{"id":24232,"date":"2018-12-03T00:01:07","date_gmt":"2018-12-02T23:01:07","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=24232"},"modified":"2018-12-20T17:13:54","modified_gmt":"2018-12-20T16:13:54","slug":"der-deutsche-wohlfahrtsstaat-als-allmende-the-tragedy-of-the-commons","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=24232","title":{"rendered":"Der deutsche Wohlfahrtsstaat als Allmende? <br\/><font size=3; color=grey>The Tragedy of the Commons<\/font>"},"content":{"rendered":"<p><strong>1. Der Kampf um die Ressourcen auf dem Mars <\/strong><\/p>\n<p>Im Fernsehkanal des National Geographic l\u00e4uft zurzeit die dreiteilige Serie \u201eMars\u201c. Es handelt sich nicht nur um Science Fiction, sondern auch um die am Rande wissenschaftlich\u00a0 begleitete Phantasiegeschichte der Besiedelung des Mars durch den Menschen und dessen Kampf um die Mars-Ressourcen. In absehbarer Zeit findet, vielleicht in sieben Jahren, wohl tats\u00e4chlich der erste Flug zum Mars statt. Ich habe mich bereits angemeldet, denn ich m\u00f6chte dort noch vor Elon Musk der Erste und Einzige sein und bin gespannt, was ich dort vorfinde. Ich vermute, dass ich neben ein paar Robotern, die dort von der Erde mit naturwissenschaftlichen Auftr\u00e4gen ferngesteuert herumgeistern, kein Schild vorfinde: Betreten verboten oder Betreten auf eigene Gefahr oder Eintritt nur mit g\u00fcltigem Ausweis. Auf dem Mars wird die Freiheit wohl grenzenlos sein. Der Mars geh\u00f6rt niemandem. Er geh\u00f6rt aber, wenn ich da bin, sozusagen mir allein, er bildet mein und nur mein eigenes Verf\u00fcgungsterrain. Also gro\u00dfe Chancen f\u00fcr mich, daraus etwas zu machen: eine H\u00fctte bauen, Messger\u00e4te installieren, Wege planieren, Gesteinsproben nehmen, wissenschaftliche Erkenntnisse gewinnen. Aber es gibt auch Risiken: Wenn nach mir andere Weltraumreisende ankommen, die dasselbe wollen wie ich. Pl\u00f6tzlich gibt es Abgrenzungsprobleme, meine totale Freiheit ist dahin. D\u00fcrfen alle Neuank\u00f6mmlinge meine planierten Wege und wissenschaftlichen Erkenntnisse ohne meine Erlaubnis und Kostenbeteiligung benutzen? Und wie ist es denn, nach einiger Zeit, auch umgekehrt? Es entsteht Konkurrenz, Wettbewerb. Am besten k\u00f6nnte es vielleicht auch sein, in einzelnen Aktivit\u00e4ten zu kooperieren, also Coopetition zu betreiben.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Wie soll das vonstattengehen? Pl\u00f6tzlich brauchen wir Regeln, die das regeln, und dies erst recht, wenn und weil noch viel mehr andere Leute auf den Mars kommen. Und wer tr\u00e4gt die Verantwortungshaftung, wenn etwas schiefgeht? Und wer sorgt f\u00fcr Pflaster und Arzneimittel? Am besten ist wohl, jeder bringt die selbst auf den Mars mit, aber manchmal braucht man auch die anderen, die helfen k\u00f6nnen, weil auch sie sich mit Medikamenten und Sachkenntnis vor dem Marsflug\u00a0 ausgestattet haben. Und dann mein eigener Fischteich, den ich mit marstauglichen Fischen und entdecktem Marswasser angelegt habe: Der geh\u00f6rt eigentlich nur mir f\u00fcr meine Nahrungsmittel-Zukunftssicherung, aber immer mehr Ank\u00f6mmlinge befischen ihn einfach, ohne zu fragen und zu bezahlen. Und alsbald sind alle Fische abgefischt, meine und die der anderen Zukunfts-Nahrungsmittelsicherheit ist verschwunden. Eine echte Trag\u00f6die f\u00fcr den allgemein benutzten Fischteich:<em> a tragedy of a common<\/em>! Und dann noch dies: Die Arzneimittel werden knapp, weil mehr Menschen auf den Mars kommen, die die Kapazit\u00e4ten der medizinischen Versorgung, die nun f\u00fcr alle ausreichen sollen, ungeregelt \u00fcbersteigen. Nahrungsmittelknappheit und Gesundheitssch\u00e4den: Der Wohlstand der Marsbewohner sinkt. Denn es fehlt auf dem Planeten, der offenbar nun allen geh\u00f6rt, an privatrechtlichen Regeln, die seiner \u00dcbernutzung Grenzen setzen w\u00fcrden.