{"id":23363,"date":"2018-08-01T00:01:42","date_gmt":"2018-07-31T23:01:42","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=23363"},"modified":"2018-07-31T17:27:02","modified_gmt":"2018-07-31T16:27:02","slug":"der-euro-unter-verdachtmanipuliert-die-ezb-die-gemeinsame-waehrung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=23363","title":{"rendered":"Der Euro unter Verdacht<br\/><font size=3; color=grey>Manipuliert die EZB die gemeinsame W\u00e4hrung?<\/font>"},"content":{"rendered":"<p>Der amerikanische Pr\u00e4sident, Donald Trump, hat im Handelsstreit mit China und Europa eine neue Quelle der Benachteiligung f\u00fcr die USA entdeckt: dabei handelt es sich um die W\u00e4hrungsbeziehungen und die Entwicklung der Wechselkurse. &#8222;China, die EU und andere manipulieren ihre W\u00e4hrungen und Zinsen nach unten&#8220;, verbreitete er j\u00fcngst \u00fcber den Kurznachrichtendienst Twitter<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[1]<\/a>. &#8222;Wie \u00fcblich&#8220; haben es die USA \u2013 seiner Meinung nach \u2013 \u00a0mit &#8222;ungleichen Wettbewerbsbedingungen&#8220; zu tun. In einem Gespr\u00e4ch mit dem Sender CNBC hatte der Pr\u00e4sident ferner die eigene Notenbank (Fed) angegriffen: er sei &#8222;nicht begeistert&#8220; von steigenden Zinsen. &#8222;Es gef\u00e4llt mir nicht, dass wir all die Arbeit in die Wirtschaft stecken und dann sehe ich wie die Zinsen steigen.&#8220; Diese Ma\u00dfnahmen f\u00fchren aus seiner Sicht zu einer Beeintr\u00e4chtigung der Wettbewerbsf\u00e4higkeit amerikanischer Unternehmen, die den Erfolg seiner Politik gef\u00e4hrden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Doch was ist dran an den Vorw\u00fcrfen? Um eine Manipulation des Wechselkurses und damit verbundene Wirkungen auf die internationale Wettbewerbsf\u00e4higkeit von Unternehmen aufzudecken, bedarf es zun\u00e4chst eines Referenzma\u00dfstabs,\u00a0 der Aussagen zul\u00e4sst \u00fcber den \u201efairen\u201c Wert einer W\u00e4hrung. Ein h\u00e4ufig verwandter Indikator in diesem Zusammenhang ist die Kaufkraftparit\u00e4t bzw. der daraus ableitbare reale Wechselkurs. Die Kaufkraftparit\u00e4t besagt vom Grundsatz her, dass sich die l\u00e4ngerfristige (gleichgewichtige) Ver\u00e4nderungsrate des Wechselkurses aus der Differenz der Inflationsraten des Auslands und des Inlands ergibt. Betr\u00e4gt zum Beispiel die Inflationsrate im Ausland 10 Prozent bei gleichzeitiger Preisniveaustabilit\u00e4t im Inland (Inflationsrate entspricht null Prozent), dann erwartet man vor diesem Hintergrund, dass die inl\u00e4ndische W\u00e4hrung l\u00e4ngerfristig um 10 Prozent auf- und die Auslandsw\u00e4hrung entsprechend abgewertet wird. Abweichungen von der Kaufkraftparit\u00e4t implizieren wiederum eine Ver\u00e4nderung des realen Wechselkurses und damit einen Einfluss auf die (Preis-)Wettbewerbsf\u00e4higkeit. So lange sich der Wechselkurs in dem zuvor angef\u00fchrten Beispiel noch nicht (vollst\u00e4ndig) angepasst hat, erleidet das Ausland aufgrund der h\u00f6heren Inflation einen Wettbewerbsnachteil und das Inland genie\u00dft einen Wettbewerbsvorteil, der jedoch als Folge der Aufwertung der inl\u00e4ndischen W\u00e4hrung im Laufe der Zeit wieder abgebaut wird. Ist die Kaufkraftparit\u00e4t hingegen erf\u00fcllt, bleibt die Ver\u00e4nderungsrate des realen Wechselkurses und damit die daran gemessene internationale (Preis-)Wettbewerbsf\u00e4higkeit unver\u00e4ndert. \u00a0Erst aus dem Vergleich zwischen dem Markt- und dem \u201eGleichgewichts\u201c-Wechselkurs lassen sich die \u00dcber- oder Unterbewertung einer W\u00e4hrung ermitteln und entsprechende R\u00fcckwirkungen auf die (Preis-)Wettbewerbsf\u00e4higkeit der Unternehmen eines Landes ableiten.