{"id":23540,"date":"2018-08-23T00:01:44","date_gmt":"2018-08-22T23:01:44","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=23540"},"modified":"2018-08-23T05:56:52","modified_gmt":"2018-08-23T04:56:52","slug":"waehrungskrise-in-der-tuerkei-wie-geht-es-weiter-mit-der-lira","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=23540","title":{"rendered":"W\u00e4hrungskrise in der T\u00fcrkei <br\/><font size=3; color=grey>Wie geht es weiter mit der Lira?<\/font>"},"content":{"rendered":"<p>Die T\u00fcrkei sieht sich seit Anfang August einer ernsthaften W\u00e4hrungskrise gegen\u00fcber, die ihren Ausdruck in einem dramatischen Kursverfall der t\u00fcrkischen Lira (TRY) findet. Bereits seit Beginn des Jahres 2018 zeigte sich ein stetiger Wertverlust der Lira, der sich in den letzten Wochen zunehmend beschleunigte. Auch wenn der steile Abw\u00e4rtstrend vorerst gebremst zu sein scheint, kam es allein im Laufe dieses Jahres in der Spitze zu einer Abwertung gegen\u00fcber dem US-Dollar in H\u00f6he von 45 Prozent und gegen\u00fcber dem Euro von 42 Prozent. Die Entwicklung gegen\u00fcber dem Euro veranschaulicht die nachstehende Abbildung 1.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/turk1.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/turk1.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Krisenursachen<\/strong><\/p>\n<p>Obgleich W\u00e4hrungskrisen in erster Linie mit Festkurssystemen oder mit (einseitigen) Wechselkursbindungen in Verbindung gebracht werden, zeigt das Beispiel der T\u00fcrkei, dass entsprechende Probleme auch im Rahmen eines W\u00e4hrungssystems (grunds\u00e4tzlich) flexibler Wechselkurse auftreten k\u00f6nnen. In letzterem Fall wird die Krise aber nicht durch einen pl\u00f6tzlichen und starken Verlust an W\u00e4hrungsreserven ausgel\u00f6st, sondern vielmehr durch eine hohe Verschuldung in ausl\u00e4ndischer W\u00e4hrung, deren Schuldendienst bei einer starken Abwertung immer weniger tragf\u00e4hig wird und die inl\u00e4ndischen Kreditnehmer zunehmend belastet.<\/p>\n<p>Der aktuelle und im Vordergrund stehende Krisenausl\u00f6ser war im vorliegenden Fall die Anfang August zunehmende Kapitalflucht, die prim\u00e4r durch die politischen Konflikte mit den USA \u2013 die ihren vorl\u00e4ufigen (\u00f6konomischen) H\u00f6hepunkt in der Ank\u00fcndigung einer Verdopplung der Z\u00f6lle auf Stahl (50 Prozent) und Aluminium (20 Prozent) am 15. August durch Pr\u00e4sident Trump fanden \u2013 ausgel\u00f6st wurde. Zum einen wird diese Ma\u00dfnahme R\u00fcckwirkungen auf die Exporte der T\u00fcrkei haben, die 2017 mit einem Stahlexport in H\u00f6he von 1,3 Mrd. USD zu den 10 gr\u00f6\u00dften Stahllieferanten der USA geh\u00f6rte, und zum anderen wurden hierdurch Erwartungen eines weiter eskalierenden Handelsstreits mit negativen R\u00fcckwirkungen auf die t\u00fcrkische Wirtschaft gesch\u00fcrt. Dazu trug auch die amerikanische Drohung bei, (zus\u00e4tzliche) Strafma\u00dfnahmen gegen die T\u00fcrkei zu ergreifen, weil sie die Iran-Sanktionen Amerikas unterlaufen haben soll.