{"id":24784,"date":"2019-03-18T00:01:53","date_gmt":"2019-03-17T23:01:53","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=24784"},"modified":"2019-03-17T18:14:01","modified_gmt":"2019-03-17T17:14:01","slug":"der-wettbewerb-der-stadtstaaten-bot-den-griechischen-denkern-freiraeume","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=24784","title":{"rendered":"Der Wettbewerb der Stadtstaaten bot den griechischen Denkern Freir\u00e4ume"},"content":{"rendered":"<p>Im griechischen Sprach- und Kulturraum der Antike konkurrierten Dutzende von Stadtstaaten um Macht, Reichtum und Ansehen. David Hume sah darin den Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis dieser Bl\u00fctezeit. Er schreibt in einem seiner Essays (1742):<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201cGreece was a cluster of little principalities, which soon became republics; and being united both by their near neighbourhood and by the ties of the same language and interest, they entered into the closest intercourse of commerce and learning. \u2026 Each city produced its several artists and philosophers who refused to yield the preference to those of the neighbouring republics. Their contention and debates sharpened the wits of men. \u2026 But what I would chiefly insist on is the stop which such limited territories give both to power and to authority\u201d.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der Wettbewerb zwischen den St\u00e4dten begrenzte die Macht der Obrigkeit, und die Vielfalt der Experimente erleichterte Vergleiche. Um attraktiv zu sein, mussten die St\u00e4dte Freiheits- und Mitwirkungsrechte anbieten. So entstanden die ersten Demokratien. Die Grenze war nah \u2013 es war leicht, die Heimatstadt zu verlassen, wenn sich die politischen Verh\u00e4ltnisse verschlechterten. Und das Leben anderswo war nicht schwer zu ertragen, denn im gesamten griechischen Kulturraum bis hin zu den K\u00fcsten Kleinasiens, S\u00fcditaliens und sogar Afrikas sprach man dieselbe Sprache und folgte denselben Sitten. Deshalb reisten die Griechen gerne und viel.<\/p>\n<p>Der Erfolg der freiheitlichsten Stadtstaaten lud zur Nachahmung ein \u2013 besonders in den demokratischen Stadtstaaten, wo die B\u00fcrger das Sagen hatten. Deshalb gingen Freiheit und Demokratie meistens Hand in Hand.<\/p>\n<p>Nach Freiheit streben vor allem die geistigen und wirtschaftlichen Eliten. Gibt es Beispiele daf\u00fcr, dass bekannte griechische Philosophen, deren Freiheit bedroht war, ihre Heimatstadt verlie\u00dfen oder zumindest ganz konkret vor der Wahl zwischen Bleiben und Gehen standen? Am ehesten kommen diejenigen in Frage, die ethisch-religi\u00f6se oder politische Theorien entwickelten oder sich sogar politisch engagierten, denn sie konnten den Herrschenden leicht ins Gehege kommen.<\/p>\n<p>Das ber\u00fchmteste Beispiel einer (angeblich) religi\u00f6sen Verfolgung ist Sokrates, der im Jahr 399 v. Chr. in Athen zum Tode verurteilt wurde. Er wurde beschuldigt, die Jugend zu verderben, die G\u00f6tter der Stadt zu missachten und religi\u00f6se Neuerungen zu praktizieren. Sein Sch\u00fcler Xenophon hat bezeugt, dass Sokrates regelm\u00e4\u00dfig an den Gebeten und Opfern zu Ehren der Stadtg\u00f6tter teilgenommen habe. Aber Sokrates behauptete, dass\u00a0 er \u2013 und wohl jeder Mensch \u2013 eine innere gottgesandte