{"id":23804,"date":"2018-10-03T00:01:51","date_gmt":"2018-10-02T23:01:51","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=23804"},"modified":"2018-10-04T10:17:34","modified_gmt":"2018-10-04T09:17:34","slug":"die-ordnungsoekonomik-ist-kein-deutscher-spleen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=23804","title":{"rendered":"Die Ordnungs\u00f6konomik ist kein deutscher Spleen"},"content":{"rendered":"<p>Im Verlauf der Eurokrise regte sich einige Skepsis und vielleicht auch etwas Zorn gegen die Ordnungs\u00f6konomik. Die EZB begann mit ihrem Programm zum Ankauf von Staatsanleihen und wurde daf\u00fcr aus Deutschland kritisiert. Das weckte den Verdacht einer ideologischen Verbohrtheit auf deutscher Seite. Und mehr noch: Die Forderungen, dass parallel zur stark expansiven Geldpolitik Deutschland fiskalpolitisch als keynesianische Konjunkturlokomotive f\u00fcr Europa auftreten m\u00f6ge, fanden hierzulande ebenfalls keine Unterst\u00fctzung. K\u00fchl verwiesen die Bundesfinanzminister jeweils auf die Schuldenbremse und das Gebot, die eigenen Finanzen in Ordnung zu halten.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Warum also ist die deutsche Politik, jedenfalls nach dem Urteil einiger Nachbarl\u00e4nder, so renitent und uneinsichtig? Eine plausible Antwort lautet, dass es gute sachliche Einw\u00e4nde gegen eine fiskalisch expansive Rolle Deutschlands gibt. Die deutsche Volkswirtschaft ist inzwischen nahe am Kapazit\u00e4tslimit, eine \u00dcberhitzung sicher nicht w\u00fcnschenswert, aber ein zielsicheres \u00dcberschwappen von Nachfrage in diejenigen Euro-L\u00e4nder, die sie am n\u00f6tigsten h\u00e4tten, w\u00e4re reiner Zufall. Und das deutsche Stirnrunzeln, wenn wir nach Italien schauen und uns dort ein Einhalten der europ\u00e4ischen Defizitregeln w\u00fcnschen? Auch hierf\u00fcr findet man gute sachliche Gr\u00fcnde, etwa die \u2014 auch nach Reinharts und Rogoffs Excelfehler \u2014 noch existierenden empirischen Hinweise darauf, dass sehr hohe Schuldenst\u00e4nde das Wirtschaftswachstum beeintr\u00e4chtigen.<\/p>\n<p>Eine andere Geschichte wird in den eher simpel-keynesianisch orientierten Kolumnen einiger Wirtschaftszeitungen erz\u00e4hlt, n\u00e4mlich die Geschichte von den sturen Deutschen, deren \u00f6konomisches Denken auf ewig von der kauzigen, lokalen Tradition der Ordnungs\u00f6konomik verdorben sei, die sozusagen das Dirndl unter den \u00f6konomischen Theorien darstelle. Man stellt sich das in diesen Kreisen etwa so vor: Vor vielen Jahren kamen Walter Eucken und Ludwig Erhard zur\u00fcck vom Berg und brachten Steintafeln mit, auf denen ordnungspolitische Gebote festgehalten waren. Seitdem besteht Ordnungspolitik darin, diese immer gleichen Grunds\u00e4tze in wirtschaftspolitische Praxis umzusetzen. Den Anschluss an die internationale Fachdiskussion dagegen hat, so geht die Geschichte, die Ordnungs\u00f6konomik l\u00e4ngst verloren.<\/p>\n<p>Ganz so ist es nat\u00fcrlich nicht. Es stimmt, dass sich die Ordnungs\u00f6konomik vor allem f\u00fcr Regeln interessiert. Das liegt in der Natur der Sache: Diskretion\u00e4re, punktuelle Eingriffe in den wirtschaftspolitischen Prozess erfordern, wenn sie erfolgreich sein sollen, Politiker, die viel wissen und das Richtige wollen. Beides kann man nicht ohne weiteres voraussetzen, bei allem Respekt vor den handelnden Personen. Bereits die fr\u00fchen Ordnungs\u00f6konomen wussten sehr genau aus den Erfahrungen der Zwischenkriegszeit und des Nationalsozialismus, wie anf\u00e4llig staatliche Entscheidungstr\u00e4ger f\u00fcr das Wirken von Interessengruppen sind. Den Weg zu einem \u201e starken\u201c Staat, der \u00fcber diesen Sonderinteressen steht, sahen sie in einer Regelorientierung seines Handelns: Idealerweise sollte er allgemeine, denn Wettbewerb absichernde Spielregeln setzen, aber sich des Eingriffs in Spielergebnisse m\u00f6glichst enthalten.