{"id":24166,"date":"2018-11-28T00:01:17","date_gmt":"2018-11-27T23:01:17","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=24166"},"modified":"2018-11-28T12:45:30","modified_gmt":"2018-11-28T11:45:30","slug":"ultra-lockere-geldpolitik-als-arbeitsbeschaffungsprogramm-fuer-zentralbanker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=24166","title":{"rendered":"Ultra-lockere Geldpolitik als Arbeitsbeschaffungsprogramm f\u00fcr Zentralbanker"},"content":{"rendered":"<p>Die Null- und Negativzinspolitik der EZB h\u00e4lt trotz guter Konjunktur an. Vor Herbst 2019 wird keine Zinserh\u00f6hung erwartet. Die umfangreichen Ank\u00e4ufe von Staats- und Unternehmensanleihen werden bis zur deren Ende im Dezember einen Umfang von 2.600 Milliarden Euro erreicht haben. Derweil wird die Finanzmarktaufsicht der EZB im Rahmen des 2014 geschaffenen einheitlichen Bankenaufsichtsmechanismus (<em>Single Supervisory Mechanism<\/em>, SSM) immer umfassender. Zuletzt hat EZB-Vizepr\u00e4sident Luis de Guindos angek\u00fcndigt, die Verm\u00f6gensverwalter neu ins Visier zu nehmen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Zwischen 1999 und 2017 sind die j\u00e4hrlichen Gesamtausgaben der EZB von 132,2 Millionen auf 1085,9 Millionen \u20ac angeschwollen, seit 2012 mit \u00dcbernahme der Finanzmarktaufsicht um durchschnittlich 12,4% pro Jahr. Die Kosten f\u00fcr den luxuri\u00f6sen Neubau der EZB in H\u00f6he von 1,3 Milliarden Euro sind da noch nicht inbegriffen. Als Anteil des jeweiligen Bruttoinlandsprodukts der Eurozone sind die Kosten seit 1999 um durchschnittlich um beachtliche 9,2% pro Jahr gewachsen (Israel 2018).<\/p>\n<p>Der Hauptkostenpunkt sind die Personal- und Verwaltungskosten, die zusammen \u00fcber 90% der Gesamtausgaben ausmachen und seit 2012 j\u00e4hrlich um 19,2% gestiegen sind. Die Anzahl der Vollzeitmitarbeiter hat sich seit 2012 von 1638 auf 3384 mehr als verdoppelt. Die durchschnittlichen Personalkosten pro Mitarbeiter sind von 83.364\u20ac im Jahr 1999 auf 158.171\u20ac 2017 angestiegen. Dies entspricht 3,6% j\u00e4hrlich. Die Abbildung zeigt, dass der Kostenanstieg stark mit der zunehmend lockeren Geldpolitik (repr\u00e4sentiert durch den Schattenzins von Wu und Xia 2017<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>) korreliert ist. Warum?<\/p>\n<p>Einen Erkl\u00e4rungsansatz liefert die \u00f6konomische Theorie der B\u00fcrokratie von William Niskanen (1971). Diese geht davon aus, dass Verwaltungsinstitutionen ihr Budget erh\u00f6hen wollen, um ihre Macht, ihr Prestige und die Aufstiegschancen ihrer Mitarbeiter zu maximieren. Mit der europ\u00e4ischen Finanz- und Schuldenkrise hat die EZB eine zentrale Position in der supranationalen Finanzmarktaufsicht im Euroraum erhalten. Sie \u00fcberwacht seither die 120 gr\u00f6\u00dften Banken des Eurogebiets.<\/p>\n<p>Gleichzeitig beeinflusst die EZB \u00fcber ihre geldpolitischen Entscheidungen die Finanzstabilit\u00e4t. Einerseits hat die EZB seit 2008 in Reaktion auf die europ\u00e4ische Finanz- und Schuldenkrise die Finanzm\u00e4rkte durch die \u00d6ffnung der Geldschleusen zun\u00e4chst beruhigt und stabilisiert. Andererseits hat sie \u2013 wie schon vor Ausbruch der Krise in den Jahren von 2003 bis 2007 \u2013 durch starke Zinssenkungen das Potenzial f\u00fcr ein \u00fcberm\u00e4\u00dfiges Kreditwachstum geschaffen (siehe Schnabl 2017), das sie nun durch mehr Regulierung und h\u00f6here Eigenkapitalanforderungen an die Banken zu bremsen sucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/schnabl.