<\/p>\n<p>Betrachtet man vor diesem Hintergrund den aktuellen Markt-Wechselkurs sowie den Kaufkraftparit\u00e4tenkurs (KKP) in Abbildung 1 und deren Verh\u00e4ltnis zueinander, so erkennt man zwar am aktuellen Rand eine leichte Abwertung des Euros und eine entsprechende Aufwertung des US-Dollars. Der Markt-Wechselkurs liegt jedoch recht nahe bei der KKP, so dass daraus gegenw\u00e4rtig wohl kaum eine gravierende Ver\u00e4nderung der internationalen Wettbewerbsf\u00e4higkeit abgeleitet werden kann. Etwas anders sieht es allerdings aus, wenn man die Entwicklung in den Jahren 2014 und 2015 betrachtet. W\u00e4hrend dieses Zeitraums kam es zu einer deutlichen Abwertung des Euros gegen\u00fcber dem US-Dollar, die sicherlich nicht unabh\u00e4ngig von der Ank\u00fcndigung und Durchf\u00fchrung des Anleihenkaufprogramms der EZB (quantitative Lockerung, QE) zu sehen ist. Die damit verkn\u00fcpfte expansive Geldpolitik wurde aber nicht (prim\u00e4r) mit dem Ziel betrieben, den Wechselkurs zu beeinflussen (manipulieren), auch wenn man die entsprechenden Wirkungen auf die Nachfrage und die Inflationsrate sicherlich gerne billigend in Kauf genommen hat. Ziel war es vielmehr, die Wirtschaft der Eurozone wieder in Schwung zu bringen und die Folgen der Staatsschuldenkrise zu \u00fcberwinden. Bezogen auf den Kaufkraftparit\u00e4tenkurs in Abbildung 1 halten sich die \u00dcberbewertung des Euros vor der Abwertungsphase in den Jahren 2014 und 2015 sowie dessen nachfolgende Unterbewertung allerdings in etwa die Waage.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/sm1.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/sm1.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>So wie die j\u00fcngste Abwertung des Euros (auch) auf die expansive Geldpolitik der EZB zur\u00fcckzuf\u00fchren ist,\u00a0 war es die sehr expansive Geldpolitik der Fed \u2013 und zwar sowohl in Form von Leitzinssenkungen als auch durch eine quantitative Lockerung, die ihren Niederschlag in einer Ausweitung der Zentralbankbilanz findet \u2013 in den Jahren von 2008 bis 2014, die eine Abwertung des US-Dollars w\u00e4hrend dieser Zeit (mit) verursachte. Ziel dieser Politik war es, die Folgen der Finanzkrise sowie des nachfolgenden realwirtschaftlichen Abschwungs zu \u00fcberwinden. Mit der Abwertung des US-Dollars ging aber \u2013 wie Abbildung 1 veranschaulicht \u2013 zugleich eine deutliche \u00dcberbewertung des Euros einher, die im Umkehrschluss demnach auch zu Wettbewerbsvorteilen f\u00fcr die USA gef\u00fchrt haben m\u00fcsste. Die Phasenverschiebung der Geldpolitik veranschaulichen die Abbildungen 2a und 2b noch einmal eindr\u00fccklich. Dabei wird deutlich, dass die Geldpolitik der Fed in der Zeit seit 2008 \u2013 sowohl bezogen auf die Leitzinsen als auch auf die quantitative Lockerung \u2013 stets einen zeitlichen Vorlauf vor der EZB hatte. Dies gilt sowohl f\u00fcr die expansive Politik seit 2008, als