{"id":25134,"date":"2019-04-26T00:01:29","date_gmt":"2019-04-25T23:01:29","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=25134"},"modified":"2019-04-26T05:44:44","modified_gmt":"2019-04-26T04:44:44","slug":"gastbeitrag-die-wahrnehmung-wissenschaftlicher-politikberater-erfolgt-in-lagern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=25134","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Gastbeitrag <\/font><br\/>Die Wahrnehmung wissenschaftlicher Politikberater erfolgt in Lagern"},"content":{"rendered":"<p>Linke Politiker, so wird behauptet, berufen sich gerne auf Wirtschafts- und Sozial-Wissenschaftler, die Verteilungsfragen bearbeiten, und liberal-konservative Politiker beriefen sich gerne auf marktliberal oder ordnungspolitisch orientierte \u00d6konomen und Juristen. Freilich sollte wissenschaftliche Politikberatung nicht mit Meinungen und Werturteilen operieren, sondern unvoreingenommen evidenzbasierte Erkenntnisse der Politik und der \u00d6ffentlichkeit vermitteln. Das ist aber nicht leicht, da zum einen Politiker und Medien Interesse daran haben k\u00f6nnen, dass bestimmte Erkenntnisse von den Wissenschaftlern selbst positiv oder negativ bewertet werden. Und auch Wissenschaftler versuchen immer wieder, ihre eigene Meinung zu transportieren: an die Politik und an die \u00d6ffentlichkeit. Selbst wenn Wissenschaftler mit reinen Meinungs\u00e4u\u00dferungen zur\u00fcckhaltend sind, beruhen ihre Aussagen schlussendlich auf Werturteilen. Sie m\u00fcssen in ihren Modellen theoretische Annahmen treffen und auch die Auswahl von Forschungsfragen beruht notwendigerweise auf vor-wissenschaftlichen Werturteilen. Deswegen ist es nicht erstaunlich, dass von der Politik Wissenschaftler unterschiedlich gerne gesehen und geh\u00f6rt werden.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>In der Berichterstattung \u00fcber \u00d6konomen schwingt wiederum des \u00d6fteren eine gewisse Zuordnung in Schemata wie arbeitgeber-arbeitnehmernah oder auch gelegentlich links-marktliberal mit. Dies betrifft insbesondere die \u00d6konomen, die neben ihrer Forschungst\u00e4tigkeit auch wissenschaftliche Politikberatung betreiben und sich an der \u00f6ffentlichen Debatte beteiligen. Aber diese Zuordnung wird nicht oft genug explizit ausgesprochen, um eine belastbare empirische Untersuchung auf Basis zum Beispiel der Medienberichterstattung durchzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Auch sind \u00f6ffentlich ausgetragene Grundsatzdebatten zwischen \u00d6konomen, die eine Zuordnung von \u00d6konomen in Lager erlauben w\u00fcrden, in Deutschland eher selten. Zu Tage treten sie gelegentlich, wenn es z.B. um den Euro bzw. die Europ\u00e4ischen Zentralbank geht. So warnten am 21. Mai 2018 auf eine Initiative von Dirk Meyer, Thomas Mayer, Gunther Schnabl und Roland Vaubel 154 Wirtschaftsprofessoren in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung davor, die europ\u00e4ische W\u00e4hrungs- und Bankenunion noch weiter zu einer Haftungsunion auszubauen. Der Widerspruch, u.a. von <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/thema\/marcel-fratzscher\">Marcel Fratzscher<\/a> und Jan Pieter Krahnen lie\u00df nicht lange auf sich warten.<\/p>\n<p>Empirisch gezeigt wurde die Beliebtheit von Gruppen von (Wirtschafts)Wissenschaftlern in der Politik allerdings bislang nicht systematisch \u2013 nicht zuletzt, weil die Wissenschaftscommunity kaum Interesse daran hat, sich den Spiegel vorzuhalten und zu erkennen, welchen weltanschaulichen Lagern einzelne Wissenschaftler zugeordnet werden. Mit dem vorliegenden Beitrag wagen wir einen Versuch, uns der Verortung von \u00d6konomen anhand der N\u00e4he zu ihren Fachkollegen und zu Wissenschaftlern anderer Disziplinen anzun\u00e4hern indem wir empirisch untersuchen, wie \u00d6konomen von Entscheidungstr\u00e4gern in der Politik gesehen werden. Hierbei greifen wir auf die Daten der Umfragen unter Ministerialbeamten und Parlamentariern in den Jahren 2014 bis 2018 zur\u00fcck, die j\u00e4hrlich f\u00fcr die Erstellung des FAZ-\u00d6konomen-Rankings durchgef\u00fchrt wird. Den Ministerialbeamten und Parlamentariern wird die Frage gestellt, welche \u00d6konomen sie aufgrund deren Rat oder Publikationen am meisten f\u00fcr ihre Arbeit sch\u00e4tzen.