Stimme in sich habe, die den Weg zur Tugend weise. Die Gottheit sei allg\u00fctig, was der griechischen Mythologie widersprach. Ganz abgesehen von seinen ethisch-religi\u00f6sen Vorstellungen war Sokrates jedoch bei den Anf\u00fchrern des neuen, demokratischen athenischen Regimes unbeliebt, weil zwei Politiker, die als seine Sch\u00fcler galten, n\u00e4mlich Alkibiades und Kritias, in Ungnade gefallen waren. Der Anklagepunkt, Sokrates verderbe die Jugend, war vielleicht nicht nur religi\u00f6s, sondern auch als Erinnerung an diese beiden Politiker gedacht.<\/p>\n<p>Sokrates wurde hingerichtet. Er floh nicht. Er ist daher kein Beispiel daf\u00fcr, dass ein Philosoph, dessen Freiheit und Leben bedroht war, seine Heimatstadt verlie\u00df. Er war siebzig Jahre alt und wollte sich nicht den geltenden Gesetzen entziehen. Aber es ist bekannt, dass er schon vor dem Prozess und dann nach dem Todesurteil von seinen Sch\u00fclern gedr\u00e4ngt wurde aus Athen zu fliehen, und dass sein Freund Kriton die Flucht schon vorbereitet hatte. Die M\u00f6glichkeit der Abwanderung bestand. Die, die ihn verurteilten, hatten vielleicht sogar gehofft, dass er fliehen und sich dadurch unglaubw\u00fcrdig machen w\u00fcrde. Wie dem auch sei, Sokrates konnte in seinem ganzen Leben davon ausgehen, dass er sich im Fall einer Verfolgung sehr wahrscheinlich in Sicherheit bringen k\u00f6nnte, wenn er es denn gewollt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Nach seinem Tod verlie\u00dfen Platon und einige andere Sch\u00fcler und Freunde des Sokrates Athen. Sie hielten sich etwa ein Jahr lang bei Freunden in Megara auf, das zu dieser Zeit mit Sparta, dem Gegner Athens, verb\u00fcndet war. Wahrscheinlich f\u00fchlten sie sich in Athen nicht mehr sicher.<\/p>\n<p>Sokrates war nicht der erste Philosoph, der in Athen wegen Gottlosigkeit zum Tode verurteilt wurde. Im Jahr 450 v. Chr. hatte es Anaxagoras getroffen \u2013 und das, obwohl er nicht Ethiker, sondern Naturphilosoph war. Er wurde der H\u00e4resie angeklagt, weil er behauptet hatte, die Sonne sei ein kalter oder zumindest nicht gl\u00fchender Stein und daher nicht Gott Helios, wie es die althergebrachte Religion lehrte. (Der Prozess gegen Anaxagoras nimmt die Anklage gegen Galileo Galilei vorweg, der 1616 von der Inquisition angeklagt und verurteilt wurde, weil er dem geozentrischen Weltbild der Kirche das heliozentrische der Naturwissenschaftler entgegenstellte.) Wie bei dem Prozess gegen Sokrates wird auch im Fall des Anaxagoras ein politischer Hintergrund vermutet. Anaxagoras war ein enger Freund des Perikles, der sich gerade in der politischen Defensive befand. Mit der Verurteilung des Anaxagoras wollten die Initiatoren Perikles treffen. Perikles hielt in dem Prozess sogar eine Rede zur Verteidigung seines Freundes, drang aber nicht durch. Nach der Verurteilung half er Anaxagoras, aus Athen zu fliehen und nach Kleinasien zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n<p>Ein weiterer Philosoph, der sich\u00a0 wahrscheinlich wegen religi\u00f6ser Vorw\u00fcrfe durch Auswanderung in Sicherheit bringen musste, ist der 570 v. Chr. geborene Xenophanes aus Kolophon in Kleinasien. Vielleicht wurde er aber auch verbannt &#8211; so genau wissen wir es nicht. Xenophanes wanderte nach Sizilien aus, wo es ionische Kolonien gab. Er lehnte die griechische Religion ab und machte sich \u00fcber sie lustig. Die griechische G\u00f6tterwelt sei unmoralisch und lediglich eine Projektion der Menschenwelt. Es gebe nur einen Gott. Au\u00dferdem hatte er sich dadurch unbeliebt gemacht, dass er den lydischen Luxus kritisierte. Auch das k\u00f6nnte dazu beigetragen haben, dass er Kolophon verlassen musste.