{"id":25351,"date":"2019-06-05T00:01:36","date_gmt":"2019-06-04T23:01:36","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=25351"},"modified":"2019-06-09T08:20:33","modified_gmt":"2019-06-09T07:20:33","slug":"die-zukunft-des-sozialstaates-4-die-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=25351","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Die Zukunft des Sozialstaates (4) <\/font><br\/>Die Revolution"},"content":{"rendered":"<blockquote><p><em>&#8222;Das Grundeinkommen ist nicht befreiend, sondern der Weg in die Knechtschaft.&#8220; (Reiner Eichenberger)<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Der Sozialstaat ist krank. Er hat Fieber, mal h\u00f6heres, mal niedrigeres. Die finanziellen Defizite zeigen, wie hoch das Fieber ist. Eine ursachenad\u00e4quate Therapie findet kaum statt. Kuriert wird fast immer nur an Symptomen. Die finanziellen Ungleichgewichte sind allerdings nur vordergr\u00fcndig das Problem. Was den Sozialstaat wirklich krank macht, verbirgt sich hinter der br\u00fcchigen finanziellen Fassade. Er nimmt Aufgaben wahr, die andere besser erf\u00fcllen k\u00f6nnen. In vielen Bereichen hat er seine komparativen Vorteile verloren. Wo er sie noch hat, erbringt er das Angebot oft wenig effizient. Unzweifelhaft, er muss reformiert werden. Das Angebot an \u201esozialer Sicherheit\u201c und \u201esozialer Gerechtigkeit\u201c muss neu geordnet werden. Eine Reform an Haupt und Gliedern ist notwendig. Nur, sie ist schwierig. Der Sozialstaat ist ein Element eines gewachsenen institutionellen Arrangements. Das Tarifkartell auf dem Arbeitsmarkt und ein kooperativer fiskalischer F\u00f6deralismus sind die anderen Elemente des deutschen Korporatismus. Eine Reform des Sozialstaates kann nur erfolgreich sein, wenn auch Arbeitsm\u00e4rkte und F\u00f6deralismus wettbewerblicher werden. Ein solcher \u201ebig bang\u201c kommt einem politischen Selbstmord gleich.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Das Sozialstaatsversagen<\/strong><\/p>\n<p>Diese garstige Realit\u00e4t h\u00e4lt allerdings einige nicht davon ab, revolution\u00e4r zu denken. Sie stellen alte sozialpolitische Glaubenss\u00e4tze in Frage. Manche tr\u00e4umen wieder einmal den sch\u00f6nen Traum eines bedingungslosen Grundeinkommens. Die Renaissance der Idee einer negativen Einkommenssteuer (Milton Friedman) kommt nicht von ungef\u00e4hr. Globalisierung und technischer Fortschritt haben in den letzten Jahrzehnten weltweit nicht nur mehr Wohlstand gebracht. Sie haben auch mit dazu beigetragen, dass die Einkommen ungleicher verteilt werden. Vor allem am oberen Ende sind die Einkommen stark gewachsen. Zumeist stellen sich die Einkommensbezieher unten absolut nicht schlechter. Allerdings hat die relative Armut in wohlhabenden L\u00e4ndern an Gewicht gewonnen. Und das z\u00e4hlt in einer Demokratie. Die Verfechter eines bedingungslosen Grundeinkommens kreiden dem traditionellen Sozialstaat an, dass er dieses Problem nicht in den Griff bekomme. Sie nehmen es ihm auch \u00fcbel, dass er die Transferempf\u00e4nger auf Bed\u00fcrftigkeit \u00fcberpr\u00fcft. Das sei \u201eentw\u00fcrdigend\u201c, unangemessen und mache die Menschen \u201eunfrei\u201c.