{"id":23848,"date":"2018-10-07T00:01:15","date_gmt":"2018-10-06T23:01:15","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=23848"},"modified":"2018-10-07T06:09:54","modified_gmt":"2018-10-07T05:09:54","slug":"politischer-paradigmenwechsel-thomas-kuhn-deutschland-und-europa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=23848","title":{"rendered":"Politischer Paradigmenwechsel <br\/><font size=3; color=grey>Thomas Kuhn, Deutschland und Europa<\/font>"},"content":{"rendered":"<p><strong>1. Thomas S. Kuhns Paradigma<\/strong><\/p>\n<p>In Deutschland d\u00e4mmert es, in Europa auch: Die gewohnten politischen Paradigmen zerfallen zusehends, neue Ideen kommen in die politische Arena. Es war der US-amerikanische Physiker und Wissenschaftstheoretiker Thomas S. Kuhn, der 1962 in seinem epochemachenden Werk \u00fcber die \u201eStruktur wissenschaftlicher Revolutionen\u201c den Begriff des Paradigmas und damit auch des Paradigmenwechsels in die (zun\u00e4chst) wissenschaftliche Diskussion eingef\u00fchrt hat. Er erkl\u00e4rt den wissenschaftlichen Fortschritt mit einer revolution\u00e4ren Abl\u00f6sung eines alten durch ein neues Paradigma. Ein Paradigma ist ein System an Grund\u00fcberzeugungen, die die Vertreter einer Disziplin oder \u201eSchule\u201c verbinden, also die gemeinsamen Wertvorstellungen, Vorurteile, Urteile, Methoden und Ausdrucksmittel. Das nennt Kuhn die \u201eNormalwissenschaft\u201c. Au\u00dferhalb des Paradigmas der Normalwissenschaft existieren andere Grund\u00fcberzeugungen als \u201eAnomalien\u201c, als abweichende Randpositionen ohne allgemeine Akzeptanz. So dominiert und verdr\u00e4ngt die Normalwissenschaft als paradigmatisches Kartell der \u201enormalen\u201c Wissenschaftsanbieter die \u201eAnomalien\u201c der Au\u00dfenseiter. Innerhalb dieses etablierten Anbieterkartells gibt es im Rahmen des allgemein akzeptierten Paradigmas durchaus Wettbewerb der Ideen, also Projektrivalit\u00e4ten, jedoch auch Coopetition, also Kooperation im Wettbewerb.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Aber dieses monopolistische Normal-Kartell steht durchaus im, zun\u00e4chst intensit\u00e4tsschwachen, Wettbewerb mit den abweichenden \u201eanomalen\u201c Au\u00dfenseitern. Im Laufe der Zeit, so die Erfahrung, lassen sich die Ph\u00e4nomene dieser Welt aber nicht mehr mit dem Paradigma der Normalwissenschaft erkl\u00e4ren: Das Normalparadigma erscheint zunehmend als Anomalie, ohne dass ihre Dominanz aber schon als gef\u00e4hrdet gelten kann. Schlie\u00dflich wird jedoch, zum Beispiel, das ptolem\u00e4ische Weltbild durch das kopernikanische ersetzt, sozusagen \u201erevolution\u00e4r\u201c gest\u00fcrzt. Zu diesem revolution\u00e4ren\u00a0\u00a0 Paradigmenwechsel als Tabubruch \u00a0kommt es, wenn aus dem etablierten Kartell der \u201eNormalanbieter\u201c, aber vor allem aus der Szene der Au\u00dfenseiter eine neue Sicht der Dinge dieser Welt \u00fcberzeugend angeboten werden. Die neue und die alte Sicht unterliegen der Inkommensurabilit\u00e4t : Sie sind nicht vergleichbar, jedenfalls ist das Neue nicht mit den Ma\u00dfst\u00e4ben der alten Sicht zu messen und zu verstehen: Kopernikus kann nicht aus der Sicht von Ptolem\u00e4us erkl\u00e4rt werden.