{"id":25691,"date":"2019-08-15T00:01:21","date_gmt":"2019-08-14T23:01:21","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=25691"},"modified":"2019-08-15T06:53:58","modified_gmt":"2019-08-15T05:53:58","slug":"das-toennies-affaerchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=25691","title":{"rendered":"Das \u201eT\u00f6nnies-Aff\u00e4rchen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Die Bild-Zeitung wirft in der Ausgabe vom 11.08.2019 die Frage auf: \u201eRegiert in Deutschland die Sprach-Polizei?\u201c Die Spiegelbildzeitung l\u00e4sst \u2013 spiegelonline 13.08 \u2013 immerhin unter Berufung auf die Rheinische Post auch Stimmen zu Wort kommen, die die Aufregung um den inkriminierten Satz relativieren: &#8222;Dann w\u00fcrden die Afrikaner aufh\u00f6ren, B\u00e4ume zu f\u00e4llen, und sie h\u00f6ren auf, wenn&#8217;s dunkel ist, Kinder zu produzieren.&#8220;<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die \u00c4u\u00dferung von Herrn T\u00f6nnies spielt ziemlich plump mit einem \u00fcberkommenen Vorurteil gegen\u00fcber den vorgeblich \u201etriebhaften Afrikanern\u201c. Dass sich Stimmen erheben, die diese Art unbedachter \u00c4u\u00dferungen kritisieren, ist daher grunds\u00e4tzlich zu begr\u00fc\u00dfen. Es macht denen, die &#8212; wie die meisten von uns \u2013 wenig \u00fcber die von der Sprache transportierten Stereotypen nachdenken, bestimmte Dimensionen von Redeweisen bewusst. Den Ausdruck \u201eNegerkuss\u201c f\u00fcr eine kulinarische Scheu\u00dflichkeit vermeiden wir heute schlie\u00dflich auch und Witze \u00fcber Homosexuelle bleiben vielen ebenso wie die von Schokolade eingeh\u00fcllten Schaumprodukte im Halse stecken.<\/p>\n<p>Die Reaktion von Herrn T\u00f6nnies, umgehend anzuerkennen, dass seine betreffende \u00c4u\u00dferung unbedacht war, und sich zu entschuldigen, ist als Anerkenntnis seiner Unbedachtheit hinreichend. Auch der Ehrenrat von Schalke 04 hat auf angemessene Weise reagiert. Die Forderung, Normen des respektvollen Umgangs auch im verbalen Bereich anzuerkennen, ist von ihm nicht in Frage gestellt worden. Weitergehenden Forderungen nach Unterwerfung hat er richtiger Weise widerstanden.<\/p>\n<p><strong>Man sollte die Kirche in Herne West lassen<\/strong><\/p>\n<p>Auf die in den Ausf\u00fchrungen von Herrn T\u00f6nnies enthaltene Gedankenlosigkeit aufmerksam zu machen, ist nicht sprachpolizeilich. Soweit uns allen eine gewisse Sorglosigkeit im Umgang mit \u00fcberkommenen Vorurteilen vor Augen gef\u00fchrt wird, muss man dies begr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus sollte man die Kirche im Dorf lassen. Es haben sich nicht die Bundeskanzlerin, ein Minister oder ein Vorsitzender einer politischen Partei \u201epolitisch\u201c ge\u00e4u\u00dfert. Vielmehr hat sich der Vorsitzende eines F\u00fchrungsgremiums von \u201eHerne West\u201c (dem bekannten Konkurrenten von L\u00fcdenscheid Nord \u2013 \u201eBorussia Dortmund\u201c) in einem prim\u00e4r nicht politischen Kontext ge\u00e4u\u00dfert.<\/p>\n<p>Die Heuchelei angesichts der \u00c4u\u00dferungen von Herrn T\u00f6nnies k\u00f6nnte man als l\u00e4cherlich abtun. Sie ist es aber leider nicht. Denn die orchestrierte Emp\u00f6rung sendet nicht nur eine Botschaft gegen verdeckte Diskriminierung in unserer Sprache. In ihrer Ma\u00dflosigkeit ins K\u00e4stnerische \u00fcbersetzt lautet sie vielmehr: \u201eMacht einen Buckel. Denn die Welt ist rund. Wir wollen leise miteinander sprechen: Das Beste ist totaler Knochenschwund.