<\/p>\n<p>Weitere Kritik zieht allenthalben eine wuchernde Sozialstaatsb\u00fcrokratie auf sich. Sie sei ineffizient und wenig treffsicher. Tats\u00e4chlich ist die staatliche Umverteilung verworren, die Ziele oft inkompatibel. In Deutschland bieten fast 40 Stellen \u00fcber 150 Sozialleistungen an. Dabei wei\u00df oft die eine Hand nicht, was die andere macht. Die Abstimmung ist zeitintensiv und extrem b\u00fcrokratisch. Das gilt auch f\u00fcr die Kontrolle. Oft gehen sie auf Kosten der Anspruchsberechtigten. Und noch etwas \u00e4rgert nicht nur die Verfechter eines bedingungslosen Grundeinkommens. Die vielen sozialen Leistungen produzieren \u201eUmkippeffekte\u201c. Oft nicht harmonisierte Einkommensgrenzen stellen Individuen bisweilen schlechter, wenn ihr Erwerbseinkommen nur leicht ansteigt. Die Anreize f\u00fcr das Arbeitsangebot sind verheerend. Ein bedingungsloses, existenzsicherndes Grundeinkommen w\u00fcrde mit einem Schlag alle diese Probleme l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Dieser Schritt w\u00fcrde allerdings die Grunds\u00e4tze des Sozialstaates auf den Kopf stellen: Das Prinzip der Subsidiarit\u00e4t und der Leistungsgerechtigkeit. Eigenverantwortung steht an erster Stelle. Erst wenn der Einzelne \u00fcberfordert ist und auch die Familie nicht helfen kann, springt der Sozialstaat hilfsweise ein. Allerdings ist eine ungleiche Verteilung der Einkommen akzeptabel. Es gilt das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit. Der Sozialstaat garantiert nur ein Existenzminimum. Diese Garantie gilt unabh\u00e4ngig davon, ob jemand unverschuldet oder durch eigenes Zutun in Not geraten ist. Sie wird aber nur gew\u00e4hrt, wenn Individuen bed\u00fcrftig sind. Die Hilfe des Staates ist nicht umsonst. Der Transferempf\u00e4nger muss eine Gegenleistung erbringen. Bei Erwerbsf\u00e4higen wird erwartet, dass er eine angebotene Arbeit annimmt und der Gemeinschaft nicht weiter zur Last f\u00e4llt.<\/p>\n<p>Ein nur schwer l\u00f6sbares Problem der staatlichen Garantie eines Existenzminimums liegt in den allokativen Risiken und Nebenwirkungen. Das deutsche Arbeitslosengeld II ist ein Musterbeispiel. Es wird arbeitsf\u00e4higen Arbeitslosen gew\u00e4hrt, unabh\u00e4ngig davon, ob sie einer Arbeit nachgehen oder nicht. Der Anreiz, eine Arbeit aufzunehmen, ist gering. Eine Transferentzugsrate zwischen 60 und 85 % vermindert die Anreize weiter. Der Konflikt zwischen Allokation und Verteilung ist ungel\u00f6st, es ist schwer, der Armutsfalle zu entkommen. Der amerikanische EITC ist weiter. Einkommen werden nur aufgestockt, wenn man einer Erwerbst\u00e4tigkeit nachgeht. Andernfalls erh\u00e4lt man die weit weniger hohe Sozialhilfe und wird verpflichtet, gemeinn\u00fctzige T\u00e4tigkeiten (workfare) auszu\u00fcben. Allerdings ist der Bezug der Sozialhilfe lebenszeitlich auf maximal f\u00fcnf Jahre begrenzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Die Vorschl\u00e4ge<\/strong><\/p>\n<p>Die Verfechter eines bedingungslosen Grundeinkommens glauben, dass es gelingt, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Das Problem der Armut soll endg\u00fcltig gel\u00f6st, das Arbeitsangebot hingegen nicht negativ beeinflusst werden. Der Zielkonflikt zwischen Allokation und Verteilung, der Generationen von \u00d6konomen umtreibt, w\u00fcrde ein f\u00fcr alle Mal gel\u00f6st. Wie sieht nun diese sozialpolitische Wunderwaffe konkret aus? Sie hat einen harten Kern. Er besteht aus einem bestimmten Betrag, den alle Personen bedingungslos vom Staat erhalten. Die Vorschl\u00e4ge f\u00fcr Deutschland liegen zwischen 500 und 1.500 Euro pro Person, f\u00fcr die Schweiz sind h\u00f6here Betr\u00e4ge vorgesehen. Die finanziellen staatlichen Transfers k\u00f6nnen entweder als Sozialdividende oder als negative Einkommensteuer ausbezahlt werden. Ihre distributiven Wirkungen sind mehr oder weniger identisch.