{"id":24098,"date":"2018-11-18T00:01:45","date_gmt":"2018-11-17T23:01:45","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=24098"},"modified":"2018-11-25T15:01:22","modified_gmt":"2018-11-25T14:01:22","slug":"junge-autoren-der-fruehe-ordoliberalismus-als-berater-des-nationalsozialismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=24098","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Junge Autoren <\/font><br>Der fr\u00fche Ordoliberalismus als Berater des Nationalsozialismus?"},"content":{"rendered":"<p>Im Zuge der Eurokrise r\u00fcckte auf einmal der Ordoliberalismus, der ansonsten an den internationalen volkswirtschaftlichen Fakult\u00e4ten nur wenig Aufmerksamkeit bekommt, in den Vordergrund der akademischen Diskussionen. Pl\u00f6tzlich wurde er, ausgel\u00f6st durch die \u201e<em>Austerit\u00e4tspolitik<\/em>\u201c, die vor allem, aber nicht nur auf das Konto der Bundesregierung geht, wieder ausgegraben. Um es mit den Worten von Pigou und den Ansichten mancher Kritiker zu sagen: \u201e<em>the wrong opinions of dead men<\/em>\u201c, wurde mit dem Ordoliberalismus ein vermeintlicher Schuldiger f\u00fcr eine Politik gefunden, die von dem ehemaligen griechischen Finanzminister Varoufakis schon mal als \u201e<em><a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/international\/der-abtritt-des-demagogen-1.18575332\">fiskalisches Waterboarding<\/a><\/em>\u201c bezeichnet wurde. Die Debatte \u00fcber die Austerit\u00e4tspolitik und der angebliche \u201e<em>long shadow of ordoliberalism<\/em>\u201c f\u00fchrten zu heftiger Kritik am Ordoliberalismus, der manche Autoren sogar eine Verbindung zum \u201e<em><a href=\"http:\/\/ceenewperspectives.iir.cz\/2017\/08\/30\/online-first-forum-when-one-religious-extremism-unmasks-another\/\">religi\u00f6sen Extremismus<\/a><\/em>\u201c sehen l\u00e4sst.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Da dauerte es nicht lange, bis auch die ersten Autoren \u2013 nach dem Vorbild Dieter Haselbachs (1991) \u2013 versuchten, Verbindungen zwischen den Gr\u00fcnderv\u00e4tern des Ordoliberalismus, vor allem Walter Eucken und Franz B\u00f6hm, und dem Nationalsozialismus zu etablieren. So werden Thomas Biebricher und Frieder Vogelmann in ihrem 2017 ver\u00f6ffentlichtem Buch \u201e<em><a href=\"https:\/\/www.rowmaninternational.com\/book\/the_birth_of_austerity\/3-156-ba1b44c6-f9da-4181-a463-a16fd6f96d42\">The Birth of Austerity: German Ordoliberalism and Contemporary Neoliberalism<\/a><\/em>\u201c nicht m\u00fcde, mit erhobenen Zeigefinger auf derartige, aus ihrer Sicht politisch-moralisch bedenklichen Verbindungen hinzuweisen, obwohl es in ihrem Buch eigentlich um die europ\u00e4ische Austerit\u00e4tspolitik geht. Zwar seien Eucken &amp; Co. keine \u201e<em>intellectual collaborators<\/em>\u201c, allerdings sehen sie die im NS-Deutschland publizierten Texte als direkte Beratung f\u00fcr das Naziregime. So sei zwar Franz B\u00f6hm nicht unbedingt ein Nazi gewesen, h\u00e4tte aber mit seinen \u201e<em>valuable and usable<\/em>\u201c Empfehlungen in Kauf genommen, der Diktatur zu helfen, ungeachtet des Widerstands durch die Freiburger Kreise gegen den Nationalsozialismus.<\/p>\n<p>Betrachtet man die tats\u00e4chliche Wirtschaftspolitik zwischen 1933 und 1945, so scheinen die von Biebricher und Vogelmann als Empfehlungen verstandenen Werke jedenfalls keinen Einfluss gehabt zu haben. Denn im Grunde genommen kann die Wirtschaftspolitik der Nationalsozialisten als der letztlich gescheiterte Versuch, ein Koordinationsproblem zu l\u00f6sen, das durch den Anspruch des Nationalsozialismus erst geschaffen wurde, beschrieben werden. Der Anspruch lag darin, die Gesellschaft inklusive all ihrer Teilsysteme entsprechend politischer Vorgaben zu steuern, damit diese den Vorstellungen der Politik entsprachen. Die Politik beanspruchte damit nicht nur ein Steuerungsprimat, sie unterstellte sich selbst auch die F\u00e4higkeit, dieses Primat effektiv umsetzen zu k\u00f6nnen. Es lag gerade im Selbstverst\u00e4ndnis der Diktatur, sich die Kompetenz zuzuschreiben, die Gesellschaft in einem eindeutigen Sinne steuern zu k\u00f6nnen. So war es doch gerade das Fehlen dieser Kompetenz, das man den politischen Gegnern der Vergangenheit, insbesondere w\u00e4hrend der Weltwirtschaftskrise, unterstellte. \u201e<em>Die sekund\u00e4re Rolle der Wirtschaft<\/em>\u201c und das Primat der Politik k\u00f6nnen als Kernst\u00fcck Hitlers Wirtschaftsauffassung betrachtet werden. So war es f\u00fcr Hitler \u201e<em>Wahnsinn<\/em>\u201c zu glauben, \u201e<em>man k\u00f6nne eines Tages durch die Wirtschaft das Reich emporheben<\/em>.