auch f\u00fcr die bei der Fed im Dezember 2015 einsetzende restriktivere Politik in Form steigender Leitzinsen. In solchen F\u00e4llen unterschiedlicher geldpolitischer Entwicklungen ist es aber ganz normal, dass es zu R\u00fcckwirkungen auf den Wechselkurs zwischen den beteiligten W\u00e4hrungen kommt. Da Leitzinsen (geld-)politisch gesetzte Zinsen sind, k\u00f6nnte man vor diesem Hintergrund im Extremfall allen Zentralbanken eine permanente \u201eManipulation\u201c der Wechselkurse unterstellen! Dies w\u00fcrde insbesondere auch f\u00fcr den amerikanischen Pr\u00e4sidenten gelten, versuchte er, Einfluss auf die geldpolitischen (Zins-)Entscheidungen der Fed zu nehmen. Da die amerikanische Notenbank jedoch politisch unabh\u00e4ngig ist, wird dieser Fall (hoffentlich) nicht eintreten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/sm2.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/sm2.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Von einer \u201eechten\u201c Manipulation kann aber erst dann die Rede sein, wenn eine Notenbank ihr geldpolitisches Instrumentarium gezielt einsetzt, um den Wechselkurs zu beeinflussen. Dies w\u00e4re in erster Linie dann der Fall, wenn sie Interventionen am Devisenmarkt vornimmt, um dort \u201eKurspflege\u201c zu betreiben. Die damit verbundene Absicht einer gezielten Einflussnahme (nur) auf den Wechselkurs wird h\u00e4ufig dadurch offenkundig, dass die geldpolitischen Wirkungen solcher Interventionen neutralisiert werden, indem etwa bei Devisenk\u00e4ufen zur Schw\u00e4chung der heimischen W\u00e4hrung im Gegenzug eine restriktive Offenmarktpolitik betrieben wird, um die Zentralbankgeldmenge auf diese Weise konstant zu halten. Neutralisiert man die Devisenmarktinterventionen in der zuvor beschriebenen Form, dann ist die Wirkung auf den Wechselkurs aber bestenfalls gering und nicht nachhaltig. Neutralisiert man die interventionsbedingten Geldzu- oder -abfl\u00fcsse allerdings nicht, dann handelt es sich letztlich um eine spezifische Form der Geldschaffung oder -vernichtung, die nur dann Anwendung finden wird, wenn sie auch mit den wirtschaftspolitischen Zielen des Inlands kompatibel ist. In diesem Fall kommt es zweifelsfrei zu R\u00fcckwirkungen auf den Wechselkurs \u2013 ohne dass es sich dabei allerdings um eine bewusste Manipulation handelt. Die Wirkung stellt sich im Rahmen des normalen geldpolitischen Transmissionsprozesses ein. Manchmal wird dar\u00fcber hinaus versucht, eine W\u00e4hrung schwach zu reden (oral interventions). Auch dies wird allerdings nur dann einen nachhaltigen Effekt auf den Wechselkurs aus\u00fcben, wenn es sich um (glaubhafte) Ank\u00fcndigungen einer bevorstehenden geldpolitischen Wende oder \u00e4hnlicher wirtschaftspolitischer Ma\u00dfnahmen handelt. Anderenfalls werden die Marktteilnehmer schnell erkennen, dass es sich lediglich um \u201ehei\u00dfe Luft\u201c handelt und keine (Erwartungs-)Anpassungen erforderlich sind.<\/p>\n<p>Wesentlich einfacher als bei flexiblen Wechselkursen f\u00e4llt eine bewusste Manipulation des Wechselkurses allerdings in einem Festkurssystem. Unter diesen Rahmenbedingungen reicht es aus, an einem \u201efalschen\u201c nominalen Wechselkurs festzuhalten oder ihn nur zeitlich (stark) verz\u00f6gert anzupassen, wenn sich zum Beispiel die Inflationsraten der beteiligten Volkswirtschaften auseinander bewegen. Doch auch diese Zusammenh\u00e4nge treffen auf das Verh\u00e4ltnis zwischen der Eurozone sowie den USA nicht zu und bieten damit kein Manipulationspotenzial.