{"id":25583,"date":"2019-08-01T00:01:35","date_gmt":"2019-07-31T23:01:35","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=25583"},"modified":"2019-08-01T06:13:32","modified_gmt":"2019-08-01T05:13:32","slug":"noch-weniger-als-weniger-als-nichts-noch-staerkere-negativzinsen-und-die-deutschen-geschaeftsbanken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=25583","title":{"rendered":"Noch weniger als weniger als nichts \u2026 <br\/><font size=3; color=grey>Noch st\u00e4rkere Negativzinsen und die deutschen Gesch\u00e4ftsbanken<\/font>"},"content":{"rendered":"<p><strong>1. \u201eWhatever it takes\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Vor sieben Jahren, am 26.7.2012, wurde eine der wirkm\u00e4chtigsten Parolen verk\u00fcndet, die je ein Zentralbankchef dem Rest der Welt entgegengeschleudert hat. Mario Draghis Aussage, die EZB wolle alles tun, um den Euro zu bewahren, ist zu einem Klassiker geworden, sowohl wegen ihrer faktischen Konsequenzen als auch wegen ihrer hochkondensierten Abstraktion, die sich nicht mit Petitessen abplagte, was unter \u201ewhatever\u201c zu verstehen sei, sondern der ebenso schlichten Zusage fr\u00f6hnte \u201eand believe me, it will be enough!\u201c. Wer sich heute diese schlichten Sequenzen im Internet anschaut (<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=VWd9kQCMBIk\">hier<\/a>), kann sich auch und gerade in der Retrospektive eigentlich kaum erkl\u00e4ren, wie derartige Beschw\u00f6rungsformeln die europ\u00e4ischen Kapitalm\u00e4rkte \u201erocken\u201c konnten.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich blieb es nicht bei den Zusagen und nat\u00fcrlich w\u00e4re die Wirkm\u00e4chtigkeit schnell verflogen, wenn Draghi und seine Mannschaft\u00a0 nicht geliefert h\u00e4tten \u2013 machen wir es wie er und sparen uns die andernorts immer wieder enumerierten Details, sondern halten schlicht fest, dass heute die Welt des Geldes nicht mehr dieselbe ist, die in den Erfahrungen der vor diesem Jahrhundert Geborenen in Erz gegossen erschien. Nicht nur, aber eben auch nicht zuletzt im Euroraum bl\u00e4hten sich die Notenbankbilanzen auf und die Anlagezinsen haben diesseits sehr langer Bindungsfristen nicht nur das Niveau, sondern auch das Vorzeichen gewechselt. Der lange \u00fcberkommene Sparstrumpf wurde gleichsam wieder zum \u201ePr\u00eat-\u00e0-porter\u201c der Kleinsparer.<\/p>\n<p><strong>2. In der Klemme<\/strong><\/p>\n<p>Wenn diese Mode noch nicht st\u00e4rker um sich gegriffen hat, liegt das daran, dass Bankeinlagen bislang noch weitgehend zinsfrei sind, und damit kommen wir zum eigentlichen Thema dieses Beitrags. Die Banken sind im Mengengesch\u00e4ft bislang praktisch hilflos einer Sperre am Nullpunkt der Zinsskala ausgesetzt und damit kommt das gesamte Gesch\u00e4ftsmodell der meisten kontinentaleurop\u00e4ischen Gesch\u00e4ftsbanken ins Rutschen. Gerade viele kleinere Kreditinstitute mit einem Einlagen\u00fcberhang sind hier besonders betroffen, weil das sogenannte Passivgesch\u00e4ft zwangsl\u00e4ufig einen negativen Konditionen\u00fcberhang beschert. Dabei bleibt es freilich nicht: Unter dem Druck, diese Scharte auszuwetzen, dr\u00e4ngt man mit eigenen Anlagen in den Markt und tr\u00e4gt damit zu einem gleichgerichteten Rutschen des Kreditzinses und einer Verflachung der Zinsstrukturkurve bei. Damit schrumpfen die Ergebnisse auch bei der Aktivmarge und dem sogenannten Strukturbeitrag. Beide Komponenten des Bankerfolgs beinhalten in hohem Ma\u00dfe die Kompensation von Risiken, die Banken eingehen, wenn Sie Dritten Geld verleihen oder\/und eigene Investments nicht fristenkongruent zu ihren Einlagen durchf\u00fchren. Am Ende bleibt weniger als Gewinn \u00fcbrig, obwohl man ihn mit einem h\u00f6heren Risiko erzielt hat, das eines Tages ja auch einmal schlagend werden k\u00f6nnte. Ein Kollateralschaden angesichts erw\u00fcnschter Konjunkturf\u00f6rderung oder gar der Stimulus zur Bereinigung von Ineffizienzen im Finanzsektor?<\/p>\n<p>Wie auch immer: Das alles war von vornherein abzusehen und die Deutsche Bundesbank f\u00fchrte bereits 2013 ihre erste \u201eNiedrigzinsumfrage\u201c bei den von ihr beaufsichtigten Banken durch, die seither im Zwei-Jahres-Rhythmus wiederholt und seit 2017 von einem eigenen Stresstest begleitet wird. Sowohl die dort abgefragten Projektionen als auch die tats\u00e4chlich erzielten Ergebnisse zeigen zweierlei: Die Ergebnisse schrumpfen wie von allen erwartet erheblich, aber nicht so stark wie von manchen bef\u00fcrchtet. Die Gr\u00fcnde sind vielf\u00e4ltig und reichen \u00fcber eine beinahe fl\u00e4chendeckende Katapultierung von Kontogeb\u00fchren, die Schlie\u00dfung von Zweigstellen und die Ausd\u00fcnnung des Personalbestands bis hin zur Hebung stiller Reserven durch Nutzung des viel diskutierten \u00a7 340 f HGB in Deutschland. Allerdings sto\u00dfen diese M\u00f6glichkeiten bei dem einen oder anderen Institut langsam an ihre Grenzen und so freute sich mancher Bankvorstand, als zum Jahreswechsel Signale erkennbar wurden, dass die EZB nach dem Einfrieren ihres Anleihekaufprogramms zumindest perspektivisch auch das Problem des Negativzinses fr\u00fcher oder sp\u00e4ter angehen wolle.