<\/p>\n<p>Soviel zu den religi\u00f6sen Neuerern. Wenden wir uns nun denjenigen griechischen Denkern zu, die sich zu Fragen der Staatsverfassung \u00e4u\u00dferten und ausdr\u00fccklich wegen ihrer politischen Lehren verfolgt wurden.<\/p>\n<p>Der bekannteste und fr\u00fcheste ist der Mathematiker und Philosoph Pythagoras, der 570 v. Chr. auf der Insel Samos geboren wurde. Er gilt als freiheitlicher Denker und musste wohl deshalb um 530 v. Chr. vor der Tyrannis des Polykrates fliehen. Er lie\u00df sich im s\u00fcditalienischen Kroton (Kalabrien) nieder und gr\u00fcndete dort eine Bruderschaft, die aristokratische Ziele verfolgte und in der Stadt gro\u00dfen Einfluss erlangte. Im Jahr 510 v. Chr. \u00fcbernahmen Demokraten die Macht in Kroton. Die Pythagor\u00e4er \u2013 darunter auch die bekannten Philosophen Philolaos und Lysis \u2013 mussten fliehen. Ihr Versammlungshaus wurde niedergebrannt. Mehrere Pythagor\u00e4er kamen dabei ums Leben. Philolaos emigrierte nach Theben, Lysis nach Tarent. Die Flucht des Pythagoras verlief tragisch. Es gibt dazu drei verschiedene \u00dcberlieferungen. Nach der ersten beging er Selbstmord, nach der zweiten verhungerte er, und nach der dritten wurde er auf der Flucht get\u00f6tet.<\/p>\n<p>Ein weiteres Beispiel ist Empedokles. Er wurde 495 oder 490 v. Chr. im heutigen Agrigent auf Sizilien geboren. Er stammte aus einer vornehmen, aber demokratisch gesonnenen Familie, und auch er selbst unterst\u00fctzte die demokratischen Bestrebungen. Als die herrschende Oligarchie in eine Tyrannis abzugleiten drohte, beteiligte er sich an deren Sturz. Er musste jedoch fliehen und lie\u00df sich auf der Peleponnes nieder. Empedokles ist daf\u00fcr bekannt, dass er Gewaltlosigkeit predigte und vier Urstoffe und Elemente unterschied.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich sei Solon, der Vater der athenischen Demokratie, erw\u00e4hnt. Er war nicht nur Politiker, sondern auch Dichter und Staatsphilosoph. In einer schweren Krise, die in einen B\u00fcrgerkrieg zu m\u00fcnden drohte, wurde er um 575 v. Chr. als Schlichter bestellt. Obwohl selbst Adliger f\u00fchrte er eine Verfassung ein, die die Alleinherrschaft des Adels und die Schuldknechtschaft beendete. Alle B\u00fcrger erhielten das aktive Wahlrecht in der Volksversammlung, nur das passive Wahlrecht blieb auf die Verm\u00f6genden beschr\u00e4nkt. Damit machte sich Solon bei den Adligen sehr unbeliebt. Er schreibt in einer seiner Elegien: \u201c\u00dcber mich erbittert schauen sie alle mich an, wie man einen Feind ansieht\u201d. Vielleicht f\u00fchlte er sich auch bedroht. Jedenfalls verlie\u00df er Athen und kehrte erst nach zehn Jahren zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Es scheint, dass missliebige B\u00fcrger eher verbannt als zum Tode verurteilt oder ermordet wurden. Die Verbannung war &#8211; zumindest in Athen &#8211; eine milde Sanktion. Der Verbannte durfte sein Verm\u00f6gen behalten und nach zehn Jahren wiederkommen. Die Gefahr der Verbannung d\u00fcrfte daher nur wenige Denker davon abgeschreckt haben, neuartige Lehren zu verk\u00fcnden.