{"id":25339,"date":"2019-06-03T00:01:35","date_gmt":"2019-06-02T23:01:35","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=25339"},"modified":"2019-06-03T04:51:34","modified_gmt":"2019-06-03T03:51:34","slug":"gastbeitrag-wird-das-klima-jetzt-gerettet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=25339","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Gastbeitrag <\/font><br\/>Wird das Klima jetzt gerettet?"},"content":{"rendered":"<p><em>Der Erfolg der Gr\u00fcnen erinnert an fr\u00fchere H\u00f6henfl\u00fcge anderer Parteien, die schnell vorbei waren. Wenn sie bei ihrem Kernthema Klimaschutz nicht auf Realismus setzen, k\u00f6nnte es bald bergab gehen.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Europawahl, die B\u00fcrgerschaftswahl in Bremen und die Kommunalwahlen in einigen Bundesl\u00e4ndern habe gezeigt, wie das Thema Klimawandel die W\u00e4hler mobilisieren kann, vor allem offenbar junge W\u00e4hler. Als Ergebnis haben die Gr\u00fcnen enorme Erfolge erzielt und stehen nahezu \u00fcberall vor den Sozialdemokraten (SPD). Die Partei hat vieles richtig gemacht, spricht die Jugend an und kommt sympathisch daher. Das ist vergleichbar mit den Erfolgen der SPD in den sp\u00e4ten 1960ern.<\/p>\n<p>Der Erfolg der Gr\u00fcnen kann f\u00fcr die Republik sehr stimulierend wirken. Denn jetzt sollten gr\u00fcne Kernthemen viel R\u00fcckenwind erhalten. Daf\u00fcr spricht auch, dass die anderen Parteien nun vermehrt eingestehen, das Thema Klimawandel nicht ernsthaft genug angegangen zu sein \u2013 es wird sich erweisen, wie ernsthaft zum Beispiel die Bundesregierung zuk\u00fcnftig Klimaschutz betreibt. Vereinbart ist es jedenfalls.<\/p>\n<p>Ein wenig erinnert die Situation allerdings an die Bundestagswahl 2013, als die freien Demokraten (FDP) ann\u00e4hernd 15 Prozent der Zweitstimmen erreichten und vor Kraft kaum laufen konnten. Eine \u2013 eher am\u00fcsante \u2013 Parallele ist die drohende Personalnot, denn die vielen Parlamentarierinnen und Parlamentarier auf allen Ebenen brauchen Personal, das sie fachkundig und loyal unterst\u00fctzt. Und auch damals war der Jubel grenzenlos, auch damals wurde recht vollmundig vom Durchbruch gesprochen.<\/p>\n<p>Damit ist die Gefahr angesprochen, die den Gr\u00fcnen droht, n\u00e4mlich der Absturz, wenn die hohen Erwartungen nicht erf\u00fcllt werden. Damit sind etwaige kleinere Wahlverluste in der Zukunft noch nicht einmal gemeint \u2013 realistisch betrachtet kann es nun nur noch bergab gehen. Um solche Ausschl\u00e4ge aber \u00fcberschaubar zu halten, muss die Partei von nun an liefern. Die W\u00e4hler der Gr\u00fcnen \u2013 aber auch alle anderen \u2013 erwarten eine effektive und bezahlbare Klimapolitik. Gerade das haben die Gr\u00fcnen bisher nicht im Portfolio \u2013 sie brauchten es als Oppositionspartei auch nicht. Da reichte es zumeist, mit Wunschdenken, Verbotsphantasien und Maximalforderungen aufzuwarten. Nur zur Erinnerung: Als die Gr\u00fcnen in Nordrhein-Westfalen in der Regierung sa\u00dfen, stimmten sie dem Braunkohleabbau im Hambacher Forst zu.