{"id":24701,"date":"2019-11-09T00:01:22","date_gmt":"2019-11-08T23:01:22","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=24701"},"modified":"2019-11-24T09:25:15","modified_gmt":"2019-11-24T08:25:15","slug":"ordnungspolitischer-unfug-5-wenns-dem-esel-zu-wohl-wird-mindestloehne-mit-subventionen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=24701","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Ordnungspolitischer Unfug (5) <\/font><br\/>Wenn&#8217;s dem Esel zu wohl wird <br\/><font size=3; color=grey>Mindestl\u00f6hne mit Subventionen<\/font>"},"content":{"rendered":"<p><em>&#8222;Economists exert a minor and scarcely detectable influence on the societies in which they live.\u201d<\/em> (George Stigler, 1976)<\/p>\n<p>Der Finanzminister Olaf Scholz hat ihn gefordert, die ehemalige SPD-Vorsitzende Andrea Nahles auch, nun steht er auch vorne auf der Agenda der SPD f\u00fcr einen neuen Sozialstaat: Der gesetzliche Mindestlohn von mindestens 12 Euro pro Stunde. Immer mehr Gewerkschaften schlie\u00dfen sich dieser Forderung an, auch die sonst \u00f6konomisch eher besonnene IG BCE. Der h\u00f6here Mindestlohn soll vor Armut sch\u00fctzen, in der Zeit der Erwerbst\u00e4tigkeit und im Alter. Allerdings: Die IG BCE hat Angst vor Arbeitsplatzverlusten. Deshalb soll der Staat helfen. Er soll den Unternehmen mit einem Lohnkostenzuschuss \u00fcbergangsweise finanziell unter die Arme greifen. Die Differenz zwischen dem heutigen gesetzlichen Mindestlohn von 9,19 Euro und den geplanten 12 Euro soll ersetzt werden. Auch k\u00fcnftig soll die Mindestlohnkommission \u00fcber die H\u00f6he des gesetzlichen Mindestlohnes entscheiden. Steigt er weiter an, was zu erwarten ist, schmilzt der staatliche Zuschuss an die Unternehmen ab. Erreicht er die 12 Euro, endet die \u00dcbergangsregelung.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der \u201eTransFair-Lohn\u201c der IG BCE ist eine Variante des Kombi-Lohnes. Die Idee ist einfach. Arbeitnehmer erhalten einen h\u00f6heren Mindestlohn. Das ist nach Ansicht der IG BCE ohne Einbu\u00dfen bei der Besch\u00e4ftigung nicht zu haben. Gegenw\u00e4rtig maskiert die sehr gute Konjunktur in Deutschland das besch\u00e4ftigungspolitisch Unvermeidliche. Die Besch\u00e4ftigung verringert sich ohne weitere Eingriffe \u00fcber kurz oder lang von A<sub>o<\/sub> (Punkt A) auf A<sub>1<\/sub> (Punkt B). Diese Entwicklung kann verhindert werden, wenn die Unternehmen so gestellt werden, als g\u00e4be es den gesetzlichen Mindestlohn nicht. Der Staat schie\u00dft ihnen die Differenz (S) zwischen der Marktl\u00f6sung (l\/p)<sub>o<\/sub> und dem gesetzlichen Mindestlohn (l\/p)<sub>ML<\/sub> zu. Die Arbeitsnachfragekurve verschiebt sich nach rechts auf A<sub>NE1<\/sub>. In Punkt C ist die Besch\u00e4ftigung A<sub>o<\/sub> unver\u00e4ndert, die L\u00f6hne f\u00fcr die Arbeitnehmer sind aber angestiegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/ml1.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/ml1.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Diese Idee ist in Frankreich in \u00e4hnlicher Form verwirklicht. Der Staat setzt einen gesetzlichen Mindestlohn. Und er subventioniert die Unternehmen mit einem Lohnkostenzuschuss. Der Zuschuss ist dort allerdings prozentual an den Mindestlohn gekoppelt. Mit den Mindestl\u00f6hnen steigen auch die staatlichen Zusch\u00fcsse. Dieser \u201eMindestlohn Plus\u201c steht aber in der Kritik. Die Empirie zeigt, Mindestl\u00f6hne sind ein untaugliches Mittel im Kampf gegen Armut. Zwar wird die Lohnverteilung gleichm\u00e4\u00dfiger. Kein Wunder, wenn man den unteren Teil der Verteilung abschneidet. Die Haushaltseinkommen einkommensschwacher Familien werden aber nicht generell armutsfest. Das hat zum einen damit zu tun, dass Arme oft arbeitslos sind. Es liegt zum anderen daran, dass Arme in armen und reichen Familien leben. Schlie\u00dflich sind Arme meist deshalb arm, weil sie weniger Stunden arbeiten, weniger weil die Lohns\u00e4tze zu niedrig sind.