{"id":23649,"date":"2018-09-21T00:01:18","date_gmt":"2018-09-20T23:01:18","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=23649"},"modified":"2018-09-21T05:14:14","modified_gmt":"2018-09-21T04:14:14","slug":"ordnungspolitischer-kommentarnachwuchssorgen-im-handwerk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=23649","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Ordnungspolitischer Kommentar<\/font><br\/>Nachwuchssorgen im Handwerk"},"content":{"rendered":"<p>In vielen Bereichen des Handwerks warten Kunden teilweise mehrere Wochen auf einen Termin. Dennoch fehlt in vielen handwerklichen Berufen der Nachwuchs. Interessensverb\u00e4nde und Teile der Politik machen auch die Teilabschaffung der Meisterplicht f\u00fcr die Nachwuchssorgen verantwortlich und fordern eine R\u00fcckabwicklung der Reform. Was ist dran an diesem Argument?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Der Meisterbrief ist nur noch in einem Teil des Handwerks Voraussetzung zur Selbstst\u00e4ndigkeit<\/strong><\/p>\n<p>Seit der Reform der Handwerksordnung (HWO) im Jahr 2004 ist der Meisterbrief nicht mehr in allen Handwerken die Voraussetzung zur Selbstst\u00e4ndigkeit. Anlage A der HWO umfasst alle Handwerke, f\u00fcr die eine erfolgreiche Meisterpr\u00fcfung weiterhin Voraussetzung zur Selbstst\u00e4ndigkeit ist (\u201eA-Handwerk\u201c). Ausnahmen sind f\u00fcr Gesellen m\u00f6glich, die Berufserfahrung in leitender Position und weitere vergleichbare Qualifikationen nachweisen k\u00f6nnen. Anlage B1 nennt alle Handwerke, in denen die Meisterpr\u00fcfung freiwillig abgelegt werden kann (\u201eB-Handwerk\u201c). Die Ausbildung neuer Gesellen darf sowohl im A- als auch im B-Handwerk weiterhin nur in meistergef\u00fchrten Betrieben erfolgen. Die Einteilung in A- und B-Handwerk hat der Gesetzgeber vorrangig anhand einer Gefahrenbewertung vorgenommen. Demnach sind die T\u00e4tigkeiten der meisterpflichtigen A-Handwerke mit einem besonders hohen Ma\u00df an potenziellen Gefahren assoziiert. Die jeweilige Eingruppierung der Handwerkszweige war Gegenstand ausgepr\u00e4gter politischer Auseinandersetzungen. Gemessen am gesamten Marktvolumen wurden letztlich ungef\u00e4hr 90 Prozent des Handwerks dem gefahrengeneigten A-Handwerk zugeordnet.<\/p>\n<p><strong>Ein gutes Argument f\u00fcr die Meisterpflicht ist das Ziel der Gefahrenabwehr \u2026<\/strong><\/p>\n<p>In der Tat kann von einigen handwerklichen T\u00e4tigkeiten bei unsachgem\u00e4\u00dfer Ausf\u00fchrung eine besonders gro\u00dfe Gefahr ausgehen. Einige Beispiele sind Arbeiten an Elektro- oder Gasinstallationen, die Errichtung tragender Mauern oder Dachdeckerarbeiten. Die verpflichtende Meisterausbildung des Betriebsinhabers soll diese Gefahren zumindest mittelbar minimieren, in dem sie den Inhaber in die Lage versetzt, Gefahren zu erkennen und eigene Mitarbeiter fortlaufend zu instruieren und zu beaufsichtigen. W\u00e4re von den potenziellen Gefahren nur der jeweilige Auftraggeber betroffen, k\u00f6nnte man diesem wom\u00f6glich die Wahl \u00fcberlassen, ob er einen Meisterbetrieb oder einen