{"id":23578,"date":"2018-09-06T00:01:37","date_gmt":"2018-09-05T23:01:37","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=23578"},"modified":"2018-09-06T05:16:40","modified_gmt":"2018-09-06T04:16:40","slug":"die-zukunft-der-demokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=23578","title":{"rendered":"Die Zukunft der Demokratie"},"content":{"rendered":"<p>Ungeachtet vielf\u00e4ltiger Klagen \u00fcber unser Bildungssystem ist das Bildungsniveau in Deutschland heute h\u00f6her als zur Gr\u00fcndungszeit der Bundesrepublik. Ob das f\u00fcr einen durchschnittlichen Abiturienten gilt, mag man diskutieren. Aber f\u00fcr einen durchschnittlichen jungen Erwachsenen trifft es zweifellos zu. Das gilt vor allem auch f\u00fcr die politische Bildung. Zumindest ist der durchschnittliche junge Mensch heute in seinem Urteil unabh\u00e4ngiger von Traditionen und hergebrachten Vorstellungen. Gab es noch zur Wiedervereinigung klar umrissene Milieus um die damals etablierten Parteien, so scheint heute alles frei von einengenden Grenzen zu sein. Und daraus k\u00f6nnte man schlie\u00dfen: Heute sind nicht mehr Traditionen oder Milieus und schon gar nicht mehr hergebrachte Vorurteile Grundlage f\u00fcr die politische Positionierung und f\u00fcr die Wahlentscheidung moderner B\u00fcrger. An ihre Stelle, so scheint es, ist das pers\u00f6nliche und ausgewogene Urteil getreten, basierend auf einem emanzipierten und politisch gebildeten Geist. Und wenn das alles auch noch wahr w\u00e4re, dann k\u00f6nnte das die Erwartung f\u00fcttern, dass unser demokratisches Gemeinwesen immer neue und sch\u00f6nere Bl\u00fcten treibt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Stattdessen beobachten wir das Gegenteil. Moderate politische Positionen erodieren nicht allein zugunsten extremer Haltungen, sondern \u2013 vielleicht noch \u00fcberraschender \u2013 zugunsten w\u00fcster Theorien gro\u00dfer Vereinfacher. Und man hat den Eindruck, dass viele W\u00e4hler schlicht den Halt verloren haben und weltanschaulich wild umhervagabundieren. Das nutzen neue politische Anbieter, die wie Pilze aus dem Boden schie\u00dfen. Sie profilieren sich damit, dass sie alles, was den B\u00fcrgern einmal an politischer oder \u00f6konomischer Bildung mit auf den politischen Lebensweg gegeben wurde, in Bausch und Bogen als Instrument einer herrschenden Elite diskreditieren. Ob es um Grundfragen der gesellschaftlichen Toleranz geht, um die Prinzipien von Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung und Pressefreiheit oder um \u00f6konomische Einsichten wie jene rund um den freien Handel, alles wird zum Herrschaftsinstrument einer verschworenen politischen Klasse umgedeutet. Und das Schlimme ist: Die Leute kaufen es! Junge, Alte, mehr und weniger gut Gebildete, Wohlhabende wie Arbeitslose. Ein Drittel bis ein Viertel der Bev\u00f6lkerung der klassischen westlichen Demokratien sind daf\u00fcr empf\u00e4nglich, Tendenz steigend.<\/p>\n<p>Waren die ganzen Bildungsanstrengungen also f\u00fcr die Katz, wenn es um die demokratische und liberale Grundhaltung der B\u00fcrger geht? Waren sie vielleicht sogar kontraproduktiv? Wie immer man sich diesen Fragen zu n\u00e4hern versucht, eines springt ins Auge: So weit, wie es den Anschein hatte, ist es offenbar trotz aller Bildung nicht her mit der geistigen Unabh\u00e4ngigkeit der B\u00fcrger von politischen Milieus. Nur haben sich die Quellen und Entstehungsgeschichten der jeweiligen Milieus verschoben. Es sind heute weniger famili\u00e4re Traditionen auf vorgezeichneten Wegen, in die man hinein geboren wird und denen man nur schwer entfliehen kann. Vielmehr kommt ein junger Mensch heute im Laufe seines Heranwachsens mit einer Vielzahl unterschiedlicher Milieus in Kontakt: in Kindergarten, Schule, Hochschule, Ausbildung oder Freundeskreisen \u2013 und das oft verstreut \u00fcber verschiedene Regionen.