{"id":24635,"date":"2019-02-10T00:01:47","date_gmt":"2019-02-09T23:01:47","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=24635"},"modified":"2019-02-10T09:10:41","modified_gmt":"2019-02-10T08:10:41","slug":"gastbeitrag-italien-ueberraschend-in-der-schieflage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=24635","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Gastbeitrag <\/font><br\/>Italien \u00fcberraschend in Schieflage?"},"content":{"rendered":"<p>In Italien endete das alte Jahr mit einer erneuten Schrumpfung des Bruttoinlandsprodukts, was die seit 2018 amtierende Regierung aus \u201eMovimento 5 Stelle\u201c und \u201eLega\u201c sehr schnell auf ein Versagen der Vorg\u00e4nger zur\u00fcckf\u00fchrte. Die Krise der italienischen Wirtschaft sei verschleiert worden, auch das verschlechterte konjunkturelle Umfeld in EU und Weltwirtschaft wird als Erkl\u00e4rung nachgereicht. Doch kommt diese ern\u00fcchternde Wirtschaftsentwicklung wirklich so \u00fcberraschend?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Italien wurde seit der Wirtschafts- und Finanzkrise immer wieder als potentieller Krisenkandidat angesehen, da es den Anschluss an die wirtschaftliche Entwicklung in der EU zu verlieren schien und von fiskalischer Instabilit\u00e4t und kriselnden Banken gekennzeichnet war. Wie alle anderen EU-Staaten wurde auch Italien von der Wirtschafts- und Finanzkrise getroffen, ein Einbruch bei Wirtschaftsleistung und Schieflagen in der Finanzwirtschaft mussten bew\u00e4ltigt werden. Die fr\u00fcheren italienischen Regierungen konnten wenigstens eine relative Stabilisierung erreichen, wobei sich die expansive Geldpolitik der Europ\u00e4ischen Zentralbank f\u00fcr Italien als hilfreich erwies. Auch wurden Strukturreformen in Angriff genommen, um die zunehmend schw\u00e4chelnde Wirtschaft Italiens wieder wettbewerbsf\u00e4higer zu machen. Die Arbeitsmarktreformen der Regierungen Mario Montis und Matteo Renzis setzten mit der Steigerung der Arbeitsmobilit\u00e4t, der Erh\u00f6hung von Arbeitsanreizen und mit einer verbesserten Arbeitsmarktintegration von Arbeitslosen, Jugendlichen und Frauen an den entscheidenden Schw\u00e4chen des italienischen Arbeitsmarkts an und f\u00fchrten zu kleineren Erfolgen.<\/p>\n<p>Die heutige Opposition hat damit gute Argumente, um die Schuldzuweisungen der neuen Regierung zur\u00fcckzuweisen. Allerdings blieb in ihrer eigenen Regierungszeit der Reformprozess unvollendet, so dass eine wirkliche Trendwende auf dem Arbeitsmarkt ausblieb. Die unpopul\u00e4ren Strukturreformen wollte zuletzt auch die Regierung Renzi nicht mehr mit dem notwendigen Elan weiterverfolgen. Mehr als eine Stabilisierung hat auch sie nicht zustande gebracht.<\/p>\n<p>Die amtierende italienische Regierung stellt diese fragile Stabilit\u00e4t nun in Frage, indem sie die tieferen Ursachen f\u00fcr die italienische Misere nicht in den Strukturproblemen des Landes sehen m\u00f6chte, die eine Verbesserung der Standortbedingungen erfordern w\u00fcrden. Vielmehr soll es eine gro\u00dfz\u00fcgigere Sozialpolitik richten: Statt fiskalischer Konsolidierung mit einem sukzessiven Abbau des Schuldenbergs und statt einer Fortf\u00fchrung der eingeleiteten Strukturreformen steht pl\u00f6tzlich eine konsumorientierte Ausgabenpolitik im Vordergrund, die nur noch wenig R\u00fccksicht auf Maastricht-Kriterien nimmt. Durch ein neues B\u00fcrgergeld (\u201eReddito di cittadinanza\u201c) und eine Fr\u00fchverrentung (\u201eQuota\u00a0100\u201c), die Arbeitspl\u00e4tze freimachen soll, werden Impulse erwartet, die zu einer \u00dcberwindung von Wachstumsschw\u00e4che und Massenarbeitslosigkeit f\u00fchren sollen. Die Illusion herrscht vor, dass sich auf diese Weise die Ausgabenprogramme quasi von selbst finanzieren, und der Abbau des Schuldenbergs w\u00fcrde sich in dieser Logik irgendwann von selbst ergeben. Die Zweifel an der Multiplikatorwirkung dieser Programme und an der Effizienz der italienischen Arbeitsmarktinstitutionen werden geflissentlich ignoriert.