<\/p>\n<p>Aus Athen verbannt wurde zum Beispiel der Philosoph Protagoras. Er wurde 411 v. Chr. der Gottlosigkeit angeklagt, weil er bekannt hatte: \u201cWas die G\u00f6tter angeht, so ist es mir unm\u00f6glich zu wissen, ob sie existieren oder nicht, noch was ihre Gestalt ist\u201d. Von ihm stammt auch der Spruch: \u201cDer Mensch ist das Ma\u00df aller Dinge\u201d.<\/p>\n<p>Ein Philosoph, der mehrfach verbannt wurde, ist der vermutlich 335 v. Chr. geborene Theodoros von Kyrene. Er wurde zun\u00e4chst aus seiner Heimatstadt Kyrene, einer griechischen Kolonie im heutigen Lybien, verbannt. Er ging nach Athen, wurde aber um die Jahrhundertwende auch dort verbannt. Wahrscheinlich lautete die Anklage auf Gottlosigkeit, denn er leugnete die Existenz der Volksg\u00f6tter.<\/p>\n<p>Abwandern kann nur, wer anderswo zuwandern darf. Die griechischen St\u00e4dte \u2013 allen voran Athen \u2013 r\u00fchmten sich ihrer Offenheit. In Athen durften sich sogar Sophisten niederlassen, obwohl sie im ganzen Land einen schlechten Ruf genossen.<\/p>\n<p>Das Schicksal der hier betrachteten Philosophen belegt, das die politische Fragmentierung des antiken Griechenlands der geistigen Elite des Landes Schutz bot. Sie sicherte ihre Freiheit. Zweifellos gab es sehr viel mehr F\u00e4lle dieser Art. Leider wissen wir zu wenig \u00fcber diese Zeit.<\/p>\n<p>Vergleicht man den Wettbewerb der Stadtstaaten im antiken Griechenland mit dem der italienischen Renaissance, so st\u00f6\u00dft man auf eine wichtige Gemeinsamkeit: in beiden Kulturepochen trug die politische Fragmentierung ma\u00dfgeblich zur religi\u00f6sen Freiheit der Philosophen bei. In der italienischen Renaissance sch\u00fctzte sie die Humanisten vor der Inquisition des Vatikans, in der griechischen Antike bot sie den Querdenkern Zuflucht vor der religi\u00f6sen Naivit\u00e4t und Intoleranz fanatisierter Volksversammlungen. Aber viel h\u00e4ufiger als in der Renaissance war das Ringen um die beste Staatsform im antiken Griechenland der Grund f\u00fcr die Flucht der Philosophen.<\/p>\n<p>Wie in der Renaissance trug der Wettbewerb zwischen den Stadtstaaten auch in Grriechenland zur wirtschaftlichen Freiheit und Innovation bei. Die St\u00e4dte konkurrierten nicht nur um Philosophen und K\u00fcnstler, sondern auch um Handwerker und Kaufleute. Sie boten ihnen gute Bedingungen. Die ersten M\u00fcnzen der Weltgeschichte wurden um 630 v. Chr. an der kleinasiatischen K\u00fcste in Lydien gepr\u00e4gt. Die Griechen griffen diese Erfindung begierig auf. Um das Jahr 480 v. Chr. hatten bereits \u00fcber einhundert griechische St\u00e4dte ihre eigenen Silberm\u00fcnzen. Der Wohlstand war die Grundlage der breiten Nachfrage nach Kunstwerken, Literatur und Philosophie.<\/p>\n<p><strong>Blog-Beitr\u00e4ge zum Thema:<\/strong><\/p>\n<p>Roland Vaubel: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=20657\">Wettbewerb der Stadtstaaten. <span style=\"color: grey; font-size: medium;\">Freir\u00e4ume f\u00fcr italienische Humanisten<\/span><\/a><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im griechischen Sprach- und Kulturraum der Antike konkurrierten Dutzende von Stadtstaaten um Macht, Reichtum und Ansehen. 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