<\/p>\n<p>Alle Lohnkostenzusch\u00fcsse sind teuer. Subventioniert der Staat die Arbeitspl\u00e4tze, die zum Mindestlohn entlohnt werden, sind f\u00fcr die Unternehmen die Anreize gro\u00df, die finanziellen Mittel mitzunehmen. Bei Mindestl\u00f6hnen ohne finanzielle Leitplanken verschwinden ja nicht alle Arbeitspl\u00e4tze, ein Teil bleibt erhalten. Die Unternehmen greifen auch f\u00fcr diese Arbeitspl\u00e4tze die staatlichen Zusch\u00fcsse ab. Neben den Mitnahmeeffekten sind Substitutionseffekte unvermeidlich. Unternehmen werden Arbeitspl\u00e4tze vor allem knapp \u00fcber der Mindestlohngrenze, die nicht mehr subventioniert werden, durch billigere, subventionierte Arbeitspl\u00e4tze ersetzen. Dieses Problem l\u00e4sst sich nicht l\u00f6sen. Die Gefahr ist allerdings gro\u00df, dass die Subventionen immer weiter ausgedehnt werden. Das wird f\u00fcr die Steuerzahler teuer, die Armut bleibt.<\/p>\n<p>Der Kampf gegen Armut mit einem \u201eMindestlohn Plus\u201c ist verteilungspolitisch wie Akupunktur mit der Gabel. Er ist wenig treffsicher, kostet viel (Steuer)Geld und hat besch\u00e4ftigungspolitische Risiken und Nebenwirkungen. Vor allem geringf\u00fcgige Besch\u00e4ftigung (Minijobs) wird abgebaut. Die allokativ und distributiv bessere L\u00f6sung w\u00e4ren Lohnsubventionen an bed\u00fcrftige Arbeitnehmer. Sie w\u00e4ren verteilungspolitisch treffsicherer und besch\u00e4ftigungspolitisch weniger sch\u00e4dlich. Die richtige Adresse ist die Grundsicherung (ALG II). Sie m\u00fcsste so reformiert werden, dass die Arbeitsanreize der Transferempf\u00e4nger steigen. Geringere Transferentzugsraten und besser aufeinander abgestimmte soziale Leistungen w\u00e4ren erste Schritte in die richtige Richtung. Dieses Konzept wirkt allerdings nur, wenn die Mindestl\u00f6hne abgesenkt w\u00fcrden, nicht wenn sie, wie gefordert, weiter erh\u00f6ht werden.<\/p>\n<p>Die Politik wird sich bei Mindestl\u00f6hnen nicht m\u00e4\u00dfigen. Eine breite Mehrheit in der Bev\u00f6lkerung will weiter steigende gesetzliche Mindestl\u00f6hne. Sp\u00e4testens in der n\u00e4chsten schwereren Rezession, wenn ihr besch\u00e4ftigungspolitischer Flurschaden sichtbarer wird, werden die (gewerkschaftlichen) Forderungen nach finanzieller staatlicher Flankierung wie Pilze aus dem Boden sprie\u00dfen. Dann stehen auch Lohnsubventionen an die Unternehmen auf der Tagesordnung. Das \u00e4ndert nichts daran, dass Mindestl\u00f6hne weder gerecht noch effizient sind. Es erstaunt, dass die Gewerkschaften auf den Zug gesetzlicher \u201eMindestl\u00f6hne Plus\u201c aufspringen. Vor nicht allzu langer Zeit waren sie noch der Meinung, dass Mindestl\u00f6hne die bestehende Tarifautonomie gef\u00e4hrden. Mit der Forderung nach Lohnsubventionen w\u00e4chst diese Gefahr. Mit \u201eTransFair-L\u00f6hnen\u201c erweisen sie der Tarifautonomie einen B\u00e4rendienst.<\/p>\n<p><strong>Blog-Beitr\u00e4ge der Serie \u201cOrdnungspolitischer Unfug\u201d<\/strong><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=24743\">Peterchens (industriepolitische) Mondfahrt. <span style=\"color: grey; font-size: medium;\">Wettbewerbsf\u00e4hig wird man im Wettbewerb<\/span><\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=24360\">Deutschland wird leiden. Leistungsbilanzsalden und Strukturwandel<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=23962\">Mietpreisbremse und \u201cSozialer Wohnungsbau\u201d. Irrwege in der Wohnungspolitik<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=23710\">Noch mehr Steuergelder f\u00fcr die Rente. Hat sich die SPD endg\u00fcltig aufgegeben?<\/a><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Economists exert a minor and scarcely detectable influence on the societies in which they live.\u201d (George Stigler, 1976) Der Finanzminister Olaf Scholz hat ihn gefordert, &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=24701\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201e<font size=3; color=grey>Ordnungspolitischer Unfug (5) <\/font><br \/>Wenn&#8217;s dem Esel zu wohl wird <br \/><font size=3; color=grey>Mindestl\u00f6hne mit Subventionen<\/font>\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":24703,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[25,1417,2577],"tags":[556,441,3058,154,316,3059],"class_list":["post-24701","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-distributives","category-gewerkschaftliches","category-lohnpolitisches","tag-berthold","tag-gewerkschaften","tag-ig-bce","tag-mindestloehne","tag-subventionen","tag-transfair-lohn"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - 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