<\/p>\n<p><strong>2. <\/strong><strong>Wohlfahrtsstaat und Diskriminierung<\/strong><\/p>\n<p>Es geht um die irdischen Regeln, die wir unter die Lupe nehmen m\u00fcssen, und dabei soll hier der moderne Wohlfahrtsstaat auf dem Pr\u00fcfstand seiner Effizienz in Bezug auf die Abwehr seiner sich selbst zerst\u00f6renden Trag\u00f6die stehen. Denn der Wohlfahrtsstaat kommt in Deutschland zunehmend wieder in den Fokus der Umstrittenheit. Die irdische Szenerie ist wie folgt beschreibbar: Wie immer man ihn in seinen verschiedenen Auspr\u00e4gungen der Moderne definieren mag, in einer offenen Welt der Globalisierung, in der nicht die National-\u00d6konomie, sondern vielmehr die International-\u00d6konomie den Analyserahmen bildet, stehen alle nationalen Institutionen im inter-nationalen Wettbewerb miteinander. Weil Institutionen nichts anderes sind als geschriebene (z. B. Grundgesetz) und ungeschriebene (z. B. Sitten und Gebr\u00e4uche) Regeln, bezieht sich der internationale Institutionenwettbewerb auf den Wettbewerb der nationalen Regeln von Staaten. Das betrifft auch den deutschen Wohlfahrtsstaat. Da stellt sich sofort die Frage: Warum wollen in der Welt der internationalen Migration so viele Menschen \u2013 lassen wir mal ihre individuellen Migrationshintergr\u00fcnde wie Kriegsflucht oder Streben nach besserem Leben au\u00dfer Acht \u2013 gerade nach Deutschland kommen und nicht nach Bulgarien, Rum\u00e4nien, Polen oder Griechenland? Die Frage zu stellen hei\u00dft, sie sogleich zu beantworten: Viele institutionelle Arrangements in Deutschland haben international absolute und komparative Vorteile: So begr\u00fc\u00dft der deutsche Wohlfahrtsstaat als Institution alle Zuwanderer ungleich gro\u00dfz\u00fcgiger als dies, wenn \u00fcberhaupt, in anderen L\u00e4ndern der Fall ist. Er ist eine internationale Attraktion, in die hineinzumigrieren sich lohnt, weil dies weitgehend leistungslos und mithin ohne Eintrittspreis m\u00f6glich ist. Darin unterscheidet er sich auch gegen\u00fcber den Eintrittsbedingungen, die f\u00fcr die meisten einheimischen Leistungstr\u00e4ger und Bed\u00fcrftige hierzulande gelten.<\/p>\n<p>Es geht mithin um die Zutrittsbedingungen f\u00fcr die Wohlfahrtsinstitutionen eines Landes. Das deutsche Sozialsystem ist, wie in allen anderen Staaten auch, in seiner Leistungs-\u00a0 und Finanzierungsf\u00e4higkeit grunds\u00e4tzlich orientiert an der heimischen Population und ihrer Zukunftsentwicklung. Damit diskriminiert es bewusst die Inl\u00e4nder von Ausl\u00e4ndern. Das hat nichts, aber auch gar nichts mit Nationalismus oder gar Rassismus zu tun. Bei begrenzten Ressourcen, wie sie auf dieser irdischen Welt der Knappheit und in jedem nationalen Kontext nun mal herrschen, ist dies v\u00f6llig normal. Diskriminierung ist mithin die notwenige Bedingung f\u00fcr die Verhinderung der Trag\u00f6die der institutionellen Selbstzerst\u00f6rung in einer globalisierten Welt. Diskriminierung ist mithin das rettende Gegenteil von unterschiedsloser institutioneller Gleichbehandlung mit dem edlen Motiv der Humanit\u00e4t und Barmherzigkeit, die die Moral des Machbaren \u00fcberfordert. Aber sie ist auch ein Bollwerk gegen\u00fcber der egozentrierten Ausbeutung eines endlichen Ressourcenpools. Um diese \u00dcberforderung zu verhindern, muss es Regeln geben, Rechtsregeln, innerhalb derer individuelle Humanit\u00e4t und Barmherzigkeit nur verlaufen d\u00fcrfen. Denn individuelle Moral, die sich gegen das f\u00fcr alle geltende Recht stellt, verleitet zur Beliebigkeit und Willk\u00fcr.