<\/p>\n<p>Allerdings hatte es bereits im Vorfeld erhebliche Irritationen an den M\u00e4rkten gegeben, weil Staatspr\u00e4sident Erdogan im Mai durch \u00c4u\u00dferungen bez\u00fcglich seiner Vorstellungen zur Leitzinsentwicklung Zweifel an der Unabh\u00e4ngigkeit der Notenbank aufkommen lie\u00df, die am 24. Juli noch verst\u00e4rkt wurden, weil die t\u00fcrkische Zentralbank trotz einer Inflationsrate von \u00fcber 15 Prozent keine Anpassung des Leitzinses vornahm. Hinzu kam, dass er Anfang Juli seinen Schwiegersohn zum Finanzminister ernannte, was als weiteres Einfallstor pers\u00f6nlicher Einflussnahme interpretiert wird.<\/p>\n<p>Die eigentlichen Krisenursachen liegen allerdings tiefer und sind in dem erheblichen Leistungsbilanzdefizit der T\u00fcrkei zu sehen, das sich 2017 auf 42 Mrd. Euro und damit auf etwa 5,5 Prozent des BIP belief<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[1]<\/a>, und dem zur Finanzierung notwendigerweise ein Kapitalbilanz\u00fcberschuss gegen\u00fcberstehen muss. Die damit verbundene Kreditaufnahme im Ausland f\u00fchrte wiederum im Laufe der Jahre zu einer stetig steigenden Auslandsverschuldung, die nun auf ein Niveau von 467 Mrd. US-Dollar angestiegen ist. Mit zunehmender Auslandsverschuldung und insbesondere bei starken Abwertungen der heimischen W\u00e4hrung verteuert sich somit der Schuldendienst (Zinsen und Tilgung) immer st\u00e4rker. Die steigenden Zinszahlungen gehen dabei ferner als (weiterer) Negativposten in die Leistungsbilanz ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Wirkungen<\/strong><\/p>\n<p>Der zuvor erl\u00e4uterte Anstieg des Schuldendienstes\u00a0 trifft in der T\u00fcrkei aber weniger den Staat, der \u201enur\u201c in H\u00f6he von ca. 130 Mrd. US-Dollar in Auslandsw\u00e4hrung verschuldet ist, sondern vielmehr private Banken und Unternehmen, deren Auslandsverschuldung sich zusammen auf ca. 330 Mrd. US-Dollar bel\u00e4uft. Der zunehmende Schuldendienst kann wiederum dazu f\u00fchren, dass es sowohl bei Unternehmen als auch bei Banken zu Gewinneinbu\u00dfen bis hin zur Insolvenz kommt. Probleme ergeben sich dabei insbesondere f\u00fcr solche Unternehmen, die ihre Einnahmen in der schwachen Landesw\u00e4hrung haben, ihre Schulden aber in der immer st\u00e4rkeren Auslandsw\u00e4hrung bezahlen m\u00fcssen. Sollten sich die t\u00fcrkischen Unternehmen bei inl\u00e4ndischen Banken verschuldet haben, k\u00f6nnte sich deren Situation durch Kreditausf\u00e4lle weiter verschlechtern. Auf der einen Seite birgt dies die Gefahr eines konjunkturellen Abschwungs in der T\u00fcrkei in sich, auf der anderen Seite k\u00f6nnte sich der t\u00fcrkische Staat gezwungen sehen, zur Vermeidung einer systemischen Bankkrise (Bankrun) als Lender of last Resort einzuspringen \u2013 eine Situation, die nur zu gut aus der Banken- und der europ\u00e4ischen Staatsschuldenkrise bekannt ist. Die damit verkn\u00fcpften Bef\u00fcrchtungen kommen darin zum Ausdruck, dass \u2013 wie Abbildung 2 veranschaulicht \u2013 der t\u00fcrkische Aktienindex (ISE 100) und insbesondere der (Gro\u00df-)Bankenindex stark an Wert eingeb\u00fc\u00dft haben. Der Handel mit einigen Bankaktien wurde zeitweise sogar komplett eingestellt. Aber auch die Rendite t\u00fcrkischer Staatsanleihen ist in die H\u00f6he geschnellt und hat Werte \u2013 je nach Laufzeit \u2013 zwischen 21 und 26 Prozent erreicht (siehe Abbildung 3). Darin kommt eine erhebliche Risikopr\u00e4mie (Ausfallrisiko) zum Ausdruck. Die aktuelle Unsicherheit zeigt sich ferner darin, dass die Renditen f\u00fcr kurze Laufzeiten (2 Jahre) deutlich h\u00f6her sind als diejenigen f\u00fcr l\u00e4ngere Laufzeiten (10 Jahre). Nachdem sowohl Standard &amp; Poor\u2019s als auch Moody\u2019s \u2013 als Reaktion auf die Krise \u2013 das Rating der T\u00fcrkei am 17. August von BB- auf B+ bzw. von Ba2 auf Ba3 herabgestuft haben, werden sich die Risikopr\u00e4mien und damit auch die Renditen m\u00f6glicherweise weiter erh\u00f6hen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/turk2.