{"id":23623,"date":"2018-09-02T00:01:23","date_gmt":"2018-09-01T23:01:23","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=23623"},"modified":"2018-09-02T07:53:59","modified_gmt":"2018-09-02T06:53:59","slug":"am-aktuellen-rand-zeitumstellung-brexit-und-das-sporadische-funktionieren-des-eu-apparats","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=23623","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Am aktuellen Rand <\/font><br\/>Zeitumstellung, Brexit und das sporadische Funktionieren des EU-Apparats"},"content":{"rendered":"<blockquote><p><em>\u201eIncentives are the essence of economics&#8220;<\/em> (Canice Prendergast)<\/p>\n<p><strong>1. &#8222;<em>Wir machen das.&#8220;<\/em><\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>H\u00e4tte nicht \u201e<em>Wir schaffen das!<\/em>\u201c in den letzten Jahren eine so wechselhafte Beliebtheit erlangt, w\u00e4re \u201e<em>Wir machen das.<\/em>\u201c doch ein \u00fcberaus positiver Satz, oder? Noch mehr, wenn man den \u201eVorsatz\u201c dazu nimmt: \u201e<em>Die Menschen wollen das. Wir machen das.<\/em>\u201c So gesprochen vom Vorsitzenden der EU-Kommission Jean-Claude Juncker am 31.8.2018 in einem ZDF-Interview, in dem er zu den Konsequenzen einer Internet-Umfrage \u00fcber die Abschaffung der j\u00e4hrlichen Zeitumstellungen befragt wurde.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Mit dieser Quellenoffenlegung werden bei den Lesern vermutlich gleich mehrere cerebrale Sensoren reagieren. Konzentrieren wir uns deshalb auf den Sprecher und seine Institution. Jean-Claude Juncker unterf\u00fcttert immer wieder seinen Ruf als sinnenfroher und eloquenter Politiker, dessen Zitate ob ihrer Mischung aus herablassender S\u00fcffisanz und unverbl\u00fcmter Selbstgef\u00e4lligkeit von verschiedenen Medien gesammelt werden. Beispiel gef\u00e4llig? Was bei einer Preisverleihung in bayerischen Landesvertretung in Br\u00fcssel 2011 noch ironischen Interpretationsspielraum offen lie\u00df, entfaltete kurz darauf angesichts eines bekannt gewordenen Geheimtreffens zur Griechenlandrettung maximale Brisanz: \u201e<em>Wenn es ernst wird, muss man l\u00fcgen<\/em>.\u201c <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Junckers Institution ist die EU, genauer ihre oberste Hierarchie in allen denkbaren Auspr\u00e4gungen, mit deren Ausdifferenzierung wir uns hier nicht aufhalten und einfach vom \u201eEU-Apparat\u201c sprechen wollen. Dieser EU-Apparat hat sich nun in den letzten Jahren, um nicht zu sagen Jahrzehnten, in breiten Schichten der \u00d6ffentlichkeit einen zumindest hinsichtlich der Eindeutigkeit noch schlechteren Ruf als \u201e<em>Wir schaffen das!<\/em>\u201c aufgebaut. Er ist f\u00fcr viele zum Idealtypus f\u00fcr politische Abgehobenheit, \u00fcberbordende B\u00fcrokratie und B\u00fcrgerferne geworden. Lange Prozeduren, deren Intention sich f\u00fcr Au\u00dfenstehende oft nur erahnen lassen, bringen am Ende L\u00f6sungen, die vermutlich nicht einmal von den wenigen, die sie verstanden haben, als bestm\u00f6gliche Entsprechung des B\u00fcrgerwillens beurteilt werden. Nat\u00fcrlich gibt es auch dazu ein Bonmot von Jean-Claude Juncker, der bereits vor kurz vor der Jahrtausendwende den Br\u00fcsseler modus operandi in dankenswerter Klarheit wie folgt beschrieb:<\/p>\n<blockquote><p>\u201e<em>Wir beschlie\u00dfen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, was passiert. Wenn es dann kein gro\u00dfes Geschrei gibt und keine Aufst\u00e4nde, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter &#8211; Schritt f\u00fcr Schritt, bis es kein Zur\u00fcck mehr gibt.