<\/p>\n<p><strong>3. Eigentumsrechte gegen die Selbstzerst\u00f6rung des Wohlfahrtssystems <\/strong><\/p>\n<p>Diese Rechtsregeln, die die institutionelle Selbstzerst\u00f6rung eines Wohlfahrtssystems im Sinne der <em>tragedy of the commons <\/em>verhindern, sind im Allgemeinen solche der Rechtsordnung des Eigentums an Ressourcen. Diese ist dann der Rahmen f\u00fcr die Formulierung von Eigentumsrechten, von <em>property rights<\/em>. \u00d6konomisch betrachtet definieren sie den Charakter von Clubs. Was ist gemeint? Salopp ausgedr\u00fcckt sind Clubs nichts anderes als Institutionen, unter denen sich gleichgesinnte B\u00fcrger und Organisationen zum Zweck der Produktion und Teilhabe an einem oder mehreren Clubg\u00fctern zusammentun. Clubg\u00fcter sind Gemeinschaftsg\u00fcter, also <em>commons<\/em>, an deren Nutzung grunds\u00e4tzlich nur die Clubmitglieder teilnehmen k\u00f6nnen, die auch durch ihren Clubeintritt ihren Clubbeitrag zahlen m\u00fcssen. Nichtclubmitglieder sind von der Nutzung prinzipiell ausgeschlossen, sie \u00a0k\u00f6nnen aber beitreten, wenn sie ihren Obolus entrichten und die Clubregeln beachten, denn keinen Vorteil gibt es umsonst in dieser Welt: <em>There is no free lunch<\/em>. Dies ist die Basis f\u00fcr die Legitimierung eines Verbots der kostenlosen Ressourcenausbeutung, die zur Trag\u00f6die der institutionellen Selbstzerst\u00f6rung f\u00fchrt.<\/p>\n<p>So betrachtet leben wir in einer Welt voller (\u00fcberlappender) Clubs, denn Integrationsr\u00e4ume und Nationen, also die EU und Deutschland sowie alle anderen EU-Mitglieder, sind jeweils spezifische Clubs ebenso wie die NATO und die WTO, aber eben auch politische Parteien, die Bundesliga und Sozialversicherungen. Es gibt mithin in dieser Welt der Clubs und Subclubs immer ein diskriminierendes Drinnen und Drau\u00dfen. Grenz\u00fcberschreitende Inklusion, die heute so popul\u00e4re\u00a0 Egalit\u00e4tsforderung der Gerechtigkeitsmoralisten, steht dem Club-Denken grunds\u00e4tzlich\u00a0 entgegen. Aber die gerechtigkeitsneutralen Tatbest\u00e4nde des \u201eDrinnen und Drau\u00dfen\u201c strukturieren die Beziehungen zwischen den Clubs, d. h. zwischen den jeweiligen Club-<em>commons<\/em>, auf dass diese nicht der internationalen Ausbeutung als vermeintlich unbegrenzte <em>global commons<\/em> ausgesetzt sind, zu denen jedermann in der Welt Zugang hat. Es gibt nicht nur kein international g\u00fcltiges Recht auf die spezielle Staatenauswahl durch die Migranten noch auf deren automatischen Zugriff auf die nationalen Clubg\u00fcter eines Landes. Aber es gibt das Recht der Staaten, sich diejenigen als Zuwanderer auszusuchen, die aufgrund wohl definierter Qualit\u00e4ten als neue Clubmitglieder willkommen sind, die die kostenlose Inanspruchnahme der Club-<em>commons <\/em>nicht erwarten lassen, sondern auch einen positiven Beitrag zu Quantit\u00e4t und Qualit\u00e4t dieser <em>commons <\/em>beizutragen versprechen. In diesem Sinne gibt es wohl ein individuelles Recht auf Austritt aus einem Club, also ein Recht zum Verzicht auf die Inanspruchnahme seiner Clubg\u00fcter (Emigration), nicht aber ein individuelles Recht auf Eintritt (Immigration) in einen speziellen anderen Club zur Partizipation an dessen begrenzten Clubg\u00fctern. Es scheint, dass der gegenw\u00e4rtig diskutierte \u00a0UN-Migrationspakt dies anders sieht, wenn er das Recht auf Immigration st\u00e4rken will und damit indirekt die Philosophie und Tendenz der globalen \u201eAllmendesierung\u201c von nationalen Wohlfahrtsinstitutionen bef\u00f6rdert. Das kann nicht sinnvoll sein.