<\/p>\n<p>Mit diesem Betrag sollen die meisten steuer- und beitragsfinanzierten Leistungen des Sozialstaates abgegolten werden. Das gilt f\u00fcr die Gesetzliche Arbeitslosen-, Renten- und Pflegeversicherung. Es trifft aber auch f\u00fcr soziale Leistungen, wie etwa das ALG II, die Sozialhilfe, das Wohn- und Kindergeld, das Baf\u00f6G, das Erziehungs- und Elterngeld zu. Bei den meisten Vorschl\u00e4gen werden die Leistungen der Kranken- und Unfallversicherung nicht durch das bedingungslose Grundeinkommen ersetzt. Einige pl\u00e4dieren f\u00fcr eine Grundversicherungspflicht und pauschalen Pr\u00e4mien, andere f\u00fcr ein steuerfinanziertes Gesundheitssystem. Manche sehen staatliche Leistungen bei besonderer Bed\u00fcrftigkeit vor, wie etwa bei Behinderungen, besonderen Lebenslagen oder Kosten der Unterkunft. Das bedingungslose Grundeinkommen ersetzt den traditionellen Sozialstaat nicht vollst\u00e4ndig.<\/p>\n<p>Neben dem harten Kern der staatlichen Transfers unterscheiden sich die Vorschl\u00e4ge darin, wie sie das steuerliche, soziale und arbeitsmarktpolitische Umfeld gestalten wollen. Die gr\u00f6\u00dfte H\u00fcrde f\u00fcr ein bedingungsloses Grundeinkommen ist zweifellos die Finanzierung. Ein Teil der Mehrausgaben soll durch den Wegfall von staatlichen Sozialausgaben finanziert, der gr\u00f6\u00dfere Rest soll \u00fcber h\u00f6here Steuern aufgebracht werden. Bei der Einkommensteuer wird meist eine Flat Tax (einstufiger Einkommensteuertarif mit konstantem Grenzsteuersatz) bef\u00fcrwortet. Eine breitere Bemessungsgrundlage durch weniger steuerliche Ausnahmetatbest\u00e4nde soll den Anstieg der Steuers\u00e4tze im Zaum halten. Die notwendigen Steuers\u00e4tze h\u00e4ngen von der H\u00f6he des bedingungslosen Grundeinkommens ab. Sie liegen f\u00fcr Deutschland zwischen 50 und 80 %. H\u00f6here Konsumsteuern sind eine Alternative. Das w\u00fcrde es allerdings notwendig machen, die S\u00e4tze f\u00fcr die Mehrwertsteuer signifikant anzuheben. Im Gespr\u00e4ch sind S\u00e4tze von bis zu 50 %.<\/p>\n<p>Unklar ist, wie der Arbeitsmarkt in der neuen Welt eines bedingungslosen Grundeinkommens aussehen soll. Viele Bef\u00fcrworter eines bedingungslosen Grundeinkommens glauben, dass uns \u00fcber kurz oder lang die Arbeit im gewerblichen Bereich ausgehen wird. Es sei notwendig, dass wir schon heute die Weichen stellen sollten, um andere Formen gesellschaftlich ebenfalls wertvoller T\u00e4tigkeiten in der Familie, im Ehrenamt oder in der Kunst den Weg zu bereiten. Erst ein bedingungsloses Grundeinkommen mache die Menschen frei vom Zwang zur Erwerbsarbeit. Wo allerdings Erwerbsarbeit notwendig sei, sollen hohe Mindestl\u00f6hne ein ausk\u00f6mmliches Einkommen garantieren. Andere Verfechter eines bedingungslosen Grundeinkommens sehen diese Vorschl\u00e4ge als weltfremd an. Sie pl\u00e4dieren f\u00fcr eine grundlegende Deregulierung des Arbeitsmarktes. Mit dieser Art der Arbeitsmarktpolitik wollen sie die auch k\u00fcnftig notwendige Erwerbsarbeit forcieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Die Wirkungen<\/strong><\/p>\n<p>Die Verfechter eines bedingungslosen Grundeinkommens nehmen die \u00d6konomie ganz offensichtlich nicht ernst. Eine wichtige \u00f6konomische Erkenntnis ist seit vielen Generationen: Institutionelle Arrangements setzen Anreize f\u00fcr menschliches Verhalten. Das gilt auch f\u00fcr institutionelle Designs staatlich garantierter Einkommen. Alle distributiven Versuche, ein universelles soziales Existenzminimum zu garantieren, haben allokative Risiken und Nebenwirkungen. Es gibt keine institutionelle L\u00f6sung, die diesen Zielkonflikt vollst\u00e4ndig ausr\u00e4umen kann. Allerdings lassen sich die allokativen Fehlentwicklungen in Grenzen halten, wenn die beg\u00fcnstigten Individuen eine Gegenleistung f\u00fcr die staatlichen Transfers erbringen m\u00fcssen. Ein bedingungsloses Grundeinkommen rei\u00dft diese Schranke mutwillig ein. Das \u00a0\u201eTischlein-deck-dich-Spiel\u201c erodiert die wirtschaftliche Basis. Ein bedingungsloses Grundeinkommen zerst\u00f6rt sich selbst.