<\/p>\n<p>Das aber f\u00fchrt nicht notwendigerweise zu einem unabh\u00e4ngigen Geist, wie man es vielleicht annehmen k\u00f6nnte; und das gilt auch und vor allem f\u00fcr politische und gesellschaftliche Fragen. Aus \u00f6konomischer Sicht k\u00f6nnte dem ganzen Spuk eine einfache Ursache zugrunde liegen, und die lautet: Es kostet ein Individuum nichts, an irgendeinen Unfug zu glauben. Dass Freihandel das Land ruinieren kann, dass Gewaltenteilung die Herrschaft des Volkes untergr\u00e4bt und damit die Demokratie unm\u00f6glich macht, dass Rechtsstaatlichkeit nur dazu dient, das \u201ewahre Volk\u201c von den Quellen der Macht fern zu halten; alles das und vieles mehr beruht auf Gedanken, welche schnell einmal einleuchten wollen, aber doch nichts weiter sind als reiner Unfug. Die daraus entstehenden Mythen weisen zwei sehr unangenehme Eigenschaften auf. Erstens: Es erschlie\u00dft sich deren Unsinnigkeit nicht so einfach, sondern es kostet oft sogar erhebliche geistige Anstrengung, ihre Fehlerhaftigkeit zu erkennen. Zweitens: Man trennt sich von ihnen nicht gern, wenn man sie einmal \u2013 f\u00e4lschlicherweise \u2013 als zutreffend anerkannt hat. Geh\u00f6rt man einmal zu einem Milieu, in dem eine oder mehrere dieser Mythen zum Standard geh\u00f6ren, so h\u00e4ngt gar die pers\u00f6nliche Zugeh\u00f6rigkeit zum jeweiligen Milieu davon ab, ob man diese Mythen anerkennt oder nicht.<\/p>\n<p>Aber riskiert ein W\u00e4hler nicht fehlerhafte politische Urteile mit m\u00f6glicherweise b\u00f6sen Folgen f\u00fcr die Gesellschaft, wenn er oberfl\u00e4chlich einleuchtende Mythen pflegt, statt sie sorgf\u00e4ltig auf Stichhaltigkeit zu testen? Ja und nein! An der Universit\u00e4t M\u00fcnster haben wir \u00fcber tausend Studierende mit einer auf den ersten Blick einfachen Aufgabe aus dem Bereich der Logik konfrontiert. Die Aufgabe ist innerhalb weniger Minuten zu l\u00f6sen. Das Problem dabei ist aber: Was auf den ersten Blick logisch erscheint, ist in Wirklichkeit falsch. Das erschlie\u00dft sich allerdings nicht ohne weiteres. Nur wenige Probanden erkennen die korrekte L\u00f6sung sofort, viele erst mit mehr oder weniger intensiver Hilfe, und manche streiten die Richtigkeit der korrekten L\u00f6sung selbst dann noch ab. Die Aufgabe ist ein Klassiker in der Kognitionspsychologie. In einer Vielzahl von Experimenten, die \u00fcber Jahrzehnte in vielen verschiedenen L\u00e4ndern durchgef\u00fchrt wurden, scheiterten stets rund 90 Prozent der Probanden daran, die korrekte L\u00f6sung zu finden.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Weil wir aber \u00d6konomen sind, haben wir die Frage untersucht, ob materielle Anreize die Ergebnisse verbessern. Ob man vordergr\u00fcndig einleuchtende Scheinwahrheiten vielleicht dann einer n\u00e4heren Pr\u00fcfung unterzieht, wenn die Auswahl materielle Verluste an Einkommen oder Verm\u00f6gen verursacht. Und weil wir an Politik interessiert waren, haben wir zus\u00e4tzlich \u00fcberpr\u00fcft, ob es dabei einen Unterschied gibt zwischen solchen Kosten, die nur das Individuum betreffen, und solchen, die die Gesellschaft insgesamt zu tragen hat.<\/p>\n<p>Neben anderen Dingen haben wir deshalb getestet, wie gut Probanden sind, wenn sie f\u00fcr die korrekte L\u00f6sung 100 \u20ac erhalten. Zus\u00e4tzlich haben wir Gruppen \u2013 Gesellschaften, wenn man so will \u2013 gebildet, in denen jedes einzelne Mitglied nach wie vor f\u00fcr sich selbst entscheiden musste; aber nur, wenn mindestens zwei Drittel der Gruppenmitglieder ein korrektes Ergebnis gefunden hatten, bekam jedes Mitglied unabh\u00e4ngig von seiner eigenen Entscheidung wiederum 100 \u20ac. Mit dieser Gruppenkonstellation haben wir eine Wahl simuliert, in der jedes Mitglied 100 \u20ac gewinnt, wenn die Gruppe kollektiv korrekt entscheidet \u2013 in unserem Falle hie\u00df das, wenn zwei Drittel richtig entschieden hatten. Ganz \u00e4hnlich also wie in einer politischen Wahl, nur mit h\u00f6herem Quorum, und das hatten wir nur aus technischen Gr\u00fcnden so bestimmt.