<\/p>\n<p>Das Wissensproblem dagegen hat zuvor niemand so gr\u00fcndlich untersucht wie Friedrich von Hayek, der den Markt immer vor allem als Mechanismus sah, der verstreutes Wissen effizient so koordiniert, dass es sinnvoll genutzt werden kann. Der Preismechanismus bringt Leute, die sich gar nicht kennen, dazu, konstruktiv zu kooperieren. Aber das bedeutet eben auch, dass f\u00fcr effiziente politische Eingriffe in den Marktprozess oft das beim politischen Entscheidungstr\u00e4ger zentralisierbare Wissen schlicht nicht ausreicht. Also wiederum: Regelorientierung, Sicherung des Wettbewerbsprozesses, anstelle von diskretion\u00e4ren Eingriffen.<\/p>\n<p>Dass der Staat sich darauf konzentrieren soll, Regeln zu setzen, weil es sonst Probleme mit Macht und Wissen gibt, ist gut ber\u00fcndet, immer noch, auch in Zeiten des Internets und der riesigen Rechenkapazit\u00e4ten \u2014 die diesbez\u00fcglichen Ergebnisse der alten <i>socialist calculation debate<\/i> nicht technologieabh\u00e4ngig, sondern prinzipiell, und die Gefahr der Kollusion mit Sonderinteressen ist es sowieso. Die Regelorientierung ist also sozusagen das Fundament, \u00fcber dem die Ordnungs\u00f6konomik auch heute noch konstruiert ist, und insoweit bleiben nat\u00fcrlich auch die Altvorderen wie Franz B\u00f6hm, Walter Eucken und Friedrich von Hayek hoch relevant. Aber zum Fundament kam eben in den vergangenen Jahrzehnten doch noch einiges dazu.<\/p>\n<p>Aus den USA kam <i>Public Choice<\/i>, die Analyse politischer Entscheidungsverfahren mit \u00f6konomischen Modellen. \u00d6konomen wie der Nobelpreistr\u00e4ger James M. Buchanan, wie Gordon Tullock oder Geoffrey Brennan zeigten, dass auch der Staat Regeln braucht. Das passte zur Ordnungs\u00f6konomik: Wenn der Staat sich darauf beschr\u00e4nken soll, die Regeln des Marktes zu setzen, anstatt diskretion\u00e4r einzugreifen, dann muss man auch den Spielraum des Staates durch verfassungsm\u00e4\u00dfige Grenzen beschr\u00e4nken, denn sonst werden politische Akteure letztlich doch tun, was sie \u2014 eigenn\u00fctzig und nicht am Gemeinwohl orientiert \u2014 tun wollen. Ordnungs\u00f6konomik und <i>Public Choice<\/i>, vor allem aber die <i>Constitutional Economics<\/i> als deren Teilgebiet, wuchsen zusammen. Auch durch enge pers\u00f6nliche Kooperationen, gemeinsame Forschungsprojekte und \u00d6konomen, die in beiden Traditionen verankert waren, verschwommen die Grenzen zwischen diesen Teildisziplinen und die Ordnungs\u00f6konomik wurde endg\u00fcltig ein internationales Projekt.<\/p>\n<p>Impulse kamen auch aus der Makro\u00f6konomik. Die beiden sp\u00e4teren Nobelpreistr\u00e4ger Kydland und Prescott analysierten in einem 1977 erschienenen Papier das Problem der Zeitinkonsistenz, das dann folgt, wenn Wirtschaftspolitiker immer wieder Anreize haben, von langfristig sinnvoller Politik kurzfristig abzuweichen. Ihr Pl\u00e4doyer lautete: <i>rules, rather than discretion<\/i>. Pl\u00f6tzlich war auch f\u00fcr moderne Makro\u00f6konomen die Frage interessant, ob und mit welchen Regeln sich die Wirtschaftspolitik sinnvollerweise wie Odysseus an den Mast des eigenen Schiffes binden kann, um dem Gesang der Sirenen nicht zu folgen.