<\/p>\n<p>Wirtschaftliches Wachstum f\u00e4llt nicht wie Manna vom Himmel. Es erfordert zumindest dreierlei: Arbeiten, sparen und investieren. Ein bedingungsloses Grundeinkommen senkt die Anreize drastisch, einer gewerblichen Arbeit nachzugehen. Die Erfahrung zeigt, gro\u00dfz\u00fcgige Leistungen der Arbeitslosenversicherung verringern die Bereitschaft zu arbeiten sp\u00fcrbar. In Deutschland sind viele Arbeitslose nur bereit, wieder eine angebotene Arbeit aufzunehmen, wenn sie sp\u00fcrbar besser bezahlt wird als die Arbeit, die sie vor der Arbeitslosigkeit hatten. Das gilt vor allem f\u00fcr Arbeitnehmer mit geringer Qualifikation. Der soziale Mindestlohn wirkt. Neue empirische Untersuchungen zeigen, dass in den USA ein Gro\u00dfteil des persistenten Anstiegs der Arbeitslosigkeit in der \u201eGro\u00dfen Rezession\u201c auf gro\u00dfz\u00fcgigeren Leistungen der Arbeitslosenversicherung beruht. Schon die relativ geringen Leistungen des ALG I und ALG II verringern somit die Bereitschaft regul\u00e4r zu arbeiten sp\u00fcrbar. Ein viel \u00fcppiger ausgestattetes bedingungsloses Grundeinkommen w\u00fcrde die Anreize zu arbeiten drastisch verringern. Vor allem im unteren Einkommenssegment einfacher Arbeit w\u00fcrden die Arbeitsanreize massiv zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Eine solche Entwicklung w\u00e4re f\u00fcr die Entwicklung des Wohlstandes fatal. Schon heute klagen \u00fcber 15 % der deutschen Unternehmen \u00fcber einen Engpass an Fachkr\u00e4ften. Der demographische Wandel wird dieses Problem k\u00fcnftig noch weiter versch\u00e4rfen. Vor allem gebildetes Personal in den MINT-F\u00e4chern fehlt an allen Ecken und Enden. Das IW K\u00f6ln geht davon aus, dass sich f\u00fcr die Unternehmen bis zum Jahr 2030 eine L\u00fccke von \u00fcber 1,8 Millionen MINT-Absolventen auftun wird. Die Einf\u00fchrung eines bedingungslosen Grundeinkommens w\u00fcrde die negativen Anreize auf Bildung und Arbeitsangebot verst\u00e4rken. Der Mangel an Fachkr\u00e4ften w\u00fcrde weiter zunehmen. Eine wichtige Grundlage der internationalen Wettbewerbsf\u00e4higkeit deutscher Unternehmen w\u00fcrde angegriffen. Das \u201eGesch\u00e4ftsmodell Deutschland\u201c k\u00e4me ins Schleudern.<\/p>\n<p>Im Schlaraffenland eines bedingungslosen Grundeinkommens \u00e4ndert sich auch das individuelle Sparverhalten. Sinken die Anreize zu arbeiten, geht auch die F\u00e4higkeit zur\u00fcck zu sparen. Ein bedingungsloses Grundeinkommen reduziert aber auch die Neigung f\u00fcr die Zukunft vorzusorgen. Der Staat nimmt den Individuen diese Aufgabe ab. Die \u201ekomfortable Stallf\u00fctterung\u201c (Wilhelm R\u00f6pke) erzieht zur Unselbst\u00e4ndigkeit und f\u00fchrt zum Verlust der Freiheit. Das gilt f\u00fcr alle, vor allem aber f\u00fcr untere Einkommensschichten. Ist das bedingungslose Grundeinkommen allerdings so gro\u00dfz\u00fcgig bemessen, dass es \u2013 wie in der Schweiz gefordert \u2013 \u00fcber dem Median-Einkommen liegt, bef\u00e4llt das Virus der \u201eFaulheit\u201c auch die Mittelschicht. Damit \u00e4ndert sich das individuelle Sparverhalten fl\u00e4chendeckend. Ein bedingungsloses Grundeinkommen eicht die Gesellschaft auf Konsum. Die Anreize verk\u00fcmmern, zu arbeiten, zu sparen und zu investieren.