{"id":23503,"date":"2018-08-25T00:01:11","date_gmt":"2018-08-24T23:01:11","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=23503"},"modified":"2018-08-28T09:16:43","modified_gmt":"2018-08-28T08:16:43","slug":"wer-treibt-den-deutschen-leistungsbilanzueberschuss-auf-ein-allzeithoch-draghi-scholz-und-altmaier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=23503","title":{"rendered":"Wer treibt den deutschen Leistungsbilanz\u00fcberschuss auf ein Allzeithoch? <br\/><font size=3; color=grey>Draghi, Scholz und Altmaier<\/font>"},"content":{"rendered":"<p>Seit Ausbruch der globalen Finanzkrise im Jahr 2008 hat der deutsche Leistungsbilanz\u00fcberschuss nochmals deutlich zugelegt. 2017 lag er mit 262 Milliarden Euro h\u00f6her als der von China. Pr\u00e4sident Trump zeigt sich ver\u00e4rgert. Auch in den ersten Quartalen von 2018 bleibt der \u00dcberschuss sehr hoch. Wolfgang Sch\u00e4uble, ehemaliger Bundesfinanzminister, verteidigte hingegen den Export\u00fcberschuss als Ausdruck der hohen Qualit\u00e4t deutscher Produkte. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier nannte j\u00fcngst den schwachen Euro und den niedrigen \u00d6lpreis als wichtige Gr\u00fcnde.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Was bei der Debatte um den umstrittenen Leistungsbilanz\u00fcberschuss wenig beachtet wird, ist die Rolle der Kapitalbilanz, die sich stets spiegelbildlich zur Leistungsbilanz bewegt. Ein Anstieg des deutschen Leistungsbilanz\u00fcberschusses muss mit einem Anstieg der Nettokapitalexporte Deutschlands verbunden sein (siehe Abb. 1). Geht man davon aus, dass Nettokapitalexporte die deutschen Export\u00fcbersch\u00fcsse finanzieren, dann treiben die EZB und die deutsche Regierung den Exportrekord.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/st1.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/st1.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Die EZB wirkt \u00fcber zwei Kan\u00e4le auf die deutsche Leistungsbilanz. Zum einen hat die EZB seit der Krise die Zinsen gegen null gesenkt und kauft seit 2015 in gro\u00dfem Umfang Staatsanleihen. W\u00e4hrend bei Ausbruch der europ\u00e4ischen Schuldenkrise im Jahr 2012 die Rendite der 10-j\u00e4hrigen Staatsanleihen in Deutschland und den USA noch ungef\u00e4hr gleich war, liegt die Verzinsung der deutschen Staatsanleihen heute 1,8 Prozentpunkte unter den Renditen der Staatsanleihen der USA. Die Zinsdifferenz f\u00fchrt dazu, dass viel Kapital in die USA abflie\u00dft und dort den Import deutscher Waren finanziert. Der Euro hat seit Januar 2012 entsprechend um 10% gegen\u00fcber dem Dollar abgewertet, was deutsche Exporte au\u00dferhalb der Eurozone billiger gemacht hat.<\/p>\n<p>Zudem wirkt das sogenannte TARGET2-Interbankenzahlungssystem des Europ\u00e4ischen Systems der Zentralbanken auf die deutsche Leistungsbilanz. Obwohl TARGET2 urspr\u00fcnglich nur als Plattform f\u00fcr die Abwicklung von Zahlungsstr\u00f6men konzipiert wurde, hat es seit dem Jahr 2008 auch die Funktion eines \u00f6ffentlichen Kreditmechanismus \u00fcbernommen. Die TARGET2-Forderungen der Deutschen Bundesbank bei der EZB sind auf 976 Milliarden Euro gestiegen, die Verbindlichkeiten der GIPS-Krisenl\u00e4nder (Griechenland, Italien, Portugal und Spanien) liegen inzwischen bei 981 Milliarden Euro. Die Ver\u00e4nderungen der TARGET2-Salden werden in der Kapitalbilanz unter \u201e\u00fcbriger Kapitalverkehr\u201c verbucht.