<\/p>\n<p>Zum Paradigmenwechsel braucht es jedoch eine kritische Masse von Au\u00dfenseitern, die die Gl\u00e4ubiger der bisherigen Paradigmen entmachten und einen Paradigmenwechsel \u00fcberzeugend einleiten. Diese kritische Masse bildet sich, wenn sich gen\u00fcgend viele Protagonisten des neuen Paradigmas finden, wenn also die Zeit daf\u00fcr \u201ereif\u201c ist, Neues zukunftsorientiert \u00fcberzeugend zu denken. Wer dem alten Paradigma verhaftet bleibt, verschwindet \u00fcber kurz oder lang aus dem dominanten \u201eNormalen\u201c in die unbedeutende Anomalie und damit schlie\u00dflich ins Vergessen. So kann man sagen, dass es die Diskontinuit\u00e4t ist, die die Entwicklung einerseits von der Anomalie zur Normalit\u00e4t und andererseits von den Erstarrungen der Normalit\u00e4t zur Anomalie kennzeichnet. Man kann auf Schumpeter verweisen, der\u00a0 von \u201eunsteten St\u00f6\u00dfen\u201c spricht, die die Zeiten relativer Ruhe trennen und die \u201eSch\u00f6pferische Zerst\u00f6rung\u201c demonstrieren.<\/p>\n<p><strong>2. <\/strong><strong>Paradigmenwechsel in Deutschland<\/strong><\/p>\n<p>Vor diesem analytischen Hintergrund erscheint es geradezu faszinierend, die gegenw\u00e4rtigen Aktivit\u00e4ten in der deutschen Politik-Arena unter die Lupe zu nehmen. Das parteipolitische Agieren kennzeichnet eine Zeit des d\u00e4mmernden, aber noch gehemmten Paradigmenwechsels. Dieser wird sich nach der Bayern- und Hessenwahl vermutlich machtvoll entfalten. Denn die Parteien als oligopolistische Paradigmen-Anbieter k\u00f6nnen sich mit ihren Programmen auf ihre Stammw\u00e4hler nicht mehr verlassen, weil sie ihnen weitgehend weglaufen. Die Folge ist, dass die Parteienlandschaft sich zusehends atomisiert. Der inter-parteiliche politische Wettbewerb funktioniert. Und der politische Wettbewerb auch innerhalb der Parteienfamilien unterminiert deutlich die intra-politischen Paradigmen:<\/p>\n<p>Bei den Linken hei\u00dft es \u201eAufstehen\u201c als Gegenbewegung innerhalb des\u00a0 gewohnten linken Bundestagsparadigmas, das sich zerfledert und deshalb mit dem Kuhnschen Terminus der disziplin\u00e4ren Matrix tituliert werden kann, die sich innerhalb eines \u00fcbergeordneten \u2013 hier sozialistischen \u2013 Paradigmas mit speziellen Paradigmen, also politischen Einzelprojekten, herausbildet. Bei der CDU wird der inhaltliche Paradigmenwechsel zurzeit vor allem personalpolitisch inkorporiert und \u00fcberlagert: Brinkhaus, Kramp-Karrenbauer, Spahn repr\u00e4sentieren wohl die von der \u00a0Bayern- und Hessen-Wahl gepr\u00e4gte Warteschleife zum inhaltlichen Paradigmenwendel. Durch diese Funktionstr\u00e4ger scheint inhaltlich und personell im Team der Parteispitze ein zuk\u00fcnftiger Paradigmenwechsel vor allem im Sinne der disziplin\u00e4ren Parteimatrix alsbald wahrscheinlich. Dieser Wechsel wird wohl, wenn nicht alles in den drei Pers\u00f6nlichkeiten t\u00e4uscht, in der Partei Ludwig Erhards eine paradigmatische Hinwendung zu wieder mehr Marktwirtschaft und weniger staatliche (\u00dcber-)Regulierung bedeuten (m\u00fcssen). In der CSU ist der personelle Paradigmenwechsel mit S\u00f6der wohl\u00a0 durchgef\u00fchrt, inhaltlich lugt der Suchprozess durch ihn nach paradigmatischer Erneuerung hervor, der sich wohl nach der Bayernwahl erst bahnbricht und nicht ohne den k\u00fcnftigen Koalitionspartner ausgelebt werden kann.