<\/p>\n<p>Zusammenfassend kann man also schlussfolgern, dass es keinerlei Anzeichen daf\u00fcr gibt, dass die EZB den Euro gegenw\u00e4rtig bewusst (zu Ungunsten der USA) manipuliert. Die seit 2014 zu beobachtende Abwertung des Euros ist vor dem Hintergrund unterschiedlicher geldpolitischer Stadien in den beiden Volkswirtschaften zu sehen \u2013 die aber in der Zeit vor 2014 auch zu der umgekehrten Situation gef\u00fchrt hat (siehe Abbildung 2) und von der amerikanische Unternehmen gegebenenfalls profitiert haben. Der aktuelle Wechselkurs weist dar\u00fcber hinaus gegenw\u00e4rtig keine gravierende Fehlbewertung auf, die einen Verlust an internationaler Wettbewerbsf\u00e4higkeit amerikanischer Unternehmen zur Folge haben k\u00f6nnte. Last but not least beeinflusst der (reale) Wechselkurs bestenfalls die internationale <strong>Preis<\/strong>wettbewerbsf\u00e4higkeit. Auf die Wettbewerbsf\u00e4higkeit insgesamt wirken hingegen neben dem Preis weitere Faktoren wie etwa die Qualit\u00e4t der Produkte, das Design, insbesondere bei differenzierten Produkten, der Service und die Zuverl\u00e4ssigkeit der Lieferung ein. Da sich der Wechselkurs zwischen dem Euro und dem US-Dollar frei am Markt gem\u00e4\u00df Angebot und Nachfrage bilden kann, keine (neutralisierten) Devisenmarktinterventionen von Seiten der EZB vorgenommen wurden sowie keine gravierende Fehlbewertung des Wechselkurses zu Verschiebungen der internationalen <strong>Preis<\/strong>wettbewerbsf\u00e4higkeit gef\u00fchrt hat, ist der von Pr\u00e4sident Trump vorgebrachte Vorwurf \u2013 bezogen auf die EZB und den Euro \u2013 in jeder Hinsicht haltlos.<\/p>\n<p>&#8212; &#8212; &#8212;<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[1]<\/a> \u00a0Der entsprechende Text auf Twitter am 20. Juli 2018 um 14:43 Uhr lautete: \u201eChina, the European Union and others have been manipulating their currencies and interest rates lower, while the U.S. is raising rates while the dollar gets stronger and stronger with each passing day &#8211; taking away our big competitive edge. As usual, not a level playing field&#8230; \u201c<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der amerikanische Pr\u00e4sident, Donald Trump, hat im Handelsstreit mit China und Europa eine neue Quelle der Benachteiligung f\u00fcr die USA entdeckt: dabei handelt es sich &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=23363\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDer Euro unter Verdacht<br \/><font size=3; color=grey>Manipuliert die EZB die gemeinsame W\u00e4hrung?<\/font>\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":89,"featured_media":23367,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[434],"tags":[2859,1748,2333,1291],"class_list":["post-23363","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-waehrungspolitisches","tag-handelskrieg","tag-smeets","tag-trump","tag-waehrungskrieg"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.9 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Der Euro unter VerdachtManipuliert die EZB die gemeinsame W\u00e4hrung? 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