<\/p>\n<p>Ein bedingungsloses Grundeinkommen ver\u00e4ndert das investive Verhalten. Vor allem junge Arbeitnehmer h\u00e4tten kaum noch Anreize, in Humankapital zu investieren. Besser bezahlte Besch\u00e4ftigungen r\u00fccken in weite Ferne. Damit fehlt Unternehmen die Humankapital-Basis f\u00fcr Innovationen. Explodierende Steuern legen sich wie Mehltau auf Wachstum und Besch\u00e4ftigung. H\u00f6here direkte Steuern dr\u00fccken die individuelle Bereitschaft, in Humankapital zu investieren. Sie tragen auch mit dazu bei, dass Investoren in Realkapital das Land in Scharen verlassen. Der innovative Schwung erlahmt, produktive Arbeitspl\u00e4tze gehen massenhaft verloren. H\u00f6here Konsumsteuern sind kein Ausweg. Auch sie belasten das wirtschaftliche Wachstum. Die Anreize der Arbeitnehmer wachsen, in die Schattenwirtschaft abzuwandern. Nur am Rande sei erw\u00e4hnt: Unerw\u00fcnschte distributive Nebenwirkungen pflastern den Weg h\u00f6herer Konsumsteuern.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Die Illusion<\/strong><\/p>\n<p>Das alles wissen die Verfechter eines bedingungslosen Grundeinkommens nat\u00fcrlich, wenn sie \u00f6konomisch nicht auf den Kopf gefallen sind. Das Argument, dass mit einem solchen Schritt der verteilende Sozialstaat transparenter w\u00fcrde, ist zweifellos richtig. Auch das \u00c4rgernis nicht aufeinander abgestimmter Leistungen w\u00fcrde beseitigt. Ein Pluspunkt w\u00e4re sicher auch, dass kostspielige Kontrollen wegfallen w\u00fcrden. Die Kosten der Sozialb\u00fcrokratie k\u00f6nnten sinken. Das alles gilt aber nur, wenn das bedingungslose Grundeinkommen den traditionellen Sozialstaat ersetzen w\u00fcrde. Tats\u00e4chlich zeigen die verschiedenen Vorschl\u00e4ge aber etwas anderes. Auch bei einem bedingungslosen Grundeinkommen sollen wesentliche Teile der Kranken- und Pflegeversicherung erhalten bleiben. Auch weitere individuell abgestimmte Leistungen in bestimmten Lebenslagen sind vorgesehen.<\/p>\n<p>Gro\u00dfe finanzielle Entlastungseffekte aus der \u201eStilllegung\u201c weiter Teile des traditionellen Sozialstaates sind eine Illusion. Das gilt vor allem f\u00fcr die Systeme der sozialen Sicherung. Der Sozialstaat produziert \u201esoziale Sicherheit\u201c und \u201esoziale Gerechtigkeit\u201c. Ein bedingungsloses Grundeinkommen soll helfen, \u201esoziale Gerechtigkeit\u201c kosteng\u00fcnstiger herzustellen. Das Gegenteil ist der Fall. Es w\u00e4re \u00f6konomisch dumm, die Lasten \u00fcber eine Stilllegung der relativ effizienten Teile der Produktion von \u201esozialer Sicherheit\u201c zu finanzieren. Viel sinnvoller w\u00e4re es, beide G\u00fcter strikt getrennt herzustellen. Die Allokationsverluste w\u00e4ren geringer. Wo es noch nicht der Fall ist, sollte in den Systemen der sozialen Sicherung das Prinzip der \u00c4quivalenz konsequent umgesetzt werden. Die Produktion von \u201esozialer Gerechtigkeit\u201c muss dagegen aus dem allgemeinen Staatshaushalt \u00fcber Steuern finanziert werden. Eine Quersubventionierung des bedingungslosen Grundeinkommens aus den Systemen der sozialen Sicherung ist ineffizient.