<\/p>\n<p>Kurz zusammengefasst fanden wir: Von jenen, die f\u00fcr eine individuell korrekte Entscheidung 100 \u20ac bekamen, haben 22 Prozent die richtige L\u00f6sung gefunden und damit rund doppelt so viele wie in all den vielen Experimenten, in denen es keine Belohnung gab und es deshalb auch nichts kostete, einer falschen Intuition zu folgen. Von jenen Probanden, die nur dann 100 \u20ac bekamen, wenn ihre Gruppenentscheidung korrekt war, fanden dagegen nur rund 8 Prozent das korrekte Ergebnis. Obwohl das falsche Gruppenergebnis also jedes einzelne Mitglied wiederum 100 \u20ac kostete, blieben die Bem\u00fchungen, das korrekte Ergebnis zu finden, sogar noch hinter den Bem\u00fchungen jener zur\u00fcck, die \u00fcberhaupt keine Belohnung erhielten.<\/p>\n<p>Daraus lernen wir zwei Dinge. Erstens: Mythen bleiben unhinterfragt, wenn es die betreffenden Individuen nichts kostet, sie unhinterfragt zu lassen. Dagegen gilt: Kostet es etwas, einen Mythos unhinterfragt zu lassen, so schauen die Individuen zumindest genauer hin. Zweitens: Wenn es nur kollektiv, aber nicht individuell etwas kostet, einen Mythos unhinterfragt zu lassen, so schauen die Individuen nicht mehr genau hin. Vielmehr lassen sie den Mythos unhinterfragt. \u00d6konomen kennen das Ergebnis als Kollektivgutproblem. Weil jedes einzelne Gruppenmitglied mit seinem Verhalten nur einen winzigen Einfluss auf das Gesamtergebnis aus\u00fcbt, hat keines von ihnen einen Anreiz, seinen Teil zum korrekten Ergebnis beizutragen. Folgt aber jedes Mitglied diesem Anreiz, so ist das Gesamtergebnis f\u00fcr alle ein Desaster. F\u00fcr unsere Gruppen hie\u00df das: Niemand bekam seine 100 \u20ac.<\/p>\n<p>Wenn also ein Individuum im Zusammenhang mit einer wichtigen privaten Entscheidung an irgendeinen Unfug glaubt, der ihm nach erster Intuition f\u00e4lschlicherweise korrekt erscheint, so kann das einen erheblichen Schaden f\u00fcr das Individuum anrichten. Daher wird es sich bem\u00fchen, diesen Schaden zu vermeiden, indem es die Dinge auf ihre Stichhaltigkeit \u00fcberpr\u00fcft. Wenn dasselbe Individuum aber mit demselben Unfug in der Rolle eines W\u00e4hlers konfrontiert wird, dann muss es \u00fcberhaupt nicht mit einem Schaden rechnen, wenn es seine Wahlentscheidung ungepr\u00fcft daran ausrichtet. Denn es ist extrem unwahrscheinlich, dass seine individuelle Wahlentscheidung das Gesamtergebnis der Wahl dreht. Und genau deshalb lohnt es sich f\u00fcr einen W\u00e4hler auch nicht, einen intuitiv einleuchtenden Unfug zu hinterfragen. Unterlassen es deshalb aber alle, den Unfug zu hinterfragen, so ist das Ergebnis f\u00fcr alle schlecht.<\/p>\n<p>Im Ergebnis k\u00f6nnen die wildesten Mythen herumvagabundieren. Es k\u00f6nnen selbst gebildete Menschen \u00fcberzeugt sein und bleiben von Dingen, die einer n\u00e4heren \u00dcberpr\u00fcfung nicht standhalten. Alles, was diese Mythen brauchen, ist, dass sie auf den ersten Blick einleuchtend erscheinen. Und davon gibt es leider reichlich Beispiele in der Welt der Politik und der Wirtschaftspolitik. Wilde Verschw\u00f6rungen geh\u00f6ren dazu, scheinbare Zusammenh\u00e4nge, die sich auf den ersten Blick aufdr\u00e4ngen, aber dann doch unsinnig sind, und vieles mehr. Und was die Sache nicht einfacher macht: Gerade die Sprachgewandten und Gebildeten unter uns sind besonders gut darin, Fakten, Daten und sonstige Informationen zu sammeln, die den unsinnigsten Mythen weitere \u00dcberzeugungskraft verleihen. Das tun sie h\u00e4ufig genug bereitwillig, denn man kann sich wunderbar damit profilieren, wenn erst einmal ein Milieu um einen absurden Mythos herum entstanden ist. Es winkt die Meinungsf\u00fchrerschaft und damit Prestige, und vielleicht winken auch Jobs und gesellschaftliche Positionen.