<\/p>\n<p>Sicherlich sind unter den gegenw\u00e4rtigen Rahmenbedingungen Italiens Staatsschulden kurzfristig weiterhin tragf\u00e4hig \u2013 die bisherigen Reaktionen der Finanzm\u00e4rkte, die hohe Schuldenquote und auch die aktuelle Haushaltspolitik der italienischen Regierung f\u00fchren noch nicht zu einer \u00dcberschuldung. Allerdings ist Italien aufgrund seiner hohen Staatsschulden und seines relativ geringen Wachstums sehr anf\u00e4llig f\u00fcr Zinsbewegungen. Risikoaufschl\u00e4ge aufgrund von eingetr\u00fcbten Wachstumsaussichten oder tats\u00e4chlichen Wachstumsschocks sowie eine restriktivere Geldpolitik mit Zinserh\u00f6hungen k\u00f6nnten die Finanzierung der italienischen Schuldenlast in der Zukunft deutlich erschweren und Italien an seine Belastungsgrenze f\u00fchren. Der ben\u00f6tigte Prim\u00e4r\u00fcberschuss w\u00fcrde signifikant steigen und Italien seinen letzten Handlungsspielraum nehmen.<\/p>\n<p>Entscheidend sind daher die politischen Weichenstellungen zur Belebung des viel zu geringen Wirtschaftswachstums. Hier ist allerdings die Einsicht notwendig, dass es sich bei dem schwachen Wachstum nicht um ein konjunkturelles Problem handelt, dem mit der Erh\u00f6hung konsumtiver Staatsausgaben beizukommen ist. Die chronische Wachstumsschw\u00e4che Italiens hat vielmehr strukturelle Ursachen, die schon seit Jahrzehnten bestehen und einen schleichenden Niedergang der italienischen Volkswirtschaft eingeleitet haben \u2013 die schon seit den neunziger Jahren unterdurchschnittlichen Wachstumsraten und der Verlust an Wohlstand relativ zu den anderen EU-Staaten sind deutliche Hinweise darauf. Dabei kommt erschwerend hinzu, dass das italienische Wachstumsproblem nicht vorwiegend auf die weiterhin schw\u00e4chelnden \u00e4rmeren Regionen im S\u00fcden des Landes zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, sondern dass der reichere Norden seine Rolle als Wachstumsmotor zu einem gro\u00dfen Teil eingeb\u00fc\u00dft hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/schrader1.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/schrader1.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund w\u00e4re es an der Zeit, die Reformdefizite, wie sie etwa von internationalen Institutionen und durch internationale Standortrankings benannt werden, abzubauen. Italien liegt im aktuellen Ranking des Doing-Business-Index mit Platz 51 nur auf einem der hinteren Pl\u00e4tze im Vergleich der EU- und OECD-L\u00e4nder. Als eklatante Schw\u00e4chen werden Investitionshemmnisse wie die Handhabung von Baugenehmigungen, der Zugang zu Krediten, die Zahlung von Steuern und die Durchsetzung von vertraglichen Anspr\u00fcchen genannt. Der \u201eGlobal Competitiveness Index\u201c des World Economic Forums, in dem Italien auf Rang 31 landet, deckt \u00e4hnliche Standortschw\u00e4chen auf.<\/p>\n<p>Fr\u00fchere italienische Regierungen hatten zumindest die Einsicht gewonnen, dass Strukturreformen unvermeidlich sind, doch blieb es h\u00e4ufig bei einzelnen Reformschritten. Diese \u201edicken Bretter\u201c m\u00fcsste auch die gegenw\u00e4rtige italienische Regierung bohren, um Italiens Wettbewerbsf\u00e4higkeit zu erh\u00f6hen und das Land auf einen nachhaltigen Erholungspfad zu f\u00fchren. Denn ohne Zweifel hat Italien immer noch das Potential, den Anschluss an andere hochentwickelte L\u00e4nder wiederzufinden und \u00fcber einen steileren Wachstumspfad die Schuldentragf\u00e4higkeit dauerhaft sicherzustellen.