<\/p>\n<p><strong>3. Wo wird es genug sein?<\/strong><\/p>\n<p>Wenige Monate sp\u00e4ter sind wir davon meilenweit entfernt. Die durch allseits bekannte Gr\u00fcnde einknickende Weltkonjunktur und andere Probleme haben eine Drehung um 180 Grad bewirkt. Nach der FED, die freilich viel fr\u00fcher auf steigende Zinsen umgeschaltet hatte und nun von einem ganz anderen Niveau ausgehend operieren kann, hatte zwischenzeitlich auch die EZB Lockerungen avisiert. Umso gespannter wurde auf die Zentralbankrat-Sitzung am 25.7.2019 gewartet. Die Entscheidungen blieben tendenziell in der Tradition des fast genau sieben Jahre vorher verlautbarten \u201ewhatever it takes\u201c: Zun\u00e4chst belie\u00df man es bei den bisherigen Konditionen, machte aber deutlich, dass eine \u2013 gegebenenfalls auch erhebliche \u2013 weitere Lockerung der Geldpolitik im Bedarfsfall eingesetzt werde. Im September wolle man diskutieren \u00fcber Zinsen sowie Anleihek\u00e4ufe und dann entscheiden. So warten jetzt nicht nur, aber insbesondere viele Banker und fragen sich, wie diese Entscheidungen wohl aussehen werden. Wo wird der Einlagenzins zum Landen kommen? Was wird an den Anleihem\u00e4rten passieren? Und vor allem: Womit soll man in Zukunft als seri\u00f6se Gesch\u00e4ftsbank noch Geld verdienen, ohne unzumutbare Risiken einzugehen?<\/p>\n<p>Nach dem Durchsto\u00dfen der Nullzinslinie nach unten sind s\u00e4mtliche Orientierungen f\u00fcr die Antworten auf diese Fragen abhandengekommen. Wer wei\u00df schon, wo bei \u201esicheren\u201c Einlagen das \u201eweniger als weniger als nichts\u201c endet? Gibt es eine Grenze im Negativen oder haben wir einen nach unten offenen Erwartungshorizont? Nun, mehr als alles kann man bei solchen Anlagen nicht verlieren, also sind 100% ja vielleicht (sehr frei nach Lord Kelvin) der wirkliche absolute Nullpunkt in der Skala des Einlagenzinses.<\/p>\n<p>Wenn der EZB nichts neues einf\u00e4llt, ist dies sogar die gute Nachricht, denn damit hat es noch nicht sein Bewenden. Der Verlust der Nullzinsorientierung erinnert fatal an die Verletzung des \u201evirgin principle\u201c von Thomas C. Schelling:<\/p>\n<p>\u201eOnce the virgin principle is gone, there is no confidence in any resting point, and expectations converge on complete collapse.\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Naja, wenigstens werden die Banken (und wir) au\u00dfer der Auffanglinie des Totalverlusts noch den Beistand von Frau Lagarde haben, die in der Tradition ihres wortgewaltigen Vorg\u00e4ngers sicher alles tun wird, um den vollst\u00e4ndigen Zusammenbruch zu verhindern. Bis dahin ist es freilich noch eine ziemlich weite Wegstrecke und immerhin d\u00fcrfen wir hoffen, dass es solcher Eingriffe vielleicht gar nicht bedarf, beispielsweise wenn zumindest ein Teil der global wirksamen Chefchaoten konjunkturf\u00f6rdernd aus seinem Amt scheidet. Die \u201enormalen\u201c Gesch\u00e4ftsbanken, nicht die subventionsbed\u00fcrftigen Gro\u00dfzockereinheiten, haben nach Lehman jedenfalls mehr ausgehalten, als man ihnen zutraute, und es verdient Respekt, dass ihnen dies trotz EZB &amp; Co. wohl noch eine ganze Zeit lang weiter gelingen wird.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <em>Schelling<\/em>, The Strategy of Conflict, 2. Aufl., Boston, 1980, S. 112.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. \u201eWhatever it takes\u201c Vor sieben Jahren, am 26.7.2012, wurde eine der wirkm\u00e4chtigsten Parolen verk\u00fcndet, die je ein Zentralbankchef dem Rest der Welt entgegengeschleudert hat. &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=25583\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eNoch weniger als weniger als nichts \u2026 <br \/><font size=3; color=grey>Noch st\u00e4rkere Negativzinsen und die deutschen Gesch\u00e4ftsbanken<\/font>\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":125,"featured_media":25589,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[8,2900,38,12],"tags":[147,121,3193,1750,2137,3194],"class_list":["post-25583","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-europaisches","category-finanzwirtschaftliches","category-institutionelles","category-monetares","tag-euro","tag-ezb","tag-geschaeftsbanken","tag-knoll","tag-nullzins-grenze","tag-whatever-it-takes"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - 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