<\/p>\n<p>Die SPD stochert in der Post-Schulz-Suche nach einem neuen inhaltlichen Paradigma bisher erfolglos herum, nachdem die \u201eSoziale Gerechtigkeit\u201c als paradigmatischer Wahlslogan und zugleich als \u00a0hayeksches Wieselwort keine gen\u00fcgende W\u00e4hlerakzeptanz bekommen hat. Traditionell dem Arbeitermilieu verbunden, f\u00e4llt der SPD der Paradigmenwechsel zu modernen Arbeitsmarktinstitutionen mit reduzierter traditioneller Gewerkschaftsmacht offenbar schwer. Die Liberalen warten auf die Bildung einer gen\u00fcgend gro\u00dfen kritischen Masse der Stimmen im Bundestag, vermutlich um diese im potentiellen Paradigmenwechsel in einer neuen Koalition zu mehr freiheitsorientierter Politik wahlstrategisch zu unterst\u00fctzen. Mit ihrem Verlangen nach der Kanzlerin-Vertrauensfrage sind sie der Kuhnschen Terminologie des revolution\u00e4ren Paradigmenwechsels wohl am n\u00e4chsten. Die Gr\u00fcnen versuchen offenbar, ihr traditionelles Paradigmen-Schild der B\u00fcrgerbevormundung, des Vorschreibens, Regulierens und Bestrafens mit \u00a0den neuen F\u00fchrungsteams scheinbar abzumildern, aber nicht paradigmatisch aufzugeben. Denn das Traditionsparadigma der besseren gr\u00fcnen Moral, die die \u00f6konomische \u00a0Ratio dominieren m\u00fcsse, kommt bei vielen W\u00e4hlern zurzeit gut an. Die AfD muss sich inhaltlich erst finden, sie ist sozusagen in einer vorparadigmatischen Phase, um dem Begriff des Normalparadigmas\u00a0 sowie des inhaltlichen Paradigmenwechsels unterliegen zu k\u00f6nnen. Sie ist eher noch eine flatternde disziplin\u00e4re Matrix. Nicht zu leugnen ist jedoch, dass sie im politischen Parteienwettbewerb wechselparadigmatisch auf die anderen Parteien einwirkt. Dabei gilt wohl, was die beim W\u00e4hlervolk politisch gew\u00fcnschten Inhalte anlangt, signifikant das Prinzip der inter-parteilichen kommunizierenden R\u00f6hren: Was die einen Parteien paradigmatisch vernachl\u00e4ssigen, fangen andere auf.<\/p>\n<p><strong>3. Paradigmenwechsel in Europa<\/strong><\/p>\n<p>In Sachen Europa ist die Flucht aus den gewohnten Paradigmen, wie sie von den EU-Politikern als kanonische \u00a0Dogmen schon jahrzehntelang vorgetragen werden, bereits l\u00e4nderunterschiedlich real vorhanden, der Paradigmenwechsel l\u00e4uft. Das urspr\u00fcngliche EU-Paradigma der <em>ever closer union<\/em>, das dem europ\u00e4ischen Integrationsprozess unumkehrbar unterliege, wird von immer weniger Staaten noch akzeptiert. Sie bef\u00f6rdern es im Kuhnschen Sinne vom Zustand des Normalparadigmas zur Anomalie. Dabei ist Gro\u00dfbritanniens Brexit-Wunsch die Speerspitze der EU-paradigmatischen Exit-Option. Vor allem Frankreich, Italien und die Mittelmeerstaaten dominieren die Abschaffung bzw. Nichtbeachtung der kodifizierten Paradigmen der Eigenverantwortung jedes Landes f\u00fcr seine Wirtschafts-, insbesondere Finanzpolitik der Stabilit\u00e4tsorientierung und Verschuldungsdisziplin. Die EZB-Politik untergr\u00e4bt\u00a0 dieses national-orientierte Stabilit\u00e4tsparadigma durch ihre Nullzinspolitik, die ihr Pr\u00e4sident Draghi f\u00fcr das monet\u00e4re Normalparadigma h\u00e4lt, obwohl die \u00f6konomisch desastr\u00f6sen Folgen offenliegen und als schwere Anomalie bezeichnet werden k\u00f6nnen. Vielmehr verweigert Draghi bisher einen monet\u00e4r-politischen Paradigmenwechsel, zum Beispiel hin zur \u00d6sterreichischen Schule der Klassifikation Mieses\/Hayek, deren Qualit\u00e4t Draghi im Vergleich zu seiner geldpolitischen Philosophie offenbar als Anomalie betrachtet. Einen m\u00f6glichen Paradigmenwechsel hat er f\u00fcr fr\u00fchestens Herbst 2019 angek\u00fcndigt.