<\/p>\n<p>Zu Beginn der Krise finanzierte die Ver\u00e4nderung der TARGET2-Salden zun\u00e4chst direkt die Leistungsbilanzdefizite der Krisenl\u00e4nder. Mit dem R\u00fcckgang der Leistungsbilanzdefizite sind diese zunehmend als Ausgleichposten f\u00fcr Kapitalflucht zu sehen: Wenn z.B. Kapital aus einer italienischen Bank abgezogen und bei einer deutschen Bank eingelegt wird, dann steigen die Einlagen der deutschen Banken bei der Deutschen Bundesbank und die Einlagen der Deutschen Bundesbank bei der EZB. Italienische Gesch\u00e4ftsbanken k\u00f6nnen die abgezogene Liquidit\u00e4t durch Kreditaufnahme bei der Banca d\u2019Italia aus zwei Gr\u00fcnden ausgleichen. Erstens werden alle Liquidit\u00e4tsanfragen an das Europ\u00e4ische System der Zentralbanken voll zugeteilt. Zweitens wurden die Anforderungen an die Sicherheiten, die die nationalen Gesch\u00e4ftsbanken bei der Kreditaufnahme bei den nationalen Zentralbanken zu hinterlegen haben, sukzessive gelockert.<\/p>\n<p>Seit 2015 haben die umfangreichen Staatsanleihek\u00e4ufe der EZB den Umfang der TARGET2-Ungleichgewichte deutlich erh\u00f6ht. Das liegt auch daran, dass die nationalen Zentralbanken im S\u00fcden der W\u00e4hrungsunion viele Staatsanleihen aus Drittl\u00e4ndern zur\u00fcckkaufen. Beispielsweise kauft die Banca d\u2019Italia eine italienische Staatsanleihe von Barclays in London, wobei Barclays nur ein Konto bei der Deutschen Bundesbank in Frankfurt hat. Die Banca d\u2019Italia sch\u00f6pft bei der EZB Geld f\u00fcr den Kauf, was deren TARGET2-Verbindlichkeiten bei der EZB erh\u00f6ht. Bei Zahlung steigen die Einlagen von Barclays bei der Deutschen Bundesbank, die entsprechend ihre Einlagen bei der EZB und damit TARGET2-Forderungen gegen\u00fcber der EZB erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>Im Ergebnis wird die Reduktion der Auslandsverschuldung Italiens gegen\u00fcber dem Vereinigten K\u00f6nigreich durch eine neue Auslandsverbindlichkeit gegen\u00fcber der EZB bzw. Deutschland finanziert. Der Vorteil f\u00fcr Italien ist, dass die TARGET2-Verbindlichkeit gegen\u00fcber der EZB nicht verzinst ist und von der EZB bzw. Deutschland nicht eingefordert werden kann. Die im Ausland ausstehende italienische Staatsanleihe musste hingegen verzinst werden und war r\u00fcckzahlungspflichtig.<\/p>\n<p>Seit dem Jahr 2008 sind \u00fcber TARGET2 im Durchschnitt pro Jahr 90 Milliarden Euro in die Krisenl\u00e4nder geflossen. Den Krisenl\u00e4ndern standen so mehr Kredite f\u00fcr Importe zur Verf\u00fcgung, was die deutschen Exporte in die Krisenl\u00e4nder stabilisiert hat. Ohne TARGET2-Kredite w\u00e4re die Kapitalflucht aus den Krisenl\u00e4ndern unweigerlich mit erzwungener Ausgabenzur\u00fcckhaltung und sinkenden Importen verbunden gewesen.<\/p>\n<p>Der zweite gro\u00dfe Spieler beim deutschen Export\u00fcberschuss ist Finanzminister Olaf Scholz, der wie sein Vorg\u00e4nger Sch\u00e4uble konsequent die schwarze Null, also einen ausgeglichenen Bundeshalt vertritt. Da die sehr lockere Geldpolitik der EZB \u2013 nicht zuletzt durch den florierenden Export \u2013 die Konjunktur in Deutschland anheizt, sind die Steuereinnahmen sehr stark gewachsen. Wurden 2012 netto noch Staatsanleihen in H\u00f6he von 77 Milliarden Euro emittiert, so wurden 2017 Staatsschulden in H\u00f6he von 53 Milliarden Euro getilgt. Das ausstehende Angebot von deutschen Staatsanleihen f\u00fcr aus- und inl\u00e4ndische Investoren ist deshalb knapp.<\/p>\n<p>Die Europ\u00e4ische Zentralbank hat durch ihr umfangreiches Anleihekaufprogramm private Anleger aus dem Markt f\u00fcr deutsche Staatsanleihen verdr\u00e4ngt. Die bisher im Inland verf\u00fcgbaren deutschen Staatsanleihen hat die Deutsche Bundesbank bereits weitgehend aufgekauft. Der Gro\u00dfteil der noch verf\u00fcgbaren deutschen Staatsanleihen wird im Ausland gehalten. Deshalb muss die Deutsche Bundesbank die Anleihen \u00fcberwiegend im Ausland kaufen, was einem Kapitalexport entspricht. Ausl\u00e4ndische Anleger k\u00f6nnen zudem keine deutschen Staatsanleihen mehr in Deutschland kaufen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/st2.