<\/em>&#8222;<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Was folgt daraus f\u00fcr das aktuelle \u201eWir machen das\u201c? Nun, nicht viel. Politiker im allgemeinen und Jean-Claude Juncker im Besonderen wurden noch selten f\u00fcr nicht eingehaltene Zusagen gevierteilt. Im vorliegenden Fall gibt es sogar ziemlich verl\u00e4ssliche Auspizien f\u00fcr eine Umsetzung auf der Ebene des EU-Apparats. Es kostet Br\u00fcssel nichts, signalisiert doch noch Reste der verloren geglaubten B\u00fcrgern\u00e4he und schiebt die Umsetzung sehr geschmeidig in die Mitgliedsstaaten ab, denn die m\u00fcssen final entscheiden, ob und wie das mit der Zeitumstellung in Zukunft weitgehen soll. Au\u00dferdem: Wird von EU-Kritikern nicht eine R\u00fcckverlagerung von Kompetenzen in die Mitgliedsl\u00e4nder vehement gefordert? Eine bessere Steilvorlage h\u00e4tte sich Jean-Claude Juncker nicht w\u00fcnschen k\u00f6nnen und ein alter Politprofi wie er wird sich (wie seine Br\u00fcsseler Kollegen) diese Chance nicht entgehen lassen!<\/p>\n<p><strong>2. Are EU-politicians tougher than Brexiteers?<\/strong><\/p>\n<p>Einer der Hauptvorw\u00fcrfe gegen den EU-Apparat bestand und besteht darin, dass die Herren und mitunter auch Damen nur in Sachen eigener Pfr\u00fcndeerweiterung\/-verteidigung die geb\u00fchrende H\u00e4rte an den Tag legen. Sind dagegen aufm\u00fcpfige Mitglieder oder Vertreter von Drittnationen in die Schranken zu weisen, \u00fcbt man sich im diplomatischen Ausgleich, der allzu oft in finanziellen Zuwendungen zu Lasten der EU-Nettozahler m\u00fcndet.<\/p>\n<p>Umso mehr \u00fcberrascht aus dieser Erfahrung die Hartn\u00e4ckigkeit, mit der die EU samt ihrem Unterh\u00e4ndler Michel Barnier sich Befindlichkeiten Gro\u00dfbritanniens in der Folge des Brexits widersetzt. Es droht eine harte Variante des britischen Austritts und mit Panasonic hat Ende August der erste Weltkonzern die Verlagerung seiner Europa-Zentrale von London in die post-Brexit-EU (in diesem Fall Amsterdam) verk\u00fcndet. W\u00e4hrend Barnier &amp; Co. als tough guys dastehen, haben sich die Gallionsfiguren der Separation in den meisten F\u00e4llen mehr oder weniger schm\u00e4hlich zur\u00fcckgezogen. Nigel Farage und Boris Johnson f\u00fcgen sich hervorragend in das altbekannte Sprichwort \u201eAls Tiger abgesprungen und als Bettvorleger gelandet!\u201c.<\/p>\n<p>Warum ist das so? Wie bei der Zeitumstellung ist das Zusammenspiel aus Anreizen und M\u00f6glichkeiten bzw. Wollen und K\u00f6nnen entscheidend. Die ausstiegswilligen Briten haben vermutlich beides untersch\u00e4tzt. Wenn die EU einen der wenigen gro\u00dfen Nettozahler v\u00f6llig schmerzfrei ziehen lie\u00dfe, w\u00e4re das ein verheerendes Signal. Entsprechend muss ein Fanal stattfinden, das eine m\u00f6glichst nachhaltige Abschreckungswirkung entfalten soll. Dies kann sogar funktionieren, denn die Rahmenbedingungen sind f\u00fcr EU-Aussteiger mit hoher Konnektivit\u00e4t zum Binnenmarkt und dem Rest der Welt nicht gerade g\u00fcnstig. Thomas Straubhaar hat das bereits unmittelbar vor der offiziellen Austrittserkl\u00e4rung durch Theresa May beeindruckend klar avisiert:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201e<\/em><em>Denn \u00fcberall dort, wo wirtschaftspolitisch die EU zust\u00e4ndig ist, und das ist vor allem beim Handel mit G\u00fctern und Dienstleistungen sowie dem Wettbewerbsrecht der Fall, gibt es keine nationalen Vertr\u00e4ge Gro\u00dfbritanniens mit anderen L\u00e4ndern mehr. Das Vereinigte K\u00f6nigreich m\u00fcsste in langwierigen Neuverhandlungen mit der EU, den USA und allen anderen Staaten bilaterale Abkommen vereinbaren, um alle Fragen von Belang neu regeln zu k\u00f6nnen.\u00a0 \u2026<\/em><\/p>\n<p><em>Und weil die Abh\u00e4ngigkeit der Briten gegen\u00fcber dem Wohlwollen der EU so offensichtlich ist, wird die EU gegen\u00fcber dem Vereinigten K\u00f6nigreich den \u201ebrutalstm\u00f6glichen\u201c Verhandlungskurs fahren. Gem\u00e4\u00dfigte Stimmen werden von den Hardlinern \u00fcbert\u00f6nt werden, die sehr wohl die schwache britische Verhandlungsposition zu ihren Gunsten ausnutzen wollen. Und sei es nur, um in populistischer Weise zu Hause politisch punkten zu k\u00f6nnen.