<\/p>\n<p>Allerdings ist der Einfluss der Partei heute noch recht begrenzt \u2013 denn bei allem Jubel muss festgehalten werden, dass die Gr\u00fcnen in den meisten Parlamenten nach wie vor in der Opposition sind. Im Europaparlament sind sie aber in Zukunft ein wichtiger Akteur, der manche Abstimmung entscheiden kann; zusammen mit der Europ\u00e4ischen Volkspartei und den Sozialdemokraten k\u00f6nnten sie eine Mehrheit bilden; ob dies realistisch ist, muss sich nat\u00fcrlich noch erweisen. Die Chancen, wirklich etwas zu bewegen, sind aber gestiegen.<\/p>\n<p>Deshalb sollten die Gr\u00fcnen ab jetzt aber auf realistische Politik dr\u00e4ngen. Die ist bekanntlich viel schwerer als die Formulierung der Wahlkampfthemen. Aber das Problem ist es wert. Zur Erinnerung: Es geht darum, dass Deutschland als ein \u2013 wenigstens im internationalen Vergleich \u2013 sehr reiches Land Ma\u00dfnahmen zum Klimaschutz viel einfacher finanzieren und technologisch umsetzen kann als Schwellen- oder Entwicklungsl\u00e4nder; und dies nicht nur in Deutschland.<\/p>\n<p>Gleichzeitig muss den Gr\u00fcnen bewusst sein, dass Klimaschutzpolitik in Deutschland heute bereits an seine Grenzen st\u00f6\u00dft; daf\u00fcr gibt es mindestens drei Gr\u00fcnde: Erstens ist der Klimawandel schlicht ein globales Problem \u2013 das ist trivial, wird aber immer wieder verdr\u00e4ngt. Es bleibt dabei: Das Abschalten der Kohlekraftwerke in Deutschland kann ausschlie\u00dflich symbolischen Wert haben; dem Kima wird es jedenfalls in der kurzen Frist nicht helfen. Zweitens ist Klimaschutz dann besonders teuer, wenn er schon recht weit vorangetrieben wurde. Die sogenannten Grenzvermeidungskosten steigen an, je mehr Emissionen schon vermieden wurden. In Entwicklungsl\u00e4ndern kann man gegenw\u00e4rtig mit denselben Mitteln deutlich mehr Emissionen vermeiden als bei uns. Drittens erzeugt rigorose Klimaschutzpolitik regelm\u00e4\u00dfig soziale Unwucht in Deutschland. Die Energiewende beispielweise bedeutet eine recht substantielle Umverteilung von unten nach oben. Nur wer Land oder D\u00e4cher besitzt, kann die Stromeinspeisungstarife erhalten, und die Zahllast liegt bei den Stromkunden. Rentner und Arbeitslose verbringen regelm\u00e4\u00dfig viel Zeit zuhause und sehen sich dadurch einer hohen Stromrechnung gegen\u00fcber. Fahrverbote und Umweltauflagen f\u00fcr Wohnh\u00e4user treffen \u00e4rmere B\u00fcrger viel st\u00e4rker als reichere.<\/p>\n<p>Aus diesen drei Gr\u00fcnden reicht es nicht, so weiter zu machen wie bisher. Daf\u00fcr sorgt schon der Druck von rechts. Der sogenannten Alternative f\u00fcr Deutschland (AfD) drohen die Themen auszugehen. F\u00fcr sie d\u00fcrfte eine sozial unausgewogene Klimapolitik ein Geschenk sein, dass sie vermutlich dankbar annimmt.<\/p>\n<p>Deshalb sollten die Gr\u00fcnen jetzt f\u00fcr eine rationale Klimapolitik werben \u2013 eine Klimapolitik, die \u00f6kologische Effektivit\u00e4t mit \u00f6konomischer Effizienz und sozialem Ausgleich verbindet. Konkret denkbar w\u00e4ren einige marktwirtschaftliche L\u00f6sungen wie:<\/p>\n<ul>\n<li>Verzicht auf sektorale Vorschriften wie die Festlegung auf eine Senkung des CO2-Aussto\u00dfes im Kraftverkehr oder in der Elektrizit\u00e4tswirtschaft; stattdessen muss ganzheitlich gedacht werden, was die Einbeziehung s\u00e4mtlicher Emittenten von CO2 bedeuten w\u00fcrde;<\/li>\n<li>eine langsam ansteigende CO2-Steuer auf alle fossilen Brennstoffe unter Anrechnung des Zertifikatehandels