<\/p>\n<p>Handeln jene, die an derart gepflegte Mythen glauben, also irrational? Keineswegs. Denn es kostet Zeit und Aufwand, die Dinge zu hinterfragen. Die meisten R\u00e4tsel, die uns in unserem Leben begegnen, versuchen wir deshalb auch gar nicht zu l\u00f6sen. Wer von uns besch\u00e4ftigt sich schon nur so zum Spa\u00df mit Quantenphysik? Wer von uns hat sich ernsthaft mit der Allgemeinen oder auch \u201enur\u201c mit der speziellen Relativit\u00e4tstheorie besch\u00e4ftigt? Nicht einmal die Tatsache, dass die Erde rund ist, l\u00e4sst sich f\u00fcr einen einzelnen von uns so ohne weiteres nachweisen. Dennoch glauben wir, dass das alles richtig ist. Haupts\u00e4chlich deshalb, weil man uns das so sagt und weil es uns vielleicht auch irgendwie einleuchtet.<\/p>\n<p>Aber wirklich zu ergr\u00fcnden versuchen wir die Hintergr\u00fcnde dieser Dinge meistens nicht. Denn der individuelle Aufwand st\u00fcnde zu dem individuellen Ertrag in den meisten F\u00e4llen in keinem vertretbaren Verh\u00e4ltnis. W\u00fcrden wir versuchen, alle R\u00e4tsel, die uns in unserem Leben begegnen, zu l\u00f6sen, w\u00e4re jeder von uns hoffnungslos \u00fcberfordert. Also treffen wir eine Auswahl, und die treffen wir durchaus nach \u00f6konomischen Kriterien. Erwarten wir einen pers\u00f6nlichen Schaden f\u00fcr den Fall, dass wir ein Problem nicht korrekt l\u00f6sen, dann bem\u00fchen wir uns, das Problem zu durchdringen; erwarten wir keinen Schaden, dann verwenden wir unsere Zeit besser f\u00fcr andere Dinge.<\/p>\n<p>Man hat argumentiert, dass auch schlecht informierte Menschen in der Gruppe die richtige Entscheidung treffen, und diese Idee geht schon auf das 18. Jahrhundert zur\u00fcck. Das stimmt aber h\u00f6chstens dann, wenn uns eine intuitiv einleuchtende, aber am Ende doch falsche Antwort auf eine politische Frage nicht systematisch in die Irre f\u00fchrt. Genau das geschieht aber allzu h\u00e4ufig. Und wo es geschieht, bedarf es besonderer Anstrengungen, um der korrekten Antwort auf die politische Frage n\u00e4her zu kommen.<\/p>\n<p>Freilich sollten wir vorsichtig sein, allzu schnelle Schl\u00fcsse aus diesen Dingen zu ziehen. Vor allem sollten wir nicht der Versuchung erliegen, das Demokratiekind gleich mit dem Bade auszusch\u00fctten. Denn das w\u00fcrde bedeuten, die Schw\u00e4chen seiner Alternativen zu \u00fcbersehen. Aber eines zeigen unsere Einsichten: Die Geschichte von den emanzipierten Geistern in der aufgekl\u00e4rten demokratischen Gesellschaft ist noch nicht zu Ende erz\u00e4hlt. Das Bild von den traditionellen Milieus von fr\u00fcher darf nicht einfach ersetzt werden durch das Bild vieler emanzipierter und wohlabw\u00e4gender Geister in einer aufgekl\u00e4rten Gesellschaft \u2013 auch wenn es noch so sch\u00f6n klingt. Vielmehr m\u00fcssen wir versuchen, die Entstehung von wesentlich komplexer gewordenen Milieus nachzuvollziehen und deren Dynamik zu verstehen.