{"id":25109,"date":"2019-04-24T00:01:33","date_gmt":"2019-04-23T23:01:33","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=25109"},"modified":"2019-04-24T05:41:12","modified_gmt":"2019-04-24T04:41:12","slug":"globales-klimapolitikversagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=25109","title":{"rendered":"Globales Klimapolitikversagen"},"content":{"rendered":"<p>Der Klimawandel existiert, ist menschengemacht und hat riesige Kosten. K\u00fcrzlich sch\u00e4tze ein offizieller US-Klimabericht die Sch\u00e4den um das Jahr 2100 alleine in den USA auf mehrere 100 Milliarden Dollar j\u00e4hrlich. Doch das ist nichts Neues. \u00c4hnliche Sch\u00e4tzungen gibt es schon lange. Das Kyoto-Protokoll als wichtiges Element des Klimaschutzes ist \u00fcber 20 Jahre alt. Zuvor und danach gab es internationale Gro\u00dfkonferenzen, wie jene in Paris oder Kattowitz. Dabei werden die Klimaziele der Politiker immer ehrgeiziger. Nur: Die tats\u00e4chlichen Emissionen steigen weiter an. Wann kommt die Wende?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h2>Auf verlorenem Posten<\/h2>\n<p>Viele hoffen, die zunehmende F\u00fchlbarkeit des Klimawandels und Gewissheit \u00fcber seine Ursachen mache globale Gegenma\u00dfnahmen wahrscheinlicher. Aus politisch-\u00f6konomischer Perspektive liegt das Gegenteil n\u00e4her. Zwar n\u00fctzt es Politikern, den Klimawandel und Katastrophenszenarien zu beschw\u00f6ren. Ihr internationaler Ansatz droht aber aus mindestens acht Gr\u00fcnden zu scheitern.<\/p>\n<p><em>Trittbrettfahrer<\/em>: Das grunds\u00e4tzliche Problem der Klimapolitik wird mit zunehmendem Wissen nicht kleiner. Der Klimawandel ist eine globale Herausforderung, die die Politiker jedes Landes vor ein Dilemma stellt. Die Nutzen von Emissionsreduktionen verteilen sich auf die ganze Welt und fallen deshalb prim\u00e4r im Ausland an, die Kosten hingegen tragen ihre B\u00fcrger alleine. Nationale Politiker tendieren deshalb zum Trittbrettfahren. Sie reden moralisch und setzen in Klimaabkommen hohe Ziele, ergreifen dann aber kaum wirksame Ma\u00dfnahmen.<\/p>\n<p><em>Gegenwartsliebe:<\/em> Das Wissen um die Langfristigkeit der Wirkungszusammenh\u00e4nge macht Klimaschutz f\u00fcr Politiker unattraktiv. Emissionsreduktionen bringen sofort hohe Kosten. Das Weltklima ist jedoch tr\u00e4ge, sodass die Nutzen erst Jahrzehnte sp\u00e4ter und schlecht sichtbar anfallen. Politiker bevorzugen es genau umgekehrt: Die Nutzen sollten schnell und gut sichtbar sein, und die Kosten in der Zukunft anfallen. Zu erwarten, die heutige Politik setze teure Emissionsreduktionen zugunsten zuk\u00fcnftiger Generationen durch, ist deshalb gewagt. Wahrscheinlicher ist, dass die Lasten in die Zukunft verschoben und mit ehrgeizigen Zielvorgaben \u00fcbert\u00fcncht werden.<\/p>\n<p><em>Klimaprofiteure<\/em>: Mit fortschreitendem Klimawandel wird klarer, dass seine Auswirkungen und die Verluste geographisch ungleich verteilt sind. Das erschwert die globale Klimapolitik zunehmend. Bisher herrschte \u00fcber die Verteilungswirkung ein Schleier der Ungewissheit, durch den sich die Mehrheit als gro\u00dfe Klimaverlierer sah. Mit zunehmender Gewissheit, wer wieviel verliert oder gar gewinnt, d\u00fcrfte die Bereitschaft zu Kompromissen abnehmen. Hinzu kommt, dass viele Verlierer Entwicklungsl\u00e4nder sind, die bisher wenig CO2 emittieren, aber auf Wachstum und damit tendenziell steigende CO2 Emissionen angewiesen sind.