<\/p>\n<p>Auch ihre eigenen normativen Grundlagen hat die Ordnungs\u00f6konomik modernisiert. Vor allem Viktor Vanberg hat in zahlreichen Schriften eine enge Verbindung der Ordnungs\u00f6konomik zum vertragstheoretisch fundierten verfassungs\u00f6konomischen Ansatz der <i>Virginia School<\/i> um James Buchanan geschaffen. Das Kriterium f\u00fcr gute Regeln ist, dass sie f\u00fcr m\u00f6glichst viele B\u00fcrger zustimmungsf\u00e4hig sind. In der Praxis bedeutet dies, dass Ordnungs\u00f6konomik kein Elitenprojekt ist, sondern an den B\u00fcrger als Ansprechpartner gerichtet sein sollte. Der B\u00fcrger sollte dar\u00fcber aufgekl\u00e4rt werden, welche ordnungspolitischen Spielregeln mit welchen Ergebnissen verbunden sind. Darin unterscheidet sich die Ordnungs\u00f6konomik deutlich von der neoklassischen Wohlfahrts\u00f6konomik, die Ratschl\u00e4ge f\u00fcr effizientes diskretion\u00e4res Eingreifen an interessenlose Philosophenk\u00f6nige gibt, die wahrscheinlich gar nicht existieren.<\/p>\n<p>Will man den B\u00fcrger in dieser Form beraten, dann ben\u00f6tigt man empirisches Wissen \u00fcber die Funktionsweise von (wirtschafts-)politischen Regeln. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass ordnungs\u00f6konomische Forschung heute sehr stark empirisch orientiert ist. Sie unterscheidet sich auf der methodischen Ebene daher sehr h\u00e4ufig gar nicht mehr von anderen Forschungszweigen. Das, was Ordnungs\u00f6konomik ausmacht, ist die Fragestellung \u2014 der Fokus auf die Regelebene. Aber dann kommen auch formale theoretische Modelle und aktuelle \u00f6konometrische Methoden zum Einsatz, die man in allen anderen Teilgebieten der Volkswirtschaftslehre auch nutzt.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zum Anfang dieses Beitrags: Schaut man in die aktuelle Literatur, dann erscheint nicht mehr die Ordnungs\u00f6konomik, sondern die eingangs angesprochene simpel-keynesianische Perspektive antiquiert. Es gibt schlie\u00dflich empirische Evidenz, die auf Nachteile einer nicht-regelorientierten Finanzpolitik recht deutlich hinweist. Gerade in einer W\u00e4hrungsunion, in der immer wieder auch Anreize zu Freifahrer verhalten und mehr oder weniger begr\u00fcndete Bailout-Erwartungen eine Rolle spielen, gibt es gute Gr\u00fcnde, Regeln als Leitplanken einzuziehen und tagespolitischen Opportunismus zu begrenzen.<\/p>\n<p>Evidenz f\u00fcr die Existenz einer guten Politik-Fee, die Wohlfahrtsfunktionen maximiert, haben wir dagegen bisher nicht. Ob man vor diesem Hintergrund der Ordnungs\u00f6konomik Antiquiertheit vorwerfen und auf simplen Pal\u00e4o-Keynesianismus setzen sollte? Wenn man die letztem Jahrzehnte nicht auf einer einsamen Insel ohne Zugang zu aktueller Fachliteratur verbracht hat, ist die Antwort klar.<\/p>\n<p><strong>Blog-Beitr\u00e4ge zum Thema:<\/strong><\/p>\n<p>Wolf Sch\u00e4fer: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=21056\">Ist die Soziale Marktwirtschaft noch ein modernes Forschungsfeld?<\/a><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Verlauf der Eurokrise regte sich einige Skepsis und vielleicht auch etwas Zorn gegen die Ordnungs\u00f6konomik. 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