\u00a0 Wir gehen davon aus, dass die Befragten, die bis zu f\u00fcnf \u00d6konomen nennen konnten, mit einer h\u00f6heren Wahrscheinlichkeit solche gemeinsam nennen, bei denen sie eine gewisse N\u00e4he zueinander und wahrscheinlich auch zu sich selbst sehen. Daher werten wir die Umfragedaten netzwerkanalytisch aus und bilden auf dieser Basis Cluster von weltanschaulich als \u00e4hnlich eingesch\u00e4tzten politikberatenden \u00d6konomen.<\/p>\n<p>Um zu sehen, ob aus Sicht der Politik bestimmte Lager von Wissenschaftlern eine Rolle spielen, analysieren wir, welche Namen Ministerialbeamte und Abgeordnete nennen, die im Rahmen der FAZ-\u00d6konomenrankings gefragt werden, welche \u00d6konomen und weitere Wissenschaftler\u00a0 sie \u201eam meisten f\u00fcr ihre Arbeit sch\u00e4tzen.\u201c Jeder Befragte darf jeweils f\u00fcnf Namen nennen und eine Rangfolge bilden, indem Punkte vergeben werden: 5 f\u00fcr den wichtigsten Wissenschaftler, 1 Punkt f\u00fcr den f\u00fcnft-wichtigsten Wissenschaftler. Der \u201eScore\u201c f\u00fcr einen Wissenschaftler ergibt sich aus der Summe aller erhaltenen Punkte. Wir werten die Jahre 2014 bis 2018 gemeinsam aus, um eine ausreichend hohe Zahl von Antworten zu haben. Insgesamt haben wir f\u00fcr die analysierten Jahre Angaben von 487 \u00a0Antwortenden.<\/p>\n<p>Um die Auskunftsbereitschaft nicht zu gef\u00e4hrden, wurden die Beamten und Politiker bewusst nicht nach ihrer politischen Ausrichtung gefragt. Auf Basis einer \u201eempirischen Netzwerkanalyse\u201c wurde sodann berechnet, welche Namen h\u00e4ufig gemeinsam genannt werden und wer im Zentrum verschiedener Namens-Cluster liegt. Die Abbildung zeigt diese Verbindungen an.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/40.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/40.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Betrachtet man die Daten genauer, dann zeigen sich lediglich zwei Cluster von \u00d6konomen, die wirklich oft genannt werden (Tabelle 1). \u00a0An der Spitze des Clusters, das \u00d6konomen enth\u00e4lt, die besonders oft genannt werden und auch die st\u00e4rksten Verbindungen zu anderen Clustern haben, stehen der aktuelle und der vormalige Pr\u00e4sident des ifo Instituts in M\u00fcnchen, Clemens Fuest und Hans-Werner Sinn, verbunden mit \u00d6konomen wie Lars P. Feld, Michael H\u00fcther und Christoph M. Schmidt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/41.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/41.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Das zweite Cluster wird von Marcel Fratzscher angef\u00fchrt, verbunden mit Peter Bofinger, Gustav A. Horn, Claudia Kemfert und Heiner Flassbeck. Vier der f\u00fcnf Genannten sind oder waren mit dem DIW Berlin verbunden (Flassbeck, Fratzscher, Horn und Kemfert). Interessant mag sein, dass ein f\u00fcnfter Mitarbeiter des DIW und zugleich einer der Autoren des vorliegenden Beitrags, Gert G. Wagner, nicht zu diesem Cluster geh\u00f6rt, sondern ein \u201eeigenes\u201c Mini-Cluster anf\u00fchrt, dem aus Sicht der Politik weitere dezidiert empirisch ausgerichtete \u00d6konomen wie Holger Bonin oder Ludger W\u00f6\u00dfmann angeh\u00f6ren. Dieses Cluster wird im Vergleich zu den beiden Spitzenclustern aber ungleich seltener genannt.<\/p>\n<p>Die dominierenden zwei Netzwerke zeigen unseres Erachtens deutlich, dass es aus Sicht von Ministerialbeamten und Politikern zwei klar getrennte einflussreiche Lager von \u00d6konomen gibt. Zum einen ein als wirtschafts- und arbeitgebernah anzusehendes \u201emarktliberales\u201c Lager. Zum anderen ein als staats- und arbeitnehmernahe anzusehendes \u201elinkes\u201c Lager.<\/p>\n<p>Dass die beiden Spitzen-Cluster f\u00fcr unterschiedliche politische Interessen vereinnahmt werden, kann man noch besser erkennen, wenn man die Nicht-\u00d6konomen betrachtet, die im Zusammenhang mit diesen Clustern genannt werden (Tabelle 2). Zusammen mit dem Cluster \u201eFuest\u201c werden an erster Stelle Staatsrechtler und Politikwissenschaftler wie etwa Udo di Fabio, Paul Kirchof und Herfried M\u00fcnkler genannt. W\u00e4hrend das Cluster \u201eFratzscher\u201c st\u00e4rker zusammen mit Politikwissenschaftlern und Soziologen wie etwa dem Armutsforscher Christoph Butterwege oder der empirisch arbeitenden Soziologin Jutta Allmendinger genannt wird. Allmendinger ist im \u00dcbrigen die einzige Nicht-\u00d6konomin, die in beiden Clustern \u201eFuest\u201c und \u201eFratzscher\u201c eine Rolle spielt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/42.