<\/p>\n<p>Das national orientierte Paradigma der Selbstverantwortung, das in der EU zunehmend durch das im hayekschen Sinne wieselwortartige Paradigma der Solidarit\u00e4t ersetzt worden ist, wird oft genug f\u00e4lschlicherweise als R\u00fcckschritt zum Paradigma des gef\u00e4hrlichen Nationalismus klassifiziert, das es in Europa und \u00fcberhaupt in einer Welt der Globalisierung zu \u00fcberwinden gelte. Dabei wird die Tatsache \u00fcbersehen, dass das Nationale nicht nur die Wurzel der Vielfalt Europas bildet, sondern auch das f\u00fcr den Erhalt dieser Vielfalt notwenige Paradigma des inter-nationalen Institutionenwettbewerbs garantiert. Hier wird dann das Nationale grunds\u00e4tzlich nicht mehr als integrationspolitische Anomalie, sondern zunehmend wieder als Normalparadigma f\u00fcr den EU-Integrationsprozess klassifiziert. Die Entwicklungen in Polen, Ungarn, der Slowakei und anderen EU-Staaten dokumentieren differenzierte Formen der EU-paradigmatischen Wechselbereitschaft mindestens im Sinne der disziplin\u00e4ren Matrix Kuhnscher Provenienz. Was in der EU in Bezug auf diese L\u00e4nder als Weg in die demokratische Anomalie angesehen wird, halten diese ihren abweichenden Weg als \u00a0\u00a0Normalparadigma. Italien spielt sichtbar auch mit dem Itex-Paradigmenwechsel, verbunden mit Ideen zum Euro-Austritt, die vielleicht nur theoretisch und als Drohgeb\u00e4rde gemeint sind, aber doch nicht ins total Unwahrscheinliche und Inakzeptable abzuschieben sind. Ganz im Gegensatz zu den gegenw\u00e4rtigen Pl\u00e4nen zur Erh\u00f6hung des Staatsdefizits, wird Italien \u2013 und nicht nur dieses Land \u2013 nicht herumkommen, in der Verschuldungsfrage schnell einen Paradigmenwechsel einzuleiten, der aus dem gegenw\u00e4rtig Anomalen seiner \u00dcberschuldungssituation zur Normalsituation der langfristigen Schuldentragbarkeit f\u00fchrt.<\/p>\n<p><strong>\u00a04. <\/strong><strong>Fazit <\/strong><\/p>\n<p>Was ist das Normalparadigma in der Politik, was ist politische Anomalie? Thomas S. Kuhns Konzept des Paradigmas und des (revolution\u00e4ren) Paradigmenwechsel ist als originelle Grundlage f\u00fcr die Analyse der gegenw\u00e4rtigen politischen Trends in Deutschland und Europa fruchtbar. Paradigmen und Paradigmenwechsel zeugen von Vielfalt und von Ver\u00e4nderungen erstarrter politischer Weltbilder. Sie sind die Treiber des Fortschritts. Vielfalt im politischen Deutschland hei\u00dft zum Beispiel, dass zuk\u00fcnftige Koalitionen sich bilden (k\u00f6nnen), die nicht unbedingt die Abstimmungsmehrheit im Bundestag besitzen, die Minderheitsregierungen also nicht als Anomalien betrachten, sondern durchaus als Normalinstitutionen. Diese m\u00fcssen sich dann bew\u00e4hren und, wenn nicht, als Anomalien verschwinden. Was Europa betrifft, so kollidiert die Erstarrung des offiziellen EU-Weltbildes der zentralisierten <em>ever closer union<\/em> als zunehmende Anomalie mit dem zukunftsorientierten Normalparadigma eines Europas der nationalen Vielfalt, der Differenzierung, des Unterschieds.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Thomas S. 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