tendenziell g\u00fcnstigeren Handwerker ohne entsprechenden Qualifikationsnachweis w\u00e4hlt. Allerdings sind regelm\u00e4\u00dfig auch unbeteiligte Dritte von m\u00f6glichen Gefahren unsachgem\u00e4\u00df ausgef\u00fchrter Arbeiten betroffen (z.B. Passanten durch herabst\u00fcrzende Dachziegel), die durch den Meisterzwang ebenfalls gesch\u00fctzt werden sollen. Im Sinne einer pr\u00e4ventiven Gefahrenabwehr finden sich daher gute Argumente f\u00fcr eine verpflichtende Mindestqualifikation bei gefahrengeneigten Arbeiten, die dar\u00fcber hinaus bestehende Haftungsregeln sinnvoll erg\u00e4nzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>\u2026 w\u00e4hrend das Argument der Verdr\u00e4ngung hoher Qualit\u00e4t wenig stichhaltig ist. <\/strong><\/p>\n<p>Ein anderes Argument stellt darauf ab, dass bei ungleich verteilten Informationen zwischen Anbietern und Nachfragern gute Qualit\u00e4t vom Markt verdr\u00e4ngt werden k\u00f6nnte: Sofern die Nachfrager eine fachm\u00e4nnisch ausgef\u00fchrte Arbeit von einer minderwertigen Leistung nicht unterscheiden k\u00f6nnen, w\u00e4ren sie nicht bereit f\u00fcr \u00fcberdurchschnittliche Qualit\u00e4t zu zahlen. Daher k\u00f6nnten hochwertige Dienstleistungen nicht mehr kostendeckend angeboten werden und w\u00fcrden vom Markt verdr\u00e4ngt. Ein anerkannter Meisterbrief soll als Qualit\u00e4tssignal dienen und die Zahlungsbereitschaft auch f\u00fcr hochwertige Arbeiten sichern. Allerdings ist diese Signalfunktion auch dann gew\u00e4hrleistet, wenn Handwerksbetriebe den Meisterbrief optional als Qualit\u00e4tsindikator bzw. Unterscheidungsmerkmal nutzen k\u00f6nnen, wie es im B-Handwerk der Fall ist. Durch den optionalen Meisterbrief entsteht f\u00fcr den Kunden im nicht gefahrengeneigten B-Handwerk zudem die Wahlm\u00f6glichkeit, ob er beispielsweise im Fall des Parkettlegerhandwerks f\u00fcr einen neuen Bodenbelag auf einem bew\u00e4hrten Meisterbetrieb oder einen Quereinsteiger ohne entsprechende Reputation zugreift. Im ersten Fall kommt die erhoffte h\u00f6here Qualit\u00e4t regelm\u00e4\u00dfig auch zu einem h\u00f6heren Preis, die Preisersparnis im zweiten Fall geht wom\u00f6glich mit einer etwas unsauberen Ausf\u00fchrung und dem h\u00f6heres Risiko einher, dass der Quereinsteiger vor Ablauf m\u00f6glicher Gew\u00e4hrleistungspflichten vom Markt verschwunden sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><strong>R\u00fcckl\u00e4ufige Ausbildungszahlen im B-Handwerk als alternatives Argument f\u00fcr die Meisterpflicht? <\/strong><\/p>\n<p>Die Gefahrenabwehr und die Sicherung hoher Qualit\u00e4t sind im nicht gefahrengeneigten B-Handwerk keine guten Argumente zur Wiedereinf\u00fchrung der Meisterpflicht. Vielleicht verweisen Bef\u00fcrworter auch daher verst\u00e4rkt auf einen m\u00f6glichen Zusammenhang zwischen r\u00fcckl\u00e4ufigen Ausbildungszahlen und der Abschaffung der Meisterplicht. Das zentrale Argument f\u00fcr diesen m\u00f6glichen Zusammenhang ist der Attraktivit\u00e4tsverlust gegen\u00fcber dem weiterhin meisterpflichtigen A-Handwerk. Als Gr\u00fcnde f\u00fcr die