und mit entsprechender Senkung der Einkommensteuer, insbesondere auf niedrige Einkommen;<\/li>\n<li>gleichzeitige Beendigung der finanziellen Unterst\u00fctzung alternativer Energien (im Rahmen der g\u00fcltigen Gesetze), denn der Substitutionseffekt zugunsten erneuerbarer Energien w\u00fcrde nun durch die CO2-Steuer wirken;<\/li>\n<li>parallel dazu Einf\u00fchrung einer ebenfalls stetig ansteigenden Quote f\u00fcr erneuerbare Energien beim Strommix der Elektrizit\u00e4tsanbieter; wenn die Zunahme dieser Quote f\u00fcr Jahrzehnte festgelegt wird, er\u00fcbrigt sich auch der politische Kampf um die Kohlkraftwerke; sie werden durch die Quote und die CO2-Steuer ohnehin unattraktiv, ohne dass politisch entschieden werden muss, sie zu schlie\u00dfen;<\/li>\n<li>Unterst\u00fctzung lokaler L\u00f6sungen in der Energieerzeugung in Stadtquartieren oder Gewerbegebieten zum Beispiel mit Hilfe der Steuerpolitik;<\/li>\n<li>Technologieoffenheit in der Mobilit\u00e4t, d.h. keine Fixierung auf Elektromobilit\u00e4t, sondern Einbeziehung weiterer Technologien, zum Beispiel Power-to-Gas;<\/li>\n<li>F\u00f6rderung klimafreundlicher Investitionen deutscher Unternehmen in Entwicklungsl\u00e4ndern (wie im Kyoto-Protokoll im Prinzip vorgesehen), zum Beispiel mit Hilfe der Mittel aus der Entwicklungszusammenarbeit.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Damit sind nur einige M\u00f6glichkeiten rationaler Klima- und Energiepolitik umschrieben. Einiges davon findet man bei den Gr\u00fcnen, anderes bei anderen politischen Parteien. Wenn die Gr\u00fcnen die Klimapolitik nicht nur \u2013 wie bisher \u2013 als moralisch aufgeladene Symbolpolitik, also gesinnungsethisch begreifen, sondern sie ernsthaft betreiben wollen, wenden auch sie sich in Zukunft konkreten L\u00f6sungen zu, die wirklich etwas bewirken und dabei auf m\u00f6glichst wenig Widerstand aus der Bev\u00f6lkerung und der Wirtschaft sto\u00dfen. Im Verein mit anderen politischen Parteien wie der FDP k\u00f6nnte man so die Gro\u00dfkoalition\u00e4re vor sich hertreiben.<\/p>\n<p>Eines muss klar sein: Unabh\u00e4ngig von der theoretischen Zustimmung zum Klimaschutz in der Bev\u00f6lkerung wird es immer dann Widerstand geben, wenn der eigene Wohlstand darunter leidet; das zeigen schon die endlosen Schwierigkeiten des Netzausbaus. Wirtschaftliche Probleme bei den B\u00fcrgern durch Klimaschutz w\u00fcrde sich die AfD zunutze machen. Eine politische Landschaft, in der sich die von der urbanen Elite unterst\u00fctzten Gr\u00fcnen und die von einer verunsicherten und zunehmend abgekoppelten Landbev\u00f6lkerung unterst\u00fctzte AfD als zwei wesentliche Akteure unvers\u00f6hnlich und ohne Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Gegenseite gegen\u00fcberstehen, w\u00e4re ein Horrorszenario. Das k\u00f6nnen auch Gr\u00fcne nicht wollen!<\/p>\n<p><strong>Hinweis:<\/strong> Der Beitrag erschien am 31. Mai 2019 in der <a href=\"https:\/\/www.wiwo.de\/politik\/deutschland\/freytags-frage-wird-das-klima-jetzt-gerettet\/24403612.html\">Wirtschafswoche-Online<\/a>.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Erfolg der Gr\u00fcnen erinnert an fr\u00fchere H\u00f6henfl\u00fcge anderer Parteien, die schnell vorbei waren. 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