<\/p>\n<p><strong>4. Barmherzigkeit, Allmende und die <em>tragedy of the commons<\/em> <\/strong><\/p>\n<p>Wie sollten die Grunds\u00e4tze z. B. innerhalb der EU in Bezug auf die Migrationsbewegungen bei dem Binnenmarktgrundsatz der Bewegungsfreiheit von Menschen aussehen? Diese Diskussion gibt es schon seit Jahren. In Milton Friedmanns Statement, dass man nicht beides haben kann: eine offene Wirtschaft und zugleich ein offenes Sozialsystem, liegt hier die Aufforderung zugrunde, dass in der EU nicht das Bestimmungslandprinzip, sondern wie beim G\u00fcterhandel das Ursprungsland-, also das \u00a0Heimatlandprinzip gelten sollte: Jeder, der immigrieren will, bringt seine eigene Heimatland-Sozialversicherung mit. Das kann und wird bedeuten, dass Migranten aus einem Land mit niedriger Sozialausstattung in einem Hochwohlstandsland mit hohem Preisniveau nicht gut oder gar schlecht zurechtkommt. Dies kann und wird dann eine Migrationsbremse bewirken. Auch die L\u00f6sung einer zeitlich verz\u00f6gerten Integration ins Sozialsystem, wie sie z. B. in Gro\u00dfbritannien mit f\u00fcnf Jahren vorgeschlagen worden ist, hat diesen, aber wohl nur abgeschw\u00e4chten, nicht nachhaltigen Effekt. Darin liegt bekanntlich auch eine der Brexitbegr\u00fcndungen Gro\u00dfbritanniens.<\/p>\n<p>Jedenfalls ist dies rationale Club-Theorie pur. Sie basiert auch auf der Einsicht, dass die Bewegungsfreiheit von Menschen innerhalb der vier Binnenmarktfreiheiten der EU keiner Begr\u00fcndung entsprechen kann, wie sie bei den \u00fcbrigen Bewegungsfreiheiten von G\u00fctern, Dienstleistungen und Kapital gegeben wird. Denn man muss darauf hinweisen, dass die G\u00fcterbewegungsfreiheit \u00f6konomisch betrachtet ein Substitut f\u00fcr die Bewegungsfreiheit von Menschen ist. Letztere hat nicht direkt etwas mit komparativen Wettbewerbsvorteilen im Handel zu tun, sondern mit vielen \u2013 auch au\u00dfer\u00f6konomischen \u2013 Pr\u00e4ferenzen der migrierenden Menschen, die einfach nach einem anderen, besseren Leben streben. Hier wird dann die \u201eBarmherzigkeit\u201c der Clubmitglieder herausgefordert, die entscheiden m\u00fcssen, wie weit diese nur gehen darf, um die Selbstzerst\u00f6rung ihrer Institutionen, die <em>tragedy of their commons,<\/em> also auch ihres\u00a0 Wohlfahrtsstaates, zu verhindern. Unbegrenzt aktivierende individuelle oder auch kollektiv organisierte \u201eBarmherzigkeit\u201c mit der Forderung nach unbegrenztem Zugang zu begrenzten Gemeinschaftsg\u00fctern der Clubs dieser Welt, die dann zu globalisierten Allmendeg\u00fctern werden, gef\u00e4hrdet und zerst\u00f6rt die wohlfahrtsstaatlich-institutionelle Infrastruktur der Clubs. Nur das durch spezielle Regeln f\u00fcr die Moral des Machbaren begrenzte individuelle Barmherzigkeitsaxiom verhindert die Trag\u00f6die der Selbstzerst\u00f6rung funktionierender Wohlfahrtsinstitutionen eines Staates. Im Mikrokosmos der Kleingruppe (Familie, Freunde, private und kirchliche Fl\u00fcchtlingshilfe etc.) ist individuelle Barmherzigkeit ehrenwert und labend, nicht aber in Bezug auf den \u00a0Makrokosmos der begrenzten Institutionen, wo eine \u00f6ffentlichkeitswirksam politisierte \u201eBarmherzigkeit\u201c die <em>tragedy of the commons <\/em>geradezu herausfordert. <em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Der Kampf um die Ressourcen auf dem Mars Im Fernsehkanal des National Geographic l\u00e4uft zurzeit die dreiteilige Serie \u201eMars\u201c. 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