{"id":23757,"date":"2018-09-23T00:01:50","date_gmt":"2018-09-22T23:01:50","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=23757"},"modified":"2018-09-30T15:59:54","modified_gmt":"2018-09-30T14:59:54","slug":"reden-ist-silber-schweigen-ist-gold-wie-sollen-sich-wirtschaftswissenschaftler-in-der-wirtschaftspolitischen-diskussion-verhalten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=23757","title":{"rendered":"Reden ist Silber, Schweigen ist Gold? <br\/><font size=3; color=grey>Wie sollen sich Wirtschaftswissenschaftler in der wirtschaftspolitischen Diskussion verhalten?<\/font>"},"content":{"rendered":"<p>Schon wieder so ein nerviger Professorenaufruf! Im April dieses Jahres f\u00fchlte ich mich begrenzt erfreut, als ich erneut gefragt wurde, an einem Professorenaufruf \u2013 in diesem Fall gegen die Vertiefung der Haftungsunion \u2013 teilzunehmen. Mal wieder ein Aufruf, dem wohl ein Gegenaufruf folgen und der letztlich keine Auswirkungen haben wird, au\u00dfer dass man sich daf\u00fcr wiederholt rechtfertigen muss. Ist es wirklich n\u00fctzlich, wenn man ein weiteres Mal in die \u00d6ffentlichkeit geht und einen \u00d6konomenstreit vor aller Augen praktiziert?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Kurze Zeit sp\u00e4ter, auf der Jahrestagung des Vereins f\u00fcr Socialpolitik in Freiburg, widmete sich eine Paneldiskussion unter anderem auch der Frage, ob bzw. inwieweit Wirtschaftswissenschaftler wirtschaftspolitische Statements abgeben sollen (oder nicht). Eine Meinung bestand darin, Professoren sollten in der \u00d6ffentlichkeit allenfalls gesicherte, evidenzbasierte Wenn-dann-Aussagen kundtun. Von wirtschaftspolitischen Empfehlungen sei Abstand zu nehmen, dies sei Sache der Politiker. Eine andere Position war, dass wertfreie Sachaussagen kaum m\u00f6glich sind, da diese bereits Eingang finden durch die Auswahl der verwendeten Modellannahmen, in denen sich nicht selten die Grundhaltung des Wissenschaftlers spiegelt. Dar\u00fcber hinaus gebe es eine Nachfrage gerade nach solchen Inhalten.<\/p>\n<p>Derlei Grundfragen betreffen auch die Autoren und die Beitr\u00e4ge des Wirtschaftliche Freiheit-Blogs und sollen im Folgenden ein wenig genauer verfolgt werden. Dabei wird versucht, vor allem die folgenden vier Fragen zu beantworten: (1) Bis zu welchem Grad k\u00f6nnen Wirtschaftswissenschaftler gesicherte evidenzbasierte Aussagen \u00fcber die Realit\u00e4t machen? (2) Verleiht das Anf\u00fchren der Professorentitel eine ungerechtfertigte wissenschaftliche Autorit\u00e4t? (3) Wer ist eigentlich der Adressat solcher \u00f6ffentlichen wirtschaftspolitischen Statements? (4) Inwieweit kommt hier der offene Wettbewerb um wirtschaftspolitischen Positionen ins Spiel?<\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\">1.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Wie gesichert k\u00f6nnen wissenschaftliche wirtschaftspolitische Aussagen sein?<\/h1>\n<p>Der Untersuchungsgegenstand der Volkswirtschaftslehre ist ein \u00fcberaus komplexer Prozess, der nur in sehr unvollkommener Weise durch Modelle jeglicher Art erfasst werden kann. Letztlich enden all diese Versuche in einer Interpretation der Realit\u00e4t, die keineswegs eindeutig ausfallen muss. Ursache hierf\u00fcr sind auch die erkenntnistheoretischen Grenzen, denen (nicht nur, aber eben auch) die Wirtschaftswissenschaft unterliegt. Es ist bekannt, dass es nicht m\u00f6glich ist, wissenschaftlichen Aussagen endg\u00fcltig und unwiderruflich einen Wahrheitsstatus nachzuweisen (sie zu verifizieren). Ungl\u00fccklicherweise ist es ebenso wenig m\u00f6glich, wissenschaftliche Aussagen endg\u00fcltig zu widerlegen. Es ist grunds\u00e4tzlich immer m\u00f6glich, dass eine scheinbare Widerlegung einer Theorie darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, dass eine von zahllosen, nicht immer explizit genannten Annahmen eines empirischen \u00dcberpr\u00fcfungsversuches verletzt wurde. Die Geschichte der Entdeckung des Zwergplaneten Pluto (siehe <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=8537\">http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=8537<\/a>) liefert hier Anschauungsmaterial.