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/turk2.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/turk3.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/turk3.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Von den zuvor erl\u00e4uterten Problemen sind aber nicht nur t\u00fcrkische Banken betroffen, sondern auch diejenigen europ\u00e4ischen Banken, die Fremdw\u00e4hrungskredite in die T\u00fcrkei vergeben haben. Auch bei ihnen k\u00f6nnte es zu Kreditausf\u00e4llen und damit zu Solvenzproblemen kommen. Vor diesem Hintergrund haben auch der europ\u00e4ische Bankenindex und der Euro (leicht) an Wert verloren. Wenn man sich hingegen das Engagement europ\u00e4ischer Banken in der T\u00fcrkei anschaut, dann sind es \u2013 wie Abbildung 4 zeigt \u2013 lediglich vier Banken, n\u00e4mlich die Banco Bilbao Vizcaya Argentaria (BBVA), BNP Paribas, Unicredit und ING, die eine \u00fcberdurchschnittliche Kreditvergabe an die T\u00fcrkei aufweisen. Daher ist es h\u00f6chst unwahrscheinlich, dass sich die T\u00fcrkei-Krise zu einer (erneuten) europ\u00e4ischen Banken- oder sogar zu einer allgemeinen Wirtschaftskrise ausweiten wird. Daf\u00fcr spricht auch, dass zwar der Handel der T\u00fcrkei mit der EU etwa 50 Prozent des Gesamthandels betr\u00e4gt, der Handel der EU mit der T\u00fcrkei im Gegensatz dazu aber nur etwa 4 Prozent an deren Gesamthandel umfasst.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/turk4.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/turk4.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Die starke Abwertung der t\u00fcrkischen Lira wird ferner dazu f\u00fchren, dass die Preise der importierten Vor- und Endprodukte und damit auch die Inflationsrate (weiter) steigen werden. Sch\u00e4tzungen gehen davon aus, dass die gegenw\u00e4rtige Inflationsrate von fast 16 Prozent kurzfristig auf etwa 20 Prozent steigen k\u00f6nnte. Dies w\u00fcrde dann den abwertungsbedingten (Preis-)Wettbewerbsvorteil t\u00fcrkischer Anbieter zum Teil wieder abschw\u00e4chen. Es ist dar\u00fcber hinaus fraglich, ob selbst ein verbleibender Wettbewerbsvorteil zu gro\u00dfen Wirkungen im Warenhandel f\u00fchren wird. Es ist jedoch damit zu rechnen, dass l\u00e4ngerfristig der Tourismus (Dienstleistungs-Export) durch diesen Preisvorteil gewinnt und damit die Leistungsbilanzsituation der T\u00fcrkei etwas verbessert. Sollte die Inflationsrate in der T\u00fcrkei allerdings weiter deutlich ansteigen, dann wird es \u2013 vor dem Hintergrund der Kaufkraftparit\u00e4t \u2013 allein aus diesem Grunde zu weiteren Abwertungen der Lira kommen und damit werden sich die oben erl\u00e4uterten Probleme automatisch weiter versch\u00e4rfen.Die gegenw\u00e4rtig zu beobachtende W\u00e4hrungskrise in der T\u00fcrkei zeigt dar\u00fcber hinaus Ansteckungseffekte auf andere Schwellenl\u00e4nder. Nachdem