrigen und den hohen Einkommen in einer Gesellschaft nimmt \u2013 das zeigt ein Blick auf die Empirie \u2013 im Zeitablauf immer weiter zu. Dies ist selbst dann der Fall, wenn durch Umverteilungspolitik und die Einf\u00fchrung sozialpolitischer Elemente in die marktwirtschaftliche Ordnung dieser Entwicklung gegengewirkt wird. Die Ursachen liegen auf der Hand: Der Erwerb von Boden, Kapital oder Humankapital sorgt daf\u00fcr, dass diese Ressourcen als zus\u00e4tzliche Einkommensquellen dienen, die wiederum das Ansparen weiteren Kapitals oder den Erwerb von noch mehr Humankapital erm\u00f6glichen. Mit zunehmendem Verm\u00f6gen l\u00e4sst sich auf diese Weise auch zunehmend mehr Einkommen erzielen. Verm\u00f6gensungleichheit sorgt folglich f\u00fcr Einkommensungleichheit und diese wiederum ist verantwortlich f\u00fcr einen Anstieg der Verm\u00f6gensungleichheit. Die Einkommensunterschiede und Verm\u00f6gensunterschiede, die sich in marktwirtschaftlichen Ordnungen ergeben k\u00f6nnen, sorgen f\u00fcr ein Statusgef\u00e4lle, denn Einkommen und Verm\u00f6gen sind zentrale Statussymbole in unserer globalisierten anonymen Gesellschaft. Das Statusgef\u00e4lle ergibt sich zu Beginn ohne Verm\u00f6gensgef\u00e4lle aus Leistungsunterschieden, mit wachsendem Verm\u00f6gensgef\u00e4lle aber kann sich eine Pfadabh\u00e4ngigkeit von Verm\u00f6genszuwachs und damit auch von Statusgewinnen ergeben.<\/p>\n<p>Zustimmung in einer Gesellschaft wird eine wettbewerbliche Marktwirtschaft aber nur dann von den Gesellschaftsmitgliedern erhalten, wenn Statusunterschiede nicht zementiert erscheinen. Nur wenn gesellschaftlicher Aufstieg und Abstieg m\u00f6glich sind, erzeugt die Wertsch\u00e4tzung von Status jenen \u201espirit of competition\u201c, der f\u00fcr den notwendigen Wettbewerb sorgt. Nur dann wird eine Marktwirtschaft auch von Verlierern des Wettkampfs um hohen Status akzeptiert werden (Hoppmann, 1968). Geringer Status wird dann n\u00e4mlich als tempor\u00e4rer Zustand empfunden, an dessen Verbesserung im Wettbewerb gearbeitet werden kann. Wenn Aufstieg und Abstieg als nicht m\u00f6glich erscheinen, werden die unteren Statusschichten dies als ungerecht empfinden und f\u00fcr einen Neustart des Statusspiels (meist mit der Forderung nach \u201eStartchancengerechtigkeit\u201c) oder f\u00fcr eine Entfernung der Wettbewerbselemente pl\u00e4dieren.<\/p>\n<p>Dies belegt die Gefahr, dass Marktwirtschaften sich selbst ihre Akzeptanzgrundlage f\u00fcr den Wettbewerbsprozess zerst\u00f6ren k\u00f6nnen. Hirsch (1980) gilt als der erste Autor, welcher die Problematik des Statusdenkens f\u00fcr unser marktwirtschaftliches System erkannte: Der Wunsch nach Status f\u00fcr alle kann in einer Marktwirtschaft nicht erf\u00fcllt werden, egal, wie stark sie w\u00e4chst und f\u00fcr wie viel Wohlstand sie sorgt. Wenn der Wettbewerb dann auch noch f\u00fcr persistente, un\u00fcberbr\u00fcckbar erscheinende Statusunterschiede sorgt, so werden sich die Verlierer irgendwann gegen das mit Wettbewerbsprozessen verbundene marktwirtschaftliche System auflehnen, weil ihnen aus diesem Wettbewerbsprozess heraus Statusgewinne nicht mehr m\u00f6glich erscheinen.<\/p>\n<p>Ein Fehlen von gesellschaftlichen Aufstiegsm\u00f6glichkeiten sorgt dann f\u00fcr einen R\u00fcckzug der Menschen aus Wettbewerbsprozessen. Es w\u00e4chst die Skepsis gegen\u00fcber dem marktwirtschaftlichen System, die, wenn eine Mehrheit der Bev\u00f6lkerung diese Skepsis teilt, zu dessen Abschaffung f\u00fchren kann.<\/p>\n<p>Ein gro\u00dfer Teil der heutigen politischen Diskussion \u00fcber soziale Gerechtigkeit bedient und problematisiert l\u00e4ngst nicht mehr die Sicherung eines Mindesteinkommens f\u00fcr alle, sondern die empfundene Zementierung der Einkommens- und damit der Statusverh\u00e4ltnisse. Einkommens- oder Verm\u00f6gensumverteilungen l\u00f6sen dabei das Dilemma nicht. Sie k\u00f6nnen zwar monet\u00e4r oder materiell umverteilen, aber keine Statusver\u00e4nderungen einleiten. Als Ausweg kann hier allenfalls eine Verbesserung der Chancengerechtigkeit im Bildungssystem im Raum stehen. Aber selbst diese kann die Problematik zementierter Statusunterschiede nicht komplett beseitigen.<\/p>\n<p>Die gesellschaftliche Relevanz des Statusstrebens d\u00fcrfte eine der gr\u00f6\u00dften Herausforderungen unserer Marktwirtschaft werden.<\/p>\n<p><strong>Literraturverzeichnis<\/strong><\/p>\n<p>Hirsch, F. (1980): Die sozialen Grenzen des Wachstums, Cambridge.<\/p>\n<p>Hoppmann, E. (1968): Zum Problem einer wirtschaftspolitisch praktikablen Definition des Wettbewerbs, in: H. K. Schneider (Hrsg.): Grundlagen der Wettbewerbspolitik, Berlin, Schriften des Vereins f\u00fcr Socialpolitik, Band 48, S. 9-49.<\/p>\n<p>Kerber, W. (1970): Wettbewerb und Wirtschaftsordnung in sozialethischer Sicht, Jahrbuch f\u00fcr Christliche Sozialwissenschaften, Band 11, S. 21-43.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wettbewerb wird in Gesellschaft und Medien oft zwiesp\u00e4ltig beurteilt. Denn im Wettbewerb wirken die Menschen nicht gemeinschaftlich oder kooperativ auf ein Ziel hin. 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