\u201c<\/p>\n<p><strong>Macht einen Buckel<\/strong><\/p>\n<p>Nur Vertreter weltanschaulicher Gruppen, politischer Parteien und \u201e\u00dcberzeugungst\u00e4ter\u201c werden sich aus der Deckung wagen, wenn sie bef\u00fcrchten m\u00fcssen, so wie Herr T\u00f6nnies abgestraft zu werden, falls es dem &#8212; vor allem auch \u00f6ffentlich-rechtlichen &#8212; Verlautbarungsfunk nicht gef\u00e4llt. Das ist im Gegensatz zur Rede von Herrn T\u00f6nnies ein besorgniserregendes Politikum. Denn eine der wichtigsten Eigenschaften freier Gesellschaften ist es, dass jeder sich freim\u00fctig \u00e4u\u00dfern kann, ohne rechtliche Konsequenzen f\u00fcrchten zu m\u00fcssen. Diese Freiheit ist durch Kritik nicht gef\u00e4hrdet. Es bedarf keiner neuen rechtlichen Regelungen. Aber es bedarf unserer Kritik, wenn ma\u00dflos blo\u00df anders Redende verunglimpft werden.<\/p>\n<p>Wer sich erinnert, wie fr\u00fcher mit denen umgesprungen wurde, die f\u00fcr eine Legalisierung homosexueller Beziehungen oder von Abtreibungen eintraten, muss ein Interesse daran haben, dass der Preis f\u00fcr unliebsame Meinungs\u00e4u\u00dferungen nicht zu hoch ist. Wer heute etwa f\u00fcr bestimmte Formen der fr\u00fchkindlichen Sterbehilfe, der altersbedingten Einschr\u00e4nkung von medizinischen Leistungen oder des Eingriffs in die menschliche Keimbahn auftritt, muss unter Umst\u00e4nden &#8212; und gern unter tatkr\u00e4ftiger Hilfe der Kirchen &#8211;mit \u00c4hnlichem rechnen. Da ist die Anmahnung von Respekt und Toleranz gefordert.<\/p>\n<p>Gern wird der Unterschied zwischen einer Meinung und einer rechtswidrigen Handlung verwischt. Wenn mit stupider Herablassung gebetsm\u00fchlenartig wiederholt wird, dass auch Herr T\u00f6nnies \u201eeine zweite Chance\u201c verdient habe, dann ist das unterschwellig nicht nur eine Ehrabschneidung, sondern r\u00fcckt ihn in die N\u00e4he von Rechtsbrechern. Denn so redet man von rechtskr\u00e4ftig verurteilten Schwerverbrechern, aber nicht von jemandem, der blo\u00df etwas gesagt hat, das man ablehnt.<\/p>\n<p>Auch Herr Hoene\u00df, der eine \u201ezweite Chance\u201c erhielt, ist kein Schwerverbrecher. Er wurde aber zu Recht und rechtskr\u00e4ftig verurteilt (wenn auch unter hysterischer Medien- und \u00d6ffentlichkeitsbegleitung, die ihm keine Chance gab, sich zu erkl\u00e4ren). Die \u201eTat\u201c von Herrn T\u00f6nnies ist demgegen\u00fcber rechtlich \u00fcberhaupt keine. Sie ist eine blo\u00dfe Meinungs\u00e4u\u00dferung und selbst nach deutschem Recht \u2013 das durchaus bestimmte Meinungs\u00e4u\u00dferungen p\u00f6nalisiert \u2013rechtlich v\u00f6llig in Ordnung.<\/p>\n<p><strong>Was wirklich zur Sorge Anlass gibt<\/strong><\/p>\n<p>Besorgniserregend sind nicht die \u00c4u\u00dferungen von Herrn T\u00f6nnies. Besorgniserregend ist es auch nicht, sondern ermutigend, wenn Vereinsmitglieder des Fu\u00dfballklubs Schalke 04 von sich aus gegen die betreffenden \u00c4u\u00dferungen mit gegenteiligen Meinungs\u00e4u\u00dferungen auftreten. Die Mitglieder von Bayern-M\u00fcnchen h\u00e4tten sich ebenfalls dagegen aussprechen k\u00f6nnen, dass Herr Hoene\u00df seine fr\u00fcheren Funktionen im Verein wiederaufnahm. Dass sie das nicht taten, ist ebenfalls nicht besorgniserregend.