<\/p>\n<p><em>Alles wird relativ:<\/em> Je mehr Politiker \u00fcber Klimaschutz nachdenken, desto st\u00e4rker werden sie die Nutzen und Kosten der Klimapolitik mit anderen Problemen beispielsweise im Gesundheits- oder Sozialbereich vergleichen. Selbst Klimasch\u00e4den von hunderten von Milliarden Dollar lie\u00dfen sich mit Bezug zur Wirtschaftsleistung relativieren: So betr\u00e4gt das Bruttoinlandprodukt der USA rund 19 Billionen Dollar j\u00e4hrlich. Bis 2100 sollte es sich bei normalem Wachstum wenigstens verdoppeln. Damit w\u00e4ren gro\u00dfe Klimasch\u00e4den von ein oder zwei Billionen Dollar noch im unteren einstelligen Prozentbereich. Tats\u00e4chlich relativiert der eingangs erw\u00e4hnte US-Bericht die Sch\u00e4tzungen entsprechend. Noch kleiner wirken die Sch\u00e4den, wenn sie mit dem Wachstum verglichen werden: \u00a0Sch\u00e4den um 2100 von 5 Prozent der Wirtschaftsleistung wirken gleich, wie wenn die j\u00e4hrliche Wachstumsrate ab jetzt bis 2100 um etwa 0,06 Prozentpunkte s\u00e4nke.<\/p>\n<p><em>Perspektivenwechsel<\/em>: Die F\u00fchlbarkeit des Klimawandels k\u00f6nnte einen relativierenden Perspektivenwechsel bringen. Ein Beispiel bietet die Schweiz. Dort sind die Temperaturen seit der Industrialisierung um 1850 bereits um 1,8 Grad gestiegen, also etwa so stark, wie es die vereinten Politiker als Maximalziel f\u00fcrs Weltklima anstreben. Manche meinen, solche Fakten w\u00fcrden die B\u00fcrger aufschrecken. Doch auch das Gegenteil mag zutreffen. Nur wenige glauben, der Klimawandel sei im Vergleich mit den anderen Ver\u00e4nderungen seit 1850 besonders wichtig und w\u00fcnschen sich tiefere Temperaturen zur\u00fcck.<\/p>\n<p><em>Anpassung<\/em>: Klimaschutz erfordert echte globale Kooperation. Anpassungen an den Klimawandel sind aber auf nationaler, lokaler und individueller Ebene m\u00f6glich. National und lokal funktioniert die Koordination besser als auf globaler Ebene. Lokale Bauma\u00dfnahmen sch\u00fctzen weitgehend vor Sturmsch\u00e4den, private Klimaanlagen vor Hitze. Da die B\u00fcrger direkt von der Anpassung profitieren, finanzieren sie sie selbst. Das gibt den Firmen Anreize, g\u00fcnstigere Anpassungstechnologien zu entwickeln. Dank technischem Fortschritt k\u00f6nnten die tats\u00e4chlichen Sch\u00e4den unter den prognostizierten liegen. Sch\u00e4tzungen gehen meist von konstanter Anpassungstechnologie aus; es wird also beispielsweise angenommen, der Zusammenhang zwischen warmen Temperaturen und Hitzesterblichkeit bleibe konstant, sprich die B\u00fcrger w\u00fcrden bei zunehmender Hitze nicht mehr Klimaanlagen installieren. M\u00f6glichkeiten zur Anpassung schw\u00e4chen aber den Willen, die Kosten eines wirksamen globalen Klimaschutz zu tragen.<\/p>\n<p><em>Preisreaktionen<\/em>: Die heutige Klimapolitik mancher L\u00e4nder zielt darauf, die Nachfrage nach fossilen Energietr\u00e4gern zu reduzieren. Weil deren globales Angebot aber nicht im gleichen Ausma\u00df zur\u00fcckgeht und vielleicht sogar steigt, sinken die Preise f\u00fcr fossile Energie, was in anderen L\u00e4ndern Anreize zu Mehrkonsum setzt. Zudem verdr\u00e4ngen emissionsarme Alternativenergien die traditionellen Energietr\u00e4ger keineswegs automatisch, sondern k\u00f6nnten deren Konsum steigern. Das stark schwankende Angebot an Alternativenergien aus Wind und Sonne f\u00fchrt zu gewissen Zeiten zu tiefen Energiepreisen und damit zu einem energieintensiveren Lebensstil. Dadurch w\u00e4chst die Nachfrage nach Energie auch in den Zeiten, in denen Wind- oder