<\/p>\n<p>Vielleicht k\u00f6nnen wir einen Schluss aber bereits jetzt ziehen. Die politische Bildung hat sich vielleicht zu sehr auf die Vermittlung der Idee der Volksherrschaft konzentriert, wenn es um die Vorz\u00fcge der Demokratie ging. Sie ist dabei aber immer der wichtigen Frage aus dem Weg gegangen, wer denn \u201edas Volk\u201c \u00fcberhaupt sein soll. Auf den \u2013 meist von politischen \u00d6konomen vorgetragenen \u2013 Einwand, dass \u201edas Volk\u201c ein Produkt unseres Geistes ist, welches au\u00dferhalb unserer intellektuellen Welt \u00fcberhaupt nicht existiert, weil das Volk wenig mehr ist als eine Vielzahl unterschiedlichster Individuen, hat man nicht selten allergisch reagiert. Der Grund ist einfach: Man hat ihn als einen potenziellen Angriff auf die Idee der Demokratie missverstanden. Denn wenn es \u201edas Volk\u201c nicht gibt, dann kann es strenggenommen auch keine Herrschaft \u201edes Volkes\u201c geben.<\/p>\n<p>Nun f\u00e4llt aber auf, dass sich die modernen Feinde der Demokratie anders als ihre alten Gesinnungsgenossen nach au\u00dfen hin keineswegs als Feinde Demokratie pr\u00e4sentieren. Im Gegenteil: Sie behaupten unisono, die einzig wahren Demokraten zu sein, weil nur sie das Volk wirklich vertr\u00e4ten und damit der wahren Volksherrschaft zum Durchbruch verh\u00fclfen. Und auch diesen Unfug verbreiten sie mit \u00fcberw\u00e4ltigendem Erfolg, bei Jung und Alt, bei Reich und Arm, bei Gebildet und weniger Gebildet. Wie ist das m\u00f6glich? Weil die modernen Feinde der Demokratie die \u00fcbrigen Zutaten einer liberalen und rechtsstaatlichen Demokratie diskreditieren: allen voran die Gewaltenteilung und die rechtsstaatlichen Verfahren. Von denen ist in der politischen Bildung gewiss auch die Rede, aber vielleicht zu wenig. Denn die Idee der Volksherrschaft erschlie\u00dft sich intuitiv sehr gut; bei n\u00e4herer Betrachtung ist sie aber gar nicht unproblematisch, wie der neuerlich grassierende Missbrauch dieser Idee eindrucksvoll zeigt. Umgekehrt erschlie\u00dft sich die Bedeutung von Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung intuitiv nicht so leicht \u2013 und doch ist sie \u00fcberw\u00e4ltigend gro\u00df f\u00fcr den Fortbestand einer demokratischen und freiheitlichen Gesellschaft.<\/p>\n<p>Daher ist die Intuition, die die neuen Feinde der Demokratie mit ihrem Gerede von der einzig wahren Volksherrschaft errichten, leicht zu fassen, aber nicht ganz leicht zu widerlegen. Haben sich einmal Milieus gebildet, die dieser Intuition folgen und einen politischen Mythos darauf errichten, so ist dagegen nur noch schwer anzukommen. Das gleiche gilt f\u00fcr eine Reihe von wirtschaftspolitischen Grundfragen, allen voran jener des Freihandels. Es ist kein Wunder, dass dieser \u00fcber viele Jahre mit ebenso simpler wie falscher Intuition von links angeschossen wurde. Denn der Mythos vom Freihandel als imperialistisches Machtinstrument des Westens war und ist einfach zu m\u00e4chtig, als dass eine relevante Anzahl von Mitgliedern linker oder linksliberaler Milieus auch nur auf die Idee gekommen w\u00e4re, ihn infrage zu stellen. Vor diesem Hintergrund ist es gerade f\u00fcr diese Personenkreise sicher ein \u00c4rgernis, im \u00dcbrigen aber alles andere als ein Wunder, dass es ausgerechnet die rechten Demokratiefeinde und die Trumps dieser Welt sind, die von dieser Saat nun die Ernte einfahren.<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Apolte, Thomas; Julia M\u00fcller (2018), Cognition for Sale! Can Incentives Diminish Reasoning Errors? Working Paper, M\u00fcnster.<\/p>\n<p>M\u00fcller, Julia; Apolte, Thomas (2018), The Dynamics of Political Myths and Ideologies, Working Paper, M\u00fcnster.<\/p>\n<p>&#8212; &#8212; &#8212;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Das Experiment findet sich bei M\u00fcller\/Apolte (2018) und die Theorie dazu bei Apolte\/M\u00fcller (2018).<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ungeachtet vielf\u00e4ltiger Klagen \u00fcber unser Bildungssystem ist das Bildungsniveau in Deutschland heute h\u00f6her als zur Gr\u00fcndungszeit der Bundesrepublik. 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