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/st2.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Im Ergebnis haben sich von 2012 bis 2017 die Wertpapiertransaktionen der Ausl\u00e4nder mit Deutschland gewandelt (siehe Abb. 2). 2012 hat das Ausland noch Wertpapiere im Gegenwert von 54 Milliarden Euro in Deutschland gekauft (deutscher Kapitalimport). 2017 haben die Ausl\u00e4nder hingegen Wertpapiere im Gegenwert von 95 Milliarden Euro verkauft, was einem Kapitalexport Deutschlands entspricht. Diese Entwicklung wird in Abb. 2 durch die rote Linie repr\u00e4sentiert. Die deutschen K\u00e4ufe von Wertpapieren im Ausland sind in dieser Zeit trotz Schwankungen bei etwas \u00fcber 100 Milliarden Euro im Niveau konstant geblieben (siehe blaue Linie in Abb. 2). Also sind die Nettokapitalexporte durch Wertpapiertransaktionen von 46 Milliarden (2012) auf 195 Milliarden Euro (2017) angestiegen, was die gestrichelte Linie in Abbildung 2 zeigt.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich f\u00f6rdert die Kreditanstalt f\u00fcr Wiederaufbau, die als staatliche Institution mit dem Bundeswirtschaftsministerium kooperiert (Peter Altmaier ist Vorsitzender des Verwaltungsrats der KfW) den Export\u00fcberschuss. Die KfW sowie deren Tochterunternehmen IPEX und Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft unterst\u00fctzen deutsche Exporte mit Kreditgarantien. Allein die IPEX-Bank, die der internationalen Projekt- und Exportfinanzierung dient, hat seit der Gr\u00fcndung im Jahr 2008 Kreditneuzusagen von 143 Milliarden Euro gemacht. Alle KfW-Banken haben zusammen seit 2008 Kredite in H\u00f6he von durchschnittlich 21,2 Milliarden Euro pro Jahr ins Ausland vergeben. Die Anleihen der KfW werden im Rahmen der Anleihekaufprogramme von der EZB angekauft, was die Exportfinanzierung deutlich verg\u00fcnstigt.<\/p>\n<p><strong>Fazit:<\/strong> Die Produktqualit\u00e4t ist zwar ein wichtiger Bestimmungsfaktor f\u00fcr die hohe Nachfrage nach deutschen G\u00fctern. Viele w\u00fcrden gerne einen Porsche fahren oder mit den exzellenten deutschen Maschinen arbeiten. Entscheidend ist jedoch die Finanzierung, die den Kauf von G\u00fctern erst m\u00f6glich macht. Der deutsche Export boomt \u00fcber den Umweg der Kapitalexporte, die von der europ\u00e4ischen Geld- und der deutschen Finanzpolitik nach oben getrieben werden. Eine restriktivere Geldpolitik und Steuersenkungen (bzw. mehr Staatsausgaben) sind damit die Schl\u00fcssel zur Konsolidierung der deutschen Leistungsbilanz.<\/p>\n<p><strong>Hinweis:<\/strong> Dieser Beitrag ist in anderer Form zuerst in der B\u00f6rsenzeitung vom 25. Juli 2018 erschienen.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit Ausbruch der globalen Finanzkrise im Jahr 2008 hat der deutsche Leistungsbilanz\u00fcberschuss nochmals deutlich zugelegt. 2017 lag er mit 262 Milliarden Euro h\u00f6her als der &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=23503\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eWer treibt den deutschen Leistungsbilanz\u00fcberschuss auf ein Allzeithoch? <br \/><font size=3; color=grey>Draghi, Scholz und Altmaier<\/font>\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":291,"featured_media":23591,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2170,33,12],"tags":[795,1347,61,2624,2871],"class_list":["post-23503","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-handelspolitisches","category-makrooekonomisches","category-monetares","tag-deutschland","tag-kapitalbilanz","tag-leistungsbilanzungleichgewichte","tag-schnabl","tag-target-2"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Wer treibt den deutschen Leistungsbilanz\u00fcberschuss auf ein Allzeithoch? 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