bereits die steigenden Zinsen in den USA und die globalen Handelskonflikte dieser L\u00e4ndergruppe zu schaffen machen, trifft es nun allerdings insbesondere solche W\u00e4hrungen, deren L\u00e4nder ebenfalls durch politische Probleme gekennzeichnet sind. Hierzu geh\u00f6ren insbesondere der S\u00fcdafrikanische Rand sowie einige s\u00fcdamerikanische W\u00e4hrungen. Vor dem Hintergrund der oben erl\u00e4uterten Krisenursachen zeigen sich allerdings \u2013 osteurop\u00e4ische und asiatische \u2013 L\u00e4nder mit vergleichsweise solider Leistungsbilanzsituation und deren W\u00e4hrungen (zun\u00e4chst) unbeeindruckt von den Entwicklungen in der T\u00fcrkei.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>L\u00f6sungen<\/strong><\/p>\n<p>Um den Druck am Devisenmarkt zu mildern oder ganz wegzunehmen, stehen der T\u00fcrkei die nachfolgend erl\u00e4uterten Ma\u00dfnahmen zur Verf\u00fcgung:<\/p>\n<ul>\n<li>Die n\u00e4chstliegende Reaktion auf eine W\u00e4hrungskrise ist die Anhebung des Leitzinses durch die Zentralbank. Dadurch soll die Attraktivit\u00e4t von Inlandsanlagen erh\u00f6ht und der Anreiz zur Kapitalflucht kompensiert werden. Dazu m\u00fcsste der gegenw\u00e4rtige Leitzins in H\u00f6he von 17,75 Prozent allerdings deutlich erh\u00f6ht werden. Dass diese Ma\u00dfnahme (bisher) nicht ergriffen wurde hat m\u00f6glicherweise damit zu tun, dass Staatspr\u00e4sident Erdogan sich \u2013 zur Vermeidung eines (\u201ereinigenden\u201c) konjunkturellen Abschwungs \u2013 gegen Zinssteigerungen ausgesprochen hat und die Zentralbank nicht mehr \u00fcber die notwendige Unabh\u00e4ngigkeit zur Einf\u00fchrung einer solchen Ma\u00dfnahme verf\u00fcgt.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Professor Steve Hanke von der Johns Hopkins University hat als eine weitergehende Ma\u00dfnahme in diesem Rahmen die Einf\u00fchrung eines Currency Boards vorgeschlagen.<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[2]<\/a> Dies w\u00fcrde der t\u00fcrkischen Geldpolitik zwar die notwendige Glaubw\u00fcrdigkeit verleihen, w\u00fcrde ihr aber zugleich auch die \u201eH\u00e4nde binden\u201c und eine diskretion\u00e4re Geldpolitik unm\u00f6glich machen. Voraussetzung dieses Vorschlags w\u00e4re allerdings, dass die t\u00fcrkische Lira an eine stabilit\u00e4tsorientierte W\u00e4hrung wie den USD, den Euro oder gar das Gold gebunden w\u00fcrde. Anschlie\u00dfend w\u00fcrde die Ver\u00e4nderung der Geldbasis ausschlie\u00dflich und automatisch durch die Ver\u00e4nderung der W\u00e4hrungsreserven determiniert. In der aktuellen Situation h\u00e4tte dies einen Reservenverlust mit der Konsequenz einer restriktiven Geldpolitik und steigenden Zinss\u00e4tzen zur Folge. Auch wenn sich die Krise auf diese Weise sicherlich schnell beenden lie\u00dfe, ist nicht damit zu rechnen, dass Staatspr\u00e4sident Erdogan einer damit verbundenen \u201efremdbestimmten\u201c Geldpolitik zustimmen w\u00fcrde.<\/p>\n<ul>\n<li>Die t\u00fcrkische Zentralbank k\u00f6nnte Interventionen am Devisenmarkt vornehmen. Dazu w\u00fcrde sie Devisen verkaufen und t\u00fcrkische Lira kaufen. Das Problem einer solchen Politik liegt darin, dass die T\u00fcrkei nur \u00fcber einen Bestand an Devisenreserven in H\u00f6he von etwa 24 Mrd. US-Dollar verf\u00fcgt \u2013 was weniger als den sprichw\u00f6rtlichen Tropfen auf den hei\u00dfen Stein bedeuten w\u00fcrde. Man l\u00e4uft m\u00f6glicherweise sogar Gefahr, die Krise noch zu versch\u00e4rfen, wenn den Marktteilnehmern klar wird, dass der Bestand an W\u00e4hrungsreserven zur Neige geht.