<\/em><\/p>\n<p><em>Damit ist erkennbar, dass die Verhandlungspositionen sehr asymmetrisch sein werden. Ein britisches \u201eAusscheiden ohne Abkommen\u201c w\u00e4re f\u00fcr Europa \u00f6konomisch eine Bagatelle verglichen mit den Folgekosten f\u00fcr Gro\u00dfbritannien. Deshalb kann die EU relativ gelassen maximale Forderungen stellen. Die Briten hingegen werden sich mit weichen Ergebnissen zufriedengeben m\u00fcssen<\/em>.&#8220;<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Folgen bis heute: Erkl\u00e4rungen und Debatten in Gro\u00dfbritannien rei\u00dfen nicht ab, eine finale L\u00f6sung wird vermutlich erst durch den Fristablauf entstehen und selbst ein \u2013 dann vermutlich nicht so betitelter \u2013 faktischer Exit vom Brexit ist immer noch nicht ausgeschlossen.<\/p>\n<p><strong>3. Der Fluch der Normalit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Also ein Hoch auf den EU-Apparat? Leider NEIN! Die beiden besprochenen F\u00e4lle bleiben, bei aller einzur\u00e4umenden Publikumswirksamkeit, letztlich Ausnahmen. Die Normalkonstellation sieht so aus, dass die handelnden Personen in Br\u00fcssel entweder nicht die Anreize oder die M\u00f6glichkeiten haben, so zu handeln, wie es sich die weit \u00fcberwiegende Menge des Wahlvolks w\u00fcnscht. Die Ergebnisse sind entsprechend und die Verdrossenheit der B\u00fcrger nur f\u00fcr diejenigen \u00fcberraschend, welche die offen zutage liegenden polit\u00f6konomischen Verh\u00e4ltnisse nicht wahrnehmen k\u00f6nnen oder wollen. Der EU-Apparat wird nicht immer Anlass zur Kritik bieten, er kann sogar an besonders prominenter Stelle \u00f6ffentlichkeitswirksam punkten, aber der Fluch der Normalit\u00e4t wird bleiben, wenn sich nicht so manches \u00e4ndert. Auf lange Sicht werden die Briten ihre momentanen Probleme vielleicht sogar als zeitweiliges \u00c4rgernis verbuchen, das durch anschlie\u00dfende Vorteile der Ungebundenheit auf der Zeitachse \u00fcberkompensiert wird. Warten wir also einfach ab, ob dies eintreten und was Jean-Claude Juncker dann dazu sagen wird!<\/p>\n<p>&#8212; &#8212; &#8212;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/eurokrise\/nach-geheimtreffen-zu-griechenland-juncker-nach-falschen-dementis-in-der-kritik-1641525.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/eurokrise\/nach-geheimtreffen-zu-griechenland-juncker-nach-falschen-dementis-in-der-kritik-1641525.html<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Aus <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-15317086.html\">Die Br\u00fcsseler Republik<\/a>, Der Spiegel, 27. Dezember 1999<em>.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> https:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/article163202896\/Warum-ein-Exit-vom-Brexit-wahrscheinlicher-wird.html<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eIncentives are the essence of economics&#8220; (Canice Prendergast) 1. &#8222;Wir machen das.&#8220; H\u00e4tte nicht \u201eWir schaffen das!\u201c in den letzten Jahren eine so wechselhafte Beliebtheit &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=23623\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201e<font size=3; color=grey>Am aktuellen Rand <\/font><br \/>Zeitumstellung, Brexit und das sporadische Funktionieren des EU-Apparats\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":125,"featured_media":23629,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2863,8],"tags":[2095,2618,1750,2895],"class_list":["post-23623","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-brexit","category-europaisches","tag-brexit","tag-jean-claude-juncker","tag-knoll","tag-zeitumstellung"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - 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