Sonne knapp sind, was zu Mehrverbrauch von fossiler Energie f\u00fchren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><em>Klimatechnologie<\/em>: Zunehmend wird \u00fcber zuk\u00fcnftige Abk\u00fchlungstechniken spekuliert, insbesondere \u00fcber die M\u00f6glichkeit CO2 der Atmosph\u00e4re wieder zu entziehen und es klimaneutral zu lagern sowie den Treibhauseffekt technisch zu reduzieren. Politikern erlaubt die Hoffnung auf sogenanntes Geo-Engineering trotz hoher Risiken ambitioniertere Ziele anzuvisieren, ohne heute ernsthaft gegen den Klimawandel vorzugehen. Das ist f\u00fcr sie ideal, da sie stets Handlungsbereitschaft und gute Intentionen vorgeben k\u00f6nnen.<\/p>\n<h2>Narzisstische Spiegelfechter<\/h2>\n<p>Gem\u00e4\u00df dieser \u00dcberlegungen d\u00fcrften im globalen politischen Prozess kaum erfolgversprechende Ma\u00dfnahmen zur notwendigen Eind\u00e4mmung des Klimawandels getroffen werden. Trotzdem wird in der Politik laut gegen den Klimawandel angeredet. Denn er eignet sich hervorragend als S\u00fcndenbock.<\/p>\n<p>In Entwicklungsl\u00e4ndern verwenden Politiker den Klimawandel teilweise als Erkl\u00e4rung f\u00fcr Armut, anstatt die wahren Ursachen wie staatliche Ineffizienz, Demokratiedefizit oder Korruption \u2013 f\u00fcr die sie oft mitverantwortlich sind \u2013 anzugehen. In reichen L\u00e4ndern machen Politiker lieber den Klimawandel als verfehlte Bauvorschriften oder marode Deichanlagen f\u00fcr Sch\u00e4den verantwortlich und sehen im Klimaschutz eine willkommene Begr\u00fcndung f\u00fcr Steuererh\u00f6hungen.<\/p>\n<p>Zugleich entwickelt sich der Kampf gegen den Klimawandel f\u00fcr manche Branche zum Gesch\u00e4ft. Viele Politiker argumentieren mit einem \u201efirst mover advantage\u201c f\u00fcr Subventionen, dank denen die eigene Industrie Wettbewerbsvorteile erringen k\u00f6nne. Ein \u201efirst mover advantage\u201c tritt jedoch nur ein, wenn, nur die inl\u00e4ndischen Firmen auf die F\u00f6rderanreize reagieren und die ausl\u00e4ndischen Firmen sp\u00e4ter die Technologie nicht einfach imitieren k\u00f6nnen. Doch diese Bedingungen sind kaum je erf\u00fcllt.<\/p>\n<h2>Wege zum Erfolg<\/h2>\n<p>Wer f\u00fcr Klimaschutz ist, sollte sich nicht auf die heutigen Schadensprognosen berufen. Sobald die Sch\u00e4den monet\u00e4r bewertet werden, sind sie im Vergleich zur Wirtschaftsleistung und anderen Problemen oft erstaunlich klein. Vielmehr g\u00e4lte es, die Wertsch\u00e4tzung des Klimas anhand der Pr\u00e4ferenzen der B\u00fcrger zu erfassen. Dies ist in anderen Bereichen \u00fcblich, etwa bei der Bewertung von Natursch\u00f6nheiten. Vielleicht \u00fcbersteigt die Zahlungsbereitschaft der B\u00fcrger f\u00fcr die Bewahrung des heutigen Klimas die drohenden Sch\u00e4den um ein Vielfaches. Vielleicht ist sie aber auch klein, und m\u00f6glicherweise k\u00f6nnte es\u00a0 manchenorts sogar eine Zahlungsbereitschaft f\u00fcr noch h\u00f6here Temperaturen geben.<\/p>\n<p><em><strong>Hinweis:<\/strong> Dieser Beitrag erschien am 24. M\u00e4rz 2019 in gek\u00fcrzter und leicht modifizierter Form in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. <\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/7d5a48a2241b4f45bfd8a3d858a134ef\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/7d5a48a2241b4f45bfd8a3d858a134ef\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Klimawandel existiert, ist menschengemacht und hat riesige Kosten. 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