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/42.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Wichtig bleibt an dieser Stelle zu betonen, dass die Ergebnisse lediglich aussagen, wie die genannten Wissenschaftler von Ministerialbeamten und Parlamentariern wahrgenommen werden und nicht wie die Wissenschaftler sich selbst einordnen w\u00fcrden. Mache von ihnen m\u00f6gen sich ihrer zugewiesenen Rolle bewusst sein, andere weniger oder diese gar ablehnen. Gerade aufgrund der recht eindeutigen Zuordnung aus Sicht der Politik erscheint es jedoch wichtig, dass sich Wissenschaftler bewusst sind, dass ihre Aussagen politisch vereinnahmt werden k\u00f6nnen. Dies sollten sie in der Kommunikation ihrer Forschungsergebnisse ber\u00fccksichtigen und in der Forschung selbst den Prinzipen folgen, wie sie z.B. der Verein f\u00fcr Socialpolitik in seinem Ethikkodex festgeschrieben hat. Hierzu geh\u00f6rt die transparente Offenlegung der zugrundeliegenden Annahmen.<\/p>\n<p><em><strong>Hinweis:<\/strong> Die dargestellten Ergebnisse beziehen sich auf die Umfragen, die in den Jahren 2014 bis 2018 im Zusammenhang mit dem F.A.Z.-\u00d6konomenranking durchgef\u00fchrt wurde. Die netzwerkanalytische Auswertung ist ausf\u00fchrlich im aktuellen Heft 4\/2019 des \u201eWirtschaftsdienstes&#8220; dargestellt. F\u00fcr eine detailliertere Darstellung der empirischen Ergebnisse vgl. W. Schwarzbauer, T. Thomas, G. G. Wagner: Eine Netzwerkanalyse von \u00d6konomen und Wissenschaftlern anderer Disziplinen auf Basis eines Surveys unter Abgeordneten und Ministerialbeamten, DIW Diskussionspapier, Nr. 1798, Berlin 2019; DICE Ordnungspolitische Perspektiven, Nr. 100, D\u00fcsseldorf 2019; oder EcoAustria Research Paper, Nr. 10, Wien 2019.<\/em><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Linke Politiker, so wird behauptet, berufen sich gerne auf Wirtschafts- und Sozial-Wissenschaftler, die Verteilungsfragen bearbeiten, und liberal-konservative Politiker beriefen sich gerne auf marktliberal oder ordnungspolitisch &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=25134\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201e<font size=3; color=grey>Gastbeitrag <\/font><br \/>Die Wahrnehmung wissenschaftlicher Politikberater erfolgt in Lagern\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":311,"featured_media":25140,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[31,2084],"tags":[3126,1424,2689],"class_list":["post-25134","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-politisches","category-oekonomisches","tag-netzwerkanalyse","tag-politikberatung","tag-wagner"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Gastbeitrag Die Wahrnehmung wissenschaftlicher Politikberater erfolgt in Lagern - Wirtschaftliche Freiheit<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=25134\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Gastbeitrag Die Wahrnehmung wissenschaftlicher Politikberater erfolgt in Lagern - Wirtschaftliche Freiheit\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Linke Politiker, so wird behauptet, berufen sich gerne auf Wirtschafts- und Sozial-Wissenschaftler, die Verteilungsfragen bearbeiten, und liberal-konservative Politiker beriefen sich gerne auf marktliberal oder ordnungspolitisch &hellip; \u201eGastbeitrag Die Wahrnehmung wissenschaftlicher Politikberater erfolgt in Lagern\u201c weiterlesen\" \/>\n<meta property=\"og:url\" content=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=25134\" \/>\n<meta property=\"og:site_name\" content=\"Wirtschaftliche Freiheit\" \/>\n<meta property=\"article:published_time\" content=\"2019-04-25T23:01:29+00:00\" \/>\n<meta property=\"article:modified_time\" content=\"2019-04-26T04:44:44+00:00\" \/>\n<meta property=\"og:image\" content=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/bundestag-2463236__340.jpg\" \/>\n\t<meta property=\"og:image:width\" content=\"567\" \/>\n\t<meta property=\"og:image:height\" content=\"340\" \/>\n\t<meta property=\"og:image:type\" content=\"image\/jpeg\" \/>\n<meta name=\"author\" content=\"Wolfgang Schwarzbauer Tobias Thomas und Gert G. 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