<\/p>\n<p>Wenn also sowohl die Entdeckung von Wahrheiten als auch finale Widerlegungen nicht m\u00f6glich sind, bleiben vielleicht noch empirisch gesicherte Zusammenh\u00e4nge. Das neue Zauberwort in der \u00d6konomik lautet derzeit \u201eEvidenzbasierung\u201c, worunter die statistisch-\u00f6konometrische Fundierung von Sachaussagen verstanden wird. Ohne jeden Zweifel stellt das Bestreben, theoretische Wirkungsmuster empirisch zu fundieren, eine wichtige, unverzichtbare Aufgabe in der Wirtschaftswissenschaft dar. Doch auch der Bew\u00e4ltigung dieser Aufgabe sind Grenzen gesteckt. Zwar k\u00f6nnen mit Daten aus der Vergangenheit Aussagen \u00fcber die zeitweilige Vereinbarkeit von Theorien und Fakten f\u00fcr eben diese Vergangenheit abgesch\u00e4tzt werden, doch ist die G\u00fcltigkeit solcher Untersuchungen f\u00fcr die Zukunft durchaus fraglich. Permanente \u00c4nderungen in den Rahmendaten \u2013 Daten, die keinen Eingang in die verwendeten Modelle finden \u2013 k\u00f6nnen vermeintlich altbew\u00e4hrte Zusammenh\u00e4nge aushebeln und die aus der Theorie abgeleiteten Wirkungsprognosen wertlos machen.<\/p>\n<p>Verst\u00e4rkt wird dies dadurch, dass gerade in den politisch umstrittenen Fragen h\u00e4ufig auch kein wissenschaftlicher Konsens besteht. Der Dissens unter Fachleuten, die, jeder f\u00fcr sich, empirische Fakten, die ihre Position unterst\u00fctzen, ins Feld f\u00fchren k\u00f6nnen, zeigt die engen Grenzen gesicherter Wenn-dann-Aussagen. Letzeres ist \u00fcbrigens kein Versagen der Wissenschaft, es ist vielmehr der hohen Komplexit\u00e4t des zu Grunde liegenden Problems geschuldet.<\/p>\n<p><em>Gesicherte<\/em>, evidenzbasierte Wirkungsvorhersagen sind somit ein unerreichbares Ziel. Wenn dies also Voraussetzung f\u00fcr den Beitrag von Wissenschaftlern an der wirtschaftspolitischen Diskussion sein sollte, m\u00fcssten die Wissenschaftler wohl schweigen und die Diskussion den Journalisten, Politikern und sozialen Netzwerken \u00fcberlassen. Ob dies zu einer besseren Wirtschaftspolitik f\u00fchrt?<\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\">2.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Verleiht das Anf\u00fchren der Professorentitel eine ungerechtfertigte wissenschaftliche Autorit\u00e4t?<\/h1>\n<p>Wenn in Aufrufen oder in individuellen wirtschaftspolitischen Statements nun explizit die akademischen Titel angef\u00fchrt werden (\u201eWir \u2013 154 Wirtschaftsprofessoren \u2013 warnen \u2026\u201c oder \u201eStellungnahme von Prof. Dr. Max Mustermann\u201c), stellt sich f\u00fcr manche Diskussionsteilnehmer die Frage, ob damit eine unzul\u00e4ssige Vermischung von Amt und Aussage erfolgt.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal besagt die Anf\u00fchrung des Titels nicht mehr und nicht weniger, als dass der\/die Unterzeichner Fachleute sind, die sich hauptberuflich mit wirtschaftswissenschaftlichen Problemen besch\u00e4ftigen und dementsprechend h\u00e4ufig einen anderen Blickwinkel als Wirtschaftspraktiker haben. Keineswegs wird damit behauptet, dass im Folgenden wirtschaftswissenschaftlich unumst\u00f6\u00dfliche Wahrheiten verk\u00fcndet werden. Wie k\u00f6nnte es auch, nach dem was zuvor in Abschnitt 1 gesagt wurde?<\/p>\n<p>Die Volkswirtschaftslehre kann nur begr\u00fcndete, intersubjektiv nachvollziehbare Interpretationen der Realit\u00e4t liefern. Da es auch bei wirtschaftspolitischen Fragestellungen nicht das eine, wahre und umfassende Modell gibt, m\u00fcssen die verschiedenen in Theorie und Empirie diskutierten Effekte in irgendeiner Form \u2013 h\u00e4ufig intuitiv und auf der Erfahrung des einzelnen Forschers beruhend \u2013 gewichtet werden, um auf diese Weise eine Politikempfehlung zu generieren. Es ist eine Einsch\u00e4tzungsfrage, ob langfristig Moral-hazard-Probleme bei den Rettungspaketen Griechenlands h\u00f6her zu gewichten sind als drohende kurzfristige finanzielle Systeminstabilit\u00e4ten. Unterschiedliche Fachleute kommen so zu \u2013 jetzt nicht mehr intersubjektiv nachvollziehbaren \u2013 Unterschieden in den Empfehlungen.<\/p>\n<p>Nur weil der letzte Schritt nicht mehr dem wissenschaftlichen Kriterium der intersubjektive Nachvollziehbarkeit gen\u00fcgt, ist die damit verbundene Einsch\u00e4tzung jedoch nicht wissenschaftlich unbegr\u00fcndet. Die Anf\u00fchrung akademischer Titel ist also durchaus zu rechtfertigen.