<\/p>\n<p>Dieses hirnrissige Man\u00f6ver wird allerdings nicht gelingen. Die Anspr\u00fcche der Beitragszahler in den Systemen der sozialen Sicherung sind eigentumsrechtlich gesch\u00fctzt. Das gilt zumindest f\u00fcr die Gesetzliche Rentenversicherung. Es ist in einer stark alternden Gesellschaft nicht m\u00f6glich, die Rentner zu enteignen, um das Projekt eines bedingungslosen Grundeinkommens zu finanzieren. Die Kostenspirale eines bedingungslosen Grundeinkommens w\u00fcrde sich noch aus zwei anderen Gr\u00fcnden immer schneller drehen. Zum einen w\u00fcrde die Personenfreiz\u00fcgigkeit in der EU den Weg f\u00fcr Freizeitliebhaber aus ganz Europa nach Deutschland freimachen. Zum anderen w\u00fcrden die gewaltigen Unterschiede in den weltweiten Einkommen gro\u00dfe Anreize zu Wohlfahrtswanderungen schaffen. Horst Siebert war der Meinung, ein bedingungsloses Grundeinkommen w\u00fcrde eine V\u00f6lkerwanderung unerreichten Ausma\u00dfes aus dem Nicht-Europ\u00e4ischen Ausland in Bewegung setzen. Es sei n\u00e4mlich nicht zu erwarten, dass andere L\u00e4nder so dumm sein werden, ebenfalls ein bedingungsloses Grundeinkommen zu installieren.<\/p>\n<p>Der grundlegende Irrtum der Verfechter eines bedingungslosen Grundeinkommens liegt darin, dass sie von einem festen realen Sozialprodukt ausgehen, das beliebig umverteilt werden kann. Das ist eine Milchm\u00e4dchenrechnung einfachster Art. Tats\u00e4chlich haben alle verteilungspolitischen Ma\u00dfnahmen in der Realit\u00e4t einen mehr oder weniger starken Einfluss auf die H\u00f6he des Outputs. Der Zielkonflikt zwischen Allokation und Verteilung ist nicht tot zu kriegen. Intelligente institutionelle Arrangements k\u00f6nnen ihn allenfalls vermindern. Das gilt auch f\u00fcr ein Grundeinkommen, vor allem wenn es bedingungslos ist. Von ihm gehen starke negative Anreize auf die wichtigen Treiber des wirtschaftlichen Wachstums aus, das Arbeitsangebot, die Ersparnisse und die Investitionen. Das gilt f\u00fcr die Leistungs- und die Finanzierungsseite des bedingungslosen Grundeinkommens. Die Gefahr ist gro\u00df, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen das Sozialprodukt drastisch schrumpft. Damit zerst\u00f6rt es sich und die freie Gesellschaft.<\/p>\n<p>Alles in allem: Die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens ist eine Schnapsidee. Mit ihm gelingt es nicht, die vielen M\u00e4ngel des gegenw\u00e4rtigen Sozialstaates in den Griff zu bekommen. Das Gegenteil ist der Fall. Eine solche sozialpolitische Revolution endet in einem wirtschaftlichen, politischen und pers\u00f6nlichen Desaster. Die Welt wird nicht gerechter, der Sozialstaat nicht effizienter, der Wohlstand schrumpft drastisch. Der Staat \u00fcbernimmt immer mehr das Kommando. In der Gesellschaft setzt sich eine Anspruchsspirale in Gang. Anspr\u00fcche auf immer mehr staatliche Leistungen ohne individuelle Gegenleistungen schie\u00dfen wie Pilze aus dem Boden. Der Staat erzieht die Menschen zur Unselbst\u00e4ndigkeit. Am Ende verlieren sie ihre individuelle Freiheit. Der Illusion des distributiven \u201eTischlein-deck-dich\u201c folgt in der Realit\u00e4t der \u201eKn\u00fcppel aus dem Sack\u201c. Wir sollten unbedingt die Finger von einem bedingungslosen Grundeinkommen lassen.<\/p>\n<p><strong>Blog-Beitr\u00e4ge der Serie &#8222;Die Zukunft des Sozialstaates&#8220;:<\/strong><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=24397\">Die Zukunft des Sozialstaates (1): Das Ideal<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=24596\">Die Zukunft des Sozialstaates (2): Die Realit\u00e4t<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=24961\">Die Zukunft des Sozialstaates (3): Die Reformen<\/a><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Das Grundeinkommen ist nicht befreiend, sondern der Weg in die Knechtschaft.&#8220; (Reiner Eichenberger) Der Sozialstaat ist krank. 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