geringere Attraktivit\u00e4t werden unter anderem Reputationsverluste als vermeintliches Handwerk \u201eZweiter-Klasse\u201c sowie die st\u00e4rkere Preiskonkurrenz (zugunsten der Nachfrager) im Zuge der Markt\u00f6ffnung f\u00fcr Nicht-Meisterbetriebe genannt. Wettbewerbspolitisch lassen sich kaum stichhaltige Argumente f\u00fcr eine Berufsbeschr\u00e4nkung zur blo\u00dfen Sicherung des Auskommens der Anbieter bzw. zur \u201eAttraktivit\u00e4tssteigerung\u201c konstruieren. Spannend ist aber auch, ob der diskutierte Zusammenhang \u00fcberhaupt besteht.<\/p>\n<p><strong>Absolventenzahlen deuten bisher nicht auf Zusammenhang zwischen Nachwuchs und Meisterpflicht hin<\/strong><\/p>\n<p>Die Statistik des Zentralverbands des deutschen Handwerks zeigt, dass in den Jahren nach der Reform die Anzahl an abgeschlossenen Gesellen- und Abschlusspr\u00fcfungen im B-Handwerk von 6.322 Absolventen im Jahr 2005 auf 4.067 Absolventen im Jahr 2017 gesunken ist.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Das entspricht einer j\u00e4hrlichen negativen Ver\u00e4nderungsrate von 2,7 Prozent bzw. einem gesamten R\u00fcckgang von gut 35 Prozent. L\u00e4sst man diese Zahlen f\u00fcr sich stehen, mag tats\u00e4chlich der Eindruck einer massiven Auswirkung der letzten HWO-Reform auf die Ausbildungszahlen entstehen. R\u00fcckt man die Zahlen jedoch in einen breiteren Kontext, zeigt sich ein anderes Bild. Auch in den Jahren vor der Reform waren die Ausbildungszahlen im sp\u00e4teren B-Handwerk bereits stark r\u00fcckl\u00e4ufig. Zwischen dem Jahr 1998 (9.788 Absolventen) und dem Jahr 2005 nahm die Anzahl der Absolventen j\u00e4hrlich sogar um durchschnittlich 4,4 Prozent ab. Das deutlich volumenst\u00e4rkere A-Handwerk war sowohl vor als auch nach der Reform von einem etwas schw\u00e4cheren R\u00fcckgang betroffen. Der R\u00fcckgang von 137.900 (1998) \u00fcber 101.546 (2005) auf nun 75.096 (2017) Absolventen entspricht einem durchschnittlichen j\u00e4hrlichen R\u00fcckgang von 3,3 Prozent vor und 2,0 Prozent nach der Reform. Aus diesen Zahlen kann man lesen, dass das gesamte Handwerk schon lange vor der HWO-Reform von deutlich r\u00fcckl\u00e4ufigen Nachwuchszahlen betroffen war und dass der relative Bedeutungszuwachs des sp\u00e4teren A-Handwerks mit seinen etwas geringeren R\u00fcckg\u00e4ngen gegen\u00fcber dem sp\u00e4terem B-Handwerk ebenfalls ein langfristiger Trend ist, der von der HWO-Reform unber\u00fchrt scheint.<\/p>\n<p><strong>Meisternachwuchs bisher auch relativ stabil<\/strong><\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus wird die Sorge ge\u00e4u\u00dfert, dass im Zuge der r\u00fcckl\u00e4ufigen Gesellenzahlen auch der Meisternachwuchs f\u00fcr die Ausbildung kommender Generationen ausbleiben k\u00f6nnte. Die im A und B-Handwerk schon l\u00e4nger r\u00fcckl\u00e4ufige Anzahl neuer Meister ist mit der HWO-Reform im B-Handwerk nochmals sprungartig zur\u00fcckgegangen, da der Titel fortan nicht mehr Bedingung zur Selbstst\u00e4ndigkeit war (2004: 1.729 neue Meister; 2005: 1.111). Seitdem ist der Meisternachwuchs mit aktuell 883 erfolgreichen Meisterpr\u00fcfungen (2017) im B-Handwerk verglichen mit dem Gesellennachwuchs weniger stark r\u00fcckl\u00e4ufig. Von den fertigen Gesellen entscheidet sich also ein leicht steigender Anteil f\u00fcr die Meisterpr\u00fcfung. Ein \u00e4hnliches Bild mit einer gestiegenen Meister-Quote zeigt sich auch im A-Handwerk.