<\/p>\n<p>Allerdings wird sich an den Ursachen f\u00fcr die italienische Wachstumsschw\u00e4che nichts \u00e4ndern, wenn statt auf Strukturreformen auf eine Ankurbelung des Wachstums durch h\u00f6here, \u00fcberwiegend konsumtive Staatsausgaben gesetzt wird. Auch zeigt der hohe Schuldenstand Italiens, dass es in der Vergangenheit keineswegs ein \u201ezu wenig\u201c an schuldenfinanzierten Staatsausgaben gegeben hat. Die Betrachtung der einschl\u00e4gigen Zeitreihen legt nahe, dass das italienische Wachstum von den Schulden der Vergangenheit nicht gef\u00f6rdert wurde. Ohne eine Haushaltskonsolidierung und einen sukzessiven Schuldenabbau wird vielmehr die Gefahr wachsen, dass bei steigenden Zinslasten und ausbleibenden Wachstumserfolgen die Schuldentragf\u00e4higkeit Italiens gef\u00e4hrdet wird. Es w\u00e4re zudem ein riskante Strategie der italienischen Politik darauf zu hoffen, dass die Europ\u00e4ische Zentralbank und die Eurogruppe als \u201eRetter\u201c bereitstehen w\u00fcrden. Anders als Griechenland ist Italien ein wirtschaftliches Schwergewicht, dem nicht mit einem herk\u00f6mmlichen Rettungsprogramm geholfen werden k\u00f6nnte. Italien muss sich stattdessen dem Urteil der M\u00e4rkte stellen und selbst die Voraussetzungen daf\u00fcr schaffen, dass Risikozuschl\u00e4ge nicht zum Thema werden und eine Normalisierung der Geldpolitik nicht als Damoklesschwert erscheint.<\/p>\n<p><em><strong>Hinweis:<\/strong> Dieser Beitrag basiert auf dem k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichten Kiel Policy Brief Nr.\u00a0120 \u201e<\/em><a href=\"https:\/\/www.ifw-kiel.de\/fileadmin\/Dateiverwaltung\/IfW-Publications\/-ifw\/Kiel_Policy_Brief\/Kiel_Policy_Brief_120.pdf\">Italien: Geringere Schuldenlasten durch mehr Wachstum?&#8220;<\/a><\/p>\n<p><strong>Blog-Beitr\u00e4ge zu Italien:<\/strong><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=24015\">Immer wieder \u00c4rger mit Italien. <span style=\"color: grey; font-size: medium;\">Populisten rufen zum Marsch in die Schuldenunion auf<\/span><\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=23005\">Ohne Worte. Wie steht es um Italien?<\/a><\/p>\n<p>Theresia Theurl: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=20221\">Italien nach dem Referendum. Ohne Reformen wird\u2019s nicht gehen<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=23019\">Was wird aus Italien?\u00a0 Vetternwirtschaft, Populismus und QuItaly<\/a><\/p>\n<p>Theresia Theurl: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=23925\">Italien wieder in den Schlagzeilen. Neue Akteure, alte Probleme<\/a><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Italien endete das alte Jahr mit einer erneuten Schrumpfung des Bruttoinlandsprodukts, was die seit 2018 amtierende Regierung aus \u201eMovimento 5 Stelle\u201c und \u201eLega\u201c sehr &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=24635\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201e<font size=3; color=grey>Gastbeitrag <\/font><br \/>Italien \u00fcberraschend in Schieflage?\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":303,"featured_media":24650,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2381,434],"tags":[704,3047,184,222],"class_list":["post-24635","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-italienisches","category-waehrungspolitisches","tag-italien","tag-schrader","tag-verschuldung","tag-wettbewerbsfaehigkeit"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Gastbeitrag Italien \u00fcberraschend in Schieflage? 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