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/schnabl.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Ebenso treibt das billige Geld der EZB im n\u00f6rdlichen Euroraum Aktien- und Immobilienblasen, deren m\u00f6gliches Platzen eine strengere Regulierung und \u00dcberwachung n\u00f6tig machen. Schlie\u00dflich dr\u00fcckt die ultra-lockere Geldpolitik die Zinsmargen im traditionellen Bankgesch\u00e4ft, was zusammen mit den wachsenden Kosten der Regulierung insbesondere kleine und mittlere Banken in Bedr\u00e4ngnis bringt. \u00dcber diesen Prozess versucht die EZB im Zuge umfassender Stresstests die \u00dcbersicht zu behalten.<\/p>\n<p>Kurzum: W\u00e4hrend die ultra-lockere Geldpolitik der EZB gro\u00dfe Risiken im Finanzsystem schafft, versucht die Finanzmarktaufsicht der EZB diese Risiken einzud\u00e4mmen. Der wachsende Aufwand dieser Regulierung scheint nicht nur die Aufstockung beim Personal, sondern auch stattliche Lohnerh\u00f6hungen f\u00fcr die EZB-Mitarbeiter zu rechtfertigen.\u00a0 Die ultra-lockere Geldpolitik kann damit auch als gro\u00dfes Arbeitsbeschaffungsprogramm f\u00fcr Zentralbanker gesehen werden, die damit der Politik der Institution besonders loyal sind.<\/p>\n<p>Die Finanzierung der Ausgaben ist der EZB leichtgemacht. Andere Verwaltungsbeh\u00f6rden m\u00fcssen ein h\u00f6heres Budget bei \u00fcbergeordneten Stellen beantragen, wo aufgrund knapper Mittel um jeden Euro gerungen wird. Hingegen ist die EZB nicht nur politisch, sondern auch finanziell unabh\u00e4ngig. Sie kann sich einfach aus den Seigniorage-Gewinnen der geldpolitischen Expansion bedienen. Es ist also kein Wunder, dass die Ausgaben der EZB genauso steil nach oben zeigen, wie der Leitzins nach unten gerichtet ist und die Anleihek\u00e4ufe ausgedehnt werden.<\/p>\n<p><strong>Quellen: <\/strong><\/p>\n<p>Israel, Karl-Friedrich (2018): The Fiat Standard of the Euro Area: Does the Cost-Saving Argument still hold Water Today? (October 25, 2018). <a href=\"https:\/\/papers.ssrn.com\/sol3\/papers.cfm?abstract_id=3287987\">Available at SSRN<\/a>.<\/p>\n<p>Niskanen, William A. (1971): <em>Bureaucracy and Representative Government<\/em>, New Brunswick and London: Transaction Publishers<\/p>\n<p>Schnabl, Gunther (2017): The Failure of ECB Monetary Policy from a Mises\/Hayek Perspective. <a href=\"https:\/\/papers.ssrn.com\/sol3\/papers.cfm?abstract_id=2951044\">CESifo Working Paper 6388.<\/a><\/p>\n<p>Wu, Jing Cynthia and Fan Dora Xia (2017): Time Varying Lower Bound of Interest Rates in Europe, Chicago Booth Research Paper 2017-06. Data updated in 2018: <a href=\"https:\/\/sites.google.com\/view\/jingcynthiawu\/shadow-rates\">https:\/\/sites.google.com\/view\/jingcynthiawu\/shadow-rates<\/a><\/p>\n<p>&#8212; &#8212; &#8212;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Der Index der monet\u00e4ren Expansion entspricht bis zum Einsetzen der unkonventionellen Geldpolitik dem Hauptrefinanzierungssatz der EZB. Danach werden Ma\u00dfnahmen der unkonventionellen Geldpolitik in Zinssenkungen umgerechnet, so dass der Zins stark ins Negative driftet. Die Achse ist invertiert, so dass eine steigende Linie eine zunehmende monet\u00e4re Expansion in Form sinkender Zinsen und Ankauf von Verm\u00f6genswerten repr\u00e4sentiert.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Null- und Negativzinspolitik der EZB h\u00e4lt trotz guter Konjunktur an. Vor Herbst 2019 wird keine Zinserh\u00f6hung erwartet. 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