<\/p>\n<p><strong>Alternative Handlungsoptionen<\/strong><\/p>\n<p>Aktuell deuten die unbesetzten Lehrstellen im B-Handwerk nicht auf einen generellen Mangel an ausbildenden Betrieben hin. Sollte es in Zukunft aber zu Engp\u00e4ssen bei ausbildenden Meisterbetrieben kommen, st\u00fcnden dem Gesetzgeber unterschiedliche Alternativen zu einer Wiedereinf\u00fchrung der Meisterpflicht zur Verf\u00fcgung. Beispielsweise k\u00f6nnte man zur St\u00e4rkung der Attraktivit\u00e4t einer Karriere im Bereich des Handwerks \u00fcber die Ungleichbehandlung zwischen oftmals geb\u00fchrenfreiem Hochschulstudium und kostenpflichtigen Meisterschulen nachdenken. Dar\u00fcber hinaus k\u00f6nnte auch eine gezielte Bezuschussung ausbildender Betriebe Anreize setzen und so zur Sicherung des bew\u00e4hrten dualen Ausbildungssystems beitragen.<\/p>\n<p><strong>Ausblick<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt gute Argumente f\u00fcr die Meisterpflicht in einem Teil des Handwerks. R\u00fcckl\u00e4ufige Ausbildungszahlen z\u00e4hlen nicht dazu. Der diskutierte Zusammenhang zwischen Meisterpflicht und Nachwuchsproblemen scheint sich in den Absolventenzahlen bisher auch nicht abzuzeichnen. Vielmehr ist das gesamte Handwerk wie andere Ausbildungsberufe vom anhaltenden (und politisch forcierten) Akademisierungstrend in Deutschland betroffen. F\u00fcr eine Trendwende beim Nachwuchs in den gut ausgelasteten Zweigen des Handwerks k\u00f6nnten mittelfristig allerdings die Preissignale sorgen, die der Arbeitsmarkt immer deutlicher sendet: Die durchschnittlichen Verdienstm\u00f6glichkeiten in leitender Position im Handwerk \u00fcbersteigen inzwischen die unteren Einkommensklassen von Hochschulabsolventen deutlich. Aus Sicht des Handwerks gilt es, auch diese Information noch st\u00e4rker an die jungen Menschen heranzutragen.<\/p>\n<p>&#8212; &#8212; &#8212;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Das Jahr 2005 bietet sich als Referenz an, da die Reform hier fr\u00fchestens einen plausiblen Einfluss auf die Absolventenzahlen gehabt haben kann. Eine sp\u00e4tere Referenz (z.B. 2006) ver\u00e4ndert die Befunde nicht.<\/p>\n<p>&#8212; &#8212; &#8212;<\/p>\n<p><strong>Hinweis:<\/strong> Der Beitrag erschien am <a href=\"https:\/\/iwp.afm-stage.de\/fileadmin\/contents\/dateiliste_iwp-website\/publikationen\/OK\/OK_2018_09.pdf\">4. September 2018<\/a> als &#8222;Der ordnungspolitische Kommentar&#8220; des Instituts f\u00fcr Wirtschaftspolitik an der Universit\u00e4t zu K\u00f6ln<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In vielen Bereichen des Handwerks warten Kunden teilweise mehrere Wochen auf einen Termin. Dennoch fehlt in vielen handwerklichen Berufen der Nachwuchs. 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