<\/li>\n<li>Wenn nicht gen\u00fcgend Devisenreserven f\u00fcr nachhaltige Interventionen zur Verf\u00fcgung stehen, dann kann man m\u00f6glicherweise auf verbale \u201eInterventionen\u201c zur\u00fcckgreifen. Dabei k\u00f6nnte man an die legend\u00e4re Rede von Mario Draghi, dem Pr\u00e4sidenten der Europ\u00e4ischen Zentralbank, denken. Nach seiner Ank\u00fcndigung, alles tun zu wollen, um den Euro zu retten, koste es was es wolle, beruhigten sich die (Staatsanleihen-)M\u00e4rkte in der Eurozone deutlich. Ohne die damit verbundene Solidarhaftung an dieser Stelle zu bewerten, ist jedoch nicht damit zu rechnen, dass die T\u00fcrkische Zentralbank oder der Finanzminister \u00fcber ein Vertrauen verf\u00fcgen, das \u00e4hnliche Effekte m\u00f6glich macht.<\/li>\n<li>Die T\u00fcrkei k\u00f6nnte ferner auf Kapitalverkehrsbeschr\u00e4nkungen zur\u00fcckgreifen. Letztlich handelt es sich dabei aber nur um ein Kurieren an Symptomen und nicht um die Bek\u00e4mpfung der Ursachen. Diese h\u00e4tten allerdings eine erhebliche Behinderung des Au\u00dfenhandels zur Folge. Hinzu kommt, dass eine solche Ma\u00dfnahme insbesondere auch ausl\u00e4ndische Direktinvestoren verschrecken k\u00f6nnte, da sie bef\u00fcrchten m\u00fcssten, (k\u00fcnftig) nicht mehr uneingeschr\u00e4nkt \u00fcber ihr Kapital und dessen Ertr\u00e4ge in der T\u00fcrkei verf\u00fcgen zu k\u00f6nnen. Davon k\u00f6nnten zus\u00e4tzliche negative R\u00fcckwirkungen auf das Wirtschaftswachstum in der T\u00fcrkei ausgehen.<\/li>\n<li>Die T\u00fcrkei k\u00f6nnte (Fremdw\u00e4hrungs-)Kredite beim Internationalen W\u00e4hrungsfonds in Anspruch nehmen, wie sie das bereits im Jahre 2001 erfolgreich gemacht hat. Das war allerdings vor der Amts\u00fcbernahme durch Erdogan, der das damalige Programm zwar mit umsetzte, heute aber einem solchen Schritt ablehnend gegen\u00fcbersteht: zum einen, weil Kredite des IWF mit wirtschaftspolitischen Auflagen verkn\u00fcpft sind und zum anderen, weil der IWF aus seiner Sicht \u2013 aufgrund des h\u00f6chsten Stimmrechtsanteils \u2013 von den USA dominiert wird. In seinen Worten liest sich das wie folgt: \u201eWir wissen sehr gut, dass jene, die uns ein Gesch\u00e4ft mit dem IMF vorschlagen, uns eigentlich vorschlagen, die politische Unabh\u00e4ngigkeit unseres Landes aufzugeben\u201c. <a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[3]<\/a> Womit wir wieder bei den politischen Konflikten zwischen der T\u00fcrkei und den USA w\u00e4ren.<\/li>\n<li>Aufgrund der angespannten politischen Beziehungen zum Westen k\u00f6nnte sich die T\u00fcrkei auf der Suche nach finanzieller Unterst\u00fctzung nach Osten wenden. Fremdw\u00e4hrungs-Kredit- oder Investitionsquellen k\u00f6nnten vor diesem Hintergrund China, Russland oder Qatar sein. Aus allen drei Quellen werden aber wohl nur in begrenztem Umfang Mittel zu erwarten sein. Das in diesem Zusammenhang unterbreitete Angebot des Emirats Qatar, 15 Mrd. US-Dollar in der T\u00fcrkei zu investieren, hat daher angesichts in den n\u00e4chsten 12 Monaten f\u00e4llig werdender Auslandsschulden in H\u00f6he von 180 Mrd. Euro<a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[4]<\/a> auch eher symbolischen Charakter. Am vergangenen Wochenende hatte die SPD-Vorsitzende, Andrea Nahles, sogar deutsche Finanzhilfen f\u00fcr die T\u00fcrkei in die Diskussion eingebracht, die allerdings von der Bundesregierung \u2013 in Person des Regierungssprechers Seibert \u2013 (zun\u00e4chst) als nicht relevant zur\u00fcckgewiesen wurden.