<\/p>\n<p>Zu Besorgnis gibt Anlass, dass Eiferer vorauseilenden Gehorsam f\u00fcr ihre eigenen Lieblingsmeinungen einfordern k\u00f6nnen, indem sie die Preise, die f\u00fcr bestimmte Meinungs\u00e4u\u00dferungen zu zahlen sind, erh\u00f6hen k\u00f6nnen, ohne daf\u00fcr selbst in den Medien kritisiert zu werden. Diese Preiserh\u00f6hung vollzieht sich im Rahmen des Rechts auf freie Meinungs\u00e4u\u00dferung. Sie ist auch keineswegs Folge einer problematischen politischen Verschw\u00f6rung der Medienvertreter. Sie kann ohne derartige Planung durchgesetzt werden, wenn sich die gem\u00e4\u00dfigten Anh\u00e4nger der Meinungsfreiheit feinsinnig zur\u00fcckhalten.<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber gibt es ein fundamentales \u00f6ffentliches Interesse daran, dass B\u00fcrger Dinge \u00e4u\u00dfern k\u00f6nnen, die ihnen selbst wom\u00f6glich im Nachhinein als verfehlt erscheinen, ohne dabei Ehrverlust zu riskieren. Dieses Interesse wird gef\u00e4hrdet, wenn \u201ewir\u201c es erlauben, dass der Preis daf\u00fcr, abweichende Meinungen in der \u00d6ffentlichkeit zu \u00e4u\u00dfern, sehr hoch wird. Wenn er zu hoch wird, werden nur noch radikale \u00dcberzeugungst\u00e4ter \u2013 mit Unterst\u00fctzung von radikalen Minderheiten \u2013 sich mit ihren Meinungen hervorwagen. Wie vor allem John Stuart Mill immer wieder betonte, werden wir, wenn wir dem nicht entgegentreten, mit einer unausgewogenen Meinungs-Di\u00e4t konfrontiert werden, die uns eine ausgewogene eigene Meinungsbildung erschwert.<\/p>\n<p>Die Aff\u00e4re um den vorgeblichen Rassismus von Herrn T\u00f6nnies ist nur ein Aff\u00e4rchen \u00fcber eine durchaus verbreitete Sicht- und Redeweise, die alte Vorurteile zum Ausdruck bringt. Das sollten wir zum Anlass nehmen, uns die alten Weisheiten des politischen Liberalismus bewusst zu machen. Sonst droht: \u201eMeinungsf\u00fchrer befiehl, wir folgen!\u201c<\/p>\n<p><strong>Referenzen<\/strong><\/p>\n<p>Mill, John Stuart. 1974. <em>\u00dcber Die Freiheit<\/em>. Stuttgart: Reclam.<\/p>\n<p>Kuran, Timur. 1995. <em>Private Truths, Public Lies: The Social Consequences of Preference Falsification<\/em>. Cambridge, Mass.: Harvard University Press.<\/p>\n<p>Anst\u00f6tz, Christoph, Rainer Hegselmann, and Hartmut Kliemt. 1997 (2). <em>Peter Singer in Deutschland. Zur Gef\u00e4hrdung der Diskussionsfreiheit in der Wissenschaft.<\/em> Frankfurt et al.: Peter Lang.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bild-Zeitung wirft in der Ausgabe vom 11.08.2019 die Frage auf: \u201eRegiert in Deutschland die Sprach-Polizei?\u201c Die Spiegelbildzeitung l\u00e4sst \u2013 spiegelonline 13.08 \u2013 immerhin unter &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=25691\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDas \u201eT\u00f6nnies-Aff\u00e4rchen\u201c\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":28,"featured_media":25693,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1545],"tags":[2772,615,3208,3207,3206],"class_list":["post-25691","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-freiheitliches","tag-kliemt","tag-meinungsfreiheit","tag-rassismus","tag-schalke-04","tag-toennies"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - 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