\u201c Folgerichtig sah man die nach der Machtergreifung entstandenen Steuerungsprobleme als behebbare Fehler der Politik an. Das f\u00fchrte zwangl\u00e4ufig zu einem Widerspruch zwischen Steuerungsanspruch und Steuerungsm\u00f6glichkeit, der durch Neuorganisierung und Neubesetzung von verantwortlichen Personen unsichtbar gehalten wurde. Ansonsten h\u00e4tte man sich die Grenzen der Diktatur klar machen m\u00fcssen. So konnte sich hinter der Ausrede versteckt werden, dass der Verantwortliche es einfach nicht konnte \u2013 also austauschen, wie bei Fu\u00dfballbundesligatrainern. Dies steht im diametralen Widerspruch zu Euckens Vorstellungen einer funktionsf\u00e4higen Wirtschaftsordnung. Der Staat solle zwar die Rahmenordnung f\u00fcr das wirtschaftliche Geschehen planen und durchsetzen, allerdings nicht als Primat, sondern allein daf\u00fcr, dass sich der Wirtschaftsprozess m\u00f6glichst effizient und vollkommen frei \u2013 innerhalb der Spielregeln \u2013 entfalten k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Obwohl die Diktatur trotz eigentlicher Planung von der Verstaatlichung von Unternehmen absah und weiterhin auf dezentrale Entscheidungstr\u00e4ger, wie in Speers Ministerium f\u00fcr R\u00fcstung und Kriegsproduktion oder bei der Vierjahresplanbeh\u00f6rde unter Hermann G\u00f6ring setzte, griff die Politik in die Handlungsspielr\u00e4ume von Unternehmen ein. So konnten Ressourcen auch gegen den Willen der Unternehmen f\u00fcr die Aufr\u00fcstung verwendet werden, wodurch der Staat sicherstellte, dass sie etwas taten, f\u00fcr das sie sich vor 1933 nicht freiwillig entschieden h\u00e4tten. Investitions- und Produktionsentscheidungen an den Bed\u00fcrfnissen des Krieges (des Staates) auszurichten, k\u00f6nnte nicht deutlicher dem Grundprinzip einer Marktwirtschaft widersprechen, in der der Staat nach Eucken daf\u00fcr sorgen sollte, dass Unternehmen sich im Wettbewerb entfalten k\u00f6nnen. Zudem war man der Auffassung, dass der Staat in jedem Fall das Recht und die Pflicht habe, besondere privatwirtschaftliche Interessen \u2013 also eine direkte Wettbewerbsverzerrung \u2013 durchzusetzen. Hitler wandte sich demnach direkt gegen den ordoliberalen Grundgedanken, dass der Staat vor allem f\u00fcr die g\u00fcnstige Gestaltung des wirtschaftlichen Lebens des Einzelnen gem\u00e4\u00df dem Subsidiarit\u00e4tsprinzip verantwortlich sei.<\/p>\n<p>Vermeintliche Beratungsangebote der Ordoliberalen w\u00e4ren wohl so oder so nicht angenommen worden und wenn doch, dann k\u00f6nnen sie nicht umgesetzt worden sein, da faktisch kein Einfluss nachweisbar ist. Erstens bezeichnete Hitler die Volkswirtschaftslehre generell als dogmatisch und blind f\u00fcr die Wirklichkeit. Er hingegen w\u00fcrde er ein Programm der Realit\u00e4t vertreten. Seine Verachtung gegen\u00fcber der akademischen Volkswirtschaftslehre dr\u00fcckte er am 12. November 1941 wie folgt aus: \u201e<em>Der Kontinent lebt auf. Wir brauchen blo\u00df f\u00fcr die n\u00e4chsten zehn Jahre alle Lehrst\u00fchle f\u00fcr Volkwirtschaft zuzusperren<\/em>\u201c. Nun k\u00f6nnte man meinen, dass sich das manche heute auch noch so w\u00fcnschen werden, es zeigt aber zumindest eine volkswirtschaftliche Beratungsresistenz.<\/p>\n<p>Schlussendlich stehen Hitlers Ansichten im direkten Widerspruch zu den Ideen Euckens und B\u00f6hm. Hitler verstand unter einem geordneten Wirtschaftsleben eine dominierende Rolle der politischen F\u00fchrung, deren \u2013 f\u00fcr allgemeing\u00fcltig erkl\u00e4rte \u2013 Interessen r\u00fccksichtslos gegen\u00fcber den Interessen der einzelnen Unternehmer durchgesetzt wurden. Aus diesem Grund wirken die wiederholten Versuche, den ersten Vertretern des Ordoliberalismus eine Verbindung zum Nationalsozialismus nachzusagen, eher als Diffamierung und nicht als wissenschaftliche Erkenntnis.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Zuge der Eurokrise r\u00fcckte auf einmal der Ordoliberalismus, der ansonsten an den internationalen volkswirtschaftlichen Fakult\u00e4ten nur wenig Aufmerksamkeit bekommt, in den Vordergrund der akademischen &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=24098\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201e<font size=3; color=grey>Junge Autoren <\/font><br \/>Der fr\u00fche Ordoliberalismus als Berater des Nationalsozialismus?\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":296,"featured_media":24157,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[41,31],"tags":[2962,2961,2963,2959,2960,2458,1344],"class_list":["post-24098","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ordnungspolitisches","category-politisches","tag-austeritaetspolitik","tag-franz-boehm","tag-freiburger-kreis","tag-kohlstruck","tag-nationalsozialismus","tag-ordoliberalismus","tag-walter-eucken"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Junge Autoren Der fr\u00fche Ordoliberalismus als Berater des Nationalsozialismus? 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