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Es wird der T\u00fcrkei schwerfallen, die nun in Gang gekommene Krise (unbeschadet) zu \u00fcberstehen, wenn nicht die Erwartungen der in- und ausl\u00e4ndischen Marktteilnehmer stabilisiert werden. Dazu geh\u00f6rt auf der einen Seite, dass der (handelspolitische) Konflikt insbesondere mit den USA beigelegt wird \u2013 wonach es gegenw\u00e4rtig keineswegs aussieht \u2013 und auf der anderen Seite, dass die Inflation in der T\u00fcrkei entschieden bek\u00e4mpft wird. Anderenfalls wird es allein aus diesem Grunde zu weiteren deutlichen Abwertungssch\u00fcben der Lira kommen, die die Probleme weiter versch\u00e4rfen. Von herausragender Bedeutung in diesem Zusammenhang ist allerdings das Vertrauen in die Unabh\u00e4ngigkeit der t\u00fcrkischen Zentralbank.<a href=\"#_edn5\" name=\"_ednref5\">[5]<\/a> Ohne eine beherzte Leitzinserh\u00f6hung zur Kompensation der Kapitalflucht und zur Bek\u00e4mpfung der Inflationsrate werden die M\u00e4rkte nicht nachhaltig zu beruhigen sein.<\/p>\n<p>&#8212; &#8212; &#8212;<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[1]<\/a>\u00a0 Das Handelsbilanzdefizit ist noch deutlich h\u00f6her, es wird aber insbesondere durch einen tourismusbedingten \u00dcberschuss in der Dienstleistungsbilanz teilweise kompensiert.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[2]<\/a> \u00a0<a href=\"https:\/\/www.wsj.com\/articles\/erdogan-can-save-the-turkish-lira-1534110387\">https:\/\/www.wsj.com\/articles\/erdogan-can-save-the-turkish-lira-1534110387<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[3]<\/a>\u00a0 Vgl. Neue Z\u00fcrcher Zeitung: Erdogan m\u00f6chte nicht beim IMF anklopfen, 16. August 2018, S. 8.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[4]<\/a>\u00a0 Zu den Zahlenangaben siehe Scherff, Dyrk: Was kann den Lira-Crash stoppen, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19.8.2018, S.27.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref5\" name=\"_edn5\">[5]<\/a> Zur Bedeutung der Unabh\u00e4ngigkeit von Notenbanken siehe Neyer, Ulrike: Die Unabh\u00e4ngigkeit der Europ\u00e4ischen Zentralbank, in: DICE Ordnungspolitische Perspektiven Nr. 97, Juni 2018. Online abrufbar unter:<a href=\"http:\/\/www.dice.hhu.de\/fileadmin\/redaktion\/Fakultaeten\/Wirtschaftswissenschaftliche_Fakultaet\/DICE\/Ordnungspolitische_Perspektiven\/097_OP_Neyer.pdf\">http:\/\/www.dice.hhu.de\/fileadmin\/redaktion\/Fakultaeten\/Wirtschaftswissenschaftliche_Fakultaet\/DICE\/Ordnungspolitische_Perspektiven\/097_OP_Neyer.pdf<\/a><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die T\u00fcrkei sieht sich seit Anfang August einer ernsthaften W\u00e4hrungskrise gegen\u00fcber, die ihren Ausdruck in einem dramatischen Kursverfall der t\u00fcrkischen Lira (TRY) findet. 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