<\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\">3.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Der Adressat wirtschaftspolitischer Aufrufe<\/h1>\n<p>Wem gelten eigentlich wirtschaftspolitische Aufrufe und Stellungnahmen? Richten Sie sich an die Top-Politiker in den Ministerien oder gar an die Kanzlerin? Wohl kaum. Wenn man die gleichg\u00fcltige Art sieht, mit der die Kanzlerin das Gutachten des Sachverst\u00e4ndigenrates entgegennimmt, oder gar die schon ehrenr\u00fchrigen Kommentare von \u00f6konomisch nicht ausgebildeten Politikern zu Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats im Wirtschaftsministerium, dann ist ein Aufruf, der sich direkt an die Politik richtet, weitgehend sinnlos.<\/p>\n<p>Nein, der Adressat wirtschaftspolitischer Aufrufe ist die breite \u00d6ffentlichkeit, der vermittelt werden soll, dass eine nicht allzu geringe Zahl von akademischen Volkswirten Gefahren zu erkennen glaubt, die m\u00f6glicherweise vielen B\u00fcrgern nicht gegenw\u00e4rtig sind. Um jedoch die Zielgruppe zu erreichen, k\u00f6nnen keine abstrakten, wissenschaftlich pr\u00e4zisen Formulierungen verwendet werden, sondern es m\u00fcssen klare und vergleichsweise eindeutige Aussagen verwendet werden, die so in wissenschaftlichen Arbeiten kaum verwendet w\u00fcrden. Jeder Kritiker, der sich an Detailungenauigkeiten reibt, verkennt den eigentlichen Sinn und Zweck eines solchen Statements.<\/p>\n<p>Zudem ist es h\u00f6chst unwahrscheinlich, dass selbst die Unterzeichner in allen Punkten \u00fcbereinstimmen. Manch ein Wissenschaftler w\u00fcrde eher die Zahnb\u00fcrste eines Kollegen verwenden als dessen Theorie. Insofern ist jeder Aufruf unvermeidlich mit einer erheblichen wissenschaftlichen Unsch\u00e4rfe verbunden. Entscheidend d\u00fcrfte sein, dass die Sto\u00dfrichtung stimmt und ein vernachl\u00e4ssigtes Problem festgestellt wird.<\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\">4.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Der offene Wettbewerb um wirtschaftspolitische Inhalte<\/h1>\n<p>Geht es um die reine Wahrheit, so kann ihr Inhalt nicht von der Art des Prozesses abh\u00e4ngig sein, mit der sie aufgedeckt wird. Falls es eine Wahrheit gibt, so existiert sie unabh\u00e4ngig vom Forscher, der nach ihr sucht.<\/p>\n<p>In der Wirtschaftspolitik geht es jedoch nicht um objektive Wahrheiten, sondern darum Ma\u00dfnahmen durchzuf\u00fchren. Die praktizierte Wirtschaftspolitik ist das Ergebnis einer Vielzahl von Einflusskr\u00e4ften: Interessenverb\u00e4nde, Eigeninteresse der Politiker (in Regierung und Opposition), Wissenschaftler, Journalisten, soziale Netzwerke und selbst Stammtische.<\/p>\n<p>Aufrufe und Gegenaufrufe zur Wirtschaftspolitik f\u00fchren nur selten zu radikalen \u00c4nderungen in den Standpunkten aller Beteiligten. Ihr Hauptnutzen liegt darin, das Problembewusstsein zu sch\u00e4rfen. Der Vorzug wirtschaftspolitischer Aufrufe durch Wissenschaftler besteht darin, dass die meisten Unterzeichner keine pers\u00f6nlichen Interessen an der Fragestellung haben, was sie insbesondere von den Interessenverb\u00e4nden und Politikern unterscheidet. Insofern sind Stellungnahmen durch (zumeist verbeamtete) Wissenschaftler vertrauensw\u00fcrdiger als diejenigen anderer Akteure, und falls die Inhalte wissenschaftlich umstritten sind, l\u00e4sst sich ein Gegenaufruf relativ leicht organisieren.<\/p>\n<p>Die Forderung, Wissenschaftler m\u00f6gen sich ausschlie\u00dflich auf wissenschaftlich gesicherte Wenn-dann-Aussagen beschr\u00e4nken, gleicht einer Eintrittsbarriere in den Markt f\u00fcr die wirtschaftspolitische Willensbildung. Vielleicht w\u00e4re es ein lohnendes Unterfangen zu untersuchen, ob diejenigen, die einen solchen R\u00fcckzug fordern, nicht vor allem diejenigen Wissenschaftler sind, die von solchen Eintrittsbarrieren in besonderem Ma\u00df profitieren, da sie schon jetzt \u00fcber eine ausgezeichnete Vernetzung im Gesch\u00e4ft der Politikberatung verf\u00fcgen?<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon wieder so ein nerviger Professorenaufruf! 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